Predigt am 13. Sonntag nach Trinitatis, 18. September 2011, im gemeinsamen Gottesdienst mit Gemeinden der Braunschweiger Innenstadt anlässlich der geplanten (und dann schließlich abgesagten) Bombenräumung in der Braunschweiger Innenstadt über Lukas 19,41-44:
Als Jesus nahe hinzukam, sah er die Stadt Jerusalem und weinte über sie und sprach: Wenn doch auch du erkenntest zu dieser Zeit, was zum Frieden dient! Aber nun ist's vor deinen Augen verborgen. Denn es wird eine Zeit über dich kommen, da werden deine Feinde um dich einen Wall aufwerfen, dich belagern und von allen Seiten bedrängen und werden dich dem Erdboden gleichmachen samt deinen Kindern in dir und keinen Stein auf dem andern lassen in dir, weil du die Zeit nicht erkannt hast, in der du heimgesucht worden bist.
Liebe Gemeinde,
in Riddagshausen soll angeblich die Sirene abgeschafft werden. Und nicht nur hier. Es ist offenbar geplant, generell auf Sirenen zu verzichten und die Feuerwehr nur noch „still“ zu alarmieren: Über den Pieper, den jeder Feuerwehrkamerad bei sich trägt. Widerstand regt sich bei der Freiwilligen Feuerwehr; es gibt konspirative Absprachen mit dem Pastor, weil die Sirene auf dem Dach des Gemeindehauses montiert ist, unter dem der Pastor wohnt ...
So sehr die Sirene fehlen würde, weil man nun nicht mehr weiß, dass es irgendwo brennt - manche der Älteren wären wohl froh, wenn sie die Sirene nicht mehr hören müssten. Zu eng ist das Heulen der Sirene mit Erinnerungen an den Krieg verbunden, an den Bombenalarm, an die bangen Stunden im Keller oder im Luftschutzbunker, an die Brände, die keine Feuerwehr mehr löschen konnte, an die Zerstörungen ... Das Sirenengeheul ruft Erinnerungen wieder wach, wie es auch die Ankündigung des Bombenfundes und der Evakuierung tat.
Aber nicht nur die ältere Generation schreckt das Sirenengeheul auf. Auch ich zucke jedes Mal zusammen, wenn ich eine Sirene höre - und das nicht, weil sie direkt über meinem Kopf zu heulen beginnt. Ich bin in den Jahren des sog. Kalten Krieges aufgewachsen. Wir lernten in der Schule, wie es klingt, wenn die Sirene ABC-Alarm gibt - die Warnung vor einem Atombombenangriff. Meine Freunde und ich hatten Angst vor den Atomwaffen. Wir wussten um die schrecklichen Folgen einer Atomexplosion, und wir befürchteten, dass jemand im Osten oder im Westen die Nerven verlieren und auf den roten Knopf drücken könnte. An manchen Tagen mochte ich nicht aus dem Fenster sehen, weil ich fürchtete, jeden Augenblick könnte ein Atomblitz aufleuchten ...
Ängste eines überspannten Teenagers, der zu viel grübelt und sich ganz unberechtigte Sorgen macht, hat man damals dazu gesagt - und würde man auch heute sagen. Obwohl wir inzwischen wissen, dass die Welt mehr als einmal am Rand eines Atomkriegs stand.
Ähnlich denken und sprechen viele über die Ängste von Menschen, die in der Nähe atomarer Endlager wie Schacht Konrad oder Asse II leben, oder in der Nähe von Atomkraftwerken: Dass keine Gefahr bestehe, dass die Ängste übertrieben und unberechtigt seien.
Im Moment schweigen diese Stimmen, weil der Reaktor von Fukushima noch immer bedrohliche Strahlungsmengen aussendet. Aber in Japan gehen die Politiker bereits wieder zur Tagesordnung über und planen den Bau neuer Atomkraftwerke. Und auch bei uns wird es nicht lang dauern, bis man wieder laut über den Ausstieg vom Ausstieg nachzudenken beginnt.
I
Jesus weint über Jerusalem. Ist auch er überspannt und über-ängstlich, wenn er die Zerstörung der Stadt prophezeit und sie deshalb zum Frieden mahnt?
Wir wissen heute, dass Jesus diese Worte von einer späteren Generation in den Mund gelegt bekam. Einer Generation, die erlebt hat, wie die Römer den jüdischen Widerstand auf der Festung Massada brachen, Jerusalem eroberten und den Tempel zerstörten. Im Jahre 70 nach Christus war das, eine ganze Generation nach dem Tod Jesu.
Aber möglicherweise hat Jesus selbst so etwas ähnliches gesagt; sonst hätte man ihm diese Prophezeiung wohl nicht zugeschrieben.
Ich kann mir gut vorstellen, dass Jesus über Jerusalem geweint hat.
Auch heute ist einem zum Weinen zumute, wenn man an Jerusalem denkt: dass es keinen Frieden geben kann zwischen Israelis und Palästinensern.
Die Stadt Jerusalem mit ihrer bewegten Geschichte ist ein heiliger Ort für alle Religionen, ein Hoffnungsort. Jerusalem steht aber auch für einen Dauerkonflikt, für die Unmöglichkeit des Friedens. Diese Spannung kann einem das Herz zerreißen. Auch deshalb, weil man die Unfähigkeit zum Frieden überall findet, in jedem Land, zwischen den unterschiedlichsten Gruppen.
Der Krieg, der von unserem Land ausgegangen ist und der auf unser Land in einer bis dahin unvorstellbaren Härte zurückgeschlagen ist, war offenbar nicht abschreckend genug. Seit diesem Krieg, dessen Überreste wir an einigen Stellen immer noch vor Augen haben oder im Boden finden, sind zahllose weitere Kriege geführt worden und werden geführt. Krieg wird nach wie vor als politisches Mittel angesehen, obwohl man es besser wissen müsste.
Wie kommt es, dass die Tränen Jesu über Jerusalem kaum jemanden rühren?
Wie kommt es, dass kaum jemand in den Schwur einstimmt „Nie wieder Krieg!“, dem unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg so viele zugestimmt haben?
Liegt es daran, dass jemand, der Tränen über Ungerechtigkeit und Friedlosigkeit weint, jemand, der Krieg als Mittel der Politik ablehnt, als weltfremd angesehen wird, als überspannt und über-ängstlich?
II
Es ist doch immer wieder gut gegangen. Die Mahner und Warner, die Ängstlichen und die an der Ungerechtigkeit Leidenden hatten bisher immer wieder Unrecht. Oder jedenfalls ist es nicht so schlimm gekommen, wie sie behauptet oder befürchtet hatten. Es ist doch immer wieder gut gegangen, irgendwie haben es die Politiker, die Verantwortlichen hingekriegt. Und sie werden es auch in Zukunft hinkriegen, irgendwie. Es wird auch in Zukunft immer irgendwie gut gehen, keine Bange! Auf allen Ebenen, in allen Gremien, Firmen, Vereinen und Betrieben sitzen Leute, die uns die Ängste ausreden und uns auf die „Selbstheilungskräfte des Marktes“ verweisen, auf Studien, die belegen, dass der Klimawandel gar nicht kommt, Gentechnik völlig ungefährlich ist und Atommüll sicher entsorgt werden kann.
Man darf nur nicht nach dem Preis fragen, den diese Haltung hat.
Man darf nicht nach dem wahren Grund fragen, der unter und hinter den Beschwichtigungsformeln liegt.
Kein Krieg auf der Welt wurde jemals geführt, weil es dabei um höhere Ziele ging. Es ging nur um Macht und Geld. Es geht immer nur um Macht und Geld - wenn sich mit dem Krieg nichts verdienen ließe, würde es keinen Krieg mehr geben. Auch bei der Atompolitik, bei der Gentechnik geht es immer nur ums Geld und dessen Vermehrung - sonst würde niemand Geld in deren Erforschung stecken.
Solange Geiz geil ist und Gier gut, solange das, was über Jahrhunderte als Todsünde galt, salonfähig, ja, das einzig Wahre ist - solange bleiben einem nur die bitteren Tränen, die Jesus nicht nur über Jerusalem weint, sondern auch über uns. Weil wir auf diese Sprüche hereinfallen und nicht erkennen, was dem Frieden dient.
III
Das Evangelium des heutigen 13. Sonntages nach Trinitatis ist eigentlich eine andere Geschichte. Eine, die Sie alle kennen: Die Geschichte vom Barmherzigen Samariter. Darin erzählt Jesus von einem, der unter die Räuber fiel, ausgeraubt und halb tot geschlagen wurde. Und dann ausgerechnet von einem Samariter gerettet wurde, während Priester und Levit den armen Mann sich selbst überlassen hatten. Jesus stellt am Ende seiner Geschichte die Frage:
„Wer, meinst du, ist der Nächste gewesen dem, der unter die Räuber fiel?“
Die Antwort lautet: „Der die Barmherzigkeit an ihm tat.“
Barmherzigkeit - ein altertümlicher, unmoderner Begriff. Oder haben Sie schon mal gehört: „Barmherzigkeit ist geil!“? Barmherzigkeit, das Wort kommt vom warmen Herzen, das in der Lage ist, mit den Mitmenschen zu fühlen. Das in der Lage ist zu fragen, welche Folgen mein Handeln für meine Mitmenschen hat, und ob ich ihnen diese Folgen zumuten kann.
Wenn man in großen Dimensionen denkt - mit Begriffen wie „Allgemeinwohl“ oder „Wachstum“, kann man auf Einzelne keine Rücksicht nehmen. Da geraten die Schicksale Einzelner schon mal aus dem Blick. Dafür gibt es dann ja eine Lösung, die vielen Vorteile bringt. Die Einzelnen sind Einzelfälle, die unvermeidlichen Kollateralschäden, die eben entstehen, die man akzeptieren und hinnehmen muss, solange es andere trifft und nicht einen selbst. Hauptsache, der Handel blüht, die Wirtschaft profitiert davon, das Posten- und Pöstchenkarussell dreht sich munter weiter.
Barmherzigkeit aber interessiert sich hartnäckig für die Einzelschicksale. Barmherzigkeit hält weltfremd den Blick gesenkt - und so auf die gerichtet, die vom Rad des Fortschritts überrollt wurden: Barmherzigkeit interessiert sich für die Verlierer der Verteilungskämpfe, für die Opfer der Wirtschaftspolitik, für die, die zerschlagen am Wegrand liegen.
Damit lässt sich kein Geld verdienen. Damit lässt sich auch kein Staat machen.
Darum taugt Barmherzigkeit nicht für die Wirtschaft, und auch nicht für die große Politik. Sie ist nur was für die Träumer und für die Ängstlichen. Für die, die auch im Kino weinen müssen, oder denen beim Blick auf Jerusalem die Tränen kommen.
IV
Unsere Gesellschaft ist unbarmherzig. Sie muss es zwangsläufig sein, denn sie kann sich Barmherzigkeit nicht leisten. Das rechnet sich nicht. Wer sich hinunterbeugt zu den Verlierern und den Opfern, der wird selber zum Verlierer, zum Opfer, weil er sich der Macht begibt, die er eben noch hatte. Und wer auf diese Menschen Rücksicht nehmen will, wer möchte, dass ihnen Gerechtigkeit widerfährt, der zahlt am Ende drauf. Der kann nichts verdienen, der kann nur sehr viel verlieren.
Unbarmherzigkeit aber führt immer wieder zu Konflikten. Wir haben das in den Banlieus französcher Städte gesehen und aktuell in London. Wir erleben es im alltäglichen Streit in der Schule, mit den Kollegen oder den Nachbarn. Unbarmherzigkeit dient nicht dem Frieden; sie führt über kurz oder lang zu Streit und Gewalt.
Unsere Gesellschaft ist unbarmherzig. Diese Spannung kann einem das Herz zerreißen. Aber das wäre schon ein erster Schritt: Wenn die harte Schale unseres Herzens aufrisse und das weiche, verletzliche, warme Herz darunter zum Vorschein käme, dann würde uns das Schicksal Einzelner anrühren. Dann würden wir nicht nur Erleichterung empfinden, dass wir nicht in den Assedörfern wohnen, dass wir nicht zu den Hartz IV-Empfängern gehören, dass wir noch einen sicheren Job oder eine gute Rente haben. Sondern wir würden auch fragen, wie sich die wohl fühlen, denen es anders geht. Und ob wir es ihnen zumuten wollen und zumuten können, so zu leben.
V
Es ist gut und wichtig, dass es die Sirenen gibt - auch wenn sie bei manchen Menschen schmerzhafte Erinnerungen wachrufen. Die Sirenen rufen uns wach. Sie rufen uns ins Bewusstsein, dass in diesem Augenblick Menschen in Not sind und Hilfe brauchen. Sie rufen nach unserer Barmherzigkeit.
Es ist gut, dass es Menschen gibt, die sich von den Sirenen rufen lassen. Die mitten in der Nacht aus ihrem Bett und in die Kleidung springen, um innerhalb von Minuten auf dem Löschfahrzeug zu sitzen und zu Hilfe zu eilen. Es ist gut, dass es die Kameradinnen und Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr gibt.
Es wäre gut, wenn auch wir uns bewegen ließen, wenigstens ab und an mal nach denen zu fragen, die in den Rechnungen herausgestrichen werden, weil es auf die Stellen hinterm Komma nicht ankommt. Es wäre gut, wenn wir uns fragten, wie man sich fühlt, wenn man als jemand hinterm Komma angesehen wird, als jemand, auf den es nicht ankommt, und ob wir so jemand sein möchten.
Wenn wir zu der Lösung kommen, dass wir auf keinen Fall jemand sein wollen, der nicht zählt und auf den es nicht ankommt, wäre es gut, wenn wir daraus Konsequenzen ziehen würden: Selbst niemanden mehr in diese Lage bringen. Und uns für Menschen einsetzen würden, die man ins Abseits gestellt, an den Rand gedrängt hat.
Vielleicht denken Sie daran, wenn Sie nächstes Mal eine Sirene hören ...
Sonntag, 18. September 2011
Samstag, 10. September 2011
Predigt zum 11. September über Jesaja 29,17-24
Predigt am 12. Sonntag nach Trinitatis, 11. September 2011 - Jahrestag der Terroranschläge in den USA, unter anderem auf das World Trade Center, 2001, und des Militärputsches in Chile 1973 - über Jesaja 29,17-24:
Wohlan, es ist noch eine kleine Weile, so soll der Libanon fruchtbares Land werden, und was jetzt fruchtbares Land ist, soll wie ein Wald werden. Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen; und die Elenden werden wieder Freude haben am Herrn, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels. Denn es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten, welche die Leute schuldig sprechen vor Gericht und stellen dem nach, der sie zurechtweist im Tor, und beugen durch Lügen das Recht des Unschuldigen.
Darum spricht der Herr, der Abraham erlöst hat, zum Hause Jakob: Jakob soll nicht mehr beschämt dastehen, und sein Antlitz soll nicht mehr erblassen. Denn wenn sie sehen werden die Werke meiner Hände – seine Kinder – in ihrer Mitte, werden sie meinen Namen heiligen; sie werden den Heiligen Jakobs heiligen und den Gott Israels fürchten. Und die, welche irren in ihrem Geist, werden Verstand annehmen, und die, welche murren, werden sich belehren lassen.
Liebe Gemeinde,
ein neuer Tag hat begonnen. Ein besonderer Tag: ein Sonntag. Für die meisten ein freier Tag, an dem sie sich etwas vorgenommen haben oder einfach nur entspannen, mit der Familie ausführlich frühstücken oder, wie Sie, heute Morgen in den Gottesdienst gehen, in Vorfreude auf die Kirche, auf schöne Lieder, eine anregende Predigt. Manche sind schon gespannt auf den Ausgang der Kommunalwahl und werden gleich ihre Stimme abgeben. Manche haben das Programm des heutigen „Tages des offenen Denkmals“ bei sich und planen ihre Tour durch die Stadt. Und mancher feiert heute seinen Geburtstag.
Ein neuer Tag hat begonnen. Ein besonderer Tag. Und doch auch etwas sehr Alltägliches - immerhin gibt es 52 Sonntage im Jahr; gibt es Gewohnheiten, die sich Sonntag für Sonntag gleichen. Und auch ein Geburtstag verliert, je älter man wird, etwas von seiner Bedeutung, ist - zwar nicht normal, aber auch nicht mehr so aufregend, wie man ihn als Kind erlebte.
I
In einer scheinbar endlosen Folge reiht sich ein Tag an den anderen, wie eine Kette. Es gibt einige Höhepunkte - Sonntage, Geburstage, Feste, besondere Ereignisse -, aber auch die verlieren, je älter man wird, ihre Aufgeregtheit, ihren Reiz.
Doch dann wird diese eintönige Folge plötzlich unterbrochen - durch die Diagnose einer Krankheit. Durch einen Unfall. Durch die Nachricht von der Erkrankung, vom Tod eines lieben Menschen. Auf einmal bemerkt man, wie brüchig die Kette der Tage ist, und wie wenig selbstverständlich es ist, dass für das Leben immer sorgenfrei und unbeschwert weitergeht.
„Carpe Diem“ heißt deshalb ein Lebensmotto, „pflücke“ oder „genieße den Tag“ - es könnte der letzte sein, den du unbeschwert genießen kannst.
Die Kette der Tage wird unterbrochen durch Schicksalsschläge wie Krankheit oder Tod. Man steht ihnen ziemlich machtlos gegenüber. Man erschrickt davor, hat Angst davor. Aber letztlich weiß man um die Gefährdung, die Zerbrechlichkeit des Lebens. Man ahnt, dass es in jedem Leben Krankheit, Leid und Verluste gibt - und hofft doch, dass man selbst davon verschont bleibt.
Ganz anders reagiert man auf die unglaublichen Dinge, die Menschen anderen Menschen antun. Wenn Menschen Schicksal spielen und auf grausame Weise in das Leben anderer eingreifen, es verletzen, zerstören. Ist der Einzelfall - der Mord an einem Menschen - schon erschreckend, wird es unfassbar, unvorstellbar, wenn eine große Zahl der Willkür eines Einzelnen oder einer Gruppe zum Opfer fällt. Solche Ereignisse berühren uns alle, und wir vergessen sie nie. Sie verbinden sich mit Orten oder Daten, und wir brauchen nur den Namen dieses Ortes, das Datum zu nennen, um den ganzen Schrecken wieder in Erinnerung zu rufen. Es sind Orte wie Utøya. Ruanda. Srebrenicza. Und es sind Daten wie der heutige 11. September, der für zwei schreckliche Ereignisse steht: Den Terroranschlag auf die USA vor zehn Jahren, bei dem zwei vollbesetzte Passagierflugzeuge in die Türme des World Trade Center gesteuert wurden. Und den Militärputsch in Chile 1973, in dessen Folge unzählige Menschen in Fußballstadien zusammengetrieben wurden, gefoltert wurden und dann ohne eine Spur verschwanden.
II
Das Wissen um das, was Menschen anderen Menschen antun können, macht fassungslos und sprachlos. Und es schürt Misstrauen und Angst. In der Folge der Anschläge des 11. September stand jeder bärtige, arabisch aussehende Mann unter Terrorismusverdacht.
Für mich ist es unerträglich, dass es Menschen wie den Mörder von Utøya gibt. Dass Menschen in der Lage waren, Flugzeuge voller Menschen in ein von Menschen bevölkertes Hochhaus zu steuern. Dass Menschen von der Straße weggeschnappt, gefoltert, ermordet und irgendwo verscharrt wurden, weil sie die falsche Partei gewählt hatten.
Es war schon für den Propheten Jesaja unerträglich. Seine Beispiele menschlicher Willkür beziehen sich nicht auf Verschleppung, Folter oder Mord. Er bezieht sich auf Ungerechtigkeiten, die mancherorts als normal gelten: Menschen werden vor Gericht benachteiligt oder betrogen; Menschen, die die Wahrheit ans Licht bringen, werden verfolgt oder ermordet; Menschen werden durch Tricksereien, durch Übervorteilung, durch das berühmte Kleingedruckte in Verträgen benachteiligt oder um ihr Geld, ihren Besitz gebracht. Bertolt Brecht singt die Ballade von Mackie Messer, der keine Skrupel kennt und über Leichen geht, um sich Gewinn zu verschaffen.
Jesaja prophezeit den damaligen und den heutigen Haifischen unter den Menschen, dass ihre Tage gezählt sind, dass sie vertilgt werden, wie man Unkraut vernichtet. Und man liest diese Prophezeiung mit Genugtuung, man freut sich, dass den Mackie Messern selbst das Messer an die Kehle gesetzt wird und sehnt sich danach, dass alle, die anderen das Leben zur Hölle machen, endlich zum Teufel gejagt werden.
III
„Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen, wie Feuer Reisig entzündet!“ (Jesaja 63,19)
Diesen Seufzer aus dem Buch des Propheten Jesaja stimmen wir manchmal an, wenn wir von den Gräueltaten hören, die Menschen verübten. Und wünschten, Gott würde mit eiserner Faust dreinschlagen und diese unfassbaren Verbrechen vergelten und sühnen.
Aber Gott haut nicht mit der Faust auf den Tisch, Gott fährt nicht drein.
Deshalb müssen wir, muss der Staat mit allen Mitteln seine Bürger vor solchen Verbrechern schützen und mit der ganzen Härte des Gesetzes bestrafen. Wer Menschen so unvorstellbare Grausamkeiten antut, der verdient, dass man ihm mit der gleichen Härte begegnet.
Warum aber tut Gott nichts?
Es lässt ihn doch nicht kalt, was den Menschen, die er liebt, angetan wird. Da lassen die Drohungen des Propheten Jesaja gegen die Tyrannen nichts an Deutlichkeit zu wünschen übrig. Doch werden sich schon damals die Tyrannen ins Fäustchen gelacht und die Drohungen in den Wind geschlagen haben. Denn es sind ja nur Worte - Worte eines Propheten, der an der Ungerechtigkeit verzweifelt, der in seiner Ohnmacht den Willen und die Macht Gottes beschwört
- und damit doch nichts bewegen kann.
Was ist mit diesen Drohungen? Was ist mit dem Zorn Gottes?
Dazu erzählt der Talmud eine Geschichte:
In der Gegend von Rabbi Meir wohnten Verbrecher, die ihm viel zusetzten. Rabbi Meir betete daher, dass sie sterben mögen.
Seine Frau Beruriah hörte das mit an. Dann sprach sie zu ihm: „Wie kannst du nur vermuten, dass ein solches Gebet erlaubt wäre? Etwa weil es im Psalm heißt: „Mögen die Sünder von der Erde verschwinden“? Aber das Wort, das du als „Sünder“ liest, kann auch als „Sünden“ gelesen werden. Und sieh dir den zweiten Teil des Verses an: „Und mögen die Frevler nicht mehr sein“. Das bedeutet, dass es, wenn es keine Sünden mehr gibt, auch keine Frevler mehr geben wird. Du sollst also dafür beten, dass diese Menschen Buße tun. Dann wird es keine Frevler mehr geben.“
Rabbi Meir tat es, und die Verbrecher taten Buße.
Beruriah, die Frau des Rabbis, vertritt Gottes Standpunkt. Gegen den verständlichen Wunsch des Menschen nach Rache, nach Strafe, nach Vernichtung derer, die das Leben anderer bedrohen und vernichten, setzt sie das Bemühen Gottes um das Leben - selbst dieser Menschen. Sie klaubt in den Worten, sie dreht die Buchstaben der Bibel hin und her, weil Gott kein Mörder, sondern ein Bewahrer des Lebens ist.
IV
Beruriah bemüht sich mit Gott um die Tyrannen - und die Tyrannen lachen.
Sie betrinken sich am Wein, den sie anderen geraubt haben, und sehen nicht die Schrift an der Wand. Die Schrift, die ihr Ende ankündigt:
„es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten, welche die Leute schuldig sprechen vor Gericht und stellen dem nach, der sie zurechtweist im Tor, und beugen durch Lügen das Recht des Unschuldigen“.
Es ist kein Ende, wie sie es ihren Feinden bereiten. Gott mordet nicht. Gottes Macht zeigt sich nicht in schmelzenden Bergen, im Feuer, das vom Himmel fällt, im grellen Blitz, der alles vernichtet. Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig. „Wenn sie sehen werden die Werke meiner Hände – seine Kinder – in ihrer Mitte, werden sie meinen Namen heiligen.“
Und wieder lachen die Tyrannen. Kinder - wie sollen die ihnen gefährlich werden können.
Kinder - das waren auch die Tyrannen einmal. Kleine, schwache, ängstliche, liebenswerte Kinder. Gott weiß das. Weil Gott nicht vergessen hat, dass auch die Tyrannen einmal Kinder waren, darum lässt er sie am Leben. Darum will er nicht ihren Tod, sondern ihre Umkehr. Darum bemüht er sich um sie.
Wir können das nicht. So, wie wir nach Gottes Willen keine Rache an den Mördern nehmen sollen, so können wir aber auch nicht vergessen, was sie getan haben. Und dürfen es auch nicht vergessen, um derer willen, die ihnen zum Opfer fielen.
V
Ein neuer Tag hat begonnen. Ein besonderer Tag: der Tag, an dem „die, welche irren in ihrem Geist, Verstand annehmen, und die, welche murren, sich belehren lassen.“ Heute ist dieser Tag. Heute, wo wir dieses Wort hören. Wo es uns zu Herzen geht und von seiner Wahrheit überzeugt. Das Wort, auf die Mauer geschrieben, hat die Tyrannen überdauert. Seit fast 900 Generationen gibt es Menschen Hoffnung, dass es mit den Tyrannen aus ist.
Und tatsächlich: Wer sich dieses Wort zu Herzen nimmt, kann kein Tyrann mehr sein.
In uns allen liegt die Möglichkeit zur Gemeinheit. Zur Ungerechtigkeit. Zum Jähzorn und zum Hass. Jede und jeder von uns ist in der Lage, anderen Menschen weh zu tun, körperlich, oder seelisch, und ihnen das Leben zur Hölle zu machen.
Aber wenn wir an die Kinder in unserer Mitte denken, wenn wir uns daran erinnern, dass wir selbst einmal Kinder waren, und wenn wir an die vielen Menschen denken, die den Tyrannen zum Opfer fielen: Dann wollen wir keine Tyrannen sein, sondern solche, die an das Gute im Menschen glauben. Die für Gerechtigkeit eintreten - nicht nur für unsere Freundinnen und Freunde, sondern auch für die, denen wir misstrauen, die wir nicht mögen.
Wir vertrauen der Verheißung, die Jesaja uns macht, weil wir an uns selbst erfahren, wie wir von kleinen oder größeren Tyrannen zu - Mitmenschen werden.
Wenn sich die Verheißung Jesajas an uns erfüllt, dann kann sie sich auch an anderen erfüllen. Dann kann der Libanon doch noch ein schöner Garten werden, und der Garten ein Wald, und die Erde ein Ort, der allen Menschen einen Platz zum Leben bietet.
Amen.
Wohlan, es ist noch eine kleine Weile, so soll der Libanon fruchtbares Land werden, und was jetzt fruchtbares Land ist, soll wie ein Wald werden. Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen; und die Elenden werden wieder Freude haben am Herrn, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels. Denn es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten, welche die Leute schuldig sprechen vor Gericht und stellen dem nach, der sie zurechtweist im Tor, und beugen durch Lügen das Recht des Unschuldigen.
Darum spricht der Herr, der Abraham erlöst hat, zum Hause Jakob: Jakob soll nicht mehr beschämt dastehen, und sein Antlitz soll nicht mehr erblassen. Denn wenn sie sehen werden die Werke meiner Hände – seine Kinder – in ihrer Mitte, werden sie meinen Namen heiligen; sie werden den Heiligen Jakobs heiligen und den Gott Israels fürchten. Und die, welche irren in ihrem Geist, werden Verstand annehmen, und die, welche murren, werden sich belehren lassen.
Liebe Gemeinde,
ein neuer Tag hat begonnen. Ein besonderer Tag: ein Sonntag. Für die meisten ein freier Tag, an dem sie sich etwas vorgenommen haben oder einfach nur entspannen, mit der Familie ausführlich frühstücken oder, wie Sie, heute Morgen in den Gottesdienst gehen, in Vorfreude auf die Kirche, auf schöne Lieder, eine anregende Predigt. Manche sind schon gespannt auf den Ausgang der Kommunalwahl und werden gleich ihre Stimme abgeben. Manche haben das Programm des heutigen „Tages des offenen Denkmals“ bei sich und planen ihre Tour durch die Stadt. Und mancher feiert heute seinen Geburtstag.
Ein neuer Tag hat begonnen. Ein besonderer Tag. Und doch auch etwas sehr Alltägliches - immerhin gibt es 52 Sonntage im Jahr; gibt es Gewohnheiten, die sich Sonntag für Sonntag gleichen. Und auch ein Geburtstag verliert, je älter man wird, etwas von seiner Bedeutung, ist - zwar nicht normal, aber auch nicht mehr so aufregend, wie man ihn als Kind erlebte.
I
In einer scheinbar endlosen Folge reiht sich ein Tag an den anderen, wie eine Kette. Es gibt einige Höhepunkte - Sonntage, Geburstage, Feste, besondere Ereignisse -, aber auch die verlieren, je älter man wird, ihre Aufgeregtheit, ihren Reiz.
Doch dann wird diese eintönige Folge plötzlich unterbrochen - durch die Diagnose einer Krankheit. Durch einen Unfall. Durch die Nachricht von der Erkrankung, vom Tod eines lieben Menschen. Auf einmal bemerkt man, wie brüchig die Kette der Tage ist, und wie wenig selbstverständlich es ist, dass für das Leben immer sorgenfrei und unbeschwert weitergeht.
„Carpe Diem“ heißt deshalb ein Lebensmotto, „pflücke“ oder „genieße den Tag“ - es könnte der letzte sein, den du unbeschwert genießen kannst.
Die Kette der Tage wird unterbrochen durch Schicksalsschläge wie Krankheit oder Tod. Man steht ihnen ziemlich machtlos gegenüber. Man erschrickt davor, hat Angst davor. Aber letztlich weiß man um die Gefährdung, die Zerbrechlichkeit des Lebens. Man ahnt, dass es in jedem Leben Krankheit, Leid und Verluste gibt - und hofft doch, dass man selbst davon verschont bleibt.
Ganz anders reagiert man auf die unglaublichen Dinge, die Menschen anderen Menschen antun. Wenn Menschen Schicksal spielen und auf grausame Weise in das Leben anderer eingreifen, es verletzen, zerstören. Ist der Einzelfall - der Mord an einem Menschen - schon erschreckend, wird es unfassbar, unvorstellbar, wenn eine große Zahl der Willkür eines Einzelnen oder einer Gruppe zum Opfer fällt. Solche Ereignisse berühren uns alle, und wir vergessen sie nie. Sie verbinden sich mit Orten oder Daten, und wir brauchen nur den Namen dieses Ortes, das Datum zu nennen, um den ganzen Schrecken wieder in Erinnerung zu rufen. Es sind Orte wie Utøya. Ruanda. Srebrenicza. Und es sind Daten wie der heutige 11. September, der für zwei schreckliche Ereignisse steht: Den Terroranschlag auf die USA vor zehn Jahren, bei dem zwei vollbesetzte Passagierflugzeuge in die Türme des World Trade Center gesteuert wurden. Und den Militärputsch in Chile 1973, in dessen Folge unzählige Menschen in Fußballstadien zusammengetrieben wurden, gefoltert wurden und dann ohne eine Spur verschwanden.
II
Das Wissen um das, was Menschen anderen Menschen antun können, macht fassungslos und sprachlos. Und es schürt Misstrauen und Angst. In der Folge der Anschläge des 11. September stand jeder bärtige, arabisch aussehende Mann unter Terrorismusverdacht.
Für mich ist es unerträglich, dass es Menschen wie den Mörder von Utøya gibt. Dass Menschen in der Lage waren, Flugzeuge voller Menschen in ein von Menschen bevölkertes Hochhaus zu steuern. Dass Menschen von der Straße weggeschnappt, gefoltert, ermordet und irgendwo verscharrt wurden, weil sie die falsche Partei gewählt hatten.
Es war schon für den Propheten Jesaja unerträglich. Seine Beispiele menschlicher Willkür beziehen sich nicht auf Verschleppung, Folter oder Mord. Er bezieht sich auf Ungerechtigkeiten, die mancherorts als normal gelten: Menschen werden vor Gericht benachteiligt oder betrogen; Menschen, die die Wahrheit ans Licht bringen, werden verfolgt oder ermordet; Menschen werden durch Tricksereien, durch Übervorteilung, durch das berühmte Kleingedruckte in Verträgen benachteiligt oder um ihr Geld, ihren Besitz gebracht. Bertolt Brecht singt die Ballade von Mackie Messer, der keine Skrupel kennt und über Leichen geht, um sich Gewinn zu verschaffen.
Jesaja prophezeit den damaligen und den heutigen Haifischen unter den Menschen, dass ihre Tage gezählt sind, dass sie vertilgt werden, wie man Unkraut vernichtet. Und man liest diese Prophezeiung mit Genugtuung, man freut sich, dass den Mackie Messern selbst das Messer an die Kehle gesetzt wird und sehnt sich danach, dass alle, die anderen das Leben zur Hölle machen, endlich zum Teufel gejagt werden.
III
„Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen, wie Feuer Reisig entzündet!“ (Jesaja 63,19)
Diesen Seufzer aus dem Buch des Propheten Jesaja stimmen wir manchmal an, wenn wir von den Gräueltaten hören, die Menschen verübten. Und wünschten, Gott würde mit eiserner Faust dreinschlagen und diese unfassbaren Verbrechen vergelten und sühnen.
Aber Gott haut nicht mit der Faust auf den Tisch, Gott fährt nicht drein.
Deshalb müssen wir, muss der Staat mit allen Mitteln seine Bürger vor solchen Verbrechern schützen und mit der ganzen Härte des Gesetzes bestrafen. Wer Menschen so unvorstellbare Grausamkeiten antut, der verdient, dass man ihm mit der gleichen Härte begegnet.
Warum aber tut Gott nichts?
Es lässt ihn doch nicht kalt, was den Menschen, die er liebt, angetan wird. Da lassen die Drohungen des Propheten Jesaja gegen die Tyrannen nichts an Deutlichkeit zu wünschen übrig. Doch werden sich schon damals die Tyrannen ins Fäustchen gelacht und die Drohungen in den Wind geschlagen haben. Denn es sind ja nur Worte - Worte eines Propheten, der an der Ungerechtigkeit verzweifelt, der in seiner Ohnmacht den Willen und die Macht Gottes beschwört
- und damit doch nichts bewegen kann.
Was ist mit diesen Drohungen? Was ist mit dem Zorn Gottes?
Dazu erzählt der Talmud eine Geschichte:
In der Gegend von Rabbi Meir wohnten Verbrecher, die ihm viel zusetzten. Rabbi Meir betete daher, dass sie sterben mögen.
Seine Frau Beruriah hörte das mit an. Dann sprach sie zu ihm: „Wie kannst du nur vermuten, dass ein solches Gebet erlaubt wäre? Etwa weil es im Psalm heißt: „Mögen die Sünder von der Erde verschwinden“? Aber das Wort, das du als „Sünder“ liest, kann auch als „Sünden“ gelesen werden. Und sieh dir den zweiten Teil des Verses an: „Und mögen die Frevler nicht mehr sein“. Das bedeutet, dass es, wenn es keine Sünden mehr gibt, auch keine Frevler mehr geben wird. Du sollst also dafür beten, dass diese Menschen Buße tun. Dann wird es keine Frevler mehr geben.“
Rabbi Meir tat es, und die Verbrecher taten Buße.
Beruriah, die Frau des Rabbis, vertritt Gottes Standpunkt. Gegen den verständlichen Wunsch des Menschen nach Rache, nach Strafe, nach Vernichtung derer, die das Leben anderer bedrohen und vernichten, setzt sie das Bemühen Gottes um das Leben - selbst dieser Menschen. Sie klaubt in den Worten, sie dreht die Buchstaben der Bibel hin und her, weil Gott kein Mörder, sondern ein Bewahrer des Lebens ist.
IV
Beruriah bemüht sich mit Gott um die Tyrannen - und die Tyrannen lachen.
Sie betrinken sich am Wein, den sie anderen geraubt haben, und sehen nicht die Schrift an der Wand. Die Schrift, die ihr Ende ankündigt:
„es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten, welche die Leute schuldig sprechen vor Gericht und stellen dem nach, der sie zurechtweist im Tor, und beugen durch Lügen das Recht des Unschuldigen“.
Es ist kein Ende, wie sie es ihren Feinden bereiten. Gott mordet nicht. Gottes Macht zeigt sich nicht in schmelzenden Bergen, im Feuer, das vom Himmel fällt, im grellen Blitz, der alles vernichtet. Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig. „Wenn sie sehen werden die Werke meiner Hände – seine Kinder – in ihrer Mitte, werden sie meinen Namen heiligen.“
Und wieder lachen die Tyrannen. Kinder - wie sollen die ihnen gefährlich werden können.
Kinder - das waren auch die Tyrannen einmal. Kleine, schwache, ängstliche, liebenswerte Kinder. Gott weiß das. Weil Gott nicht vergessen hat, dass auch die Tyrannen einmal Kinder waren, darum lässt er sie am Leben. Darum will er nicht ihren Tod, sondern ihre Umkehr. Darum bemüht er sich um sie.
Wir können das nicht. So, wie wir nach Gottes Willen keine Rache an den Mördern nehmen sollen, so können wir aber auch nicht vergessen, was sie getan haben. Und dürfen es auch nicht vergessen, um derer willen, die ihnen zum Opfer fielen.
V
Ein neuer Tag hat begonnen. Ein besonderer Tag: der Tag, an dem „die, welche irren in ihrem Geist, Verstand annehmen, und die, welche murren, sich belehren lassen.“ Heute ist dieser Tag. Heute, wo wir dieses Wort hören. Wo es uns zu Herzen geht und von seiner Wahrheit überzeugt. Das Wort, auf die Mauer geschrieben, hat die Tyrannen überdauert. Seit fast 900 Generationen gibt es Menschen Hoffnung, dass es mit den Tyrannen aus ist.
Und tatsächlich: Wer sich dieses Wort zu Herzen nimmt, kann kein Tyrann mehr sein.
In uns allen liegt die Möglichkeit zur Gemeinheit. Zur Ungerechtigkeit. Zum Jähzorn und zum Hass. Jede und jeder von uns ist in der Lage, anderen Menschen weh zu tun, körperlich, oder seelisch, und ihnen das Leben zur Hölle zu machen.
Aber wenn wir an die Kinder in unserer Mitte denken, wenn wir uns daran erinnern, dass wir selbst einmal Kinder waren, und wenn wir an die vielen Menschen denken, die den Tyrannen zum Opfer fielen: Dann wollen wir keine Tyrannen sein, sondern solche, die an das Gute im Menschen glauben. Die für Gerechtigkeit eintreten - nicht nur für unsere Freundinnen und Freunde, sondern auch für die, denen wir misstrauen, die wir nicht mögen.
Wir vertrauen der Verheißung, die Jesaja uns macht, weil wir an uns selbst erfahren, wie wir von kleinen oder größeren Tyrannen zu - Mitmenschen werden.
Wenn sich die Verheißung Jesajas an uns erfüllt, dann kann sie sich auch an anderen erfüllen. Dann kann der Libanon doch noch ein schöner Garten werden, und der Garten ein Wald, und die Erde ein Ort, der allen Menschen einen Platz zum Leben bietet.
Amen.
Montag, 5. September 2011
A wedding sermon on Matthew 19:26
Wedding-Sermon on Matthew 19:26 "With God everything is possible".
I removed the names of the couple and the city and country they met to protect their privacy.
But I can reveal that someone put 42,- Euros in the collect - you'll see, why.
Dear Y, dear Z,
dear relatives and friends,
if we look at our life, we have the notion we „made“ it.
Our mothers gave birth to us,
our parents brought us up,
supported us, helped us discover and develop our talents.
But at a certain age or stage we start to take over from them.
We decide not to take piano lessons any more.
We decide that math is fun and history is boring.
We find friends which influence us,
develop a style, like a certain kind of music and so on.
And one day we find out what we'd like to be,
we'd study, lets say, biology.
We meet someone we really like,
someone who is very special, we fall in love, we marry.
We find a good job we're satisfied with,
we have a flat, or a house and a garden, and so on ...
If we look back at our life it often seems to us,
that we made all these steps deliberately.
They were all our decisions.
We „made“ our life.
So it seems.
But I think, quite the opposite is the case.
In truth, we don't make our life so much
as we are kind of „made by life“.
Chances develop, possibillities emerge
that we didn't think of before,
and as they stand before us,
they seem quite interesting,
or we just fancy that idea, and we do it.
There's a book by Douglas Adams,
"The hitch-hikers guide to the galaxy".
I don't know if you know it,
it surely is not a must-read,
anyway,
in these book the two main characters
are thrown out of a starship into outer space.
And as space is so incredible vast and empty,
the chance that they get rescued is, as the book states it,
two to the power of two hundred and sixty-seven thousand seven hundred and nine to one against,
which, by coincidence, is also a telephone number
of an Islington flat.
Considering this number (and the facts),
it's impossible that these two get rescued.
But the book says, no, it's not impossible,
it's just very, very improbable.
There is an ever so tiny possibility.
And so they get rescued - and the book continues.
The chance, that two people meet
who are meant for each other,
is not as low as two to the power of two hundred and sixty-seven thousand seven hundred and nine to one against.
But it's still so little that we often consider it as „coincidence“ or „luck“ when it happens.
For example, who would have thought
that a student, newly arrived at M
and overwhelmed by the city
and quite at her wits end where to stay and how to find friends, sitting in the office of a professor who's out for lunch
and who allowed her to use his computer
to finally contact her parents and friends
and who is quite irritated, to say the least,
about a young man popping in on search of this professor - who would have thought that this student
and this young man would sit together today
in the minster of Riddagshausen?
The fact that you do is very, very improbable.
Some might say: Coincidence.
Others, with a more fatalistic concept of life, might say: Destiny.
You say:
With God everything is possible.
Of these three I find yours is the most charming concept.
Life often is disappointing.
Thinks don't work out as they should,
as we expected them to work out.
We don't always get what we want
or what we think we deserved.
We get hurt - in a physical way,
and also hurt by people we thought were friends.
If one experiences this,
one can get the feeling of life as a malicious power
that stands against him.
But you don't regard the deficiencies,
you see the possibilities life offers to you.
For you, a glass is not half empty, it's half full.
That's a very special gift of yours.
And it sure is more than an attitude.
You don't get to see life that way by thinking about it.
But by experiencing that there are often, if not always
people who mean well.
Who are helpful.
Who prove themselves as friends.
Like that young man that popped into the professor's office.
He proved extremely helpful to the student
by helping her find a room,
by introducing her to his friends,
by showing her the beauty of M,
introducing her to the way of life in his home country.
You two got friends, you fell in love,
and now, after all, you're here,
at a very improbable, but also a very perfect spot.
With God everything is possible.
God reaches out to us through people who mean well,
who are helpful and friendly.
Those who were and are such people in your life
are gathered here today.
God unites us in spite of all differences in denomination or religion,
and so gives us the chance to offer each other possibilities. Mistakes are being made,
plans have to be altered,
work has to be re-done.
That's annoying.
Exhausting.
Disappointing.
You say: it's a possibility.
And this helps you see the advantages of a new situation,
it helps you see the chances it offers, the beauty.
It makes you feel Gods presence in your life.
And by the way you look at life,
you change the views and opinions of others.
You help them see what you see:
The possibilities. The beauty.
My wish for you is that you may always look at life that way.
And that you always look at each other that way.
That you may see not so much each other's mistakes,
but each other's possibilities,
not so much the flaws and failures,
but each other's beauty.
I wish you that the love of you family
and the help and sympathy of your friends
may accompany you on your path of life together
and that you always feel confident:
With God everything is possible.
Amen.
I removed the names of the couple and the city and country they met to protect their privacy.
But I can reveal that someone put 42,- Euros in the collect - you'll see, why.
Dear Y, dear Z,
dear relatives and friends,
if we look at our life, we have the notion we „made“ it.
Our mothers gave birth to us,
our parents brought us up,
supported us, helped us discover and develop our talents.
But at a certain age or stage we start to take over from them.
We decide not to take piano lessons any more.
We decide that math is fun and history is boring.
We find friends which influence us,
develop a style, like a certain kind of music and so on.
And one day we find out what we'd like to be,
we'd study, lets say, biology.
We meet someone we really like,
someone who is very special, we fall in love, we marry.
We find a good job we're satisfied with,
we have a flat, or a house and a garden, and so on ...
If we look back at our life it often seems to us,
that we made all these steps deliberately.
They were all our decisions.
We „made“ our life.
So it seems.
But I think, quite the opposite is the case.
In truth, we don't make our life so much
as we are kind of „made by life“.
Chances develop, possibillities emerge
that we didn't think of before,
and as they stand before us,
they seem quite interesting,
or we just fancy that idea, and we do it.
There's a book by Douglas Adams,
"The hitch-hikers guide to the galaxy".
I don't know if you know it,
it surely is not a must-read,
anyway,
in these book the two main characters
are thrown out of a starship into outer space.
And as space is so incredible vast and empty,
the chance that they get rescued is, as the book states it,
two to the power of two hundred and sixty-seven thousand seven hundred and nine to one against,
which, by coincidence, is also a telephone number
of an Islington flat.
Considering this number (and the facts),
it's impossible that these two get rescued.
But the book says, no, it's not impossible,
it's just very, very improbable.
There is an ever so tiny possibility.
And so they get rescued - and the book continues.
The chance, that two people meet
who are meant for each other,
is not as low as two to the power of two hundred and sixty-seven thousand seven hundred and nine to one against.
But it's still so little that we often consider it as „coincidence“ or „luck“ when it happens.
For example, who would have thought
that a student, newly arrived at M
and overwhelmed by the city
and quite at her wits end where to stay and how to find friends, sitting in the office of a professor who's out for lunch
and who allowed her to use his computer
to finally contact her parents and friends
and who is quite irritated, to say the least,
about a young man popping in on search of this professor - who would have thought that this student
and this young man would sit together today
in the minster of Riddagshausen?
The fact that you do is very, very improbable.
Some might say: Coincidence.
Others, with a more fatalistic concept of life, might say: Destiny.
You say:
With God everything is possible.
Of these three I find yours is the most charming concept.
Life often is disappointing.
Thinks don't work out as they should,
as we expected them to work out.
We don't always get what we want
or what we think we deserved.
We get hurt - in a physical way,
and also hurt by people we thought were friends.
If one experiences this,
one can get the feeling of life as a malicious power
that stands against him.
But you don't regard the deficiencies,
you see the possibilities life offers to you.
For you, a glass is not half empty, it's half full.
That's a very special gift of yours.
And it sure is more than an attitude.
You don't get to see life that way by thinking about it.
But by experiencing that there are often, if not always
people who mean well.
Who are helpful.
Who prove themselves as friends.
Like that young man that popped into the professor's office.
He proved extremely helpful to the student
by helping her find a room,
by introducing her to his friends,
by showing her the beauty of M,
introducing her to the way of life in his home country.
You two got friends, you fell in love,
and now, after all, you're here,
at a very improbable, but also a very perfect spot.
With God everything is possible.
God reaches out to us through people who mean well,
who are helpful and friendly.
Those who were and are such people in your life
are gathered here today.
God unites us in spite of all differences in denomination or religion,
and so gives us the chance to offer each other possibilities. Mistakes are being made,
plans have to be altered,
work has to be re-done.
That's annoying.
Exhausting.
Disappointing.
You say: it's a possibility.
And this helps you see the advantages of a new situation,
it helps you see the chances it offers, the beauty.
It makes you feel Gods presence in your life.
And by the way you look at life,
you change the views and opinions of others.
You help them see what you see:
The possibilities. The beauty.
My wish for you is that you may always look at life that way.
And that you always look at each other that way.
That you may see not so much each other's mistakes,
but each other's possibilities,
not so much the flaws and failures,
but each other's beauty.
I wish you that the love of you family
and the help and sympathy of your friends
may accompany you on your path of life together
and that you always feel confident:
With God everything is possible.
Amen.
Samstag, 27. August 2011
Predigt zum Israelsonntag - 28. August 2011
Predigt am 10. Sonntag nach Trinitatis, 28.8.2011, über 2.Mose 19,1-6:
Am ersten Tag des dritten Monats nach dem Auszug der Israeliten aus Ägyptenland, genau auf den Tag, kamen sie in die Wüste Sinai. Denn sie waren ausgezogen von Refidim und kamen in die Wüste Sinai und lagerten sich dort in der Wüste gegenüber dem Berge. Und Mose stieg hinauf zu Gott. Und der Herr rief ihm vom Berge zu und sprach: So sollst du sagen zu dem Hause Jakob und den Israeliten verkündigen: Ihr habt gesehen, was ich mit den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht. Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein. Das sind die Worte, die du den Israeliten sagen sollst.
Liebe Gemeinde,
„Weil ich Jesu Schäflein bin,
freu' ich mich nur immerhin
über meinen guten Hirten,
der mich wohl weiß zu bewirten,
der mich liebet, der mich kennt
und bei meinem Namen nennt.“
So dichtete die Herrnhuterin Henriette Maria Luise von Hayn.
So kindlich, so betulich dieses Lied erscheint, so deutlich spricht es eine Gewissheit aus, die zu den elementaren Grundlagen des Glaubens gehört: dass ich „Jesu Schäflein bin“, dass ich also zu Jesus gehöre, wie ein Schaf zu seinem Hirten. Als „Schäflein“ Jesu gehöre ich zu einer „Herde“ vieler Schäflein, nämlich zur Gemeinde, und damit gehöre ich zum Volk Gottes. Dem Volk, das im Predigttext ein „heiliges Volk“ genannt wird und im Glaubensbekenntnis „Gemeinschaft der Heiligen“.
Zwar ist es elementar, dass man mit der Taufe zur Gemeinde, zu Gott und damit zu seinem Volk, zur Gemeinschaft der Heiligen gehört, man könnte geradezu sagen: Es ist eine Binsenweisheit, eine Selbstverständlichkeit. Aber es ist keineswegs selbstverständlich, dass man sich selbst dazugehörig fühlt.
I
Wer dazugehört, bestimmen nicht wir. Das bestimmen andere.
Schon im Kindergarten, in der Grundschule entscheiden „die anderen“, ob man mitspielen darf oder nicht. Das setzt sich in der Schule fort: Kleidung oder Herkunft, die Anführer in der Klasse bestimmen, ob man dazugehört. Und es hört mit dem Schulabschluss nicht auf. Das ganze Leben entscheiden andere darüber, wer dazugehört. Überall gibt es Vereine, Gruppen, Clubs. Und selbst wenn man Mitglied ist, bedeutet das noch lange nicht, dass man dazugehört. Die anderen müssen einen mögen, akzeptieren. Man muss Einsatz zeigen, Präsenz, Engagement - sonst ist man bald „draußen“.
Selbst in der Kirchengemeinde wurde und wird oft unterschieden zwischen denen, die mitarbeiten, sich engagieren und „richtig“ zur Gemeinde gehören, und den anderen, die zwar Kirchensteuer zahlen, aber nur ab und an zum Gottesdienst kommen.
Besonders drastische Formen nahm die Frage, wer dazugehört, früher auf dem Dorf an. „Zugezogene“ wurden nicht akzeptiert, wurden wie Aussätzige behandelt und mussten sich Ablehnung und Demütigung gefallen lassen. Es half nichts, dass sie wohlhabend, erfolgreich, einflussreich waren oder sich um die Allgemeinheit verdient machten. Bis heute wird der kleine, aber feine Unterschied bemerkt und festgehalten, wer „von hier“ ist, und wer ein Zugezogener.
Am schlimmsten aber traf es zu allen Zeiten die Juden, das Volk Gottes, von dem im Predigttext die Rede ist. Sie waren Mitbürger - und dennoch Menschen zweiter Klasse. Sie wohnten im selben Ort, gingen auf die selbe Schule, sprachen die selbe Sprache - und gehörten doch nicht dazu. Viktor Klemperer, der die Schreckenszeit der Naziherrschaft in seinen Tagebüchern fest hielt, konnte es nicht fassen und begreifen, dass er, der in Deutschland geboren war, der für sein Vaterland im ersten Weltkrieg gekämpft hatte und mit Orden ausgezeichnet worden war, der deutsch sprach, fühlte und dachte, plötzlich allein seines Glaubens wegen nicht mehr Deutscher sein sollte.
Wer dazugehört, bestimmen nicht wir. Das bestimmen andere.
II
Das erlebten auch die ersten Christen. Anfangs spielte sich das, was wir heute „Christentum“ und „Kirche“ nennen, innerhalb der jüdischen Gemeinden ab, in der Synagoge. Die ersten Christen waren Juden und fühlten sich als Juden; es war völlig undenkbar, dass Nichtjuden Christen werden konnten: „Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel“, sagt Jesus (Matthäus 15,24). Aber als die Christen auf Konfrontationskurs mit der römischen Staatsmacht gingen, mussten sich die Juden von ihnen trennen. Die Christen wurden aus der Synagoge ausgeschlossen, aus dem Gottesdienst und aus der Gemeinde - und damit aus dem Volk Gottes.
Gehörten die Christen jetzt noch dazu?
Wie konnten sie überhaupt dazugehören, wenn sie aus dem Judentum ausgeschlossen waren?
Paulus, selbst Jude, fand die Lösung:
„Wenn man von Herzen glaubt und mit dem Munde bekennt, so wird man gerettet.“ (Römer 10,10)
Der Glaube, heißt das, begründet die Zugehörigkeit zum Volk Gottes.
Anders gesagt:
Wer die Zusage Gottes: „Ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein“ im Glauben ergreift, für den gilt sie, und der gehört dazu.
III
Kann man das glauben, wenn einen andere ausgrenzen?
Kann man sich zugehörig fühlen, wenn einem andere die Zugehörigkeit absprechen?
Ist, um noch einmal Paulus sprechen zu lassen, „das Wort dir nahe, in deinem Munde und in deinem Herzen?“ - „Dies ist das Wort vom Glauben, das wir predigen.“ (Römer 10,8)
Das Wort, um das es hier geht, ist das Wort Gottes, die Zusage „ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein“.
Gilt das auch für mich? Und wie kann ich das wissen, wie kann mir dieses Wort nahe kommen, nahe sein? - Gerade dann nahe kommen und nahe sein, wenn andere mich deutlich spüren lassen, dass ich nicht erwünscht, dass ich ausgeschlossen bin?
Es ist mir unbegreiflich, wie die christlichen Kirchen in der Nazizeit sich von ihren jüdischen Schwestern und Brüdern abwenden, sie derart im Stich lassen, denunzieren und ans Messer liefern konnten. Es ist unbegreiflich, wie die christliche Kirche Jesus als blonden, blauäugigen „Arier“ darstellen und so gründlich verdrängen und vergessen konnte, dass er Jude war.
Jeder hat wohl schon die Erfahrung machen müssen, dass es in Gruppen oft nicht um die Sache geht, sondern um Sympathien. Dass man sich als Gruppe von anderen abgrenzt, unterscheidet zwischen „uns“ und „denen“, wobei „wir“ natürlich besser sind als „die“. Die Zugehörigkeit, der Stallgeruch ist oft wichtiger als Fähigkeiten oder Leistungen.
Und andersherum: Wer dazugehören will, muss ein „Freund“ sein, muss sich duzen, muss andere mögen und gemocht werden. Es genügt nicht, dass das Engagement um eine gemeinsame Sache verbindet, es müssen andere Bindungen gesucht und geschaffen werden. „Blut ist dicker als Wasser“, heißt es, und das gilt nicht nur für Familien. Auch Gruppen suchen oft nach familiären Strukturen, nach einem Zusammenhalt, der manchmal in die bedrohliche Nähe zum Kadavergehorsam gerät. Wer dann nicht für die Gruppe ist, ist gegen sie. Wer sich dann eine andere Meinung, gar Kritik erlaubt, wird als Nestbeschmutzer gebrandmarkt. Wer sich nicht an die Spielregeln der Gruppe halten will oder halten kann, fliegt raus.
IV
„Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern“. Um zum Volk Gottes, um zur Gemeinde zu gehören, braucht es keine Sympathien. Man muss sich nicht duzen. Man muss sich nicht einmal mögen. Es ist schließlich nicht irgend jemandes Stimme, der man gehorchen muss; es ist Gottes Stimme. Keine Satzung, keine Geschäftsordnung, keine Regel bildet das Volk Gottes, die Gemeinde, und hält sie zusammen, sondern Gottes Bund mit uns Menschen. Das Zeichen dieses Bundes ist für uns Christen die Taufe.
Mit anderen Worten: Wer glaubt und getauft ist, gehört zur Gemeinde. Weiter ist nichts nötig.
Sie alle gehören dazu. Zu dieser Gemeinde. Weil Sie hier sind. Weil wir gemeinsam Gemeinde sind. Es spielt keine Rolle, welcher Partei Sie angehören. Wo Sie wohnen. Welche Nationalität, Schuhgröße, welches Geschlecht und welchen Intelligenzquotienten Sie haben. Es spielt nicht nur keine Rolle. Es ist so unwichtig wie nur irgendwas.
Und darum kräht auch hier, in der Klosterkirche niemand danach, ob Sie Riddagshäuser sind oder nicht. Ganz egal, was andere sagen oder meinen.
V
„Das Wort ist dir nahe, in deinem Munde und in deinem Herzen. Dies ist das Wort vom Glauben, das wir predigen.“ Das Wort, das uns zusagt: Du gehörst dazu, ist uns ganz nahe. Wir können es in der Bibel lesen, und wir spüren, dass es wahr ist. Und dennoch kann es sein, dass es unendlich schwierig ist, dieses Wort auch gelten zu lassen. Denn leider können wir uns das Wort nicht selbst sagen. Um es wirklich glauben zu können, muss es uns ein anderer sagen. Ein anderer muss uns sagen: Du gehörst dazu. Du bist nicht weniger wert als wir. Wir respektieren und akzeptieren dich, und du musst uns dafür keinen Gefallen tun.
Deshalb muss das Wort gepredigt werden. Nicht nur heute, nicht nur von mir und nicht nur von dieser Kanzel. Wir alle sind in der Lage, eine solche Predigt zu halten. Indem wir Menschen einschließen, nicht ausschließen. Indem wir Menschen sein lassen, statt von ihnen zu verlangen, sie sollten sich uns anpassen. Indem wir nicht unterscheiden zwischen „wir“ und „ihr“, „innen“ und „außen“, sondern die Türen öffnen und hereinlassen, wer zu uns kommen will. „Porta patet - cor magis“, war der Leitspruch der Zisterzienser, „Die Tür steht offen - und mehr noch das Herz.“
Amen.
Am ersten Tag des dritten Monats nach dem Auszug der Israeliten aus Ägyptenland, genau auf den Tag, kamen sie in die Wüste Sinai. Denn sie waren ausgezogen von Refidim und kamen in die Wüste Sinai und lagerten sich dort in der Wüste gegenüber dem Berge. Und Mose stieg hinauf zu Gott. Und der Herr rief ihm vom Berge zu und sprach: So sollst du sagen zu dem Hause Jakob und den Israeliten verkündigen: Ihr habt gesehen, was ich mit den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht. Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein. Das sind die Worte, die du den Israeliten sagen sollst.
Liebe Gemeinde,
„Weil ich Jesu Schäflein bin,
freu' ich mich nur immerhin
über meinen guten Hirten,
der mich wohl weiß zu bewirten,
der mich liebet, der mich kennt
und bei meinem Namen nennt.“
So dichtete die Herrnhuterin Henriette Maria Luise von Hayn.
So kindlich, so betulich dieses Lied erscheint, so deutlich spricht es eine Gewissheit aus, die zu den elementaren Grundlagen des Glaubens gehört: dass ich „Jesu Schäflein bin“, dass ich also zu Jesus gehöre, wie ein Schaf zu seinem Hirten. Als „Schäflein“ Jesu gehöre ich zu einer „Herde“ vieler Schäflein, nämlich zur Gemeinde, und damit gehöre ich zum Volk Gottes. Dem Volk, das im Predigttext ein „heiliges Volk“ genannt wird und im Glaubensbekenntnis „Gemeinschaft der Heiligen“.
Zwar ist es elementar, dass man mit der Taufe zur Gemeinde, zu Gott und damit zu seinem Volk, zur Gemeinschaft der Heiligen gehört, man könnte geradezu sagen: Es ist eine Binsenweisheit, eine Selbstverständlichkeit. Aber es ist keineswegs selbstverständlich, dass man sich selbst dazugehörig fühlt.
I
Wer dazugehört, bestimmen nicht wir. Das bestimmen andere.
Schon im Kindergarten, in der Grundschule entscheiden „die anderen“, ob man mitspielen darf oder nicht. Das setzt sich in der Schule fort: Kleidung oder Herkunft, die Anführer in der Klasse bestimmen, ob man dazugehört. Und es hört mit dem Schulabschluss nicht auf. Das ganze Leben entscheiden andere darüber, wer dazugehört. Überall gibt es Vereine, Gruppen, Clubs. Und selbst wenn man Mitglied ist, bedeutet das noch lange nicht, dass man dazugehört. Die anderen müssen einen mögen, akzeptieren. Man muss Einsatz zeigen, Präsenz, Engagement - sonst ist man bald „draußen“.
Selbst in der Kirchengemeinde wurde und wird oft unterschieden zwischen denen, die mitarbeiten, sich engagieren und „richtig“ zur Gemeinde gehören, und den anderen, die zwar Kirchensteuer zahlen, aber nur ab und an zum Gottesdienst kommen.
Besonders drastische Formen nahm die Frage, wer dazugehört, früher auf dem Dorf an. „Zugezogene“ wurden nicht akzeptiert, wurden wie Aussätzige behandelt und mussten sich Ablehnung und Demütigung gefallen lassen. Es half nichts, dass sie wohlhabend, erfolgreich, einflussreich waren oder sich um die Allgemeinheit verdient machten. Bis heute wird der kleine, aber feine Unterschied bemerkt und festgehalten, wer „von hier“ ist, und wer ein Zugezogener.
Am schlimmsten aber traf es zu allen Zeiten die Juden, das Volk Gottes, von dem im Predigttext die Rede ist. Sie waren Mitbürger - und dennoch Menschen zweiter Klasse. Sie wohnten im selben Ort, gingen auf die selbe Schule, sprachen die selbe Sprache - und gehörten doch nicht dazu. Viktor Klemperer, der die Schreckenszeit der Naziherrschaft in seinen Tagebüchern fest hielt, konnte es nicht fassen und begreifen, dass er, der in Deutschland geboren war, der für sein Vaterland im ersten Weltkrieg gekämpft hatte und mit Orden ausgezeichnet worden war, der deutsch sprach, fühlte und dachte, plötzlich allein seines Glaubens wegen nicht mehr Deutscher sein sollte.
Wer dazugehört, bestimmen nicht wir. Das bestimmen andere.
II
Das erlebten auch die ersten Christen. Anfangs spielte sich das, was wir heute „Christentum“ und „Kirche“ nennen, innerhalb der jüdischen Gemeinden ab, in der Synagoge. Die ersten Christen waren Juden und fühlten sich als Juden; es war völlig undenkbar, dass Nichtjuden Christen werden konnten: „Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel“, sagt Jesus (Matthäus 15,24). Aber als die Christen auf Konfrontationskurs mit der römischen Staatsmacht gingen, mussten sich die Juden von ihnen trennen. Die Christen wurden aus der Synagoge ausgeschlossen, aus dem Gottesdienst und aus der Gemeinde - und damit aus dem Volk Gottes.
Gehörten die Christen jetzt noch dazu?
Wie konnten sie überhaupt dazugehören, wenn sie aus dem Judentum ausgeschlossen waren?
Paulus, selbst Jude, fand die Lösung:
„Wenn man von Herzen glaubt und mit dem Munde bekennt, so wird man gerettet.“ (Römer 10,10)
Der Glaube, heißt das, begründet die Zugehörigkeit zum Volk Gottes.
Anders gesagt:
Wer die Zusage Gottes: „Ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein“ im Glauben ergreift, für den gilt sie, und der gehört dazu.
III
Kann man das glauben, wenn einen andere ausgrenzen?
Kann man sich zugehörig fühlen, wenn einem andere die Zugehörigkeit absprechen?
Ist, um noch einmal Paulus sprechen zu lassen, „das Wort dir nahe, in deinem Munde und in deinem Herzen?“ - „Dies ist das Wort vom Glauben, das wir predigen.“ (Römer 10,8)
Das Wort, um das es hier geht, ist das Wort Gottes, die Zusage „ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein“.
Gilt das auch für mich? Und wie kann ich das wissen, wie kann mir dieses Wort nahe kommen, nahe sein? - Gerade dann nahe kommen und nahe sein, wenn andere mich deutlich spüren lassen, dass ich nicht erwünscht, dass ich ausgeschlossen bin?
Es ist mir unbegreiflich, wie die christlichen Kirchen in der Nazizeit sich von ihren jüdischen Schwestern und Brüdern abwenden, sie derart im Stich lassen, denunzieren und ans Messer liefern konnten. Es ist unbegreiflich, wie die christliche Kirche Jesus als blonden, blauäugigen „Arier“ darstellen und so gründlich verdrängen und vergessen konnte, dass er Jude war.
Jeder hat wohl schon die Erfahrung machen müssen, dass es in Gruppen oft nicht um die Sache geht, sondern um Sympathien. Dass man sich als Gruppe von anderen abgrenzt, unterscheidet zwischen „uns“ und „denen“, wobei „wir“ natürlich besser sind als „die“. Die Zugehörigkeit, der Stallgeruch ist oft wichtiger als Fähigkeiten oder Leistungen.
Und andersherum: Wer dazugehören will, muss ein „Freund“ sein, muss sich duzen, muss andere mögen und gemocht werden. Es genügt nicht, dass das Engagement um eine gemeinsame Sache verbindet, es müssen andere Bindungen gesucht und geschaffen werden. „Blut ist dicker als Wasser“, heißt es, und das gilt nicht nur für Familien. Auch Gruppen suchen oft nach familiären Strukturen, nach einem Zusammenhalt, der manchmal in die bedrohliche Nähe zum Kadavergehorsam gerät. Wer dann nicht für die Gruppe ist, ist gegen sie. Wer sich dann eine andere Meinung, gar Kritik erlaubt, wird als Nestbeschmutzer gebrandmarkt. Wer sich nicht an die Spielregeln der Gruppe halten will oder halten kann, fliegt raus.
IV
„Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern“. Um zum Volk Gottes, um zur Gemeinde zu gehören, braucht es keine Sympathien. Man muss sich nicht duzen. Man muss sich nicht einmal mögen. Es ist schließlich nicht irgend jemandes Stimme, der man gehorchen muss; es ist Gottes Stimme. Keine Satzung, keine Geschäftsordnung, keine Regel bildet das Volk Gottes, die Gemeinde, und hält sie zusammen, sondern Gottes Bund mit uns Menschen. Das Zeichen dieses Bundes ist für uns Christen die Taufe.
Mit anderen Worten: Wer glaubt und getauft ist, gehört zur Gemeinde. Weiter ist nichts nötig.
Sie alle gehören dazu. Zu dieser Gemeinde. Weil Sie hier sind. Weil wir gemeinsam Gemeinde sind. Es spielt keine Rolle, welcher Partei Sie angehören. Wo Sie wohnen. Welche Nationalität, Schuhgröße, welches Geschlecht und welchen Intelligenzquotienten Sie haben. Es spielt nicht nur keine Rolle. Es ist so unwichtig wie nur irgendwas.
Und darum kräht auch hier, in der Klosterkirche niemand danach, ob Sie Riddagshäuser sind oder nicht. Ganz egal, was andere sagen oder meinen.
V
„Das Wort ist dir nahe, in deinem Munde und in deinem Herzen. Dies ist das Wort vom Glauben, das wir predigen.“ Das Wort, das uns zusagt: Du gehörst dazu, ist uns ganz nahe. Wir können es in der Bibel lesen, und wir spüren, dass es wahr ist. Und dennoch kann es sein, dass es unendlich schwierig ist, dieses Wort auch gelten zu lassen. Denn leider können wir uns das Wort nicht selbst sagen. Um es wirklich glauben zu können, muss es uns ein anderer sagen. Ein anderer muss uns sagen: Du gehörst dazu. Du bist nicht weniger wert als wir. Wir respektieren und akzeptieren dich, und du musst uns dafür keinen Gefallen tun.
Deshalb muss das Wort gepredigt werden. Nicht nur heute, nicht nur von mir und nicht nur von dieser Kanzel. Wir alle sind in der Lage, eine solche Predigt zu halten. Indem wir Menschen einschließen, nicht ausschließen. Indem wir Menschen sein lassen, statt von ihnen zu verlangen, sie sollten sich uns anpassen. Indem wir nicht unterscheiden zwischen „wir“ und „ihr“, „innen“ und „außen“, sondern die Türen öffnen und hereinlassen, wer zu uns kommen will. „Porta patet - cor magis“, war der Leitspruch der Zisterzienser, „Die Tür steht offen - und mehr noch das Herz.“
Amen.
Sonntag, 21. August 2011
Schaffe, schaffe, Häusle baue - Predigt über Matthäus 7,24-27
Predigt am 9. Sonntag nach Trinitatis, 21. August 2011, über Matthäus 7,24-27:
Jesus sprach: Wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, fiel es doch nicht ein; denn es war auf Fels gegründet. Und wer diese meine Rede hört und tut sie nicht, der gleicht einem törichten Mann, der sein Haus auf Sand baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, da fiel es ein, und sein Fall war groß.
Liebe Gemeinde,
„schaffe, schaffe, Häusle baue“ - die Schwaben, heißt es, seien fleißige Leute. Darum fällt einem als erstes dieser Satz ein, wenn es um die Schwaben geht: Schaffe, schaffe, Häusle baue.
Aber nicht nur die Schwaben legen wert auf ein eigenes Häuschen. Ein eigenes Haus - davon träumt wohl jede und jeder im Laufe des Lebens. Wo immer ich ein leerstehendes Haus entdecke, bleibe ich stehen und überlege mir, ob man es renovieren könnte und wie es wäre, dort zu wohnen. Andere gehen durch die Neubauviertel spazieren, um sich die neuesten Häusermodelle anzusehen. Und wieder andere gestalten ihr Eigenheim, haben gerade gebaut oder sind dabei, zu bauen.
Fast jeder Mensch träumt vom „Häusle baue“, und viele setzen diesen Traum in die Tat um. Dafür nimmt man viele Entbehrungen, viel Arbeit, hohe Schulden auf sich. Es ist schließlich ein Lebenstraum. Das Haus, neben der Haut und der Kleidung unsere dritte Hülle, verkörpert einen wichtigen Teil unseres Lebens - es ist ein wichtiger Teil unseres Lebens. Entsprechend stolz ist man auf das eigene Heim, wenn es erst einmal fertig ist.
Kein Wunder, dass man auf das Haus sehr viel Zeit, Geld, sehr viel Nachdenken und Sorgfalt verwendet. Darum käme niemand, der ein Haus bauen will, auf die Idee, es auf Sand zu bauen. Weder beim Fundament des Hauses noch bei seiner Finanzierung darf etwas wackeln.
Das Gleichnis, das Jesus erzählt, erscheint beim ersten Hören deshalb irgendwie banal: Wer ein Haus baut, verwendet selbstverständlich größte Sorgfalt auf sein Fundament, auf seine Qualität. Kein vernünftiger Mensch käme auf die Idee, sein Haus auf Sand zu bauen.
II
„Das einzige Haus, das ich je zuvor besessen hatte, war ... ein Zelt, das ich gelegentlich benützte, wenn ich im Sommer Ausflüge machte, und das noch zusammengerollt auf meinem Speicher liegt“, schrieb der amerikanische Philosoph Henry David Thoreau, bevor er seine Holzhütte am Walden-Teich errichtete.
Im Bilderbuch „Petterson zeltet“ entdeckt Findus, der Kater des alten Petterson, dessen Zelt auf dem Dachboden, und der alte Petterson erinnert sich, wie er früher, als er jung war, auf dem Fjell gezeltet hat, und wie schön und aufregend das war.
Das Zelt hat für uns, die wir keine Nomaden sind, keine Beduinen und keine Indianer, etwas Provisorisches - und zugleich den Geruch von Freiheit und Abenteuer. Als Kind oder Jugendlicher zeltet man, des Abenteuers wegen, um einmal die Nacht, den Wind und den Regen hautnah zu erleben - manchmal wird er allerdings zu hautnah. Die Protestierenden auf dem Tahrir-Platz in Kairo und am Rothschild-Boulevard in Tel Aviv zelten. Aber nur zur Not, um besondere Aufmerksamkeit zu erregen, aus Protest.
Ab einem bestimmten Alter übernachtet man nicht mehr im Zelt, sondern logiert in festen Häusern. Das hat nicht nur mit dem Komfort zu tun, den man ab diesem bestimmten Alter braucht, vor allem, was die Schlafstelle angeht, und den ein Zelt nun einmal nicht bieten kann. Ein Zelt ist etwas Provisorisches, nur gerade gut genug, eine kurze Zeit vor Wind und Wetter zu schützen. Lange hält man es dort nicht aus, erst recht nicht, wenn es stürmisch, regnerisch oder gar kalt ist.
Aber das Provisorische hat auch seine Vorteile. Als ich von zuhause auszog, um das Studium zu beginnen, passte mein Hab und Gut in den Kofferraum eines Autos. Ich hatte wenig Geld - trotz der Unterstützung meiner Eltern immer zuwenig, um genau zu sein. Aber es reichte zum Leben, und ich war glücklich, wenn ich mir auch nichts leisten konnte.
Ein Haus erfüllt nicht nur einen Lebenstraum - es ist auch eine Belastung. Man muss Geld verdienen und sparen, um sich ein Haus leisten zu können. Man muss viel Zeit und Arbeit investieren. Man macht sich immer wieder Sorgen, ob man die Schulden zurückzahlen kann. Ob auch nichts kaputtgeht am Haus. Ob jemand einbricht.
III
Der Traum vom eigenen Heim ist ein Lebenstraum - bestimmt nicht unser einziger. Wir hatten und haben auch andere Träume: Eine große Reise. Ein Leben im Ausland. Etwas schaffen, das Dauer hat. Das Engagement für eine gute Sache, für Menschen in Not, für eine Partei, für die Gemeinde. Mehr Zeit für die Kinder, für die Eltern. Ein anderes Leben - bewusster. Ökologischer. Sinnvoller. Viele unserer Träume drehen sich um uns selbst - was wir erleben, was wir machen oder sein wollen. Es geht um Selbstverwirklichung, um Selbstfindung.
Jesus hat auch Träume gehabt. Er hat von einer anderen Welt geträumt, vom Reich Gottes. Er hat von Gerechtigkeit geträumt für Schwächere, von Heilung für Kranke, von Respekt für die, mit denen andere nichts zu tun haben wollen. Von einer liebevollen Haltung, sogar den Feinden gegenüber. Von Verantwortung für die Mitmenschen. Von Frieden auf Erden. Seine Träume drehen sich um andere - um seine Mitmenschen. Es geht um Nächstenliebe, um Barmherzigkeit.
Sind die Träume Jesu auch unsere Träume?
Oder, anders herum gefragt: Hat man, wenn das Eigenheim der Lebenstraum ist, noch Zeit und Phantasie für andere Träume? Hat man die Mitmenschen noch im Blick, oder wird der Blick verengt auf die eigenen vier Wände, die eigene Familie? Zieht das Haus, zieht der Besitz so sehr an einem, dass man keine Kraft mehr für weitere Schritte hat?
Menschen brauchen, so scheint es, ein Haus, brauchen die eigenen vier Wände, als Basis für weitere Unternehmungen. Der Gedanke, obdachlos zu sein, ist ein schrecklicher, beängstigender Gedanke. Deshalb ist das Fundament des Hauses so wichtig: Damit es Dauer hat und auch Stürmen und anderen Gewalten standhält. Erst, wenn man sein Haus bestellt hat, ist man bereit, auch anderes in Angriff zu nehmen, seine Träume zu verwirklichen.
IV
Jesus träumt von Nächstenliebe und Barmherzigkeit: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft, und deinen Nächsten wie dich selbst.“
Bei uns geraten Gott und die Mitmenschen manchmal aus dem Blick, weil unsere Träume sich zuerst um uns selbst drehen.
Ein Haus bauen - das ist ein Stück Selbstverwirklichung und Lebensgestaltung. Man erfüllt sich einen Traum und hofft, dass man anschließend glücklicher ist. Aber, wenn man ehrlich ist, geht die Rechnung nicht auf. Weder Häuser noch Autos, weder Wissen noch Leistung können uns das Glück geben, das eine simple Begegnung mit einem netten Menschen schenkt; das man durch Zuneigung und Liebe findet, die man verschenkt und die erwidert werden.
Die Hoffnung, durch Besitz, den man sich schafft, auch etwas, auch jemand zu sein, hat auf Sand gebaut. Ein tragfähiges Fundament ist allein das Leben in Beziehungen zu anderen Menschen, nahen und fernen. Besitz ist meistens eine Last, die auch die Beziehungen zu anderen belastet.
Der kluge Mensch ist nach Jesu Worten also nicht der, der sich ein festes Haus aus Stein baut. Sondern eher der, der zur Not im leichten, luftigen Zelt unterwegs ist. Weil das feste, behäbige Haus einen davon abhalten kann, vom Hören des Wortes Jesu zum Tun zu kommen. In den USA, wo es so viele streng gläubige Christen gibt, gibt es auch die größte soziale Ungerechtigkeit. Die Tea-Party-Bewegung - alles gute, gläubige Christen - kämpft mit aller Macht darum, die Steuern für die Wohlhabenden zu senken - und ebenso die Gehälter der Arbeiter und Angestellten. Sie blockiert die allgemeine Gesundheitsversorgung und alle Maßnahmen zum Umweltschutz.
Die Gier nach Besitz und die Angst, ihn zu verlieren, wenn man andere am Wohlstand teilhaben lässt, machen diese Leute blind für die Botschaft Jesu. Sie kämpfen wehement gegen Abtreibung, aber es macht ihnen nichts aus, wenn Menschen auf der Straße leben müssen. Und sie bemerken nicht einmal den Widerspruch in ihrem Handeln.
Bei uns gibt es keine Tea-Party-Bewegung. In unserer Gesellschaft ist die Verantwortung für die Schwächeren zum Glück so tief verwurzelt, dass niemand ernsthaft auf die Idee käme, die Krankenversicherung abzuschaffen, oder die Arbeitslosenunterstützung. Aber auch uns ist in wirtschaftlich schwierigen Zeiten das Hemd näher als die Jacke. Und auch bei uns wird vor allem der etwas, der sich rücksichtslos durchsetzt, der seinen eigenen Vorteil erkennt und wahrt - nicht der, der sich solidarisch mit anderen und rücksichtsvoll verhält.
V
Mancher hat vielleicht noch ein Zelt auf dem Speicher liegen. Vielleicht sollte man es wieder einmal hervorholen und auspacken, am Zeltstoff riechen und sich erinnern an Zeiten, als man viel weniger zum Leben brauchte - und trotzdem ungemein glücklich war.
Wenn es gerecht zugehen soll in der Welt, wenn alle Menschen eine faire Chance bekommen sollen, geht das nur, wenn wir, die wir so viel besitzen, bereit sind, etwas abzugeben. Man muss nicht gleich im Zelt leben. Aber man braucht auch nicht all das, was wir heute zu brauchen meinen.
Wenn wir mit leichtem Gepäck reisen - nicht in jeder Hand einen Koffer, sondern nur einen Rucksack auf den Schultern - können wir einander viel leichter die Hand reichen. Und die Energie, die Zeit und das Geld, die wir sonst ins „Schaffe“ und „Häusle baue“ stecken würden, ist viel besser dort angelegt, wo Hilfe nötig ist. Auf diese Weise bauen wir ein gemeinsames Haus für alle Menschen, auf solidem Fundament. Und kein Sturm, kein Unwetter, nichts wird es umreißen.
Amen.
Jesus sprach: Wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, fiel es doch nicht ein; denn es war auf Fels gegründet. Und wer diese meine Rede hört und tut sie nicht, der gleicht einem törichten Mann, der sein Haus auf Sand baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, da fiel es ein, und sein Fall war groß.
Liebe Gemeinde,
„schaffe, schaffe, Häusle baue“ - die Schwaben, heißt es, seien fleißige Leute. Darum fällt einem als erstes dieser Satz ein, wenn es um die Schwaben geht: Schaffe, schaffe, Häusle baue.
Aber nicht nur die Schwaben legen wert auf ein eigenes Häuschen. Ein eigenes Haus - davon träumt wohl jede und jeder im Laufe des Lebens. Wo immer ich ein leerstehendes Haus entdecke, bleibe ich stehen und überlege mir, ob man es renovieren könnte und wie es wäre, dort zu wohnen. Andere gehen durch die Neubauviertel spazieren, um sich die neuesten Häusermodelle anzusehen. Und wieder andere gestalten ihr Eigenheim, haben gerade gebaut oder sind dabei, zu bauen.
Fast jeder Mensch träumt vom „Häusle baue“, und viele setzen diesen Traum in die Tat um. Dafür nimmt man viele Entbehrungen, viel Arbeit, hohe Schulden auf sich. Es ist schließlich ein Lebenstraum. Das Haus, neben der Haut und der Kleidung unsere dritte Hülle, verkörpert einen wichtigen Teil unseres Lebens - es ist ein wichtiger Teil unseres Lebens. Entsprechend stolz ist man auf das eigene Heim, wenn es erst einmal fertig ist.
Kein Wunder, dass man auf das Haus sehr viel Zeit, Geld, sehr viel Nachdenken und Sorgfalt verwendet. Darum käme niemand, der ein Haus bauen will, auf die Idee, es auf Sand zu bauen. Weder beim Fundament des Hauses noch bei seiner Finanzierung darf etwas wackeln.
Das Gleichnis, das Jesus erzählt, erscheint beim ersten Hören deshalb irgendwie banal: Wer ein Haus baut, verwendet selbstverständlich größte Sorgfalt auf sein Fundament, auf seine Qualität. Kein vernünftiger Mensch käme auf die Idee, sein Haus auf Sand zu bauen.
II
„Das einzige Haus, das ich je zuvor besessen hatte, war ... ein Zelt, das ich gelegentlich benützte, wenn ich im Sommer Ausflüge machte, und das noch zusammengerollt auf meinem Speicher liegt“, schrieb der amerikanische Philosoph Henry David Thoreau, bevor er seine Holzhütte am Walden-Teich errichtete.
Im Bilderbuch „Petterson zeltet“ entdeckt Findus, der Kater des alten Petterson, dessen Zelt auf dem Dachboden, und der alte Petterson erinnert sich, wie er früher, als er jung war, auf dem Fjell gezeltet hat, und wie schön und aufregend das war.
Das Zelt hat für uns, die wir keine Nomaden sind, keine Beduinen und keine Indianer, etwas Provisorisches - und zugleich den Geruch von Freiheit und Abenteuer. Als Kind oder Jugendlicher zeltet man, des Abenteuers wegen, um einmal die Nacht, den Wind und den Regen hautnah zu erleben - manchmal wird er allerdings zu hautnah. Die Protestierenden auf dem Tahrir-Platz in Kairo und am Rothschild-Boulevard in Tel Aviv zelten. Aber nur zur Not, um besondere Aufmerksamkeit zu erregen, aus Protest.
Ab einem bestimmten Alter übernachtet man nicht mehr im Zelt, sondern logiert in festen Häusern. Das hat nicht nur mit dem Komfort zu tun, den man ab diesem bestimmten Alter braucht, vor allem, was die Schlafstelle angeht, und den ein Zelt nun einmal nicht bieten kann. Ein Zelt ist etwas Provisorisches, nur gerade gut genug, eine kurze Zeit vor Wind und Wetter zu schützen. Lange hält man es dort nicht aus, erst recht nicht, wenn es stürmisch, regnerisch oder gar kalt ist.
Aber das Provisorische hat auch seine Vorteile. Als ich von zuhause auszog, um das Studium zu beginnen, passte mein Hab und Gut in den Kofferraum eines Autos. Ich hatte wenig Geld - trotz der Unterstützung meiner Eltern immer zuwenig, um genau zu sein. Aber es reichte zum Leben, und ich war glücklich, wenn ich mir auch nichts leisten konnte.
Ein Haus erfüllt nicht nur einen Lebenstraum - es ist auch eine Belastung. Man muss Geld verdienen und sparen, um sich ein Haus leisten zu können. Man muss viel Zeit und Arbeit investieren. Man macht sich immer wieder Sorgen, ob man die Schulden zurückzahlen kann. Ob auch nichts kaputtgeht am Haus. Ob jemand einbricht.
III
Der Traum vom eigenen Heim ist ein Lebenstraum - bestimmt nicht unser einziger. Wir hatten und haben auch andere Träume: Eine große Reise. Ein Leben im Ausland. Etwas schaffen, das Dauer hat. Das Engagement für eine gute Sache, für Menschen in Not, für eine Partei, für die Gemeinde. Mehr Zeit für die Kinder, für die Eltern. Ein anderes Leben - bewusster. Ökologischer. Sinnvoller. Viele unserer Träume drehen sich um uns selbst - was wir erleben, was wir machen oder sein wollen. Es geht um Selbstverwirklichung, um Selbstfindung.
Jesus hat auch Träume gehabt. Er hat von einer anderen Welt geträumt, vom Reich Gottes. Er hat von Gerechtigkeit geträumt für Schwächere, von Heilung für Kranke, von Respekt für die, mit denen andere nichts zu tun haben wollen. Von einer liebevollen Haltung, sogar den Feinden gegenüber. Von Verantwortung für die Mitmenschen. Von Frieden auf Erden. Seine Träume drehen sich um andere - um seine Mitmenschen. Es geht um Nächstenliebe, um Barmherzigkeit.
Sind die Träume Jesu auch unsere Träume?
Oder, anders herum gefragt: Hat man, wenn das Eigenheim der Lebenstraum ist, noch Zeit und Phantasie für andere Träume? Hat man die Mitmenschen noch im Blick, oder wird der Blick verengt auf die eigenen vier Wände, die eigene Familie? Zieht das Haus, zieht der Besitz so sehr an einem, dass man keine Kraft mehr für weitere Schritte hat?
Menschen brauchen, so scheint es, ein Haus, brauchen die eigenen vier Wände, als Basis für weitere Unternehmungen. Der Gedanke, obdachlos zu sein, ist ein schrecklicher, beängstigender Gedanke. Deshalb ist das Fundament des Hauses so wichtig: Damit es Dauer hat und auch Stürmen und anderen Gewalten standhält. Erst, wenn man sein Haus bestellt hat, ist man bereit, auch anderes in Angriff zu nehmen, seine Träume zu verwirklichen.
IV
Jesus träumt von Nächstenliebe und Barmherzigkeit: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft, und deinen Nächsten wie dich selbst.“
Bei uns geraten Gott und die Mitmenschen manchmal aus dem Blick, weil unsere Träume sich zuerst um uns selbst drehen.
Ein Haus bauen - das ist ein Stück Selbstverwirklichung und Lebensgestaltung. Man erfüllt sich einen Traum und hofft, dass man anschließend glücklicher ist. Aber, wenn man ehrlich ist, geht die Rechnung nicht auf. Weder Häuser noch Autos, weder Wissen noch Leistung können uns das Glück geben, das eine simple Begegnung mit einem netten Menschen schenkt; das man durch Zuneigung und Liebe findet, die man verschenkt und die erwidert werden.
Die Hoffnung, durch Besitz, den man sich schafft, auch etwas, auch jemand zu sein, hat auf Sand gebaut. Ein tragfähiges Fundament ist allein das Leben in Beziehungen zu anderen Menschen, nahen und fernen. Besitz ist meistens eine Last, die auch die Beziehungen zu anderen belastet.
Der kluge Mensch ist nach Jesu Worten also nicht der, der sich ein festes Haus aus Stein baut. Sondern eher der, der zur Not im leichten, luftigen Zelt unterwegs ist. Weil das feste, behäbige Haus einen davon abhalten kann, vom Hören des Wortes Jesu zum Tun zu kommen. In den USA, wo es so viele streng gläubige Christen gibt, gibt es auch die größte soziale Ungerechtigkeit. Die Tea-Party-Bewegung - alles gute, gläubige Christen - kämpft mit aller Macht darum, die Steuern für die Wohlhabenden zu senken - und ebenso die Gehälter der Arbeiter und Angestellten. Sie blockiert die allgemeine Gesundheitsversorgung und alle Maßnahmen zum Umweltschutz.
Die Gier nach Besitz und die Angst, ihn zu verlieren, wenn man andere am Wohlstand teilhaben lässt, machen diese Leute blind für die Botschaft Jesu. Sie kämpfen wehement gegen Abtreibung, aber es macht ihnen nichts aus, wenn Menschen auf der Straße leben müssen. Und sie bemerken nicht einmal den Widerspruch in ihrem Handeln.
Bei uns gibt es keine Tea-Party-Bewegung. In unserer Gesellschaft ist die Verantwortung für die Schwächeren zum Glück so tief verwurzelt, dass niemand ernsthaft auf die Idee käme, die Krankenversicherung abzuschaffen, oder die Arbeitslosenunterstützung. Aber auch uns ist in wirtschaftlich schwierigen Zeiten das Hemd näher als die Jacke. Und auch bei uns wird vor allem der etwas, der sich rücksichtslos durchsetzt, der seinen eigenen Vorteil erkennt und wahrt - nicht der, der sich solidarisch mit anderen und rücksichtsvoll verhält.
V
Mancher hat vielleicht noch ein Zelt auf dem Speicher liegen. Vielleicht sollte man es wieder einmal hervorholen und auspacken, am Zeltstoff riechen und sich erinnern an Zeiten, als man viel weniger zum Leben brauchte - und trotzdem ungemein glücklich war.
Wenn es gerecht zugehen soll in der Welt, wenn alle Menschen eine faire Chance bekommen sollen, geht das nur, wenn wir, die wir so viel besitzen, bereit sind, etwas abzugeben. Man muss nicht gleich im Zelt leben. Aber man braucht auch nicht all das, was wir heute zu brauchen meinen.
Wenn wir mit leichtem Gepäck reisen - nicht in jeder Hand einen Koffer, sondern nur einen Rucksack auf den Schultern - können wir einander viel leichter die Hand reichen. Und die Energie, die Zeit und das Geld, die wir sonst ins „Schaffe“ und „Häusle baue“ stecken würden, ist viel besser dort angelegt, wo Hilfe nötig ist. Auf diese Weise bauen wir ein gemeinsames Haus für alle Menschen, auf solidem Fundament. Und kein Sturm, kein Unwetter, nichts wird es umreißen.
Amen.
Sonntag, 14. August 2011
Predigt zum Mauerbau über Jesaja 2,1-5
Predigt am 8. Sonntag nach Trinitatis, 14.8.2011 (Gedenken an die Reformation der Klosterkirche am 10.8.1568), über Jesaja 2,1-5:
„Das ist’s, was Jesaja, der Sohn des Amoz, geschaut hat über Juda und Jerusalem:
Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des Herrn Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle Heiden werden herzulaufen, und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns auf den Berg des Herrn gehen, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des Herrn Wort von Jerusalem. Und er wird richten unter den Heiden und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen. Kommt nun, ihr vom Haus Jakob, lasst uns wandeln im Licht des Herrn!“
Liebe Gemeinde,
die vergangenen Tage waren geprägt von der Erinnerung an den Jahrestag des Mauerbaus am 13. August 1961. Wer die Mauer noch kannte, hat sich an die Beklemmung, die Angst, den Zorn oder die Trauer erinnert, die man in ihrer Gegenwart empfand. Die ab Mitte der 80er Jahre Geborenen kennen die Mauer und den Grenzzaun nur noch aus Erzählungen, aus den Filmen, die in den vergangenen Tagen gezeigt wurden, oder als Museumsstück. Das Gefühl, das einen in ihrer Nähe überkam, kennen sie nicht mehr. Zum Glück.
Auch die Mauer in den Köpfen sei im Wesentlichen verschwunden, stand gestern in der Zeitung zu lesen. Diese Mauer wohl. Aber es war nicht die einzige Kopf-Mauer, die errichtet wurde.
Als Martin Luther 1519 eine Kopf-Mauer niederriss, um die Kirche aus ihrer babylonischen Gefangenschaft zu befreien, wurde von der katholischen Mutterkirche eine neue errichtet, um sich von den ketzerischen Protestanten abzugrenzen. Bald bauten Luther und seine Schüler, bald bauten die protestantischen Theologen an dieser Mauer mit. Wenn man sich die Geschichte der Kirche ansieht, vom 30jährigen Krieg bis zum Nordirlandkonflikt unserer Tage, dann war diese Kopf-Mauer tödlicher, als es die Mauer, an deren Bau wir uns dieser Tage erinnern, je war.
I
Zahlreiche und schreckliche Kriege wurden aus Glaubensgründen geführt. Die tatsächlichen Gründe waren meist handfester und weltlicher Natur - Geld und Macht spielten dabei immer eine Rolle. Aber die Glaubensunterschiede lieferten den Vorwand und hielten den Konflikt in Gang.
Wenn man, wie eben, von Schwertern zu Pflugscharen und Spießen zu Sicheln hört, kann man es sich gar nicht vorstellen, dass der christliche Glaube, der so friedliche Bilder zeichnet, zu solchem Blutvergießen führen konnte. Wie geht es zusammen, dass Jesus den Frieden predigt und den Gewaltverzicht, die Kirche aber, die sich auf ihn beruft, immer neue Kriege gegen Andersdenkende geführt hat?
Menschen errichten Mauern - nicht nur Mauern und Zäune, um ihr Grundstück abzugrenzen und sich vor fremden Blicken zu schützen. Sondern vor allem Kopf-Mauern, mit denen man sich von denen abgrenzt, die anders sind, anders denken als man selbst. Man ist immer wieder versucht, zwischen „uns hier drinnen“ und „denen da draußen“ zu unterscheiden. Man sucht nach Unterschieden, nach Unterscheidungsmerkmalen. Und man findet sie. Mal ist es die Hautfarbe. Mal das Geburtsland. Mal die sogenannte „Rasse“. Und immer wieder der Glaube, die Religion. Die Verschiedenheit, das Uneinheitliche, „Multi-Kulti“ ist, so scheint es, schwer zu ertragen. Oder muss gar bekämpft werden.
Die Bibel stiftet dazu an. Denn dort wird immer wieder unterschieden zwischen dem „Volk Gottes“ und den „Heiden“ - zwischen „uns hier drinnen“ und „denen da draußen“. Aber das ist ein Mißverständnis. Die Christen zählten nämlich anfangs auch zu den Heiden. - Bis der Apostel Paulus verkündigte, dass nicht entscheidend ist, ob man zu einer bestimmten Bevölkerungsgruppe gehört, um Teil des Volkes Gottes zu sein, sondern der Glaube. Mit einem Mal fiel die Kopf-Mauer, und Paulus schrieb das neue Gemeinschaftsmanifest: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus. Gehört ihr aber Christus an, so seid ihr ja Abrahams Kinder und nach der Verheißung Erben.“ (Galater 3,28-29)
II
Ein genialer Schachzug des Paulus, der mit Hilfe des Glaubens die Christen ins das Volk Gottes eingepfropft hat. Und doch war es keine Willkür, die ihn trieb; die Bibel selbst spricht ja von der Aufhebung der Unterschiede. So lädt der Predigttext alle Heiden und viele Völker ins Haus Gottes und in seinen Bund ein. Und dieser Bund ist - wie könnte es anders sein, wenn die Unterschiede aufgehoben und die Kopf-Mauern eingerissen werden - ein Bund des Friedens. Ein Bund, in dem Schwerter zu Pflugscharen werden und Spieße zu Sicheln, ein Bund, in dem niemand mehr lernt, Krieg zu führen.
Ist das nicht alles ein frommer Wunsch? Immerhin spricht Jesaja von einer „letzten Zeit“. Er spricht nicht vom Hier und Heute, sondern von einem Tag, der seit den 2.700 Jahren, die vergangen sind, als Jesaja diese Zeilen schrieb, noch immer in weiter Ferne liegt, und der vielleicht nie kommen wird.
Doch das stimmt nicht.
Zwar hat sich die Vision Jesajas nicht erfüllt - nach wie vor werden viel zu wenig Waffen zu Werkzeugen umgeschmiedet, nach wie vor lernen viel zu viele Menschen, wie man andere Menschen tötet. Aber die Vision, dass Schwerter zu Pflugscharen werden, hat Menschen beflügelt und hat ihren Beitrag zum Fall der Mauer geleistet. „Schwerter zu Pflugscharen“ war nämlich das Kennzeichen der Friedensbewegung in der damaligen DDR, und Anfang der 80er trugen viele einen Aufnäher mit dem Emblem des Schmiedes auf der Jacke, der aus einem Schwert eine Pflugschar macht. Als der Aufnäher von der Staatsmacht verboten wurde, ersetzten ihn Mutige durch einen weißen Flicken, auf den sie schrieben „Hier war ein Schmied“.
Mit Humor und mit dem Mut zu kleinen Widerständen wurden Kopf-Mauern eingebrochen. Das bereitete den Fall der großen Mauer vor.
III
Mauern grenzen nicht nur aus und ab. Mauern halten auch zusammen. Erst durch Mauern entsteht ein Haus. Eine Kirche hat Mauern. Das Haus des Herrn aus dem Predigttext hat Mauern. Auch der Weg Gottes hat klare Konturen; er ist nicht beliebig: Gottes Wort, Gottes Weisung gibt eine Richtung vor, in die es geht. Gott richtet damit die Menschen aus, er weist die Völker zurecht.
Es gibt also doch ein Richtig und ein Falsch, ein Draußen und ein Drinnen!
Ja, das gibt es. Ebenso, wie es die Möglichkeit gibt, sich nicht an Gottes Weisung zu halten, seinen eigenen Weg zu gehen. Wie es die Möglichkeit gibt, Gottes Wort falsch zu verstehen und in die Irre zu laufen. Aber darüber zu richten, wer falsch liegt, darüber zu entscheiden, wer sich nicht richtig verhält, das liegt nicht in unserer Macht. Es ist allein Gottes Sache. Er wird richten und zurechtweisen, nicht wir. Und das auch nicht hier und heute, sondern zu einer anderen, „zur letzten Zeit“.
Wir haben dazu nichts zu sagen. Im Gegenteil: Auch wir könnten zu denen gehören, die etwas falsch verstanden haben, die auf dem falschen Weg sind und von Gott neu ausgerichtet oder zurechtgewiesen werden müssen.
Wir grenzen uns ab. Wir benennen, was wir als richtig, was wir als falsch erkennen. Aber wir können nicht wissen, ob wir recht haben - das weiß Gott allein. Und deshalb können wir niemals endgültige Grenzen ziehen, wir können niemanden ausgrenzen, niemanden verurteilen. Das kann allein Gott. Wenn wir uns das klar machen und wenn wir uns daran halten, dann werden die Grenzen, die wir ziehen, durchlässig sein. Wenn wir damit rechnen, dass wir uns irren könnten, wenn wir auch der Gegenseite ihr Recht und ihre Wahrheit zugestehen, verhindern wir, dass eine Kopf-Mauer entsteht.
IV
Noch immer gibt es Protestanten und Katholiken - und unzählige andere Konfessionen und Denominationen, ganz zu schweigen von den anderen Weltreligionen. Dass wir die Mauern, die uns trennen, eines Tages zu Fall bringen werden, ist nicht in Sicht - im Gegenteil: In Zeiten knapper werdender Finanzen und schwindender Mitglieder kommen manche auf die Idee, die Mauern noch etwas höher zu machen. Auf die eigene Konfession zu pochen und sich abzugrenzen von den anderen. Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck, mit 47 Jahren jüngster Bischof der katholischen Kirche, sagte neulich in einem Interview: „Meine Aufgabe als Bischof ist, für die Tradition der Kirche einzustehen. Da bin ich im wörtlichen Sinne konservativ. Ich möchte nichts am Zölibat ändern und am Nein zum Frauenpriestertum, nichts an der Haltung zur Sexualität. Wir müssen aber einen neuen Stil finden, das überzeugend zu sagen.“ (SZ vom 30.7.2011, S.8)
Hier werden Brücken abgerissen, auch zu den eigenen Leuten, statt Brücken zu bauen.
Die Zukunft der Kirche aber liegt nicht darin, sich einzumauern.
Selbst die Mönche des Klosters Riddagshausen, die hinter ihrer hohen Mauer lebten und niemanden ins Kloster ließen, haben trotzdem im Austausch mit der Welt gelebt. Die ersten, die Luthers aufregend neue Gedanken aufnahmen und weitertrugen, waren die Mönche und Nonnen in den Klöstern. Viele sind trotzdem im Kloster geblieben. Sie wollten nicht alles neu und anders machen, sie wollten Veränderung. Sie wollten die Mauern durchlässiger machen. Die aus Stein, und die im Kopf. Leider war die Zeit damals noch nicht reif.
V
Ist sie es heute?
Wenn man den Bischof Overbeck hört, hat man seine Zweifel. Wie sagt ein Sprichwort? „Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen.“
Es wird wohl immer solche geben, die Mauern bauen, weil sie sich hinter Mauern sicher fühlen. Die Mauern brauchen, weil sie Angst haben vor der Weite, vor dem Wind der Veränderung. Man soll das nicht falsch nennen. Man soll nicht die Windmühlen- gegen die Mauernbauer ausspielen. Vielmehr sollen die Windmüller geduldig ihr Korn mahlen. Wenn dann der Duft von frischem Brot über die Mauern weht, kommen die anderen schon von selbst dahinter hervor. Das ist bei der Mauer, die vor 50 Jahren gebaut wurde, so gewesen. Und das wird auch die Kopf-Mauern eines Tages einreißen. Und ich bin zuversichtlich, dass wir darauf nicht bis zum Jüngsten Tage werden warten müssen.
Amen.
Foto des Aufnähers im Haus der Geschichte, Bonn/Leipzig
„Das ist’s, was Jesaja, der Sohn des Amoz, geschaut hat über Juda und Jerusalem:
Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des Herrn Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle Heiden werden herzulaufen, und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns auf den Berg des Herrn gehen, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des Herrn Wort von Jerusalem. Und er wird richten unter den Heiden und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen. Kommt nun, ihr vom Haus Jakob, lasst uns wandeln im Licht des Herrn!“
Liebe Gemeinde,
die vergangenen Tage waren geprägt von der Erinnerung an den Jahrestag des Mauerbaus am 13. August 1961. Wer die Mauer noch kannte, hat sich an die Beklemmung, die Angst, den Zorn oder die Trauer erinnert, die man in ihrer Gegenwart empfand. Die ab Mitte der 80er Jahre Geborenen kennen die Mauer und den Grenzzaun nur noch aus Erzählungen, aus den Filmen, die in den vergangenen Tagen gezeigt wurden, oder als Museumsstück. Das Gefühl, das einen in ihrer Nähe überkam, kennen sie nicht mehr. Zum Glück.
Auch die Mauer in den Köpfen sei im Wesentlichen verschwunden, stand gestern in der Zeitung zu lesen. Diese Mauer wohl. Aber es war nicht die einzige Kopf-Mauer, die errichtet wurde.
Als Martin Luther 1519 eine Kopf-Mauer niederriss, um die Kirche aus ihrer babylonischen Gefangenschaft zu befreien, wurde von der katholischen Mutterkirche eine neue errichtet, um sich von den ketzerischen Protestanten abzugrenzen. Bald bauten Luther und seine Schüler, bald bauten die protestantischen Theologen an dieser Mauer mit. Wenn man sich die Geschichte der Kirche ansieht, vom 30jährigen Krieg bis zum Nordirlandkonflikt unserer Tage, dann war diese Kopf-Mauer tödlicher, als es die Mauer, an deren Bau wir uns dieser Tage erinnern, je war.
I
Zahlreiche und schreckliche Kriege wurden aus Glaubensgründen geführt. Die tatsächlichen Gründe waren meist handfester und weltlicher Natur - Geld und Macht spielten dabei immer eine Rolle. Aber die Glaubensunterschiede lieferten den Vorwand und hielten den Konflikt in Gang.
Wenn man, wie eben, von Schwertern zu Pflugscharen und Spießen zu Sicheln hört, kann man es sich gar nicht vorstellen, dass der christliche Glaube, der so friedliche Bilder zeichnet, zu solchem Blutvergießen führen konnte. Wie geht es zusammen, dass Jesus den Frieden predigt und den Gewaltverzicht, die Kirche aber, die sich auf ihn beruft, immer neue Kriege gegen Andersdenkende geführt hat?
Menschen errichten Mauern - nicht nur Mauern und Zäune, um ihr Grundstück abzugrenzen und sich vor fremden Blicken zu schützen. Sondern vor allem Kopf-Mauern, mit denen man sich von denen abgrenzt, die anders sind, anders denken als man selbst. Man ist immer wieder versucht, zwischen „uns hier drinnen“ und „denen da draußen“ zu unterscheiden. Man sucht nach Unterschieden, nach Unterscheidungsmerkmalen. Und man findet sie. Mal ist es die Hautfarbe. Mal das Geburtsland. Mal die sogenannte „Rasse“. Und immer wieder der Glaube, die Religion. Die Verschiedenheit, das Uneinheitliche, „Multi-Kulti“ ist, so scheint es, schwer zu ertragen. Oder muss gar bekämpft werden.
Die Bibel stiftet dazu an. Denn dort wird immer wieder unterschieden zwischen dem „Volk Gottes“ und den „Heiden“ - zwischen „uns hier drinnen“ und „denen da draußen“. Aber das ist ein Mißverständnis. Die Christen zählten nämlich anfangs auch zu den Heiden. - Bis der Apostel Paulus verkündigte, dass nicht entscheidend ist, ob man zu einer bestimmten Bevölkerungsgruppe gehört, um Teil des Volkes Gottes zu sein, sondern der Glaube. Mit einem Mal fiel die Kopf-Mauer, und Paulus schrieb das neue Gemeinschaftsmanifest: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus. Gehört ihr aber Christus an, so seid ihr ja Abrahams Kinder und nach der Verheißung Erben.“ (Galater 3,28-29)
II
Ein genialer Schachzug des Paulus, der mit Hilfe des Glaubens die Christen ins das Volk Gottes eingepfropft hat. Und doch war es keine Willkür, die ihn trieb; die Bibel selbst spricht ja von der Aufhebung der Unterschiede. So lädt der Predigttext alle Heiden und viele Völker ins Haus Gottes und in seinen Bund ein. Und dieser Bund ist - wie könnte es anders sein, wenn die Unterschiede aufgehoben und die Kopf-Mauern eingerissen werden - ein Bund des Friedens. Ein Bund, in dem Schwerter zu Pflugscharen werden und Spieße zu Sicheln, ein Bund, in dem niemand mehr lernt, Krieg zu führen.
Ist das nicht alles ein frommer Wunsch? Immerhin spricht Jesaja von einer „letzten Zeit“. Er spricht nicht vom Hier und Heute, sondern von einem Tag, der seit den 2.700 Jahren, die vergangen sind, als Jesaja diese Zeilen schrieb, noch immer in weiter Ferne liegt, und der vielleicht nie kommen wird.
Doch das stimmt nicht.
Zwar hat sich die Vision Jesajas nicht erfüllt - nach wie vor werden viel zu wenig Waffen zu Werkzeugen umgeschmiedet, nach wie vor lernen viel zu viele Menschen, wie man andere Menschen tötet. Aber die Vision, dass Schwerter zu Pflugscharen werden, hat Menschen beflügelt und hat ihren Beitrag zum Fall der Mauer geleistet. „Schwerter zu Pflugscharen“ war nämlich das Kennzeichen der Friedensbewegung in der damaligen DDR, und Anfang der 80er trugen viele einen Aufnäher mit dem Emblem des Schmiedes auf der Jacke, der aus einem Schwert eine Pflugschar macht. Als der Aufnäher von der Staatsmacht verboten wurde, ersetzten ihn Mutige durch einen weißen Flicken, auf den sie schrieben „Hier war ein Schmied“.
Mit Humor und mit dem Mut zu kleinen Widerständen wurden Kopf-Mauern eingebrochen. Das bereitete den Fall der großen Mauer vor.
III
Mauern grenzen nicht nur aus und ab. Mauern halten auch zusammen. Erst durch Mauern entsteht ein Haus. Eine Kirche hat Mauern. Das Haus des Herrn aus dem Predigttext hat Mauern. Auch der Weg Gottes hat klare Konturen; er ist nicht beliebig: Gottes Wort, Gottes Weisung gibt eine Richtung vor, in die es geht. Gott richtet damit die Menschen aus, er weist die Völker zurecht.
Es gibt also doch ein Richtig und ein Falsch, ein Draußen und ein Drinnen!
Ja, das gibt es. Ebenso, wie es die Möglichkeit gibt, sich nicht an Gottes Weisung zu halten, seinen eigenen Weg zu gehen. Wie es die Möglichkeit gibt, Gottes Wort falsch zu verstehen und in die Irre zu laufen. Aber darüber zu richten, wer falsch liegt, darüber zu entscheiden, wer sich nicht richtig verhält, das liegt nicht in unserer Macht. Es ist allein Gottes Sache. Er wird richten und zurechtweisen, nicht wir. Und das auch nicht hier und heute, sondern zu einer anderen, „zur letzten Zeit“.
Wir haben dazu nichts zu sagen. Im Gegenteil: Auch wir könnten zu denen gehören, die etwas falsch verstanden haben, die auf dem falschen Weg sind und von Gott neu ausgerichtet oder zurechtgewiesen werden müssen.
Wir grenzen uns ab. Wir benennen, was wir als richtig, was wir als falsch erkennen. Aber wir können nicht wissen, ob wir recht haben - das weiß Gott allein. Und deshalb können wir niemals endgültige Grenzen ziehen, wir können niemanden ausgrenzen, niemanden verurteilen. Das kann allein Gott. Wenn wir uns das klar machen und wenn wir uns daran halten, dann werden die Grenzen, die wir ziehen, durchlässig sein. Wenn wir damit rechnen, dass wir uns irren könnten, wenn wir auch der Gegenseite ihr Recht und ihre Wahrheit zugestehen, verhindern wir, dass eine Kopf-Mauer entsteht.
IV
Noch immer gibt es Protestanten und Katholiken - und unzählige andere Konfessionen und Denominationen, ganz zu schweigen von den anderen Weltreligionen. Dass wir die Mauern, die uns trennen, eines Tages zu Fall bringen werden, ist nicht in Sicht - im Gegenteil: In Zeiten knapper werdender Finanzen und schwindender Mitglieder kommen manche auf die Idee, die Mauern noch etwas höher zu machen. Auf die eigene Konfession zu pochen und sich abzugrenzen von den anderen. Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck, mit 47 Jahren jüngster Bischof der katholischen Kirche, sagte neulich in einem Interview: „Meine Aufgabe als Bischof ist, für die Tradition der Kirche einzustehen. Da bin ich im wörtlichen Sinne konservativ. Ich möchte nichts am Zölibat ändern und am Nein zum Frauenpriestertum, nichts an der Haltung zur Sexualität. Wir müssen aber einen neuen Stil finden, das überzeugend zu sagen.“ (SZ vom 30.7.2011, S.8)
Hier werden Brücken abgerissen, auch zu den eigenen Leuten, statt Brücken zu bauen.
Die Zukunft der Kirche aber liegt nicht darin, sich einzumauern.
Selbst die Mönche des Klosters Riddagshausen, die hinter ihrer hohen Mauer lebten und niemanden ins Kloster ließen, haben trotzdem im Austausch mit der Welt gelebt. Die ersten, die Luthers aufregend neue Gedanken aufnahmen und weitertrugen, waren die Mönche und Nonnen in den Klöstern. Viele sind trotzdem im Kloster geblieben. Sie wollten nicht alles neu und anders machen, sie wollten Veränderung. Sie wollten die Mauern durchlässiger machen. Die aus Stein, und die im Kopf. Leider war die Zeit damals noch nicht reif.
V
Ist sie es heute?
Wenn man den Bischof Overbeck hört, hat man seine Zweifel. Wie sagt ein Sprichwort? „Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen.“
Es wird wohl immer solche geben, die Mauern bauen, weil sie sich hinter Mauern sicher fühlen. Die Mauern brauchen, weil sie Angst haben vor der Weite, vor dem Wind der Veränderung. Man soll das nicht falsch nennen. Man soll nicht die Windmühlen- gegen die Mauernbauer ausspielen. Vielmehr sollen die Windmüller geduldig ihr Korn mahlen. Wenn dann der Duft von frischem Brot über die Mauern weht, kommen die anderen schon von selbst dahinter hervor. Das ist bei der Mauer, die vor 50 Jahren gebaut wurde, so gewesen. Und das wird auch die Kopf-Mauern eines Tages einreißen. Und ich bin zuversichtlich, dass wir darauf nicht bis zum Jüngsten Tage werden warten müssen.
Amen.
Foto des Aufnähers im Haus der Geschichte, Bonn/Leipzig
Sonntag, 7. August 2011
Die Lösung des Problems
Predigt am 7. Sonntag nach Trinitatis, 7. August 2011, über Johannes 6,30-35:
Da sprachen sie zu ihm: Was tust du für ein Zeichen, damit wir sehen und dir glauben? Was für ein Werk tust du? Unsre Väter haben in der Wüste das Manna gegessen, wie geschrieben steht (Psalm 78,24): »Er gab ihnen Brot vom Himmel zu essen.« Da sprach Jesus zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Nicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel. Denn Gottes Brot ist das, das vom Himmel kommt und gibt der Welt das Leben. Da sprachen sie zu ihm: Herr, gib uns allezeit solches Brot.
Jesus aber sprach zu ihnen: Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.
Liebe Gemeinde,
ach, wäre das schön, wenn man Probleme ganz einfach lösen könnte. Wenn Autos mit Wasser fahren würden, wenn man das klimaschädliche Kohlendioxid einfach im Boden verschwinden lassen und den radioaktiven Müll im nächsten Vulkan versenken könnte - der Ätna böte sich da gerade an ...
Ach, wäre das schön, wenn es auch eine einfache Erfindung gäbe, um Menschen satt zu machen. Angesichts der Nachrichten und Bilder aus Somalia, vor allem von verhungernden oder bereits verhungerten Kindern, ein ganz dringlicher Wunsch.
Man fragt sich, warum es überhaupt so weit kommen musste - warum eine Dürre, die vorhersehbar war, und der daraus resultierende Mangel an Nahrung, den man doch nicht erst seit einigen Wochen ahnen konnte, erst dann Hilfe auf den Plan rufen, wenn es zu spät ist: Wenn Kinder und Erwachsene sterben, verhungern.
Jesus bietet für das große Problem, wie Menschen satt werden, eine offenbar einfache Lösung an. Wir haben sie in der Evangeliumslesung gehört:
"Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern;
und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten."
I
Es gibt immer wieder Leute, die glauben, sie haben die einfache Lösung für ein schwieriges Problem entdeckt. Manchmal gibt es tatsächlich eine ganze simple Lösung. Im Alltag macht man immer wieder diese Erfahrung, z.B. dass ein Verschluss, den man nicht mal mit Gewalt aufbekommt, mit einem simplen Trick zu öffnen ist. Oft muss man nur diesen Trick kennen, muss wissen, wie's geht - schon meistert man die kompliziertesten Situationen.
Diese einfachen Lösungen, denkt man, müsste es doch auch für die großen Probeme geben. Man muss nur auf den Trick kommen. Und manchmal geht's einem wie Wickie: man hat einen Geistesblitz und denkt, jetzt hat man ihn gefunden, den Trick, so könnte es gehen. Aber wenn man genauer darüber nachdenkt - und spätestens dann, wenn man mit jemand anderem darüber spricht -, zeigt sich, dass man doch etwas Wesentliches übersehen hat, und dass die Lösung nicht so einfach ist, wie man dachte.
Für die großen Probleme scheint es keine einfachen Lösungen zu geben. Die Reduzierung der globalen Erwärmung, die sichere Beseitigung des Atommülls, die Zukunft des automobilen Verkehrs und vor allem die Bekämpfung des Hungers - dafür hat noch niemand ein Patentrezept gefunden.
Oder vielleicht doch? Hat Jesus vor knapp 2.000 Jahren bereits die Lösung für das Problem des Hungers gefunden?
"Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern;
und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten."
Beim ersten Hören klingt es so. Nie mehr hungrig, nie mehr durstig sein - was für eine tolle Aussicht! So wird im Johannesevangelium kurz vorher auch die Geschichte von der Speisung der 5.000 erzählt, die von fünf Broten und zwei Fischen handelt, die Jesus unter 5.000 Menschen verteilte. Sie wurden satt davon - und am Ende blieben sogar 12 Körbe mit Brocken übrig.
II
Was bei der Speisung der 5.000 geschah, war ein Wunder.
Ein Wunder aber, das lehrt uns die Erfahrung, ist keine Lösung. Wunder gibt es zwar immer wieder, wie es in einem Schlager heißt, aber sie passieren doch so unberechenbar und zufällig, dass man sich nicht auf sie verlassen kann. Für Somalia jedenfalls steht ein Wunder noch aus. Für unsere Umwelt, für unser Klima, für die von der Atomkatastrophe in Fukushima betroffenen Menschen steht ein Wunder noch aus.
Aber ein Wunder scheint Jesus auch nicht zu meinen, wenn er sagt:
"Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern;
und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten."
Jesus gibt hier nichts, und er tut hier auch nichts. Kein Brotbrechen, kein Austeilen.
Körperlicher Hunger und Durst sind hier gar nicht gemeint. "Zu Jesus kommen" bedeutet dasselbe wie "an Jesus glauben". Es geht um den Glauben, nicht ums Essen - körperlichen Hunger und Durst kann der Glaube nicht stillen.
Der Hunger, den Jesus hier meint, ist ein Hunger der Seele. Den gibt es auch. Jemand ist "hungrig nach Anerkennung", sagt man, oder "hungrig nach Liebe". Man hat "Wissensdurst" oder "dürstet nach Erkenntnis". In solchen Redewendungen drücken sich Hunger und Durst der Seele aus.
Ich weiß nicht, ob man auch seelisch verhungern kann. Aber quälend und schmerzhaft kann auch der seelische Hunger sein. Und er ist nicht weniger schwer zu ertragen als der körperliche.
III
"Erst kommt das Fressen,
dann kommt die Moral",
singt Meckie Messer in der "Dreigroschenoper".
Wenn Menschen hungrig sind und ihnen das Lebensnotwendige fehlt, kann man nicht erwarten, dass sie sich menschlich verhalten. Wenn Hunger und Durst zu groß werden, wird alles andere zur Nebensache. Erst muss man satt sein, dann kann man sich auch wieder um Anderes kümmern.
Es gibt Ausnahmen von dieser Regel. Es gibt Menschen, die auch in extremsten Situationen ihre Menschlichkeit bewahrt haben und die dadurch zu einem Vorbild für andere geworden sind. Pater Kolbe zum Beispiel, der freiwillig für einen anderen KZ-Häftling, der von der SS willkürlich für den Hungertod ausgewählt worden war, in den Hungerbunker ging, weil dieser Familie hatte und er nicht.
Irgendetwas hatte dieser Pater Kolbe. Etwas, das ihn so gesättigt hat, dass er den Hunger, der auch ihn quälte, aushalten konnte. - Sein seelischer Hunger war gestillt. Wenn der Hunger der Seele gestillt ist, kann man offenbar körperlichen Hunger besser aushalten. Oder zumindest in Situationen, wo erst das Fressen kommt und dann die Moral, die Menschlichkeit bewahren.
Wie werden Menschen satt?
Keine Frage: Indem sie etwas essen.
Nein, das ist noch nicht die Antwort. Denn auch ein satter Mensch empfindet noch Hunger. Den seelischen Hunger, den auch eine üppige Mahlzeit nicht stillen kann.
IV
Was Jesus anbietet, wenn er sagt:
"Ich bin das Brot des Lebens.
Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern;
und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten",
was Jesus anbietet ist etwas, das den Hunger der Seele stillen kann.
Jesus bietet sich selbst an, um den Hunger der Seele zu stillen.
Jesus bietet sich an, durch ihn die direkte Verbindung mit Gott herzustellen,
"denn Gottes Brot ist das, das vom Himmel kommt und gibt der Welt das Leben".
Der direkte Draht zu Gott, die Verbindung mit der Schöpfermacht, mit der Fülle des Lebens, stillt den Hunger der Seele. Was könnte ihn besser stillen?
Wer so mit Gott verbunden ist, fühlt sich von Gott angesehen und anerkannt. Der kann die Anerkennung seiner Mitmenschen genießen, muss sie aber nicht um jeden Preis haben. Kann selbst andere anerkennen, ohne sich dabei etwas zu vergeben. Und kann anderen Anerkennung gönnen, ohne das Gefühl zu haben, zu kurz zu kommen.
Wer so mit Gott verbunden ist, fühlt sich von Gott geliebt. Der muss nicht alle Liebe von seinen Mitmenschen, von Partnerin oder Partner erwarten. Der kann es aushalten, wenn eine Beziehung nicht so glücklich ist wie am Anfang, kann Durststrecken und Krisen einer Beziehung ertagen und die Beziehung über diese Durststrecke hinwegtragen.
Wer so mit Gott verbunden ist, fühlt sich von Gott angenommen, auch mit seinen Fehlern, seinem Versagen, seiner Schuld. Der findet den Mut, noch einmal von vorn anzufangen. Und der findet die Größe, auch anderen zu vergeben, auch mit anderen noch einmal von vorn anzufangen.
Wer so mit Gott verbunden ist, hat die Fülle des Lebens gefunden. Der muss nicht die Gier pflegen, wie sie an der Börse nötig ist, um immer mehr Wachstum, immer größere Gewinne zu erzielen. Der muss nicht den Neid empfinden auf das Glück und den Reichtum der anderen, mit dem die Werbung uns völlig überflüssige Dinge, völlig überdimensionierte Autos und Motoren andrehen will. Der muss nicht geizig sein, um die innere Leere durch ein volles Konto zu kompensieren.
V
Vielleicht gibt es sie ja doch, die einfache Lösung der großen Probleme. Vielleicht liegt sie näher, als wir meinen - der Trick, sozusagen, mit dem der Verschluss aufgeht.
Vielleicht liegt die Lösung darin, dass wir, die wir körperlichen Hunger nicht mehr kennen, auch erkennen, dass der Hunger unserer Seele gestillt ist. Wir sind mit Gott verbunden - auf die engste nur denkbare Weise. In jedem Abendmahl feiern wir diese Verbindung, indem wir Gott in uns aufnehmen - ihn essen, so dass er in uns ist. Mit dem Leib Christi nehmen wir Gottes Fülle in uns auf, sie ist in uns wie ein Energieball, der ausstrahlt in Liebe und Freundlichkeit und Mitgefühl.
Wenn der Hunger gestillt ist, der Hunger des Körpers wie der Seele, dann kann selbst Meckie Messer sich nicht mehr für die Unmenschlichkeit entschuldigen mit seinem Satz
"Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral".
Wenn der Hunger gestillt ist, finden wir zu unserem Menschsein und zu unserer Bestimmung: Füreinander da zu sein und uns das Leben nicht zur Hölle, sondern zu einem Vorgeschmack des Himmels zu machen.
Amen.
Da sprachen sie zu ihm: Was tust du für ein Zeichen, damit wir sehen und dir glauben? Was für ein Werk tust du? Unsre Väter haben in der Wüste das Manna gegessen, wie geschrieben steht (Psalm 78,24): »Er gab ihnen Brot vom Himmel zu essen.« Da sprach Jesus zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Nicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel. Denn Gottes Brot ist das, das vom Himmel kommt und gibt der Welt das Leben. Da sprachen sie zu ihm: Herr, gib uns allezeit solches Brot.
Jesus aber sprach zu ihnen: Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.
Liebe Gemeinde,
ach, wäre das schön, wenn man Probleme ganz einfach lösen könnte. Wenn Autos mit Wasser fahren würden, wenn man das klimaschädliche Kohlendioxid einfach im Boden verschwinden lassen und den radioaktiven Müll im nächsten Vulkan versenken könnte - der Ätna böte sich da gerade an ...
Ach, wäre das schön, wenn es auch eine einfache Erfindung gäbe, um Menschen satt zu machen. Angesichts der Nachrichten und Bilder aus Somalia, vor allem von verhungernden oder bereits verhungerten Kindern, ein ganz dringlicher Wunsch.
Man fragt sich, warum es überhaupt so weit kommen musste - warum eine Dürre, die vorhersehbar war, und der daraus resultierende Mangel an Nahrung, den man doch nicht erst seit einigen Wochen ahnen konnte, erst dann Hilfe auf den Plan rufen, wenn es zu spät ist: Wenn Kinder und Erwachsene sterben, verhungern.
Jesus bietet für das große Problem, wie Menschen satt werden, eine offenbar einfache Lösung an. Wir haben sie in der Evangeliumslesung gehört:
"Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern;
und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten."
I
Es gibt immer wieder Leute, die glauben, sie haben die einfache Lösung für ein schwieriges Problem entdeckt. Manchmal gibt es tatsächlich eine ganze simple Lösung. Im Alltag macht man immer wieder diese Erfahrung, z.B. dass ein Verschluss, den man nicht mal mit Gewalt aufbekommt, mit einem simplen Trick zu öffnen ist. Oft muss man nur diesen Trick kennen, muss wissen, wie's geht - schon meistert man die kompliziertesten Situationen.
Diese einfachen Lösungen, denkt man, müsste es doch auch für die großen Probeme geben. Man muss nur auf den Trick kommen. Und manchmal geht's einem wie Wickie: man hat einen Geistesblitz und denkt, jetzt hat man ihn gefunden, den Trick, so könnte es gehen. Aber wenn man genauer darüber nachdenkt - und spätestens dann, wenn man mit jemand anderem darüber spricht -, zeigt sich, dass man doch etwas Wesentliches übersehen hat, und dass die Lösung nicht so einfach ist, wie man dachte.
Für die großen Probleme scheint es keine einfachen Lösungen zu geben. Die Reduzierung der globalen Erwärmung, die sichere Beseitigung des Atommülls, die Zukunft des automobilen Verkehrs und vor allem die Bekämpfung des Hungers - dafür hat noch niemand ein Patentrezept gefunden.
Oder vielleicht doch? Hat Jesus vor knapp 2.000 Jahren bereits die Lösung für das Problem des Hungers gefunden?
"Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern;
und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten."
Beim ersten Hören klingt es so. Nie mehr hungrig, nie mehr durstig sein - was für eine tolle Aussicht! So wird im Johannesevangelium kurz vorher auch die Geschichte von der Speisung der 5.000 erzählt, die von fünf Broten und zwei Fischen handelt, die Jesus unter 5.000 Menschen verteilte. Sie wurden satt davon - und am Ende blieben sogar 12 Körbe mit Brocken übrig.
II
Was bei der Speisung der 5.000 geschah, war ein Wunder.
Ein Wunder aber, das lehrt uns die Erfahrung, ist keine Lösung. Wunder gibt es zwar immer wieder, wie es in einem Schlager heißt, aber sie passieren doch so unberechenbar und zufällig, dass man sich nicht auf sie verlassen kann. Für Somalia jedenfalls steht ein Wunder noch aus. Für unsere Umwelt, für unser Klima, für die von der Atomkatastrophe in Fukushima betroffenen Menschen steht ein Wunder noch aus.
Aber ein Wunder scheint Jesus auch nicht zu meinen, wenn er sagt:
"Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern;
und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten."
Jesus gibt hier nichts, und er tut hier auch nichts. Kein Brotbrechen, kein Austeilen.
Körperlicher Hunger und Durst sind hier gar nicht gemeint. "Zu Jesus kommen" bedeutet dasselbe wie "an Jesus glauben". Es geht um den Glauben, nicht ums Essen - körperlichen Hunger und Durst kann der Glaube nicht stillen.
Der Hunger, den Jesus hier meint, ist ein Hunger der Seele. Den gibt es auch. Jemand ist "hungrig nach Anerkennung", sagt man, oder "hungrig nach Liebe". Man hat "Wissensdurst" oder "dürstet nach Erkenntnis". In solchen Redewendungen drücken sich Hunger und Durst der Seele aus.
Ich weiß nicht, ob man auch seelisch verhungern kann. Aber quälend und schmerzhaft kann auch der seelische Hunger sein. Und er ist nicht weniger schwer zu ertragen als der körperliche.
III
"Erst kommt das Fressen,
dann kommt die Moral",
singt Meckie Messer in der "Dreigroschenoper".
Wenn Menschen hungrig sind und ihnen das Lebensnotwendige fehlt, kann man nicht erwarten, dass sie sich menschlich verhalten. Wenn Hunger und Durst zu groß werden, wird alles andere zur Nebensache. Erst muss man satt sein, dann kann man sich auch wieder um Anderes kümmern.
Es gibt Ausnahmen von dieser Regel. Es gibt Menschen, die auch in extremsten Situationen ihre Menschlichkeit bewahrt haben und die dadurch zu einem Vorbild für andere geworden sind. Pater Kolbe zum Beispiel, der freiwillig für einen anderen KZ-Häftling, der von der SS willkürlich für den Hungertod ausgewählt worden war, in den Hungerbunker ging, weil dieser Familie hatte und er nicht.
Irgendetwas hatte dieser Pater Kolbe. Etwas, das ihn so gesättigt hat, dass er den Hunger, der auch ihn quälte, aushalten konnte. - Sein seelischer Hunger war gestillt. Wenn der Hunger der Seele gestillt ist, kann man offenbar körperlichen Hunger besser aushalten. Oder zumindest in Situationen, wo erst das Fressen kommt und dann die Moral, die Menschlichkeit bewahren.
Wie werden Menschen satt?
Keine Frage: Indem sie etwas essen.
Nein, das ist noch nicht die Antwort. Denn auch ein satter Mensch empfindet noch Hunger. Den seelischen Hunger, den auch eine üppige Mahlzeit nicht stillen kann.
IV
Was Jesus anbietet, wenn er sagt:
"Ich bin das Brot des Lebens.
Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern;
und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten",
was Jesus anbietet ist etwas, das den Hunger der Seele stillen kann.
Jesus bietet sich selbst an, um den Hunger der Seele zu stillen.
Jesus bietet sich an, durch ihn die direkte Verbindung mit Gott herzustellen,
"denn Gottes Brot ist das, das vom Himmel kommt und gibt der Welt das Leben".
Der direkte Draht zu Gott, die Verbindung mit der Schöpfermacht, mit der Fülle des Lebens, stillt den Hunger der Seele. Was könnte ihn besser stillen?
Wer so mit Gott verbunden ist, fühlt sich von Gott angesehen und anerkannt. Der kann die Anerkennung seiner Mitmenschen genießen, muss sie aber nicht um jeden Preis haben. Kann selbst andere anerkennen, ohne sich dabei etwas zu vergeben. Und kann anderen Anerkennung gönnen, ohne das Gefühl zu haben, zu kurz zu kommen.
Wer so mit Gott verbunden ist, fühlt sich von Gott geliebt. Der muss nicht alle Liebe von seinen Mitmenschen, von Partnerin oder Partner erwarten. Der kann es aushalten, wenn eine Beziehung nicht so glücklich ist wie am Anfang, kann Durststrecken und Krisen einer Beziehung ertagen und die Beziehung über diese Durststrecke hinwegtragen.
Wer so mit Gott verbunden ist, fühlt sich von Gott angenommen, auch mit seinen Fehlern, seinem Versagen, seiner Schuld. Der findet den Mut, noch einmal von vorn anzufangen. Und der findet die Größe, auch anderen zu vergeben, auch mit anderen noch einmal von vorn anzufangen.
Wer so mit Gott verbunden ist, hat die Fülle des Lebens gefunden. Der muss nicht die Gier pflegen, wie sie an der Börse nötig ist, um immer mehr Wachstum, immer größere Gewinne zu erzielen. Der muss nicht den Neid empfinden auf das Glück und den Reichtum der anderen, mit dem die Werbung uns völlig überflüssige Dinge, völlig überdimensionierte Autos und Motoren andrehen will. Der muss nicht geizig sein, um die innere Leere durch ein volles Konto zu kompensieren.
V
Vielleicht gibt es sie ja doch, die einfache Lösung der großen Probleme. Vielleicht liegt sie näher, als wir meinen - der Trick, sozusagen, mit dem der Verschluss aufgeht.
Vielleicht liegt die Lösung darin, dass wir, die wir körperlichen Hunger nicht mehr kennen, auch erkennen, dass der Hunger unserer Seele gestillt ist. Wir sind mit Gott verbunden - auf die engste nur denkbare Weise. In jedem Abendmahl feiern wir diese Verbindung, indem wir Gott in uns aufnehmen - ihn essen, so dass er in uns ist. Mit dem Leib Christi nehmen wir Gottes Fülle in uns auf, sie ist in uns wie ein Energieball, der ausstrahlt in Liebe und Freundlichkeit und Mitgefühl.
Wenn der Hunger gestillt ist, der Hunger des Körpers wie der Seele, dann kann selbst Meckie Messer sich nicht mehr für die Unmenschlichkeit entschuldigen mit seinem Satz
"Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral".
Wenn der Hunger gestillt ist, finden wir zu unserem Menschsein und zu unserer Bestimmung: Füreinander da zu sein und uns das Leben nicht zur Hölle, sondern zu einem Vorgeschmack des Himmels zu machen.
Amen.
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