Dienstag, 24. Juni 2025

stehe ich richtig?

Ansprache zu Johannis, 24.6.2025, über Matthäus 3,1-12

Liebe Schwestern und Brüder,

„Eins, zwei oder drei - letzte Chance - vorbei!
Ob ihr wirklich richtig steht, seht ihr, wenn das Licht angeht.”
Eine Ratesendung für Kinder, bei der sich drei Teams von Kindern für eine von drei möglichen Antworten entscheiden müssen. Dazu hüpfen sie auf das entsprechende Feld, wenn es heißt: „Eins, zwei oder drei …” Für einen bangen Moment die Frage: Stehe ich richtig? Das macht den Reiz dieses Ratespiels aus, für die teilnehmenden wie für die zuschauenden Kinder.
Stehe ich richtig? Diese Frage stellt sich auch uns manchmal: Wo stehe ich im Leben? Bin ich mit meinen Vorstellungen, meinem Verhalten, meinen Plänen noch auf dem richtigen Weg? Johannes stellt diese Frage. Und er sieht seine Zuhörer allesamt auf dem falschen Feld. Denn er ruft ihnen zu: Tut Buße! 

Poenitentiam agite! - Tut Buße! Mit diesen Worten wurde im Mittelalter der Ruf des Johannes aufgenommen und weitergegeben. Als Ruf zur Umkehr, zur Veränderung des Lebens tauchte er urplötzlich auf - und verschwand schnell wieder. Denn die Kirche brachte alle, die diesen Ruf äußerten, zum Schweigen …
Wie kam es, dass plötzlich jemand den Bußruf des Johannes aufnahm und weitersagte? Denn um ihn zu vernehmen, musste man ihn erst einmal gelesen haben. Die Bibel gab es aber im Mittelalter nur auf Latein - das nur wenige Gebildete verstehen konnten. Man konnte auch nicht einfach so in der Bibel lesen wie heute. Bücher wurden durch Abschreiben vervielfältigt und waren daher unerschwinglich. Doch die Mönche im Kloster, die die Bücher abschrieben, die kamen an den Text, und sie konnten Latein.

Aber auch das führte noch nicht dazu, dass jemand den Bußruf des Johannes aufnahm und weitergab. Denn die Kirche gab den Rahmen vor, in dem die Texte der Bibel gelesen und verstanden wurden. In diesem Rahmen war „Buße” die vom Priester bei der Beichte auferlegte Strafe. Irgendjemand muss sich gefragt haben, ob das so richtig war. Denn die Propheten des Alten Testaments verstanden unter „Buße” mehr: Sie meinten damit die Umkehr von einem verkehrten Weg - die Umkehr des und der Einzelnen, aber auch der ganzen Gesellschaft. Irgendjemand traute sich, diesen Gedanken auszusprechen und anderen mitzuteilen. Er fand Gehör bei Leuten, die unzufrieden waren. Eine Bewegung entstand, deren Motto der Bußruf des Johannes war, poenitentiam agite: Die Ketzer.

Von der Kirche wurden sie erbarmungslos verfolgt. Es gab sogar eine eigene Behörde zum Aufspüren und zur Verurteilung der Ketzer: die Inquisition. Der Aufwand war nötig, denn die Bewegung der Ketzer rüttelte am Machtmonopol der Kirche. Wenn jeder die Schrift auslegen konnte, war jeder gleich unmittelbar zu Gott. Dann brauchte es die Kirche nicht mehr als Vermittlerin des Heils und der göttlichen Gnade.

Ein paar Jahrhunderte später schlug ein Mönch namens Martin Luther 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg. Er wollte zu einer Diskussion über seine Thesen einladen. Auch er hatte in der Bibel gelesen und sich seine Gedanken gemacht. Auch er traute sich, der Lehre der Kirche zu widersprechen. Es ist bestimmt kein Zufall, dass seine erste These die Worte „poenitentiam agite” enthält.

Auch Johannes der Täufer hatte in der Bibel gelesen. Er war zu dem Schluss gekommen, dass der Ruf der Propheten zur Umkehr nicht Vergangenheit war, sondern Gegenwart: Er galt allen, die diese Worte lasen oder hörten. Jetzt, wo sich sein Cousin Jesus als der Messias entpuppte, eröffnete der Ruf zur Umkehr die Möglichkeit, ein neuer Mensch zu werden, ein neues Leben anzufangen. Das Untertauchen im Wasser, die Taufe, machte den Menschen nicht nur rein, sie machte ihn neu. Seine Geschichte von Fehlern, Enttäuschungen, Irrtümern, Verletzungen und peinlichen Missgeschicken musste man nicht mehr mit sich herumschleppen. Man konnte sie abspülen. Auf einmal gab es das Recht, ein anderer, eine andere zu werden.

Bei Johannes klingt es aber so, als gäbe es nicht nur das Recht, ein anderer zu werden, sondern auch die Pflicht, sich zu ändern: Der Messias wird mit der Worfschaufel die Spreu vom Weizen trennen. So hat man im Mittelalter die Ketzer als Spreu auf den Scheiterhaufen verbrannt. Doch es ist nicht an uns, zu entscheiden, wer Spreu ist und wer Weizen. Mit seiner Androhung will Johannes nur deutlich machen, wie nötig die Umkehr ist, wie ernst es Gott damit ist. Er maßt sich nicht an, zu entscheiden, wer umkehren kann und wer nicht - im Gegenteil: Wer meint, er stünde auf der richtigen Seite, wie die Pharisäer und Sadduzäer, den ermahnt er besonders.

Buße, oder mit einem modernen Wort: Reformation, hat nicht nur die Kirche immer wieder nötig. Auch wir tun gut daran, uns hin und wieder zu fragen, ob wir wirklich richtig stehn. Vor allem dann, wenn unsere Art zu leben den Spielraum und die Möglichkeiten unserer Mitmenschen einschränkt. Wenn wir unserer selbst und unserer Sache so sicher sind, dass uns nichts erschüttern kann - nicht einmal das Leid anderer.

Doch wenn wir umkehren, dürfen wir auch sicher sein, dass wir nicht zur Spreu gehören, sondern Weizen sind. Der Messias Jesus wird uns nicht verwerfen. Er sorgt dafür, dass wir richtig stehen und das Licht sehen.

Sonntag, 22. Juni 2025

Religion

Predigt am 1. Sonntag nach Trinitatis, 22. Juni 2025, über Johannes 5,39-47:

Jesus spricht: Ihr erforscht die Schriften, weil ihr meint, durch sie ewiges Leben zu haben. Und jene sind es, die über mich Zeugnis ablegen. Aber zu mir wollt ihr nicht kommen, damit ihr Leben habt.
Von Menschen nehme ich keine Ehre an. Vielmehr weiß ich, dass ihr die Liebe Gottes nicht in euch habt. Ich bin im Namen meines Vaters gekommen, aber ihr habt mich nicht angenommen. Käme ein anderer in seinem eigenen Namen, den würdet ihr annehmen. Wie vermögt ihr zu glauben, die ihr Ehre voneinander annehmt, aber die Ehre vom einzigen Gott nicht sucht? Glaubt nicht, dass ich euch beim Vater verklagen werde. Euer Ankläger ist Mose, auf den ihr Eure Hoffnung gesetzt habt. Hättet ihr Mose geglaubt, hättet ihr auch mir geglaubt, denn von mir hat er geschrieben. Da ihr aber seinen Schriften nicht glaubt, wie werdet ihr meinen Worten glauben?

Liebe Schwestern und Brüder,

glaubst du noch - oder hast du schon Religion? „Die Verschlossenheit der Welt gegen Gott gründet in ihrer vermeintlichen Sicherheit, und diese hat ihre höchste und verführerischste Gestalt in der Religion,” schreibt Rudolf Bultmann in seinem Kommentar zum Johannesevangelium. „Die Verschlossenheit der Welt gegen Gott gründet in ihrer vermeintlichen Sicherheit, und diese hat ihre höchste und verführerischste Gestalt in der Religion” - eine steile These, mit der Bultmann den heutigen Predigttext in einem einzigen Satz zusammenfasst. Kaum zu verstehen, wie alle steilen Thesen. Bemühen wir uns, sie zu verstehen, wird uns das auch den Predigttext aufschließen. Lassen Sie es uns versuchen:

Rudolf Bultmann schreibt diese steile These als Kommentar zum ersten Satz des Predigttextes: „Ihr erforscht die Schriften, weil ihr meint, durch sie ewiges Leben zu haben.” Warum ist dieses Forschen in den Schriften ein Zeichen von Religion, und warum wiegt die Religion in falscher Sicherheit? Wir tun doch gerade genau dasselbe: Wir forschen in der Schrift und sehen uns den Text genau an. Offenbar kommt es auf das Wie an: „Ihr erforscht die Schriften, weil ihr meint, durch sie ewiges Leben zu haben.” Jesus unterstellt, seine Gegner hätten in der Schrift schon etwas gefunden, bevor sie zu suchen begannen: Das ewige Leben.

Das ewige Leben, das sie in der Schrift finden, ist nicht das Ticket ins Paradiens. Auch sind es keine himmlischen Geheimnisse, die nur bei intensivem Bibelstudium offenbart werden. Es handelt sich dabei auch nicht um etwas Zukünftiges, das erst nach Tod und Auferstehung eintritt. „Ewig” im Sinne der Bibel ist allein Gott. „Ewiges Leben” ist damit das Leben, das Gott gibt: Ein Leben in der Verbindung mit Gott, ein erfülltes, sinnvolles Leben.

Dieses Leben meinen seine Gegner bereits dadurch zu haben, dass sie in der Schrift forschen. Sie finden es nicht durch ihr Bemühen um Verstehen, wie wir es gerade versuchen. Sie „haben” es als Folge der Tätigkeit des Forschens an sich. Überspitzt gesagt: Wer in der Bibel liest, hat ewiges Leben - ganz gleich, was man liest und ob man etwas findet und versteht. Nicht das Ergebnis zählt, sondern allein die Tätigkeit an sich. Wenn aber die Tätigkeit unabhängig vom Ergebnis zählt, wenn es gar nicht auf ein Ergebnis ankommt, dann hat dieses Tun keinen wirklichen Sinn. Es ist l’art pour l’art, Tun um des Tuns willen.

Es ist das, was eine Künstlerin tut: l’art pour l’art, Kunst allein um der Kunst willen, ohne einem anderen Zweck zu dienen als der eigenen Wahrheit. Eine Wahrheit, die die Künstlerin in sich selbst findet, aus sich selbst heraus schöpft. So finden die Gegner Jesu in der Bibel die Wahrheit, die sie selbst hineingelegt haben. Findet man in der Bibel aber nur das wieder, was man schon kennt, ist sie nicht Wort Gottes.

Wenn man die Bibel als „Wort Gottes” bezeichnet, meint man damit, dass Gott durch die Worte der Bibel zu uns spricht. Das bedeutet nicht, dass diese Worte der Bibel dadurch heilig, unfehlbar, geistgewirkt seien. Sondern dass sie uns gegeben sind, um in ihnen Gottes Stimme zu finden. Wenn man aber schon weiß, was man finden wird - wie soll man da die Stimme Gottes vernehmen?

Jesus kritisiert an seinen Gegnern, dass sie den Text der Bibel nicht als ein Gegenüber ansehen, als ein Subjekt, das ihnen gegenübertritt und sie in ihrer Sicherheit erschüttert. Sie vereinnahmen den Text für sich, machen ihn zu einem Objekt, in dem sie ihre eigene Wahrheit bestätigt finden.

Diesen Umgang der Gegner Jesu mit der Schrift bezeichnet Rudolf Bultmann als „Religion” und meint das nicht in einem positiven Sinn. Was kennzeichnet „Religion”? Zum einen das Tun um seiner selbst willen. Zum anderen der Umgang mit der Schrift als einem Objekt, das eigenen Zwecken dient, nicht einem Subjekt, das mich herausfordert und hinterfragt.

Karl Barth und Dietrich Bonhoeffer, Zeitgenossen Rudolf Bultmanns, haben „Religion” ähnlich kritisch gesehen und ebenso negativ beurteilt wie er. Für alle drei und, so scheint es, auch für Jesus steht „Religion” im Gegensatz zum Glauben. Warum besteht da ein Gegensatz? Sind Glaube und Religion nicht ein und dasselbe?

Religion „hat” man, sie ist etwas Oberflächliches, wie eine Meinung oder Ansicht - die „hat” man auch. Vorlieben hat man, Interessen oder Abneigungen. Zu diesem Oberflächlichen gehört vieles von dem, was uns an der Religion wichtig ist - die Bibelübersetzung, die wir benutzen, die Bräuche und Traditionen, die wir pflegen, vom unverrückbaren Gottesdiensttermin Sonntag, 10:00 Uhr bis zu der Art, wie wir das Abendmahl feiern - mit dem uns lieb und wichtig gewordenen gemeinsamen Kelch.

Glauben dagegen kann man nicht „haben”. Er fliegt einem zu, überkommt eine, wie die Liebe. Der Glaube forscht in der Schrift, weil er verstehen will, was er glaubt, weil er wissen will, was Gott zu sagen hat - zu mir und meinem Leben, zu der Situation, in der sich die Welt befindet. Der Glaube weiß nicht, was ihn dabei erwartet. Er kann es nicht wissen, auch wenn er die betreffende Bibelstelle 1.000 mal berührt hat. Weil es nicht der Glaubende ist, der liest, sondern weil die Bibel zum Glaubenden spricht - und diesmal hört der Glaubende vielleicht zum ersten Mal, was sie ihm zu sagen hat.

Darum kann Jesus sagen: „Hättet ihr Mose geglaubt, hättet ihr mir geglaubt.” Seine Gegner, unterstellt Jesus, lesen in den Mosebüchern, um zu finden, was sie schon kennen. Das ist nicht Glaube, sondern Religion. Mose zu glauben würde bedeuten, zu lesen, als stünde Mose selbst einem gegenüber - Mose, der mit Gott wie mit einem Freund redete und dessen Gesicht von seinen Begegnungen mit Gott so glänzte, dass die Israeliten es nicht ertragen konnten. Also nicht der Kumpel Mose, sondern Mose, die Autorität, der Fremde - und manchmal auch Befremdliche, ganz Andere.

Aber wie liest man so in der Bibel? Wie glaubt man, wenn der Glaube doch ein Zu-Fall ist, ein Geschenk, das einem zugefallen ist? Indem man alle Sicherheiten, alles vermeintliche Wissen, alle Religion aufgibt und sich allein auf Gottes Zusage verlässt. Das ist ein Drahtseilakt ohne sichtbares Netz, ohne spürbares Halteseil, in dem Vertrauen darauf, dass da doch ein Netz und ein Seil sind und dass man nicht fallen wird, weil Gott eine:n hält.

Jesus verwendet das Beispiel der Ehre, um diesen Verzicht auf alle Sicherheiten zu beschreiben. Jeder Mensch braucht Ehre, das heißt: Anerkennung. Sie ist lebenswichtig, weil sie Sicherheit gibt im Miteinander einer Gruppe, einer Gemeinde, einer Gesellschaft. Wer anerkannt ist, gehört dazu, darf mitreden, wird gesehen und gehört. Wer solche Aberkennung erfährt, fühlt sich sicher. Traut sich was, hat Lebensmut und Lebensfreude. Darum treten unsichere Menschen - pubertierende Jugendliche, Menschen mit wenig Selbstvertrauen - immern in Rudeln auf: Sie fühlen sich stark, wenn sie sich gegenseitig Anerkennung verschaffen. Solche Rudel sind aber nicht in der Lage, etwas ihnen Fremdes wirklich zu sehen. Im Gegenteil: Das Fremde, das Andere verunsichert, darum muss es bekämpft werden.

Auch wir ziehen die Sicherheit der Gruppe, der Gemeinde, der Religion einer ungesicherten Existenz vor. Darum muss der Glaube, wenn er Gott, dem ganz Anderen, begegnen will, alle vermeintliche Sicherheit fahren lassen. Auch die, die man sich mühsam in der Praxis seines Glaubens erarbeitet hat. Erst, wenn man nicht mehr auf solche oberflächlichen Sicherheiten vertraut, sondern alles auf eine Karte setzt: auf Gott, erst dann kann man Gott wirklich begegnen, und das heißt: glauben.

„Die Verschlossenheit der Welt gegen Gott gründet in ihrer vermeintlichen Sicherheit, und diese hat ihre höchste und verführerischste Gestalt in der Religion” Es fällt mir schwer, Rudolf Bultmann in seiner Ablehnung der Religion zuzustimmen. Ich feiere gern am Sonntag um 10:00 Uhr Gottesdienst, als Erinnerung an und Ausblick auf die Auferstehung. Und kann auch an einem Samstag Abend oder an irgendeinem Wochentag Gottesdienst feiern. Ich feiere gern das Abendmahl mit dem gemeinsamen Kelch, weil der Kelch das sichtbare Zeichen der Gemeinschaft mit Christus und aller Gläubigen untereinander ist, und schließe freudig jeden und jede mit ein, die lieber aus dem Einzelkelch trinkt.

Aber vieles spricht dafür, sich Jesu Warnung zu Herzen zu nehmen: Weil man seine Religion praktiziert, ist man nicht automatisch im Besitz des Heils. Nicht, weil man sich das Heil verdienen könnte oder müsste. Sondern weil man sich darüber irren kann, woher das Heil kommt: Nicht aus dem Beharren auf Traditionen, sondern von Christus selbst; nicht aus der Zugehörigkeit zu den richtigen Leuten, sondern weil wir Gott gehören. Darum ist es wichtig, sich immer wieder mal zu fragen: Glaubst du noch - oder hast du schon Religion?

Sonntag, 15. Juni 2025

es gut meinen

Predigt am Sonntag Trinitatis, 15. Juni 2025, über 2.Kor 13,11-13

Zuguterletzt, liebe Geschwister, seid fröhlich, lasst euch zurechtbringen, lasst euch ermahnen, seid einträchtig, haltet Frieden, dann wird der Gott der Liebe und des Friedens mit euch sein. Grüßt einander mit dem heiligen Kuss. Es grüßen euch alle Heiligen. Die Gnade des Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.

Liebe Schwestern und Brüder,

ein Kollege von mir regte sich jedes Mal, wenn man ihm „alles Gute” wünschte, furchtbar auf: Alles Gute, das sei völlig übertrieben; außerdem wolle er alles Gute gar nicht haben - was bliebe dann für die anderen übrig? Das klingt spitzfindig und besserwisserisch - aber so war mein Kollege nicht. Er ärgerte sich darüber, wenn jemand Floskeln benutzte.

Mir hat das sehr imponiert. Floskeln gehören zu unserem Alltag - das höfliche Bitte-Danke-Gern-geschehen, die immer gleichen Wünsche: Glück und Gesundheit zum Geburtstag, oder eben der Wunsch „alles Gute”, der meinen Kollegen so aufregte. Ich fragte mich, wie ich es erreichen könnte, dass mein Gegenüber merkt, dass ich tatsächlich meine, was ich ihr oder ihm wünsche, und es nicht bloß so dahinsage.

Was soll man stattdessen wünschen? Tatsächlich wünscht man sich zum Geburtstag am meisten Gesundheit - jedenfalls, wenn man älter ist. Und so gut kennt man die anderen nicht, dass man wüsste, welche besonderen Wünsche sie noch haben könnten. In meiner Not begann ich, lieber gar nichts zu wünschen, um bloß keine Floskel zu verwenden. Aber das war auch nicht besser. Denn jetzt war mein Gegenüber enttäuscht, manche waren sogar beleidigt - und das zu recht: Wenn man keine guten Worte für die andere, den anderen hat, muss sie, muss er ja denken, man hätte nichts für ihn übrig.

„Die Gnade des Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen” ist auch so eine Floskel. Besser gesagt: eine formelhafte Redewendung, die Paulus am Schluss seiner Briefe benutzt.

Jeder seiner Briefe endet mit so einer Formulierung. Da kann man sich mit meinem eifernden Kollegen schon fragen, wie ernst Paulus meint, was er da schreibt. Oder ob das einfach so eine Floskel ist, mit der man einen Brief abschließt. So, wie wir „Mit freundlichen Grüßen” auch dann schreiben, wenn unser Brief nicht freundlich ist oder wir für den Adressaten keine Freundlichkeit empfinden.

Aber wie sollte Paulus seine, wie sollten wir unsere Briefe sonst beenden? Jedesmal anders, je nach Absicht und Adressat? Mal freundlich, mal verbindlich, mal zornig? Würde uns jedes Mal etwas Originelles einfallen? Würden wir uns überhaupt diese Mühe machen wollen, wenn wir z.B. einen Geschäftsbrief schreiben müssten?

Eine Floskel wie „Mit freundlichen Grüßen” hat eine Funktion, hier: das Ende des Briefes anzuzeigen. Andere Floskeln benutzt man, um sein Beileid zu bekunden oder zum Geburtstag zu gratulieren. Das funktioniert ganz gut - kein Grund, daran etwas zu ändern. So eine Floskel tut aber noch mehr: Sie transportiert ein positives Gefühl.

Wenn wir jemandem „alles Gute” wünschen, denken wir normalerweise nicht an alles mögliche Gute, und das wollen wir unserem Gegenüber auch nicht aufzählen. Sondern wir wünschen, dass es ihr oder ihm gut gehen möge - gerade, weil wir wissen, dass es einem nicht immer gut geht. Und so ist unser guter Wunsch nicht nur eine weitere Worthülse auf dem Stapel der Floskeln und Phrasen, die andere bereits bei der betreffenden Person abgeladen haben. Sie ist auch eine Art Gutschein.

Ein Gutschein wird gern verschenkt, wenn man keine Zeit oder kein Geld für ein „richtiges” Geschenk hatte. Oder nicht wusste, was man schenken soll. Kinder basteln ihren Eltern oft Gutscheine: Sie möchten ihnen etwas Besonderes schenken und wissen, dafür reicht ihr Taschengeld nicht aus.

Also verpflichten sie sich per Gutschein zu Tätigkeiten, die ihren Eltern eine Freude machen, wie Rasen mähen, Müll rausbringen oder die Spülmaschine ausräumen. Der Gutschein ist sozusagen die Floskel unter den Geschenken; man zeigt damit, dass man den anderen gern hat und ihr, ihm gern ein besonderes Geschenk gemacht hätte.

Wenn man nun zum Geburtstag Glück, Gesundheit oder „alles Gute” wünscht, ist das auch ein Gutschein. Natürlich käme niemand auf die Idee, solche Wünsche einzufordern: „Du hast mir Gesundheit gewünscht. Jetzt, wo ich krank bin, hätte ich die gern von dir.” Wir können unsere guten Wünsche nicht erfüllen. Trotzdem meinen wir in der Regel, was wir wünschen. Wir meinen es gut. Und wären - prinzipiell - dazu bereit, unseren Beitrag dazu zu leisten. Dieses „Prinzipiell”, das ist unser guter Wille, den wir durch die Floskel zum Ausdruck bringen.

Unser guter Wille ist ein Wille zum Guten. Wir sind bereit, Gutes zu tun, wir meinen es gut - auch mit dem oder der, der wir Gutes wünschen. Und wir tun das Gute - im Rahmen unserer Möglichkeiten, und wenn unser innerer Schweinehund uns lässt.

Darum sind die Floskeln in unserem Alltag so wichtig. Und darum sind sie mehr als Floskeln: Weil wir uns damit gegenseitig unseres guten Willens versichern.

Und was macht Paulus, wenn er „Die Gnade des Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen” wünscht? Er sagt uns damit, dass Gott es gut mit uns meint. Das klingt jetzt vielleicht wie ein Allgemeinplatz. Doch es gibt Momente im Leben, da kann man das nicht glauben - weil man das Gefühl hat, Gott habe eine:n im Stich gelassen oder sei jedenfalls sehr, sehr weit weg.

Andere können gar nicht hören, dass Gott es gut mit uns meint. Sie sind der Meinung, sie hätten das Gute nicht verdient. Ausgerechnet sie unter allen Menschen, für die Christus gestorben ist, seien so verderbt und verloren, dass sein Tod sie nicht retten könne.

Jemand Außenstehendes bemerkt sofort, dass dieser Gedanke nicht stimmt. Aber wer in sich selbst gefangen ist, kann eine solche Außenperspektive nicht wahrnehmen. Und deshalb auch nicht erkennen, dass er, dass sie sich nicht vom Heil ausschließen muss - ja, sich davon gar nicht ausschließen kann.

Paulus’ floskelhafter Wunsch gilt nicht nur für solche Extremfälle. Wir alle müssen es immer wieder zugesprochen bekommen, dass Christus auch für uns gestorben ist, dass Gott auch uns liebt und dass der Heilige Geist auch uns in die Gemeinschaft mit Gott und in die Gemeinde beruft. Das, was Paulus seiner Gemeinde wünscht, ist das Fundament einer christlichen Existenz; die Grundlage, auf der alles andere aufbaut. Und es gilt immer, unter allen Umständen.

Im 2.Korintherbrief geht Paulus mit seiner Gemeinde hart ins Gericht. Er kritisiert sie und droht ihnen bei seinem nächsten Besuch ein Donnerwetter an. Sein Wunsch am Schluss des Briefes fasst seine durchaus berechtigte Kritik in den Rahmen der Gnade Christi, der Liebe Gottes und der Gemeinschaft des Heiligen Geistes. So sehr Paulus auch schimpft, so dringend sich die Korinther ändern müssen: Ihr christliches Fundament spricht er den Korinthern nicht ab. Sie sind trotz allem gerechtfertigt, sie sind trotz allem Gottes geliebte Kinder, und trotz allem gehören sie zur Gemeinschaft aller Christen.

Dieser Grund-Satz, den Paulus aufstellt, prägt unser Miteinander. Uns allen ist, unabhängig davon, wer wir sind und was wir tun, die Gnade zugesprochen, die Christus uns durch seinen Tod vermittelt hat. Uns alle liebt Gott über alle Maßen als seine Kinder. Und wir alle gehören dazu - gehören zur Gemeinde und zur Kirche, niemand kann uns davon ausschließen.

Auf dieser Grundlage sehen wir im anderen Menschen immer die Schwester und den Bruder. Bei aller Kritik, bei allen Unterschieden, bei allem Widerspruch bleiben wir Geschwister. Das ist unsere christliche Streitkultur: Wir gehen unter der Voraussetzung miteinander um, dass die andere, der andere ebenso gerechtfertigt, geliebt und zugehörig ist wie wir. Mit dieser Streitkultur sind wir das Salz der Erde, ein Vorbild im Umgang miteinander für unsere Gesellschaft und für die ganze Welt.

Wünschen Sie also bitte weiterhin „alles Gute” - und meinen Sie es. Unterschreiben Sie „mit freundlichen Grüßen” - und denken Sie daran, dass auch dieser Adressat, über den Sie sich vielleicht gerade ärgern, Freundlichkeit verdient hat. Wünschen Sie sich zum Geburtstag Glück und Gesundheit - und sehen Sie ab und zu nach, ob es dem Menschen, dem Sie das gewünscht haben, auch tatsächlich gut geht.

Die Floskeln sind mehr als Floskeln, sind Worte, die von unserem guten Willen zeugen, nur, wenn sie auch für uns mehr sind als Floskeln: Wenn wir sie so meinen.

Dass Gott meint, was Paulus uns zusagt, darauf können wir uns verlassen. Denn Jesus ist im Vertrauen auf Gottes Zusage bis in den Tod am Kreuz gegangen, und Gott hat ihn nicht im Stich gelassen.

Versuchen wir, darauf zu vertrauen, dass der dreieinige Gott uns seine Vergebung, seine Liebe und seine Gemeinschaft schenkt. Versuchen wir, uns vom Wunsch des Paulus an seine Gemeinde in Korinth ansprechen und gemeint sein zu lassen. Dann werden wir nicht vergessen, es wirklich zu meinen, wenn wir einander „alles Gute” wünschen und dadurch Gottes Güte in der Welt ausbreiten.

Sonntag, 8. Juni 2025

Geistesgegenwart

Predigt über Johannes 14, 22-27 am Pfingstsonntag, 8.6.2025

Liebe Schwestern und Brüder,

aus den „Abschiedsreden Jesu“ stammt das Evangelium, der heutige Predigttext. Jesus spricht mit seinen Jüngern kurz vor seiner Verhaftung im Garten Gethsemane und nimmt von ihnen Abschied. Ihm bleibt nur noch wenig Zeit, und es gibt noch so viel zu sagen. Seine Zeit ist vorüber; er kann nicht mehr ihr Tröster sein. Ein anderer Tröster wird kommen, der für immer bleiben wird.

Anders als wir, die wir beim Abschiednehmen oft keine Worte finden, kauft Jesus die Zeit aus, die ihm noch bleibt: Gibt Antwort auf die Fragen seiner Jünger, fasst seine Botschaft zusammen, spricht ein Gebet.

Mit den Fragen der Jünger beginnt es. Fragen, die von Zweifel erfüllt sind. Fragen, die manchmal auch unsere Fragen sind: Wie können wir sicher sein, dass du tatsächlich Gottes Sohn bist, der Messias, der uns und der Welt den Frieden bringt?

I

Vier Jünger stellen jeweils eine Frage. Vier Fragen, die in das Herz des Geheimnisses führen, das der Glaube ist. „Wo gehst du hin?“, die erste Frage. Petrus stellt sie. Jesus antwortet: „Dahin, wo du mir nicht folgen kannst. Denn dazu müsstest du sterben.“

Das Ziel des Glaubens: Bei Gott sein, das Ende aller Zweifel und Fragen. Man erreicht es nicht im Leben, sondern erst nach dem Tod. Unserem Wunsch, Gott möchte sich uns zeigen, möchte erwei­sen, dass es ihn wirklich gibt, steht der Wunsch nach Autonomie entgegen: Wenn wir eins wären mit Gott, wäre sein Wille unser Wille; wären wir nicht mehr wir selbst. Es gäbe für uns nichts mehr zu entscheiden. Es gäbe keinen Irrtum mehr - und auch nicht die Freiheit, uns gegen das Gute, uns gegen Gott zu entscheiden.

„Welcher Weg führt zu Gott?“, stellt Thomas, der ungläubige Thomas, die zweite Frage. „Ich bin der Weg“, antwortet Jesus. „Wenn ihr wisst, wer ich bin, werdet ihr auch Gott erkennen.“

Auf dem Weg zu Gott nehmen Menschen vieles auf sich: Halten Vorschriften ein, folgen Bräuchen und Traditionen, üben Verzicht, ziehen sich aus der Welt in die Einsamkeit zurück. Von all dem spricht Jesus nicht, das alles ist nicht nötig. Nur eines betont er: „Ich bin der Weg. Niemand kommt zum Vater denn durch mich.“

Wollen wir zu Gott vordringen, führt an Jesus, dem Sohn Gottes, kein Weg vorbei. „Jesus ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben“, lautet die erste These der Barmer Theologischen Erklärung vom Mai 1934. Es gibt für uns Christinnen und Christen keinen anderen Weg zu Gott. Wir kennen Gott nur durch das Leben des Menschen Jesus.

„Wie kann Gott sich in einem Menschen offenbaren?“, das ist die dritte Frage, die Philippus stellt. Das Göttliche stellen wir uns gewaltig vor, in jeder Beziehung größer und mächtiger als wir. Wie kann es sein, dass wir im Menschen Jesus dem allmächtigen Gott begegnen?

Jesus antwortet Philippus: „Du erkennst Gott nicht in mir, weil du dir Gott anders vorstellst, als er ist.“ Unsere Bilder, die wir uns von Gott machen, die uns gelehrt, uns anerzogen wurden, die wir aus der Tradition der Kirche übernahmen, diese Bilder stehen uns im Weg, wenn wir Gott suchen. Dass ein schwacher Mensch, Jesus, Gott verkörpert, über den andere lästerten, als er am Kreuz starb – das zu glauben fällt schwer.

Der einzige „Beweis“, den Jesus uns über seine Worte hinaus an­bietet, sind seine Taten: Dass er Blinde sehen machte und Lahme gehen, dass er sich Kranken, Armen, Ausgestoßenen zuwandte – all das spricht dafür, dass Jesus Gottes Sohn ist. Denn die hebräische Bibel beschreibt Gott als den, der auf der Seite der Armen, Schwachen und Rechtlosen steht und für sie eintritt.

II

Auf dem Weg der Einwände gegen Jesus, auf dem Weg des Zwei­fels kommt die vierte, die gewichtigste Frage. Judas stellt sie, der Jünger mit dem gleichen Vornamen wie der, der Jesus verriet. Es ist die Frage, die die Kritiker des Christentums stellen, und auch die Christen selbst:

Warum hat von seinen Zeitgenossen niemand bemerkt, dass Jesus Gottes Sohn ist – außer seine Jünger? Wenn Gott in unsere Welt einbricht: müsste das nicht zu spüren sein, müsste das nicht gewaltige Wellen schlagen? Jesus antwortet auf die Frage, indem er erklärt: „Wer mich liebt, der wird mein Wort halten“.

Auf den ersten Blick ist dieser Satz keine Antwort auf die Frage. Man muss einen kleinen Umweg gehen, um zu verstehen, dass er es doch ist.

„Was bedeutet es, dass du dich uns offenbaren willst und nicht der Welt?” Judas befindet sich Jesus gegenüber, als er ihm diese Frage stellt. Er befindet sich in der Gegenwart Jesu. Judas fragt, warum nicht alle Menschen diese Gegenwart erleben können, die er gerade erfährt. Judas fragt nicht nur für die Welt; er fragt auch für uns: Für die Gemeinde, die sich nach Jesu Auferstehung gebildet hat.

III 

„Wer mich liebt, wird mein Wort halten“, sagt Jesus. Die Liebe, von der Jesus spricht, ist etwas anderes als das Verliebtsein in einen ande­ren Menschen. Und hat doch viel damit gemein.

Dass Menschen sich ineinander verlieben, dass der Funke über­springt, kann man nicht „machen“. Es geschieht einfach - oft auf eine Weise, die zeigt, wie machtlos wir gegen die Macht der Liebe sind. Man verliebt sich in jemanden, die, der so gar nicht zu dem Bild passt, das man sich von seiner Traumfrau, seinem Traum­mann gemacht hat – sondern ganz anders, nämlich: viel wunder­barer ist.

Oder es geschieht, dass man sich in einen Menschen verliebt, obwohl der schon an einen anderen Menschen gebunden ist, oder obwohl man selbst gebunden ist. Gegen alle Vernunft geschieht das, und man ist machtlos gegenüber dem, was da mit einem geschieht.

Mit der gleichen Macht bemächtigt sich Gott eines Menschen. Dass wir Jesus lieben – dass er uns verzaubert, dass uns der Weg, den er ging, einleuchtet und sein Wort uns ergreift – das „geschieht“ mit uns. Bei den Jüngern war es Jesus selbst, die Begegnung mit ihm, die sie verzauberte. Und bei uns? „Der Tröster, der heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.“

Es ist Gottes Geist, der uns von Jesus überzeugt. Gottes Geist ist da, wo Men­schen von Jesus verzaubert werden: Er verzaubert sie. Er ist da, wo Menschen von Jesu Worten ergriffen werden: Er ergreift sie. Der Heilige Geist war schon oft in uns und in unserem Leben am Werk: Wir haben es nicht gespürt, aber trotzdem war er da.

IV

Die Liebe zu Jesus hat viel mit der Liebe gemeinsam, die uns Menschen verbindet: Kinder mit ihren Eltern, Liebende miteinander. Auch in dem Missverständnis, dass die Liebste, der Liebste einem „gehört”, dass man ihn besitzt und ein Anrecht auf ihn hat.

Kinder wachsen heran, werden immer selbständiger. Am letzten Sonntag haben wir hier im Dom Konfirmation gefeiert - ein erster Schritt der Kinder in ein selbst bestimmtes, erwachsenes Leben. Wenn es gut ging, haben diese Kinder von ihren Eltern viel Liebe erfahren. Liebe, die sie in sich tragen und die ihnen hilft, sich von ihrem Elternhaus zu lösen. Denn ihre Eltern können und dürfen sie nicht mitnehmen, und die Eltern können und dürfen ihre Kinder nicht behalten - trotzdem sind und bleiben sie durch die Liebe verbunden.

Ebenso zwei, die sich lieben: Bei aller Liebe sind und bleiben sie zwei Einzelne, die alles teilen, viel gemeinsam haben - und dennoch auch unterschiedliche Interessen, unterschiedliche Wünsche und Sehnsüchte haben. Die Liebe lässt der Partnerin, dem Partner den Raum, den er für sich braucht.

So ist es auch mit der Liebe zu Jesus: Jesus ist nicht zu haben und nicht zu halten. Das, woran man sich halten kann, ist sein Wort. Das Liebesverhältnis zu Jesus ist ein Glaubensverhältnis. Damit aus den Jüngern Jesu die Gemeinde werden kann, muss Jesus weggehen und der Tröster kommen, muss die Gegenwart Jesu eine Geistesgegenwart werden.

V

Jesus hat Abschied genommen und ist fortgegangen. Er lässt uns nicht allein zurück. Gottes Geist ist unter uns und wirkt in uns: er ergreift uns und macht uns ergriffen von Jesu Worten. Er hält uns auf seinem Weg und in seiner Liebe. Er zeigt uns Gott, wie er wirklich ist, wie sehr er uns liebt. Er hält uns den Spiegel vor, indem er uns an alles erinnert, was Jesus gelehrt hat, und nicht nur an das, was wir gern hören. Und er schenkt uns die Freiheit, Jesu Worte auf unsere Weise mit Leben zu füllen: Als erwachsene Christinnen und Christen, die selber für ihren Glauben einstehen können.

Der Abschied gehört zu unserem Christsein. Jedes Jahr an Himmelfahrt und Pfingsten werden wir daran erinnert, dass Jesus Abschied nehmen musste, damit wir seine Gemeinde werden können, die aus seiner Liebe, seinem Wort und seinem Frieden lebt. Jesus verabschiedet sich, damit das Leben einen neuen, geisterfüllten Anfang nehmen kann. Der Heilige Geist lehrt uns, was wirkliches Leben ist, wofür es sich lohnt zu leben und was unser einziger Trost ist – im Leben und im Sterben. 

Donnerstag, 29. Mai 2025

Das demokratischste aller Bücher

Predigt an Christi Himmelfahrt, 29. Mai 2025, über 1.Könige 8,22-28

Salomo trat vor der ganzen Gemeinde Israel an den Altar des Herrn und streckte seine Hände zum Himmel empor. Und er sprach: Herr, Gott Israels, wie du ist kein Gott oben im Himmel oder unten auf der Erde. Du bewahrst den Bund und die Treue deinen Knechten, die vor dir mit ungeteiltem Herzen wandeln. Du hast deinem Knecht David, meinem Vater, gehalten, was du ihm zugesagt hattest. Du hast es mit deinem Mund verheißen und mit deiner Hand erfüllt, wie es heute zu sehen ist. Und nun, Herr, Gott Israels, halte deinem Knecht David, meinem Vater, was du ihm zugesagt hast: „Es soll dir niemals an einem Mann fehlen, der vor mir auf dem Thron Israels sitzt, wenn nur deine Nachkommen auf ihren Weg achten, dass sie vor mir wandeln, wie du vor mir gewandelt bist.” Und nun, Gott Israels, erweise doch dein Wort als zuverlässig, das du deinem Knecht David, meinem Vater, zugesagt hattest. Denn wohnt Gott wirklich auf der Erde? Sieh, der Himmel und des Himmels Himmel fassen dich nicht. Umso weniger das Haus, das ich dir baute. Wende dich dem Gebet deines Knechtes und seinem Flehen zu, Herr, mein Gott, und erhöhe das Flehen und das Gebet, das dein Knecht heute vor dir tut.

Liebe Schwestern und Brüder,

der Text aus dem 1.Königebuch lässt uns König Salomo sehen, wie er bei der Weihe des Tempels am Altar steht. Der Platz am Altar ist der Ort, der ausschließlich den Priestern vorbehalten war. Nur die eine Ausnahme gab es: Dass jemand sich in letzter Not an den Altar klammerte, um dort Zuflucht zu suchen - Kirchenasyl, sagen wir heute. Aber das ist die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Ein König hat am Altar nichts zu suchen. Zur Veranschaulichung: Das ist in etwa so, als hätte die Einweihung der St. Hedwigs-Kathedrale in Berlin nicht Erzbischof Koch vorgenommen, sondern der Bundespräsident.

Wir sehen König Salomo am Altar stehen, und wir hören ihn beten. Und wenn auch in vielen Tempeln und Kirchen im Laufe der Jahrhunderte immer wieder für König, Volk und Vaterland gebetet wurde, so hat doch meines Wissens nie ein König selbst für sich und den Fortbestand seiner Dynastie gebetet, wie Salomo es tut.

Aber schließlich ist es sein Tempel, in dem wir König Salomo stehen sehen. Er hat durchgesetzt, was sein Vater nicht bauen durfte. Und er wird ihn aus der Staatskasse bezahlt haben. Da hat er doch wohl alles Recht, ihn auch selbst einzuweihen.

Hier vermischen sich Staat und Kirche, bemächtigt sich die Politik der Religion, um sie für ihre Zwecke zu nutzen, wie das im Laufe der Geschichte immer wieder geschehen ist. Bis heute ist die Versuchung groß, die Grenzen zu verwischen, die zwischen Staat und Kirche bestehen sollten.

Der Predigttext scheint damit kein Problem zu haben. Das könnte daran liegen, dass er aus dem Blickwinkel der Herrschenden überliefert wurde: König Salomo steht im Mittelpunkt des Geschehens. Uns fällt das heute nicht gleich auf, weil wir König Salomo nicht als einen Politiker sehen wie unseren Bundespräsidenten oder wie Präsident Trump, sondern als einen Weisen, beinahe einen Heiligen.

Und weil wir die Bibel nicht als historisches Dokument lesen, sondern als ein Glaubensbuch, das uns von der Geschichte Gottes mit seinem Volk erzählt. Gottes Volk - wir gehören durch unsere Taufe dazu. Darum betrifft diese Geschichte auch uns, wenn sie auch dreitausend Jahre vor unserer Zeit stattfand.

Die Bibel gehört heute allen Menschen. Sie ist nicht nur das Buch mit der weltweit höchsten Auflage und Verbreitung, übersetzt in so gut wie alle Sprachen der Erde. Sie ist auch das demokratischte Buch, weil sich jede und jeder davon angesprochen fühlen, jede und jeder darin wiedererkennen kann.

Aber geschrieben wurde dieses Buch - zumindest der Teil, den wir das „Alte Testament” nennen - von Menschen, die am Hof des Königs lebten, die der Macht nahe oder im Dienst der Mächtigen standen.

Die Schriften des Alten - oder besser: des Ersten Testaments beschreiben den Glauben und das Leben in Israel überwiegend aus der Sicht der Herrschenden. Dabei sind sie nicht unkritisch gegenüber der Herrschaft. Der Glaube an Gott ermöglicht diese kritische Sicht auf die Herren und ihre Herrschaft. Denn selbst Könige wie David oder Salomo haben einen Herren über sich: Gott, vor dem sie sich rechtfertigen müssen.

Am Maßstab seiner Gebote mussten sie sich messen lassen. Die Propheten übernahmen diese Aufgabe - was für sie nicht ungefährlich war. Die Propheten kritisierten den König zwar, seine Herrschaft stand für sie aber nicht infrage. Für sie war eine Gesellschaft, in der das Volk über seine Belange selbst entscheidet, noch nicht vorstellbar.

Damals entschied der König über das Schicksal des Landes und seiner Bewohner:innen. An diesem Führer und seiner Führung wurde für Israel Gottes Nähe und Beistand erfahrbar: War Gott Israel wohlgesonnen, bekam es einen guten, erfolgreichen König. Ein schlechter König war ein Zeichen dafür, dass das Volk sich nicht mehr an Gottes Gebot orientierte.

Bis heute sehnen sich manche nach einem starken Führer, der keine Kompromisse machen, nicht den langen Weg durch die Institutionen gehen muss; der für seine Vorhaben keine Mehrheit im Parlament finden und seine Argumente in der Debatte bewähren muss, sondern der per Dekret bestimmt, was ab sofort für alle zu gelten hat - sogar, wenn er dabei gegen geltendes Recht verstößt. Wenn so ein autoritärer Führer Erfolg hat, sind manche sogar bereit, darin so etwas wie eine göttliche Vorsehung zu erkennen. Von da ist es kein großer Schritt mehr zum Gottesgnadentum vergangener Zeiten.

Salomo bittet Gott um den Erhalt seiner Macht. Er verknüpft sein Schicksal und das seiner Dynastie mit dem Tempel, den er errichten ließ. Salomo im Tempel - damit ist die Einheit von Thron und Altar hergestellt.

Mit der Zerstörung des salomonischen Tempels durch die Babylonier 570 v. Chr. und der Wegführung des letzten judäischen Königs ins Exil stürzte der Glaube in eine tiefe Krise, weil er so eng mit dem Staat verbunden gewesen war - und den gab es ja nun nicht mehr.

Der Glaube fand aus dieser Krise heraus, indem er sich auf seine Wurzel besann - die Wurzel, die der Maßstab gewesen war, an dem der König gemessen worden war: Gottes Gebote.

Mit dem Verlust seiner Staatlichkeit hatte das Volk Israel seinen Anführer verloren. Doch mit den Geboten als Richtschnur brauchte es keinen Anführer mehr. Gott war sein Anführer, wie er sein Volk als Wolkensäule bei Tag und als Feuersäule bei Nacht aus der Knechtschaft Ägyptens in die Freiheit geführt hatte.

Diese Kritik an der Herrschaft trägt der Glaube bis heute in sich. Wer an den Gott Israels und Vater Jesu Christi glaubt, für den haben die Herren dieser Welt nur das vorletzte Wort. Das letzte Wort hat immer Gott - und Gott allein fühlen sich die Gläubigen verpflichtet, allein seiner Herrschaft sind sie unterworfen. Eine Herrschaft, die sie nicht beherrscht, sondern ermächtigt; die sie nicht knechtet, sondern befreit.

Wenn wir an Himmelfahrt nach oben schauen - hier ins Gewölbe unseres Domes, der das Himmelsgewölbe darstellt, später draußen in den blauen Himmel über uns - dann tun wir das nicht, um Jesus nachzusehen, wie das von den Jüngern berichtet wird. Sondern um uns daran zu erinnern, dass wir niemanden über uns haben als Gott allein.

Wir sind Gott, und Gott allein, verpflichtet. Durch sein Wort, die Bibel, spricht er uns an, sind wir gemeint und angesprochen. Und so wird die Bibel ein demokratisches Buch - das demokratischte Buch überhaupt.

Was Salomo einst betete, um seine Macht zu sichern, wird zum Fundament unserer Freiheit: Dass wir die Worte halten, die Gott uns geboten hat. Geboten nicht, um uns mit Strafe zu drohen, wenn wir sie nicht halten.

Die Gebote beschreiben vielmehr die Bedingung unserer Freiheit: Nur in dem Rahmen, den sie unserem Leben geben, sind wir wirklich frei. So, wie der Dom seine dicken Mauern braucht, sein Gewölbe, um der Ort zu sein, an dem Menschen Zuflucht finden; der Ort, der uns vor der Warenwelt schützt, weil er einen heiligen Raum schafft, der verhindert, dass wir selbst zu Waren, dass wir käuflich werden; der Ort, an dem wir Gott begegnen, den der Himmel und des Himmels Himmel nicht fassen.

Denn Freiheit bedeutet nicht, zu tun, was immer man will. Freiheit bedeutet, unser Menschsein zu verwirklichen, indem wir Gott, uns und unsere Mitmenschen lieben. So wird auf dieser Erde ein Stück von Gottes Himmel sichtbar.

Sonntag, 18. Mai 2025

Die Schönheit alter Worte

Predigt am Sonntag Kantate, 18. Mai 2025, über die Kantate „Der Herr ist mein getreuer Hirt” von Johann Sebastian Bach, BWV 112

Der Herr ist mein getreuer Hirt,
Hält mich in seiner Hute,
Darin mir gar nichts mangeln wird
Irgend an einem Gute,
Er weidet mich ohn Unterlass,
Darauf wächst das wohlschmeckend Gras
Seines heilsamen Wortes.

Zum reinen Wasser er mich weist,
Das mich erquicken tue.
Das ist sein fronheiliger Geist,
Der macht mich wohlgemute.
Er führet mich auf rechter Straß
Seiner Geboten ohn Ablass
Von wegen seines Namens willen.

Und ob ich wandelt im finstern Tal,
Fürcht ich kein Ungelücke
In Verfolgung, Leiden, Trübsal
Und dieser Welte Tücke,
Denn du bist bei mir stetiglich,
Dein Stab und Stecken trösten mich,
Auf dein Wort ich mich lasse.

Du bereitest für mir einen Tisch
Vor mein' Feinden allenthalben,
Machst mein Herze unverzagt und frisch,
Mein Haupt tust du mir salben
Mit deinem Geist, der Freuden Öl,
Und schenkest voll ein meiner Seel
Deiner geistlichen Freuden.

Gutes und die Barmherzigkeit
Folgen mir nach im Leben,
Und ich werd bleiben allezeit
Im Haus des Herren eben,
Auf Erd in christlicher Gemein
Und nach dem Tod da werd ich sein
Bei Christo meinem Herren.

Liebe Schwestern und Brüder,

46 Bücher hat die Bibel; in meiner Luther-Übersetzung von 1984 nehmen sie 1.625 Seiten ein - eine gewaltige Menge Text. Die ganze Bibel ist Gottes Wort, und doch sind es wenige Texte, die uns beschäftigen, uns wichtig sind, uns begleiten: Die Weihnachtsgeschichte z.B., die Bergpredigt, das „Hohelied der Liebe” aus dem 1.Korintherbrief - und natürlich der 23. Psalm.

Warum gerade diese Texte? Weil sie besonders schön sind. Wenn wir hören „Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging …”, dann ist Weihnachten. „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei …” - besser kann man die Liebe nicht beschreiben. „Der Herr ist mein Hirte …” - da entsteht sofort ein Gefühl von Geborgenheit. Diese Texte sprechen Dinge an, die uns ganz besonders wichtig sind; sie sprechen Gefühle an, die lebenswichtig sind: Liebe, Geborgensein, dazugehören, gesehen werden. Sie sind uns wichtig, und darum sind sie schön.

Schön sind diese Texte auch, weil sie unseren Glauben auf den Punkt bringen. Wie der Satz des Pythagoras oder die binomischen Formeln die Mathematik aufschließen können und darin unverzichtbar sind, so schließt der 23. Psalm den Glauben auf. Kein Wunder, dass Wolfgang Musculus ihn zu einem Choral umgedichtet hat. Damit konnte er seine reformatorische Theologie an die Frau und an den Mann bringen. In der Reformation wurde die neue evangelische Lehre vor allem durch Lieder verbreitet, die oft auf bekannte Melodien, auf „Gassenhauer” gedichtet worden waren.

Wolfgang Musculus hieß eigentlich Mäuslein. Wie sein Freund Philipp Schwarzerd, der seinen ländlich klingenden Namen gräzisierte und sich Melanchthon nannte, übersetzte er das deutsche Mäuslein ins gehobene Lateinische. Musculus war Benediktinermönch gewesen, hatte 1518 mit 21 Jahren Luthers Schriften kennengelernt und seinen Mitbrüdern im Kloster die evangelische Lehre verkündigt. Als man ihn zum Prior des Klosters machen wollte, ging er nach Straßbourg, verheiratete sich und wurde Pastor in Augsburg, wo 1531 seine Nachdichtung des 23. Psalms entstand.

Was ist das Evangelische an seiner Psalmübertragung? Auf den ersten Blick scheint es, als ob er den 23. Psalm nur paraphrasiert, also mit etwas anderen Worten nachdichtet. Aber in jede Strophe des Liedes sind eigene Gedanken eingeflochten, die den Psalm evangelisch auslegen. Die Bilder des Psalmes beschreiben die Lebenswelt der Menschen in Israel - die grüne Weide und das frische Wasser, das duftende Öl auf dem Haar, der volle Becher und der reich gedeckte Tisch. Es sind Bilder, die auch uns modernen Menschen sofort einleuchten und sicher bei uns die gleichen Assoziationen wecken wie bei den Sängern des Psalms damals. Musculus deutet diese Alltagsbilder als Allegorien des Glaubens und vermittelt dadurch seine protestantische Lehre.

Das wohlschmeckende Gras macht nämlich nicht körperlich satt. Es ist das Wort Gottes, von dem Jesus sagt: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus dem Mund Gottes geht” (Matthäus 4,4). Die größte Errungenschaft der Reformation war es, die Bibel ins Deutsche zu übersetzen und damit das Wort Gottes den Gläubigen unmittelbar zugängig zu machen. Damit wurden sie zu eigenem Denken und Urteilen befähigt und ermutigt. Heute, wo die Flut von Wörtern, die täglich auf uns einstürzen, das Wort Gottes zudeckt, wird diese Errungenschaft kaum noch wahrgenommen und geschätzt.
Weil es um diese reformatorische Errungenschaft geht, beginnt Bachs Vertonung des Chorals nicht als Pastorale, die das Hirtenleben verklärt. Sondern als vom Chor gesungenes Bekenntnis zu dem Herrn, der uns sein Wort gegeben hat.

Auch in der zweiten Strophe deutet Musculus das Gegenständliche ins Geistliche: Bei ihm ist das Wasser nicht frisch, wie es im Psalm heißt, sondern rein, weil es sich beim Wasser um den Heiligen Geist handelt. Auch das eine wichtige Entdeckung der Reformation: Der Heilige Geist wird nicht von der Kirche verwaltet, und er befähigt nicht nur den Klerus, der sich durch seine Weihe von den Gläubigen komplett unterscheidet. Sondern die Taufe schenkt jedem Menschen in gleicher Weise den Geist, der in ihnen den Glauben weckt und sie zum allgemeinen Priestertum beruft. Der Geist Gottes macht alle Menschen gleich - gleich unmittelbar zu Gott, ohne dass sie eines weiteren Vermittlers bedürfen. Dass der Geist die Gläubigen „ohn Ablass” führt, mag nicht nur bedeuten, dass er es unablässig tut, und dass von Gottes Gebot nichts abgelassen wird. Es mag auch auf den päpstlichen Ablass anspielen, der den Anstoß zur Reformation gegeben hatte.

Johann Sebastian Bach übernahm 200 Jahre später Musculus’ Choral unverändert als Text seiner Kantate - auch der Arien und des Rezitativs, was eher ungewöhnlich ist. Zwei Jahrhunderte nach der Reformation ist die reformatorische Entdeckung des Wortes und des Geistes Gottes kein Aufreger mehr, sondern eine Selbstverständlichkeit. Deshalb legt Bach den Schwerpunkt darauf, die Bildsprache des Psalms musikalisch umzusetzen. Aber trotzdem komponiert Bach für die zweite Strophe kein Forellenquintett. Es bleibt ihm bewusst, dass das Wasser ein Bild für Gottes Geist ist. Und so plätschert die Arie des Alt nicht dahin, sondern vermittelt das Ergriffensein vom Geist Gottes.

Das Wort Gottes wird von Musculus in der dritten Strophe wieder aufgenommen als Tröster in Verfolgung, Leiden und Trübsal. Er vergleicht es mit dem Stecken, den der Hirt nicht dazu benutzt, um die Schafe zu schlagen, sondern um sie damit vor wilden Hunden und Wölfen zu beschützen und mit der gebogenen Spitze, die später die Bischofsstäbe zieren sollte, aus dem Schlamassel zu ziehen. Das Wort Gottes als Stecken und Stab ist eine Stütze und ein Richtscheit, an dem man sich orientiert.
Der Bass malt die Trübsal in einem Arioso so aus, dass wir sie nachempfinden bzw. mit unseren Erfahrungen daran anknüpfen können. Deutlich klingt in der Melodie das Wandern an. Die Wanderung - ein Bild für das Leben. Dass der gute Hirte auf diesem manchmal beschwerlichen Weg an unserer Seite geht und uns tröstet, und dass man sich auf sein Wort verlassen kann, diese Zusage hat die Form eines Rezitativs: Hier spricht nicht ein Mensch von seiner Erfahrung, hier wird Gottes Wort zitiert, auf dass man sich darauf verlasse.

In der vierten Strophe begegnet wieder der Geist, diesmal als Quelle der Freude und Erfüllung. Das hatten Mystikerinnen wie Mechthild von Magdeburg oder Hildegard von Bingen schon vor der Reformation erfahren. Aber in der Reformation ist die Gabe des Geistes nicht die unio mystica, die innige, innerliche Vereinigung mit Gott, sondern die Freiheit: Der Geist befreit die Gläubigen aus geistlicher Unmündigkeit zur Freiheit der Kinder Gottes, die über ihren Glauben selbst urteilen, selbst entscheiden. Dieses Gefühl der Freiheit hat, wenn man es zum ersten Mal erlebt, durchaus etwas Ekstatisches. Auch das ist uns im Laufe der Jahrhunderte verloren gegangen; dabei garantiert der Geist, der uns allen gleichermaßen geschenkt ist, nach wie vor unser Bürgerrecht als Christen - nicht nur in der Kirche, auch in der Gesellschaft.
Das Duett von Sopran und Tenor lässt die geistliche Freude spürbar werden. Es weckt Freude in uns, die zum Tanzen animiert - zumindest innerlich. Es ist wichtig, sich nicht nur still zu freuen, sondern dieser Freude Gestalt zu geben durch Gesang oder Bewegung.

In der letzten Strophe schließlich offenbart Musculus, wer der Herr ist, von dem der 23. Psalm spricht: Es ist Christus, der uns als unser Herr von der Herrschaft der weltlichen und geistlichen Herren befreit. Nicht, indem er als Herr an ihre Stelle tritt. Sondern indem er uns die Freiheit der Kinder Gottes schenkt.
Weil Christus nicht im stillen Kämmerlein, sondern in der Gemeinde zu finden ist, singt wieder der Chor. Und auch das ist ein Bekenntnis: Dass der gute Hirte uns nicht nur im Leben begleitet. Jenseits des Todes wartet neues Leben auf uns. Ein Leben, in dem wir nicht mehr ungegenständlich glauben. Wie der 23. Psalm von realen Erfahrungen spricht, werden wir dann Christus begegnen - und all denen, die uns vorangegangen sind.

Die zentralen und uns lieb gewordenen Texte der Bibel, zu denen der 23. Psalm gehört, sind schön, sagte ich, weil sie für uns lebenswichtige Gefühle ansprechen und die wichtigen Inhalte unseres Glaubens bezeichnen. Nachdem wir die Kantate gehört haben, muss man ergänzen: Sie sind schön, weil sie wahr sind. Diese Wahrheit vermittelt uns die Musik. Denn dass der 23. Psalm von einer Wahrheit spricht, erkennt man nur im Glauben. Wenn aber der Glaube fehlt - oder wenn er abhanden gekommen ist, weil Verfolgen, Leiden, Trübsal und dieser Welt Tücke zu schwer für uns sind, weil Traurigkeit oder Zweifel keinen Platz für den Glauben lassen - dann tritt Bachs Musik für die Wahrheit des Psalms ein. Wo wir nichts mehr begreifen können, da ergreift sie uns, nimmt uns an der Hand und führt uns wie ein verlorenes Schaf dem Hirten entgegen.

Wenn die Wahrheit des Psalms uns überzeugt, finden wir in Bachs Musik auch eine Gleichgesinnte, die uns darin bestärkt, auf dem Weg des Glaubens weiter zu gehen. Dann bringen wir die Schönheit des 23. Psalms auf eine vierte Weise zum Leuchten: Durch unser Leben: Indem wir seinen Worten vertrauen und so ihre Wahrheit bewähren. 

Sonntag, 11. Mai 2025

Die Weisheit tanzt

Predigt am Sonntag Jubilate, 11. Mai 2025, über Sprüche 8,22-36

Die Weisheit spricht: Gott erschuf mich am Anfang seiner Wege, vor seinen Taten, weit davor. Von Ewigkeit her wurde ich eingesetzt, von Anfang an, zur Urzeit der Erde. Vor der Urflut wurde ich geboren, bevor die Quellen Wasser hervorbrachten. Bevor die Berge eingesenkt wurden, vor den Hügeln wurde ich geboren. Als er die Erde noch nicht gemacht hatte und das Land und die Erdschollen auf dem Festland; als er den Himmel festigte, war ich da, als er den Horizont auf der Oberfläche der Urflut markierte; als er die Wolken oben zusammenballte und die Quellen in der Tiefe füllte; als er dem Meer seine Grenze setzte und das Wasser seinen Befehl nicht überschritt; als er die Grundlage der Erde bestimmte, war ich als Liebling an seiner Seite. Täglich war ich eine Freude, tanzte vor ihm die ganze Zeit über, tanzte auf dem Festland seiner Welt, und die Menschenkinder waren meine Freude.
Nun, Kinder, hört auf mich! Denn selig sind, die sich an meine Wege halten. Hört die Warnung und seid weise und schlagt sie nicht in den Wind. Selig der Mensch, der auf mich hört, täglich an meiner Tür wacht und die Pfosten meiner Tore bewacht. Denn wer mich findet, findet Leben und Gefallen bei Gott. Wer mich verfehlt, verletzt sein Leben. Alle, die mir feind sind, lieben den Tod.

Liebe Schwestern und Brüder,

„Mensch, sa helle, un wenn’s auch duster is,” sang die Harfen-Agnes, eine braunschweiger Bänkelsängerin, die sich bis in die 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts mit ihrer Gitarre und ihren Liedern ihr Geld verdiente, wie das die Straßenmusiker heute auch noch tun.
„Mensch, sa helle, un wenn’s auch duster is,” das ist ein guter Rat für’s Leben. „Helle sein” bedeutet, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und dabei achtzugeben, genau hinzusehen und abzuwägen, damit man nicht über’s Ohr gehauen wird, aber auch nicht unter die Räder gerät. „Helle sein” kann jede:r, dafür braucht man keine höhere Bildung (die Harfen-Agnes nicht hatte: sie konnte weder lesen noch schreiben). „Helle sein” ist eine Haltung im und zum Leben: nicht einfach glauben, was andere behaupten, sondern sich ein eigenes Urteil erlauben und zutrauen.
Als Lebenseinstellung kommt das „Helle Sein” der Weisheit nah, von der wir vorhin in der Lesung hörten. Man könnte das Lied der Weisheit ganz gut mit dem Vers der Harfen-Agnes zusammenfassen: „Mensch, sa helle!”

I

Aber was ist Weisheit eigentlich genau? In ihrem Lied stellt sie sich als die vor, die vor aller Zeit bei der Erschaffung der Welt mitwirkte, Gottes Liebling war und Gott mit ihrem Tanz erfreute. Ob Gott bei der anstrengenden Schöpfungsarbeit - es mussten gigantische Wasser- und Landmassen bewegt und riesige Bergmassive eingesetzt werden - Ablenkung und Unterhaltung nötig hatte?
Sich Gott wie einen Baumeister vorzustellen, der Meere ausbaggert, Berge auftürmt, und den Menschen aus einem Klumpen Lehn knetet, macht aus der Schöpfungsgeschichte ein Zerrbild. Die Rede von der Schöpfung will nicht die allzu menschliche Frage beantworten, wie Gott das All und alles, was dazugehört, erschuf.
Dass die Weisheit tanzt, während Gott die Welt erschafft, will vielmehr zeigen: Schöpfung ist ein kreativer Vorgang. So ist auch eine Tänzerin kreativ, ein Musiker, eine Künstlerin. Und dass die Weisheit bei der Schöpfung mitwirkt, soll deutlich machen, dass unsere Existenz nicht beliebig ist. Dass unsere Welt und das Leben auf ihr nicht allein das Ergebnis einer Kette von unglaublichen Zufällen ist, sondern dass Gott diese Welt, dass Gott uns gewollt und ins Leben gerufen hat.
Darum tanzt nicht der Verstand bei Gottes Schöpfung, sondern die Weisheit. Obwohl wir heute mit dem Verstand die Geheimnisse der Natur, der Entstehung des Lebens und der Welt erkunden. Bei der Frage, wie das All und alles entstanden ist, spielt Weisheit für uns keine Rolle. Diese Frage hat mit Wissen zu tun, nicht mit Weisheit.
Für das Wissen haben wir den Verstand, mit dessen Hilfe wir die Gesetze entdecken, denen die Natur unterworfen ist. Mit dem wir Theorien entwickeln und Beobachtungen erklären, die ein normaler Mensch niemals machen können wird. Dafür werden gigantische Maschinen benötigt wie Teilchenbeschleuniger, die ein einzelner gar nicht bedienen kann, und ausgefeilte Teleskope, die im Weltall in eine Zeit zurückblicken, die wir mit unserer Vorstellungskraft nicht mehr erfassen können: 13 Milliarden Jahre.

II 

In der Bibel tanzt die Weisheit, nicht der Verstand die Welt ins Sein. Offensichtlich hat sich seit den Tagen der Bibel etwas verschoben: Die Weisheit spielt heute keine Rolle, das Wissen umso mehr. Wie kommt das, und was bedeutet es?
Wir modernen Menschen konzentrieren uns auf unseren Kopf. Dort sitzt der Verstand, in unserem Gehirn - die Bibel verortete das Denken noch im Herzen, nicht im Kopf. Unser Verstand ist neugierig und wissensdurstig: „Wieso, weshalb, warum?” fragt der Verstand. Wir nehmen Dinge auseinander, um zu verstehen, wie sie funktionieren - und können sie anschließend oft nicht wieder zusammensetzen.
Mit dem Auseinandernehmen, der Analyse, gewinnt der Verstand seine Erkenntnisse: Er zerlegt Wecker, Fahrräder, Motoren; seziert Frösche und Mäuse; löst Sätze und Gedanken in ihre Bestandteile auf, um das Prinzip zu finden, das ihnen zugrunde liegt. Der Verstand ist analytisch: Er zerstört, um zu verstehen.
Die Weisheit sitzt nicht im Kopf, obwohl es sich bei ihr ja auch um ein Denken handelt, sondern im Herzen, wie schon die Bibel meinte. Man erwirbt sie nicht durch zerlegendes Forschen, obwohl ihr auch ein Bildungsweg vorausgeht: Die Herzensbildung. Die funktioniert ein wenig anders als unsere schulische Bildung und passiert eher nebenbei, ohne dass wir es bemerken.

III 

Man kann Weisheit nicht büffeln oder pauken, denn erlerntes Wissen trägt nur wenig zur Weisheit bei. Weisheit erwirbt man, indem man sich auf etwas einlässt, es an sich herankommen und sich davon berühren lässt. Dazu gehört auch eine Neugier - eine Neugier nicht nach Wissen, sondern nach Erfahrung. Wenn der Verstand auf analytischem Wege lernt, indem er auseinandernimmt, was ihn interessiert, erwirbt man Weisheit, indem man auf das hört, das beobachtet, was man kennen lernen will, es heil lässt und es am Leben lässt.
Die Weisheit fragt auch - aber nicht: „Wieso, weshalb, warum?” Die Weisheit interessiert sich für Hinter- und Untergründe, die „Tiefe” oder „Urflut”, wie es im Lied der Weisheit heißt. Die Weisheit fragt den Verstand: „Was machst du mit deinem Wissen? Du hast die Materie untersucht und ihre kleinsten Bausteine, die Atome, gefunden. Du hast entdeckt, dass man sogar die Atome noch spalten kann und dabei gelernt, ungeheure Energien zu entfesseln - zum Guten und zum Bösen.”
Der Verstand antwortet: „Ich will die Welt beherrschen. Wenn ich weiß, wie sie geworden ist, kann ich dieses Wissen nutzen, um über andere zu bestimmen, um Reichtümer zu erwerben und die Welt so zu gestalten, wie es mir gefällt. Eines Tages werde ich zu den Sternen reisen können. Dann entdecke ich neue Welten und Wesen, die ich erobern und beherrschen kann. Dann werde ich auf die Erde keine Rücksicht mehr nehmen müssen. Ich muss nie mehr aufräumen, nichts mehr reparieren, ich kann alles ausbeuten und verbrauchen und die Erde wie einen Apfelgriebsch zurücklassen.”

IV 

Was den Verstand antreibt, ist der Wunsch nach Herrschaft: „Wissen ist Macht” - Macht über die Natur, Macht über die Mitmenschen. Oft verkleidet sich dieser Wunsch in das Gewand der Nächstenliebe: Man forscht, um Krankheiten zu bekämpfen, den Hunger in der Welt zu besiegen. Aber die Ergebnisse der Forschung, obschon mit Steuermitteln bezahlt, kommen den Kranken nicht kostenlos zugute. Die Pflanzen, die auf höhere Erträge optimiert werden, die Dünge- und Pflanzenschutzmittel sollen in erster Linie Gewinne bringen. Die Menschen in den Ländern des Südens können sie sich gar nicht leisten.
Der Hunger in der Welt wird nicht dadurch besiegt, dass man immer ertragreichere Pflanzen züchtet, sondern indem man das Problem der Verteilung löst. Und ob ein Leben gut und sinnvoll ist, hängt nicht am Besitz oder Luxus, an Maschinen und Geräten, die das Leben bequemer machen, sondern es hängt davon ab, wie man sein Leben gestaltet.
Das ist das Feld der Weisheit. Wie sie am Anfang spielerisch-tänzerisch als Gottes Liebling die Welt gestaltete, will sie mit uns unser Leben gestalten. Nicht: Es optimieren, damit wir möglichst schön sind, möglichst viel leisten, möglichst viel verdienen und besitzen. Die Weisheit leitet uns an, zu fragen, was wir wirklich wollen, was uns wirklich wichtig ist, was uns wirklich glücklich macht. Und sie lehrt uns zu sehen, wo das Glück zu finden ist, und dass wir es längst besitzen.

„Die Menschenkinder waren meine Freude”, singt die Weisheit. Die Weisheit ist auf Beziehung aus, und was die Weisheit lehren kann, ist, in Beziehung mit unsren Mitmenschen, in Beziehung zur Natur und unseren Mitgeschöpfen, in Beziehung zu Gott zu leben. Dazu lässt sich die Weisheit ein auf das, mit dem sie in Beziehung treten möchte. Sie nimmt es wahr als Subjekt, von dem sie etwas lernen kann.
Der Verstand geht auf Abstand, löst die Beziehung auf und macht aus dem Gegenüber ein Objekt, das er auseinandernimmt, um zu verstehen, wie es funktioniert. Etwas überspitzt könnte man mit der Weisheit sagen: Der Verstand liebt den Tod. Aber es geht der Weisheit nicht darum, den Verstand zu verteufeln, oder uns vor die Wahl zu stellen: Er oder ich. Wir müssen forschen und fragen - wo wäre die Menschheit, wenn sie es nicht getan hätte?
Der amerikanische Philosoph Henry David Thoreau hat den Kopf als ein Instrument zum Bohren bezeichnet. Wir können nicht anders, wir müssen immer weiter bohren. Müssen wie ein Maulwurf einen Gang nach dem nächsten graben. Doch damit wir nicht blind werden wie Maulwürfe, bringt die Weisheit immer wieder Licht ins Dunkel, indem sie fragt, wohin wir mit unserer Bohrerei wollen, und wohin uns das führen wird.

VI 

„Mensch, sa helle, un wenn’s auch duster is.” Die Weisheit lädt uns ein, zu suchen, was dem Leben dient - unserem Leben, dem unserer Mitmenschen, und dem Leben auf unserer Erde. Wenn wir uns verrennen, wenn wir die Erde zerstören, auf der wir leben, erinnert sie uns daran, dass sie Gottes Schöpfung ist, voller Wunder und Schönheit, die von der Weisheit ins Dasein getanzt wurde.