Sonntag, 28. Mai 2023

mit den Augen Gottes

Predigt am Pfingstsonntag, 28. Mai 2023, über 1.Korinther 2,12-16:

Wir haben nicht den Weltgeist empfangen,

sondern den Geist, der von Gott kommt,

damit wir erkennen, was uns von Gott geschenkt wurde.

Was wir reden, sagen wir nicht mit Worten,

die durch menschliche Weisheit gelehrt wurden,

sondern in Worten, die der Geist uns lehrte,

indem wir Geistliches geistlich deuten.

Ein diesseitig orientierter Mensch nimmt nicht an,

was von Gottes Geist kommt.

Für ihn ist es Unsinn, und er kann es nicht verstehen,

weil es geistlich beurteilt wird.

Ein geistlicher Mensch beurteilt alles,

wird aber selbst von niemandem beurteilt.

Denn „wer hat den Geist des Herrn erkannt,

dass er ihn belehrte?“ (Jesaja 40,13)

Wir aber haben den Geist Christi.



Liebe Schwestern und Brüder,


am vergangenen Sonntag sind elf Konfirmand:innen

hier im Dom konfirmiert worden.

Bei solchen Anlässen stellt sich die Frage besonders,

die eine:n immer wieder einmal ins Grübeln bringt:

Was soll man schenken?


Bei der Konfirmation ist die Antwort ziemlich leicht:

Geld ist als Geschenk immer willkommen.

Doch wer eine:r Konfirmand:in nahe steht,

gar Patentante oder Patenonkel ist,

gibt sich nicht mit einem Geldgeschenk zufrieden,

sondern möchte etwas Besonderes schenken.

Etwas, das die - im Idealfall herzliche - Beziehung spiegelt,

die man zu seinem Patenkind hatte.

Etwas, das hilfreich ist für den zukünftigen Weg ins Leben,

das Orientierung gibt und an die Schenkende erinnert.


Hat man dann nach langem Überlegen und Suchen

das passende Geschenk gefunden,

stellt sich die Frage, ob die Beschenkte auch würdigen wird,

was man sich an Gedanken und Mühe damit gemacht hat;

ob ankommt, was man mit dem Geschenk sagen will.

Darum wird manchmal vorsichtshalber

eine Karte oder ein Brief geschrieben und beigelegt,

als Beipackzettel oder Gebrauchsanleitung

die mit Worten sagt, was das Geschenk allein

womöglich nicht ausdrücken kann.


Wir hatten zwar nicht Konfirmation -

jedenfalls ist sie bei den meisten von uns eine Weile her -,

aber auch wir bekamen etwas geschenkt.

Daran erinnert uns das Pfingstfest,

und daran erinnert uns der Predigttext.

Gott hat uns beschenkt, schreibt Paulus.

Paulus sagt nicht, was Gott uns geschenkt hat.

Offenbar versteht es sich aber nicht von selbst.

Darum braucht dieses Geschenk

einen Beipackzettel, eine Gebrauchsanleitung -

nicht in Form eines Briefes,

sondern in Gestalt des Heiligen Geistes.

Durch Gottes Geist, so schreibt Paulus,

erkennen wir, was uns von Gott geschenkt wurde.


Dabei ist der Geist Gottes selbst eine Gabe, ein Geschenk -

das feiern wir ja heute an Pfingsten.

Muss hier etwa ein Geschenk das andere erklären?

Das erinnert an den Bauern, der den Jockel ausschickt,

er soll den Hafer schneiden.

Weil der Jockel nicht tut, was er soll,

schickt ihm der Bauer den Pudel hinterher,

der ihn an seine Aufgabe erinnern soll.

Aber auch der Pudel tut nicht, was er soll,

und so schickt der Bauer den Knüppel,

das Feuer, das Wasser, den Ochsen usw.,

bis es ihm schließlich zu bunt wird

und er selbst dafür sorgt, dass sein Auftrag ausgeführt wird.


Uns wird der Heilige Geist hinterher geschickt,

um das erste Geschenk Gottes zu erklären.


Was ist das für ein Geschenk,

das es uns erst erklärt werden muss?

Anscheinend haben wir nicht einmal bemerkt,

dass wir etwas von Gott geschenkt bekamen.

Der Heilige Geist erklärt es uns nicht nur,

er lässt uns überhaupt erst einmal das Geschenk erkennen.


Im Römerbrief schreibt Paulus (Römer 1,18-20):

„Die Menschen wollten Gottes Wirklichkeit nicht wahrhaben.

Denn eigentlich hätten sie Gott erkennen können,

weil er den Menschen etwas von sich gezeigt hat:

Gott, der Unsichtbare, hat die Welt geschaffen.

Und wenn man vernünftig nachdenkt,

kann man von der Schöpfung, die man sieht,

auf den Schöpfer, den man nicht sieht, schließen

und erkennen, dass er ewig, mächtig und göttlich ist”

(Klaus Berger, Das Neue Testament, S. 151).


Diese Welt ist von Gott geschaffen, schreibt nicht nur Paulus -

die ganze Bibel erzählt davon, dass Gott der Schöpfer ist.

Die Welt ist seine Schöpfung,

Gott hat sie uns geschenkt, wie er uns das Leben geschenkt hat.

Das ist das Geschenk, das man nicht von selbst erkennt.

Weil die Orientierung am Diesseits den Blick dafür verstellt.

Weil man nicht erkennt, was die Welt in Wahrheit ist,

wenn man nicht mit Gott dem Schöpfer rechnet,

nicht an Gott, den Schöpfer glaubt.


Wir kennen das von der Kunst.

Von einem abstrakten Kunstwerk sagen manche:

Was soll das darstellen? Das ist doch keine Kunst!

Es sind nicht nur Banausen, die das sagen.

Wir selbst haben wohl schon vor einem Kunstwerk gestanden

und gerätselt, was es darstellen, was es uns sagen soll.

Eine Gebrauchsanleitung in Form eines Kunstführers,

eines erklärenden Textes zeigte uns, was zu sehen war.

Mit einem Mal erkannte man etwas.

Sobald sich diese Erkenntnis einstellt,

erkennt man auch andere Werke als Kunst,

die man vorher keines Blickes gewürdigt hat.


Das gilt nicht nur für abstrakte Kunst.

Vincent van Goghs Bilder galten zu seinen Lebzeiten

nicht als Kunstwerke.

Selbst Kunstexperten - oder gerade die Kunstexperten -

sahen in ihnen nur Stümperei,

die verunglückten Versuche eines Ungebildeten.

Heute sind van Goghs Werke die teuersten Gemälde der Welt.

Natürlich sagt der Preis eines Kunstwerkes

nichts über seinen wahren Wert aus.

Aber dass wir heute anders über Kunst denken

und z.B. die Arbeiten von Menschen mit einer Behinderung

als Kunstwerke erkennen und anerkennen können,

und dass es heute abstrakte Kunst gibt,

haben wir van Gogh zu verdanken.


Nicht selten ist eine Gebrauchsanweisung, eine Erklärung nötig,

damit man versteht, was man sieht und womit man es zu tun hat.

Das gilt auch für den Dom, dessen Einrichtung,

dessen „Prinzipalstücke”, wie sie Pastor Mischok nennt,

von immer weniger Menschen erkannt und verstanden werden.

Ja, Bedeutung, Sinn und Zweck dieses Gotteshauses selbst

sind vielen Menschen inzwischen schleierhaft.


Das gilt erst recht für unsere Welt.

Es macht einen gewaltigen Unterschied,

ob man die Welt als Materiallager sieht,

das einem beliebig zur Verfügung steht

und mit dem man tun und lassen kann, was man will -

oder ob man begreift, dass sie Gottes Schöpfung ist,

die uns zu treuen Händen anvertraut wurde.

Die Welt gehört uns nicht.

Sie gehört keinem Menschen, aber gerade deshalb

ist sie nicht zur Plünderung freigegeben.

Wir sind Gott, ihrem Schöpfer, verantwortlich

und ihm Rechenschaft schuldig

über unseren Umgang mit dem, was er geschaffen hat.


Es macht auch einen gewaltigen Unterschied,

ob man die Geschöpfe dieser Erde als Verbrauchsmaterial ansieht,

das unsere Bedürfnisse, unseren Appetit, unsere Gier stillen muss,

oder ob man erkennt, dass wir in Wahrheit ihre Mitgeschöpfe sind.

Franz von Assisi nannte sie in seinem „Sonnengesang”

Schwestern und Brüder.

Und Charles Darwin hat in seinem bahnbrechenden Werk

„Über die Entstehung der Arten” dargelegt,

dass wir mit allen Lebewesen auf dieser Erde verwandt sind.


Und schließlich macht es auch einen gewaltigen Unterschied,

ob man andere Menschen als „Ausländer”, „Asylbetrüger”,

„Asoziale” oder „Behinderte” abstempelt -

oder ob man sie als das erkennt, was sie wirklich sind:

Unsere Nächsten, unsere Schwestern und Brüder.

Gottes Töchter und Söhne wie wir.


All das erkennt man nicht von allein.

Man erkennt nicht von allein, dass das Leben ein Geschenk ist,

ein Geschenk Gottes.

Dass diese Welt, alle Geschöpfe darin, unsere Mitmenschen

Geschenke sind, die unser Leben bereichern und erfüllen,

es überhaupt erst lebenswert machen.

Man erkennt auch nicht von allein,

dass wir ein Geschenk sind,

ein Geschenk Gottes für unsere Mitmenschen,

wie es der Dichter Petrus Ceelen formuliert:


Manche Menschen wissen nicht,

wie wichtig es ist, dass sie einfach da sind.


Manche Menschen wissen nicht,

wie gut es tut, sie nur zu sehen.


Manche Menschen wissen nicht,

wie tröstlich ihr gütiges Lächeln wirkt.


Manche Menschen wissen nicht,

wie wohltuend ihre Nähe ist.


Manche Menschen wissen nicht,

dass sie ein Geschenk des Himmels sind.


Sie wüssten es, würden wir es ihnen sagen.


Wir können nicht wissen,

dass wir ein Geschenk Gottes sind,

und dass Gott uns selbst so reich beschenkt

mit dieser Welt, unseren Mitmenschen

und den vielen Menschen,

die wir noch kennenlernen können;

mit den Pflanzen und Tieren,

die diese Welt erfüllen und schön machen.

Darum macht Gott uns ein zweites, großes Geschenk:

Das Geschenk seines Geistes.

Mit Hilfe seines Geistes können wir die Welt

und unsere Mitmenschen mit Gottes Augen sehen.


Wir sehen ihre Schönheit - und ihre Zerrissenheit.

Wir sehen ihr Glück - und ihr Leid.

Wir sehen, was gut ist und stark -

und was schwach und hilfsbedürftig.

Wir sehen Gerechtes, und wir sehen Ungerechtigkeit.

Wir unterscheiden Reichtum und Wohlstand

von Gier und Ausbeutung,

unterscheiden Hilfsbereitschaft von Bevormundung,

scheinbare Schwäche von Menschlichkeit und Nachsicht.


Wem Gott einmal so die Augen öffnete,

wer die Welt einmal mit Gottes Augen sah,

kann die Welt nicht mehr anders denn als Gottes Schöpfung sehen.

Und wie man an einem abstrakten Kunstwerk

nicht mehr achtlos vorbeigeht,

sobald man gelernt hat, es zu verstehen,

und einen van Gogh nicht für eine wilde Kleckserei hält,

so sieht man auch anders,

wenn man mit Gottes Augen zu sehen lernte:

Man sieht in jedem Menschen die Schwester oder den Bruder,

sieht in jedem Lebewesen das Mitgeschöpf.

Und empfindet Ehrfurcht und Respekt vor allem Leben.


Mit einer veränderten Einstellung zum Leben

verändert sich auch unser Verhalten.

Und so verändern Menschen, die von Gottes Geist ergriffen wurden,

Schritt für Schritt die Welt.


Das alles bewirkt Gottes Heiliger Geist.

Heute, an Pfingsten, erinnern wir uns an dieses Geschenk.

Indem wir uns erinnern,

lesen wir den liebevollen Brief,

den Gott seinem Geschenk des Lebens an uns mitgab.

Erfüllt von Gottes Geist wissen wir,

wie wir uns für dieses Geschenk revanchieren können:

Durch einen liebevollen Blick mit Gottes Augen

auf unsere Welt, unsere Mitmenschen,

der sich zeigt durch Freundlichkeit - - - und ein Lächeln.

Donnerstag, 18. Mai 2023

nachfahren

Predigt an Christi Himmelfahrt, 18. Mai 2023, über Lukas 24,44-53


Liebe Schwestern und Brüder,


vor kurzem habe ich hier im Dom

eine Andacht mit Kindern der dritten Klasse gefeiert.

Darin erzählte ich ihnen das Gleichnis vom bittenden Freund:

Mitten in der Nacht klopft er bei seinem Nachbarn an

und bittet ihn um Brot für einen Gast, der unerwartet eintraf.

Jesus erzählt dieses Gleichnis,

um zu beschreiben, wie Gott ist:

Wie der Nachbar sich schließlich erweichen lässt - ob aus Freundschaft

oder wegen der Hartnäckigkeit des Störers, wissen wir nicht -

lässt sich auch Gott von uns bitten, sagte ich den Kindern;

nur brauchen wir bei ihm nur einmal zu klopfen.


Darauf meldete sich ein Junge und fragte:

Warum erzählt Jesus seinen Jüngern, wie Gott ist?

Er ist doch selber Gott!


Warum redet Jesus in Gleichnissen,

wenn er selbst der ist, von dem er spricht?


Als Jesus durch Galiläa zog und im Jerusalemer Tempel lehrte,

ahnten nicht einmal seine Jünger, wer Jesus in Wirklichkeit ist.

Dreimal prophezeite er ihnen, dass er leiden

und am dritten Tage auferstehen müsse.

Dreimal verstanden sie nicht, wovon er sprach.

Dabei zeigte Jesus immer wieder, wer er ist,

wenn er Kranke heilte, einen Toten auferweckte

oder 5.000 Menschen mit fünf Broten und zwei Fischen sättigte.

Er war bekannt wie der sprichwörtliche bunte Hund.

Doch niemand zog aus seinen Worten und Taten

den Schluss, der für uns heute auf der Hand liegt:

Jesus ist Gottes Sohn.

In ihm ist Gott selbst gegenwärtig.


Selbst nach seiner Auferstehung

begriffen die Jünger:innen noch immer nichts.

Die Frauen am Grab fürchteten sich,

und die Jünger konnten es nicht glauben,

als die Frauen ihnen vom leeren Grab berichteten.

Die zwei, die nach Emmaus unterwegs waren,

erkannten ihn nicht einmal, als er neben ihnen ging

und mit ihnen sprach.

Als er das Brot für sie brach, sahen sie, dass es Jesus war.

Aber sie sahen ihn auch da noch als ihren Freund

und nicht als den, der er ist: Gottes Sohn.


Erkennen wir ihn denn?

Dass Jesus Gottes Sohn ist und in ihm Gott Mensch wurde;

dass der Heilige Geist ausgegossen wurde,

den Jesus seinen Jüngern angekündigt hatte,

und dass Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist

trotzdem ein Gott sind und nicht drei -

das ist ungefähr so leicht zu verstehen

wie Einsteins Relativitätstheorie.


Gott hat die Welt und das Weltall geschaffen.

Er ist größer als unser Universum,

das doch unvorstellbar groß ist.

„Der Himmel und aller Himmel Himmel

können dich nicht fassen”, bekennt Salomo.


Wenn wir uns Gott im „Himmel” denken

und hören, dass Christus in den Himmel aufgenommen wurde -,

dann ist dieser Himmel Gottes nicht der blaue Himmel über uns

mit seinen Hoch- und Tiefdruckgebieten,

seinen Cumulus-, Cumulonimbus- und Cirruswolken.

Er ist nicht das System aus Sonne, Mond

und den 8 oder 9 Planeten, das wir unser „Sonnensystem” nennen.

Er ist nicht der entlegene Winkel in einem Spiralarm unserer Galaxis,

in dem wir zuhause sind;

nicht unsere gigantische Milchstraße selbst

mit ihrem Durchmesser von 100.000 Lichtjahren.

Sie enthält 250 Milliarden Sterne -

und ist doch nur eine von etwa 1.000 Milliarden Galaxien

des sichtbaren Universums.


Gottes Himmel, in den Christus auffährt,

befindet sich jenseits all dessen, liegt weit darüber hinaus.

Noch dazu ist Gott größer als selbst dieser Himmel,

der über allen Himmeln ist.

Dieser Gott wurde ein Mensch wie wir,

vielleicht 1,70, 1,80 m groß, vielleicht 70 kg schwer,

und lebte unter uns.


Wie bringt man das zusammen,

1,70 m Körpergröße und die Lichtgeschwindigkeit,

300.000 km in der Sekunde,

mit der man die Entfernung der Sterne und Galaxien

und die Größe des Weltalls angibt,

die unvorstellbare Zahl von 46,6 Milliarden Lichtjahren?

Man kann sich nicht einmal ein Lichtjahr vorstellen.

Wie soll man denkend durchdringen,

wie soll man sich vorstellen,

dass Gott sogar noch größer ist als diese unendlichen Weiten?


Wir können den Unendlichen im Endlichen nicht erkennen.

Darum blieb Gott auf Erden unerkannt.

Darum erschien Jesus als bloßer Mensch,

verwechselbar mit allen anderen.

Darum haben auch seine Jünger nicht erkannt,

wer Jesus wirklich war.


Die Erkenntnis des Glaubens kann keine Erkenntnis sein,

wie sie Mathematik oder Physik hervorbringen.

Glauben heißt nicht Wissen,

Glauben bedeutet auch nicht das Verstehen,

das wir meinen, wenn wir sagen: Das habe ich jetzt verstanden.

Glaubenserkenntnis stellt sich nicht ein,

wenn man nur genug über den Glauben gelesen oder gelernt hat.


Das Verstehen des Glaubens ist ein Verständnis der Schrift.

Auch hier wieder: Kein Wissen über die Bibel.

Die Kenntnis der Alten Sprachen,

das Studium der Theologie nützen einem hier nichts.

Verständnis der Schrift bedeutet vielmehr:

ein Licht geht uns auf.

Dieses Licht ist Christus, der von sich sagt:

„Ich bin das Licht der Welt.”


Wenn uns dieses Licht aufgeht, erkennen wir:

Gott, der in Jesus Christus Mensch wurde,

ist derselbe, der die Welt geschaffen

und sein Volk Israel aus Ägypten befreit hat.


Der die Propheten inspirierte

und von dem die Psalmen singen ist der,

der zur Umkehr rief, Sünden vergab,

am Kreuz starb und am dritten Tage auferstand.

Diese Erkenntnis, dass Christus Grund und Mitte der Schrift ist

- das ist der Schlüssel, der uns die Heilige Schrift, die Bibel, aufschließt.


Wie bekommt man diesen Schlüssel, wo findet man ihn?

Für uns liegt es klar auf der Hand, Jesus sagt es ja selbst:

„ich will auf euch herabsenden, was mein Vater verheißen hat.”

Gott kann man nur durch Gott erkennen.

Der Schlüssel, der uns die Schrift aufschließt,

ist Gottes Heiliger Geist.


Doch der Geist lässt sich nicht handhaben,

wie man einen Schlüssel benutzt, um aufzuschließen.

In diesem Leben, unter diesem Himmel,

der sich über uns wölbt wie das Gewölbe des Domes,

bekommen wir Gott nicht zu sehen.

Denn das würde bedeuten, dass wir in Gottes Reich vordringen.

Gottes Reich - für uns ist es nicht zu erreichen.

Und zugleich ist es uns so nah,

dass nur eine dünne Wand uns von ihm trennt.


Gottes Geist lässt sich nicht handhaben.

Wir können ihn weder begreifen noch ergreifen.

Aber er ergreift uns.

Wir merken es daran, dass wir Jesus nachfolgen.

„Nachfahren” nennt es das Lied, das wir gleich singen werden (EG 122).

Beim „Nachfolgen” denken wir ans Hinterhergehen:

„Jesu, geh voran auf der Lebensbahn!

Und wir wollen nicht verweilen dir getreulich nachzueilen.”

Wir sind Nachfolger:innen Jesu.


Und wir sind auch seine Nachfahren.

Wir sind die, die zurückbleiben, nachdem er gegangen ist.

Jesus, der aufgefahren ist in den Himmel,

hat uns, seinen Nachfahren, den Auftrag gegeben,

sein Werk fortzusetzen.

Unsere Aufgabe besteht darin,

„dass gepredigt wird in seinem Namen

Buße zur Vergebung der Sünden unter allen Völkern.”


Jesus nachfahren heißt, sein Werk fortführen:

Menschen Gottes Liebe bringen,

die sie zur Umkehr bewegt und ihnen Gottes Vergebung zuspricht.

Wer Jesus nachfährt, wird immer wieder Fragen begegnen,

wie sie der Schüler der dritten Klasse mir stellte.

Beim Versuch, auf solche Fragen die Antwort des Glaubens zu geben

in Worten oder Taten,

öffnet sich uns das Verständnis der Schrift.


Dieses Verständnis erlangt man nicht am grünen Tisch,

nicht in der Studierstube.

Sondern indem man mit dem Glauben umgeht

und Christus nachfährt, und das heißt:

sich Menschen zuwendet und ihnen Gottes Liebe entgegenbringt.

Das kann mit Worten geschehen

oder durch das, was man mit anderen oder für andere tut.

Es kann hier im Gottesdienst geschehen,

an einem Krankenbett, auf der Straße,

in der Schule oder im Büro.

Überall gibt es Menschen, die Gottes Liebe brauchen.

Wir, die Nachfahren Christi, dürfen diese Liebe weitergeben.

Wo das geschieht, blitzt in unserer kleinen Welt

das Licht auf, das Christus ist,

und Gottes Geist durchdringt und erfüllt uns.

Sonntag, 7. Mai 2023

einstimmen

Predigt am Sonntag Kantate, 7. Mai 2023, über 1.Samuel 16,14-23


Liebe Schwestern und Brüder,


die Lage, in der Saul sich befindet, ist aussichtslos:

Gottes Geist hat ihn verlassen.

Saul spürt, dass seine Beziehung zu Gott sich verändert hat.

Statt Begeisterung empfindet er nun Bedrückung.

Gott beseelt und beflügelt ihn nicht mehr,

Gott macht ihm zu schaffen.


Das 1. Samuelbuch erklärt diesen Sinneswandel Gottes damit,

dass Saul nicht tat, was Gott ihm befohlen hatte.

Gott war von Saul enttäuscht.

Für ihn war er als König untragbar geworden.

Darum wurde das Königtum von Saul genommen und David gegeben.

Unmittelbar vor dem Predigttext wird erzählt,

wie Samuel zu Isai kommt, sich dessen Söhne zeigen lässt

und schließlich David, den Jüngsten, zum König salbt.

David kommt inkognito als Gesalbter,

als heimlicher neuer König an den Hof des König Saul.


Eine solch brüske Abkehr Gottes aus Enttäuschung

wird auch an anderer Stelle der Bibel beschrieben.

Am Anfang der Sintflutgeschichte heißt es:


„Als aber der Herr sah,

dass der Menschen Bosheit groß war auf Erden

und alles Dichten und Trachten ihres Herzens nur böse war immerdar,

da reute es den Herrn, dass er die Menschen gemacht hatte auf Erden,

und es bekümmerte ihn in seinem Herzen, und er sprach:

Ich will die Menschen, die ich geschaffen habe, vertilgen von der Erde.”


Es klingt so, als sei es mit Saul genauso:

Gottes Erwartungen an Saul wurden enttäuscht, darum lässt er ihn fallen,

ohne ihm eine zweite Chance zu geben, wie er sie später David gewährt.


Aber hier geht es nicht um Gott, sondern um Saul.

Saul, der sich in einer ausweglosen Situation wiederfindet.

Gott hat sich nicht von Saul abgewandt.

Aber Saul empfindet es so;

er fühlt sich von einem bösen, strafenden Gott heimgesucht.


Das Gefühl, in einer Sackgasse festzustecken,

vom Leben, vom Schicksal oder von Gott benachteiligt

oder sogar bestraft zu sein,

ist auch manchen von uns nicht fremd.

Alles hat sich gegen eine:n verschworen.

Immer hat man das Nachsehen, wird man benachteiligt.

Alle anderen haben Glück, man selbst geht aber immer leer aus.

Wenn dieses Gefühl der Ausweglosigkeit und Sinnlosigkeit überhand nimmt,

spricht man von einer Depression.

Wer an einer Depression erkrankt, fühlt sich genauso ohnmächtig wie Saul

und könnte wohl auch einem bösen Geist die Schuld geben.


Es muss aber nicht gleich so schlimm kommen.

Die Schwester der Depression ist die Schwermut,

in die man manchmal verfällt,

in der man aber nicht gleich versinkt.

Aus der Schwermut kann man wieder herausfinden.

Dabei hilft, wie der Predigttext zeigt, die Musik.


Schwermut, das ist eine gedrückte,

eine bedrückende Stimmung, eine Ver-Stimmung.

Im Deutschen ist die Stimmung mehrdeutig:

Sie beschreibt eine Atmosphäre, z.B. die Abendstimmung.

Sie beschreibt, wie man sich fühlt, wie man gestimmt ist.

Und man bezeichnet mit der Stimmung den Wohlklang eines Musikinstrumentes

wie der Harfe, die David spielt.

Wenn ein Instrument gestimmt ist, klingt es schön und „richtig”.

Wenn es verstimmt ist, kann es nicht nur einem musikalischen Menschen

die gute Laune verderben.


David ist bei Saul als Stimmungsmacher angestellt.

Mit seinem Instrument sorgt er dafür, dass Sauls Stimmung sich aufhellt.

Seine Verstimmung vergeht; Saul wird durch Davids Harfenspiel besser gestimmt.

Das liegt sicher daran, dass David sein Instrument beherrscht

und dass er es gestimmt hat.

Katzenmusik hätte Saul nicht geholfen.


Aber auch die schönste Musik hellt nicht automatisch eine düstere Stimmung auf.

Es muss noch etwas dazukommen.


Chorsänger:innen lernen, auf die anderen im Chor zu hören.

Und auf den Kantor, der den Einsatz gibt.

Bevor man zu singen beginnt, stimmt man ein in den Ton, den er angibt.

Erst, wenn sich alle auf denselben Ton eingestimmt haben,

stellen sich Einklang und Harmonie ein.


Stimmt man in einen Ton, eine Melodie ein, macht man sich diese Musik zu eigen.

Nimmt sie in sich auf, wird durchlässig dafür, um sie dann weiterzugeben.

Wer in eine Melodie einstimmt, kann von ihr ergriffen werden.

Jede:r, die schon einmal einen Ohrwurm hatte, weiß, was ich meine.

Musik kann ergreifen, und sie kann auch verändern.

Darum drehen manche den Lautsprecher auf, bis sie den Bass im Bauch spüren:

Sie lassen sich von der Musik durchfluten und mitreißen,

lassen die Musik wie eine Dusche alles wegspülen, was sie belastet oder beschäftigt.


Ob man sich so passiv von der Musik ergreifen und umstimmen lässt,

oder ob man aktiv in die Musik einstimmt und die Melodie mitsingt:

Musik verändert die Stimmung und kann auch aus der Schwermut befreien.

Musik kann die Mauern, in die wir uns eingeschlossen fühlen

oder die wir selbst um uns gezogen haben, verflüssigen, rissig werden lassen,

sogar zum Einsturz bringen.

So haben vielleicht auch die Posaunen von Jericho die Mauern der Stadt

nicht durch ihre Lautstärke eingerissen,

oder weil die Töne so schrecklich schrill klangen, dass die Steine dadurch zerplatzten.

Sondern weil die Musik die Blockaden löst, die uns von Gott trennen -

oder mit denen wir uns von Gott trennen -,

und Gott dadurch wirken, Wunder wirken kann.


David erreicht mit seiner Musik, dass der böse Geist Saul verlässt.

Vielleicht aber war es genau andersherum:

Durch Davids Musik findet Saul zu der Begeisterung zurück,

die ihn früher mit Gott verbunden hat.


Sauls Tragik besteht darin, dass er sich mit David unwissentlich

seinen Nachfolger ins Haus geholt hat.

Er tritt mit David in eine Konkurrenz, bei der er nur verlieren kann.

Als König hat Saul keine Zukunft mehr - die gehört David.

In seiner Beziehung zu Gott dagegen ist noch alles möglich.

Es müsste Saul nur gelingen, das Gefühl loszuwerden,

dass sich alles gegen ihn verschworen hat.

Diesen Stimmungswandel kann die Musik herbeiführen.

Sie kann Mut machen, Verfestigungen lockern,

sodass neue Möglichkeiten in den Blick kommen.

Sodass Gott wieder in den Blick kommt und man erkennt:

Er ist nicht Gegner oder Feind, sondern Freund.

Er könnte Wunder wirken, wenn man ihn ließe.


Was die Musik nicht leisten kann: Dieses Wunder zu wirken.

Das vermag nur Gott.

Damit Gott wirken kann, bedarf es nur eines Schrittes aus dem Kreis heraus,

den die Schwermut gezogen hat.

Die Musik kann diesen Kreis aufbrechen.

Den Schritt heraus, den muss man selber gehen.

Montag, 10. April 2023

süß-sauer

Liedpredigt am Ostermontag, 10.3.2023, über „Christ lag in Todesbanden” (EG 101)


Liebe Schwestern und Brüder,


wenn in Kriminalfilmen ermittelt wird,

sieht man manchmal, wie die Kripo-Beamten

Fotos vom Tatort, vom Opfer, von Verdächtigen,

wie sie Landkarten und Fundstücke an eine Pinwand heften.

Manchmal werden die einzelnen Zettel und Fotos noch

durch Striche oder rote Fäden verbunden.

Diese Mind-Map soll helfen, die Gedanken zu ordnen,

um den entscheidenden Hinweis auf den Täter zu finden.


Es scheint, als habe Martin Luther,

als er das Lied „Christ lag in Todesbanden” schrieb,

auch so eine Mind-Map erstellt -

wohl nicht an einer Pinwand;

die war damals noch nicht erfunden,

und die brauchte er auch nicht.

Sein Kopf war voller Bilder und Assoziationen aus der Bibel,

die sich fast wie von selbst zu diesem Lied ordneten.


Einigen dieser Bilder und Assoziationen des Liedes

möchte ich mit Ihnen nachgehen.

Am besten fangen wir gleich an,

indem wir die erste Strophe singen:


1. Christ lag in Todesbanden,

für unsre Sünd gegeben,

der ist wieder erstanden

und hat uns bracht das Leben.

Des wir sollen fröhlich sein,

Gott loben und ihm dankbar sein

und singen Halleluja, Halleluja.


Die erste Strophe fasst die Osterbotschaft zusammen.

Sie bildet sozusagen die Überschrift

und für Luther auch die Anknüpfung an seine Vorlage,

die er überarbeitet und ergänzt hat.

Genau genommen sind es zwei Vorlagen:


Einmal ist es das Lied „Christ ist erstanden”.

Man hört es aus der Melodie des Liedes heraus:

„Christ lag in Todesbanden” kling sehr nach

„Christ ist erstanden”,

ebenso klingt in der Zeile

„Des wir sollen fröhlich sein”

„des solln wir alle froh sein” an.


Die andere Vorlage ist die lateinische Sequenz

„Victimae paschali

laudes immolent Christiani” - zu deutsch:

„Dem Osteropfer bringen die Christen Lob dar”.


Eine Sequenz ist ein Lied,

das an das Halleluja nach der Epistel unmittelbar anschloss.

Im Mittelalter begann man,

das letzte „a” des Halleluja musikalisch auszuschmücken.

Die Kantoren, die den Gesang anführten, waren Musiker

und hatten Freude an der Ausgestaltung des Hallelujas.

Sie taten das, was man heute wohl

„improvisieren” nennen würde.

Dabei entstanden wunderbare Melodien.


Irgendwann kam jemand auf die Idee,

dass man diese Melodien nicht bloß auf dem Vokal „a” singen,

sondern ihnen einen Text unterlegen kann -

der natürlich zum Sonntag und zum Evangelium passen musste.

Die Sequenz war erfunden.

Im Mittelalter entstanden unzählige davon; 5.000 sind erhalten.

Die bekanntesten Sequenzen sind „Dies irae, dies illae”,

„Stabat mater” - dessen Vertonung durch Antonin Dvorak

die Kantorei im September aufführen wird -,

und eben „Victimae paschali laudes”.


Was diese Sequenz besonders macht,

ist das Duell zwischen Leben und Tod -

ein eindringliches Bild für das Paradox,

dass der am Kreuz Gestorbene, Christus,

den Tod überwindet.


Martin Luther setzt dieses Duell

in die Mitte seines Liedes, in die vierte Strophe.

In den zwei Strophen davor beschreibt er den Gegner Christi, den Tod;

die wollen wir jetzt singen:


2. Den Tod niemand zwingen konnt

bei allen Menschenkindern;

das macht alles unsre Sünd,

kein Unschuld war zu finden.

Davon kam der Tod so bald

und nahm über uns Gewalt,

hielt uns in seim Reich gefangen. Halleluja.


3. Jesus Christus, Gottes Sohn,

an unsrer Statt ist kommen

und hat die Sünd abgetan,

damit dem Tod genommen

all sein Recht und sein Gewalt;

da bleibt nichts denn Tods Gestalt,

den Stachel hat er verloren. Halleluja.


Das Lied ist fast unmöglich zu singen.

In der ersten Strophe passen die Reime noch unter die Melodie:

„…banden” und „erstanden”,

weil die Endungen „weiblich” sind:

Die Betonung liegt auf der vorletzten Silbe.

In allen anderen Strophen sind die Endungen „männlich”,

d.h. die Wörter sind nur einsilbig

oder die vorletzte Silbe ist unbetont:

„konnt“ - „Sünd”;

„Sohn” - „abgetan”.

Dadurch passen Text und Melodie nicht mehr zusammen.


Luther hat das Lied so gestaltet,

dass es sieben Strophen hat und jede Strophe sieben Silben

(mit Ausnahme der jeweils letzten; die hat acht).

Die Form des Liedes war ihm wichtiger als die Singbarkeit.

Vielleicht wollte er auch, dass man beim Singen „stolpert”,

damit man den Text nicht gedankenlos heruntersingt,

sondern darauf achtet, was man singt.


Wenn es in der 2. Strophe heißt, dass der Tod „bald” kam,

heißt das nicht, dass er schnell kam.

Im Mittelalter bedeutete „bald” auch stark, kräftig, übermächtig.

So steckt es noch in dem Wort „Raufbold”:

Das ist einer, mit dem man sich besser nicht anlegt.

Der Tod bekommt durch die Sünde Macht über uns,

wird übermächtig, sodass wir ihm nicht entrinnen können.


In der 3. Strophe nimmt Jesus die Sünde weg

und nimmt damit dem Tod seine Macht.

Ohne Sünde ist der Tod machtlos.

Jesus hat ihm mit der Sünde seinen „Stachel” gezogen.

Der Tod kann uns nicht mehr weh tun.

So verspottet ihn Paulus im 1.Korintherbrief (15,55):

„Der Tod ist verschlungen in den Sieg.

Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?”


„Der Tod ist verschlungen in den Sieg” -

diese Zeile kommt in der zentralen vierten Strophe vor,

die wir jetzt singen wollen:


4. Es war ein wunderlich Krieg,

da Tod und Leben rungen;

das Leben behielt den Sieg,

es hat den Tod verschlungen.

Die Schrift hat verkündet das,

wie ein Tod den andern fraß,

ein Spott aus dem Tod ist worden. Halleluja.


Wer gestern früh in der Ostermette war,

erinnert sich an das Bild vom Höllenrachen

auf dem Loste-Altar, das wir betrachtet haben.

Der Höllenrachen verschlingt die Toten -

die Christus in der Osternacht wieder befreit.

Den Höllenrachen hindert er daran,

jemals wieder zuzuschnappen,

indem er ihm eine Maulsperre verpasst.


In seiner ersten Predigt am Ostersonntag 1524,

dem Jahr, in dem er dieses Osterlied dichtete,

legt Martin Luther den Satz aus,

„der Tod ist verschlungen in den Sieg”:


„Paulus sagt nicht: Christus hat die Sünde weggeworfen,

sondern: er hat sie verschlungen (1.Kor 15,55).

Das hat drei Tage gedauert.

Vor Gott wars, als wenn ich einen Tropfen Wasser

in ein loderndes Feuer schütte;

es scheint, als müsse der Tropfen verschwinden.

So meinte man auch hier, Christus müsse vergehen,

aber er steht auf und wird der Herr aller Dinge.

Hosea sagt (13,14): Tod, ich will dein Tod sein.

Das ist ein feines Wort ‚ich werde des Todes Tod sein’,

ich will nicht töten wie Pilatus und Herodes,

sondern machen, dass der Tod überwunden wird.”


Christus hat den Tod nicht getötet;

dann hätte er den Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben.

Hätte er den Tod getötet, wäre der Tod immer noch mächtig.

Statt dessen hat er ihn ausgehungert,

indem er die Sünde wegnahm, die ihn stark machte.


Martin Luther scheint viel Freude

an diesem Bild des Essens zu haben.

Er kommt in den letzten Strophen darauf zurück.

Lassen Sie uns die letzten drei Strophen singen:


5. Hier ist das recht Osterlamm,

davon wir sollen leben,

das ist an des Kreuzes Stamm

in heißer Lieb gegeben.

Des Blut zeichnet unsre Tür,

das hält der Glaub dem Tod für,

der Würger kann uns nicht rühren. Halleluja.


6. So feiern wir das hoh Fest

mit Herzensfreud und Wonne,

das uns der Herr scheinen lässt.

Er ist selber die Sonne,

der durch seiner Gnaden Glanz

erleucht’ unsre Herzen ganz;

der Sünden Nacht ist vergangen. Halleluja.


7. Wir essen und leben wohl,

zum süßen Brot geladen;

der alte Sau’rteig nicht soll

sein bei dem Wort der Gnaden.

Christus will die Kost uns sein

und speisen die Seel allein;

der Glaub will keins andern leben. Halleluja.


Das Osterlamm erinnert an den Auszug aus Ägypten:

Kurz vor ihrer Befreiung aus Ägypten

feierten die Israeliten das erste Passa.

Jeder Haushalt musste dafür ein Lamm schlachten,

so hatte es Gott geboten.

Das Lamm durfte nicht gekocht,

es musste über dem offenen Feuer gebraten werden.

Mit dem Blut des Lammes sollten die Israeliten

die Türbalken an ihrer Haustür markieren.

In der Nacht sollte nämlich die 10. und schlimmste Plage

über die Ägypter hereinbrechen: Die Tötung der Erstgeburt.

Der Würgeengel würde durch die Straßen gehen

und in jedem Haus, das nicht mit dem Blut bezeichnet war,

den Erstgeborenen töten.


Nachdem sie diese furchtbare Plage

Dank des Blutes an ihrer Tür überstanden hatten,

mussten die Israeliten sich Hals über Kopf auf den Weg machen.

Den Teig, den sie als Sauerteig angesetzt hatten,

mussten sie ungesäuert mitnehmen

und unterwegs als Fladenbrot, als Matzen, backen.


Die Anspielung auf das gebratene Passalamm

ist im Original der 5. Strophe viel deutlicher:


„Hie ist das recht Osterlamm
davon Gott hat geboten.
Das ist an des Kreuzes Stamm
in heißer Lieb gebraten.”


Das war den Späteren doch zu drastisch,

darum haben sie es abgemildert zu

„in heißer Lieb gegeben”.

Aber eigentlich ist es ein sehr eindrückliches Bild,

dass sich Christus in seiner Liebe zu uns selbst verzehrt,

sich als Lamm gebraten hat.


Und dass wir Christus „essen”, ist uns eigentlich auch nicht fremd:

„Dies ist mein Leib”, sagt Jesus über das Brot beim Abendmahl.

Es ist ein süßes Brot.


Und noch einmal kehrt sich der Gedankengang um,

wenn Luther das Bild vom Passamahl hinter sich lässt

und von der geistlichen Speise spricht:

„Christus will die Kost uns sein

und speisen die Seel allein”.

Denn im 1.Korintherbrief, auf den Luther hier anspielt,

heißt es (5,6b-8):


„Wisst ihr nicht, dass ein wenig Sauerteig den ganzen Teig durchsäuert?

Darum schafft den alten Sauerteig weg,

auf dass ihr ein neuer Teig seid, wie ihr ja ungesäuert seid.

Denn auch unser Passalamm ist geopfert, das ist Christus.

Darum lasst uns das Fest feiern nicht mit dem alten Sauerteig,

auch nicht mit dem Sauerteig der Bosheit und Schlechtigkeit,

sondern mit dem ungesäuerten Teig der Lauterkeit und Wahrheit.”


Wir sind der Teig, aus dem das süße Brot gebacken wird.

Es liegt auch an uns, ob wir uns und anderen

das Leben sauer oder süß machen.


Wir feiern das Fest der Auferstehung.

Und wenn wir wollen, feiern wir es nicht nur heute.

Unser ganzes Leben kann ein Fest sein,

wenn Jesus, unsere Sonne, unser Herz mit seinem Licht erfüllt.

Nehmen wir seine Einladung mit in unseren Alltag.

Und wenn wir sauer werden wollen, erinnern wir uns an das Fest,

zu dem uns Jesus eingeladen hat.

Und vielleicht probieren wir dann,

ob wir wirklich sauer werden müssen

oder ob wir nicht auch süß sein können.

Sonntag, 9. April 2023

leibliche Auferstehung

Predigt am Ostersonntag, 9.4.2023, über 1.Korinther 15,1-11:

Liebe Schwestern und Brüder,

ich gebe euch das Evangelium bekannt, das ich euch predigte,

das ihr auch angenommen habt, in dem ihr auch fest steht,

durch das ihr auch gerettet werdet,

wenn ihr es in dem Wortlaut festhaltet, in dem ich es euch predigte,

es sei denn, ihr glaubtet ohne Sinn und Verstand.

Denn als Hauptsache habe ich euch überliefert,

was auch ich angenommen habe:

Dass Christus für unsere Sünden starb gemäß der Schrift,

dass er begraben wurde,

dass er am dritten Tag auferweckt wurde gemäß der Schrift,

und dass er Kephas erschien, darauf den Zwölfen.

Darauf erschien er mehr als 500 Schwestern und Brüdern auf einmal,

von denen die meisten noch leben, einige aber sind entschlafen.

Darauf erschien er Jakobus, dann allen Aposteln.

Als letztem von allem, quasi als einer Fehlgeburt, erschien er auch mir.

Ich bin ja der geringste der Apostel,

nicht einmal geeignet, Apostel genannt zu werden,

weil ich die Gemeinde Gottes verfolgte.

Durch Gottes Gnade aber bin ich, was ich bin,

und seine Gnade für mich blieb nicht ohne Erfolg,

sondern mehr als alle anderen habe ich mich gemüht.

Aber nicht ich, sondern Gottes Gnade, die mit mir ist.

Ob nun ich oder jene: so predigen wir, und so habt ihr geglaubt.



Liebe Schwestern und Brüder,


„Nicht wahr”, wurde der Theologieprofessor Karl Barth gefragt,

„im Himmel werden wir alle unsere Liebsten wiedersehen?”

Der antwortete: „Gewiss. Und die anderen auch.”


Das ist wohl das erste, woran man bei „Auferstehung” denkt:

Dass wir, wenn wir gestorben sind,

in einem neuen, unvergänglichen Leben erwachen werden,

wo wir den lieben Menschen begegnen,

die uns vorausgegangen sind.


Und, wie Karl Barth sagt, den anderen auch.


„Die anderen auch” - das klingt fast wie eine Drohung.

Es gibt Menschen, denen möchte man auf keinen Fall

noch einmal begegnen müssen.

Es würde uns das Paradies verderben,

wenn wir befürchten müssten, sie dort wiederzusehen.


Aber vielleicht werden sie im Himmel auch ganz anders sein.

Vielleicht werden wir sie gar nicht wiedererkennen.

Paulus schreibt, dass wir in der Auferstehung alle verwandelt werden.

Wir werden nach dem Tod nicht die bleiben, die wir waren.

Im Buch der Offenbarung heißt es,

dass Leid, Geschrei und Schmerz

auf der neuen Erde nicht mehr existieren werden.

Im Tod wird vergehen, was uns leiden ließ,

was uns vor Schmerz oder Empörung aufschreien ließ.

Auch das wird vergehen, wodurch wir andere leiden ließen,

was andere an uns verzweifeln ließ,

womit wir Menschen weh taten.


Die Auferstehung verwandelt alles.

Dazu passt, dass Maria Magdalena Jesus nicht erkennt,

als sie ihm nach seiner Auferstehung begegnet.

Sie hält ihn für den Gärtner.

Und auch die Jünger auf dem Weg nach Emmaus

gehen stundenlang mit Jesus, sprechen mit ihm,

ohne dass ihnen aufgeht, wer da mit ihnen wandert.

Erst beim Teilen des Brotes wird ihnen schlagartig klar,

dass Jesus mit ihnen am Tisch sitzt.


Wenn aber die Auferstehung die Menschen verwandelt

und selbst die engsten Freunde Jesus nicht wiedererkannten,

wie kann Paulus dann sagen, dass Jesus „gesehen wurde” -

und dann auch noch von so vielen unterschiedlichen Leuten?

Manche von ihnen, wie Petrus, standen ihm sehr nahe.

Aber Paulus, der die ersten Christen verfolgte,

hat Jesus nie persönlich kennen gelernt.

Wie konnte er wissen, dass es Jesus war,

der sich ihm vor Damaskus in den Weg stellte?


In allen Begegnungen mit dem Auferstandenen

ist es Jesus selbst, der sich seinen Freund:innen zu erkennen gibt.

Sie erkennen ihn nicht, können ihn nicht erkennen,

weil er verwandelt wurde:

Im Auferstandenen tritt ihnen Gott selbst gegenüber.


Gott war in Jesus Christus schon zu Lebzeiten,

das zeigen die Wunder, die Jesus tat.

Aber die Jünger und alle anderen Menschen,

die Jesus begegneten, sahen ihn „nur” als Menschen.

Als einen besonderen, einzigartigen,

aber eben als einen Menschen.

Selbst wenn Petrus bekennt: „Du bist der Christus”,

so erkannte er zwar, wozu Gottes Sohn in die Welt kam.

Aber Gott konnte er in ihm noch nicht erkennen.


Erst seine Auferstehung offenbarte,

dass Jesus, wie es im Glaubensbekenntnis von Nicäa heißt,

„Gott von Gott” ist, „Licht vom Licht,

wahrer Gott vom wahren Gott.”

Ohne die Auferstehung könnten wir das nicht wissen.

Wir würden Jesus für einen besonderen, vorbildlichen Menschen halten

wie Mutter Theresa oder Martin Luther King.

Aber tatsächlich hat Gott sich in ihm offenbart.

Deshalb sprechen wir Jesus auch als kyrios an, als „Herr”.

So wird Gott im Alten Testament angeredet: adonaj, Herr.


Die Menschen, denen Jesus nach seiner Auferstehung erschien,

sahen sich Gott gegenüber, sahen Gott von Angesicht zu Angesicht

und redeten mit ihm wie mit einem Freund,

wie es vorher nur Mose vergönnt gewesen war.

Diese Begegnung mit Gott entzündete in ihnen den Glauben

und machte sie zu Apostelinnen und Aposteln,

die es weitersagten: Christus ist auferstanden!


Glaube entsteht aus der Begegnung mit dem lebendigen Gott.

Wenn Paulus die vielen Jünger:innen aufzählt,

die den Auferstandenen sahen:

Petrus, die zwölf Jünger, dann 500 auf einmal,

dann Jakobus, der Bruder Jesu, und alle Apostel:innen,

und schließlich sogar Paulus selbst,

- dann will er keine Zeug:innen benennen,

als müsse er die Auferstehung beweisen.

Sondern er zählt die auf, die als erste das Licht verbreiteten,

das mit der Botschaft von der Auferstehung in die Welt kam:

So viele waren es.

Darum konnte sich das Evangelium über die ganze Welt ausbreiten.


Wie man eine Kerze an der anderen anzündet,

um das Osterlicht weiterzugeben,

haben die Apostel:innen den Glauben an andere weitergegeben,

der in ihnen durch die Begegnung

mit dem Auferstandenen entzündet wurde.


Auch wir begegnen ihm, wenn auch nicht von Angesicht zu Angesicht.

Als Auferstandener ist Jesus gegenwärtig

da, wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind.

Und er begegnet uns, wie den Jüngern von Emmaus,

im Abendmahl, das er gestiftet hat.

Und wie sie fragen wir uns manchmal voller Staunen:

„brannte nicht unser Herz?”


Auferstehung bedeutet, dass noch Leben auf uns wartet.

Leben, das dem Tod nicht mehr unterworfen ist.

Leben, befreit von Leid und Schmerz.

Vor allem aber bedeutet sie,

dass Gott sich uns als der offenbart hat,

der uns vom Tod erretten will

und uns Anteil gibt an seiner Zeit: An der Ewigkeit.

So wird die Auferstehung zum Grund unserer Hoffnung:


Die Jünger erlebten Jesus nach Ostern,

sie lebten noch 40 Tage mit ihm zusammen.

Er war für sie jetzt durchsichtig geworden auf Gott hin

und blieb doch trotzdem Mensch,

ihr Meister und ihr Freund,

der berührbar war und berührbar blieb;

der mit ihnen gemeinsam aß, Brot und Fisch.


Jesus, in dem sich Gott zu erkennen gab,

blieb auch nach der Auferstehung Mensch, blieb leiblich.

Kein Geist oder gar Gespenst,

hatte Jesus Hand und Fuß und ließ zu,

dass Thomas den Finger in seine Wunde legte.


Unser Glaube hat Hand und Fuß.

Er entsprang nicht den Träumen der Jünger Jesu

oder einer Vision des Paulus.

Er wurde geweckt vom Auferstandenen,

der wirklich war, wirklich da war und der,

weil er leiblich auferstanden ist,

immer noch da ist, sitzend zur Rechten Gottes,

wie wir im Glaubensbekenntnis sagen.


Als Auferstandener ist Jesus gegenwärtig.

Er ist jetzt auch bei uns.

Die Zeit zwischen seiner Auferstehung und seiner Wiederkunft,

wenn das Reich Gottes anbricht

unter einem neuen Himmel auf einer neuen Erde,

sind für uns zwei verschiedene Zeitpunkte.

Für Jesus ist es einer: die Gegenwart.


Als Jesus mit seinen Jüngern wanderte,

predigte er, dass das Reich Gottes nahe herbeigekommen sei.

Mit seiner Auferstehung wurde es offenbart.

Mit ihr ist die neue Welt angebrochen,

in der Gott abwischen wird alle Tränen,

der Tod nicht mehr sein wird

und ewiges Leben uns erwartet.


So leben wir aus der Auferstehung

mit einer Hoffnung, die schon fast Gewissheit ist.

Die uns Kraft gibt, allem die Stirn zu bieten

und jeden Tag aufs neue aufzustehen,

bis wir in das Licht eines ewigen Tages gehen.