Sonntag, 24. Februar 2019

Leiten wie Lydia

Predigt am Sonntag Sexagesimae, 24. Februar 2019, über Apostelgeschichte 16,9-15:
(Gottesdienst zur Verabschiedung)

Paulus hatte eines Nachts eine Vision:
Ein Mazedonier stand da und bat ihn:
Setze nach Mazedonien über und hilf uns!
Wie er nun die Vision hatte,
wollten wir sofort nach Mazedonien reisen,
denn wir schlossen daraus,
dass Gott uns dazu berufen hatte, ihnen zu predigen.
Nachdem wir von Troas ausgelaufen waren,
fuhren wir geradewegs nach Samothrake
und am folgenden Tag nach Néapólis,
dem Hafen von Philippi.
Von dort gingen wir nach Philippi,
eine Stadt im ersten Bezirk Mazedoniens,
eine römische Militärkolonie.
Wie hielten uns in dieser Stadt einige Tage lang auf.
Aber am Sabbat gingen wir durch das Tor hinaus zum Fluss,
wo wir eine Synagoge vermuteten.
Wir setzten uns und sprachen mit den Frauen,
die sich dort versammelt hatten.
Eine Frau, die zuhörte, war Lydia.
Sie war eine Purpurhändlerin aus Thyatira
und eine Gottesfürchtige.
Ihr öffnete der Herr das Herz,
sodass sie auf das hörte, was Paulus sagte.
Als sie dann mit ihrem ganzen Haus getauft war,
sprach sie eine Einladung aus:
Wenn ihr anerkennt, dass ich an den Herrn glaube,
kommt in mein Haus und bleibt dort.
Und sie nötigte uns.


Liebe Schwestern und Brüder,
„prüfet alles, was gut ist, das behaltet!
Siehe, hier will Paulus keine Lehre noch Satz gehalten haben,
es werde denn von der Gemeinde, die es hört,
geprüft und für gut erkannt.
Denn dieses Prüfen geht ja nicht die Lehrer an,
denn die Lehrer müssen zuvor sagen,
das man prüfen soll.
Also ist … das Urteil den Lehrern genommen
und den Schülern gegeben unter den Christen.

(Martin Luther, Dass eine christliche Versammlung oder Gemeine …, 1523,
in: Clemen, Otto (Hrsg.), Luthers Werke in Auswahl, Bd. 2, S. 398)
Paulus lässt sich prüfen.
Paulus, ein studierter Theologe.
Beim berühmten Rabbi Gamaliel in die Schule gegangen.
Bewandert in der Schrift
und in den Traditionen des Judentums.
Von Christus einer Vision gewürdigt
und zum Apostel berufen.
Paulus lässt sich prüfen.
Von einer Frau.
Keiner studierten Theologin.
Das wäre damals gar nicht möglich gewesen.
Wo hätte sie studieren sollen?
Wer hätte eine Frau unterrichtet?
Lydia ist eine Kauffrau,
spezialisiert auf wertvolle Stoffe.
Nebenbei interessiert sie sich für den Glauben.
Sie ist eine „Gottesfürchtige“:
Sie besucht den Gottesdienst,
sie kennt die Gebete und die Bibel.
Aber den letzten Schritt:
den Übertritt zum Judentum,
kann oder will sie nicht vollziehen.

Paulus und Lydia -
das könnte der Beginn einer wunderbaren Freundschaft sein.
Aber selbst, wenn Sympathie
oder gar Liebe hier eine Rolle spielen sollten:
Die beiden sind nicht allein.
Lydia hat ihren gesamten Haushalt dabei:
ihre Angestellten und Verwandten.
Und Paulus reist mit Silas und Timotheus, seinen Kollegen.

Diesmal geht es nicht um Liebe, sondern um den Glauben -
wobei beide sich nicht ausschließen,
weil das eine mit dem anderen viel zu tun hat.
Paulus war aufgrund einer Vision nach Philippi,
der Hauptstadt Mazedoniens, gereist:
Ein Europäer hatte ihn um Hilfe gebeten.
Ein kleiner Schritt für Paulus,
aber ein großer, wenn nicht entscheidender Schritt
für den Glauben an Christus:
Der christliche Glaube springt von Kleinasien nach Europa.
Dieser Sprung,
zusammen mit dem Aufgeben der jüdischen Traditionen,
trennt den neuen Glauben von seinen jüdischen Wurzeln
und macht ihn interessant für Menschen wie Lydia,
die aus anderen Kulturkreisen,
anderen Glaubenstraditionen kommen
als Jesus und seine Jünger.

Der erste Europäer,
der sich dem Glauben an Christus zuwendet,
ist eine Europäerin.

Paulus könnte zu Lydia sagen,
was leitende Männer der christlichen Kirche nach ihm
über Jahrhunderte hinweg bis heute sagen:
„In meiner Vision sah ich einen Mann, keine Frau.
Die Jünger Jesu waren Männer.
Du als Frau bist nicht berufen.“

Das sagt Paulus aber nicht.
Paulus reagiert anders als die vielen Kirchenleiter nach ihm,
die sich auf die Bibel berufen.
Er lässt sich von Lydia einladen.

Dass Paulus Lydias Einladung annimmt -
auch wenn sie ihm diese quasi aufdrängen muss -
hat große Bedeutung.
Lydia, die schlaue Händlerin,
knüpft ihre Einladung nämlich an eine Bedingung:
„Wenn ihr anerkennt, dass ich an den Herrn glaube, 
kommt in mein Haus“.
Indem Paulus mit seinen Kollegen das Haus Lydias betritt,
erkennt er sie als seinesgleichen an.
Damit wird Lydia zur ersten Pastorin -
auch, wenn es dieses Amt damals noch nicht gab.
Nachdem sie mit allen ihren Angestellten
und Familienmitgliedern getauft worden war,
wurde ihr Haus zur ersten christlichen Gemeinde Europas.
Und sie, als Hausherrin, zu deren erster Pastorin.

Ja, aber, aber …
kann Lydia denn einfach so Pastorin werden?
Ohne Theologiestudium,
ohne Urkunde von der Landeskirche?
Martin Luther, den ich schon eingangs zitierte,
schreibt an die Gemeinde in Leisnig an der Mulde:
„Ein Christ hat so viel Macht,
dass er auch mitten unter den Christen
unberufen durch Menschen
mag und soll auftreten und lehren,
wo er sieht, dass der Lehrer daselbst fehlet,
so aber, dass es sittig und züchtig zugeht.
Das hat S. Paulus deutlich beschrieben
1.Korin 14, da er spricht:
Wird dem, der dasitzt, etwas offenbart,
so soll der Erste schweigen.
Sieh da, was hier S. Paulus tut:
Er heißt den schweigen und abtreten
mitten unter den Christen,
der da lehret,
und den auftreten,
der da zuhöret und unberufen ist,
das alles darum,
dass Not kein Gebot hat.“
(S. 400)
Lydia wird Pastorin aus der Not heraus.
Es gibt in ganz Europa noch keine christliche Gemeinde;
eine muss den Anfang machen.
Aber ist dazu nicht Paulus da?
Paulus, der gelernte und gelehrte Theologe,
könnte doch die Gemeinde in Philippi leiten!
Er hat viel mehr Ahnung, viel mehr Erfahrung als Lydia -
und er ist ein Mann!

Doch das Gemeindeleiten ist nicht so Paulus’ Ding.
Auch predigen kann er nicht besonders gut.
Es ist fast schon ein Wunder, dass er Lydia
für den christlichen Glauben begeistern konnte.
Paulus’ Stärken liegen im theologischen Denken und Formulieren.
Briefe schreiben, das kann er.
„Aber wenn er selbst anwesend ist, 
ist er schwach und seine Rede kläglich“ (2.Kor 10,10).

Paulus hat Lydia gegenüber die Größe,
keinen Dünkel zu besitzen.
Weder bildet er sich auf sein theologisches Wissen
noch auf sein Mannsein etwas ein.
Auch wenn er später sehr problematische Dinge
über die Rolle von Frauen in der Gemeinde schreiben wird:
Hier in Philippi macht er ernst damit,
dass unter Christen Unterschiede der Herkunft,
der gesellschaftlichen Stellung
oder des Geschlechts keine Rolle spielen (Gal 3,28).
Genau das macht den Charme
und die Anziehungskraft des christlichen Glaubens aus:
Dass er - zumindest am Anfang -
keinen Dünkel kannte und keine Unterschiede machte
und so allen in der Gemeinde eine Chance gab,
ihre Gaben einzubringen.

Daran konnte Martin Luther anknüpfen,
diese verborgene Stärke des christlichen Glaubens
hat er wiederentdeckt.
Darum war die reformatorische Bewegung,
die er auslöste, so erfolgreich:
Sie stellte die Machtverhältnisse in der Gemeinde
vom Kopf wieder auf die Füße.

Statt dass ein Einzelner entschied,
wer die Gemeinde leiten sollte,
wählte die Gemeinde sich ihren Hirten selbst.

Statt dass einer erklärte, was richtig oder falsch,
was zu glauben und was zu verwerfen war,
machte die Gemeinde mit ihrer Berufung ernst,
„dass ein jeglicher Christ Gottes Wort hat
und von Gott gelehrt und gesalbt ist zum Priester“
(S. 399).
Statt das Priesteramt von einer Kaste von Prälaten
verwalten und vergeben zu lassen,
wählte die Gemeinde unter sich
„diejenigen, so man geschickt dazu findet
und die Gott mit Verstand erleuchtet
und mit Gaben gezieret hat“
(ebd.).
Vordergründig geht es um Fragen des Glaubens.
Aber im Hintergrund geht es immer wieder
und immer nur um Macht.
Die Macht, Posten zu vergeben.
Die Macht, über Richtig und Falsch zu urteilen.
Die Macht, zu sagen, wo’s langgeht.
Offiziell heißt es, dass diese Fragen
nur aus der Hl. Schrift entschieden werden können.
Anfangs war das auch so:
Paulus streitet sich mit den anderen Aposteln
über das Verständnis der Schrift.
Auch Luther besteht darauf,
aus der Schrift widerlegt zu werden
und stellt der Leisniger Gemeinde
ein theologisches Gutachten aus,
das sich allein auf die Bibel beruft.
Aber schon bald greifen die gut geölten Zahnräder
wieder ineinander;
alte Seilschaften finden sich zusammen,
neue werden gegründet.
Luther ahnt das.
Deshalb schreibt er den Leisnigern ins Stammbuch:
„Alle Warnung, die S. Paulus tut …,
ebenso aller Propheten Spruch …,
die tun nichts anders,
denn dass sie das Recht und die Macht,
alle Lehre zu urteilen,
von den Lehrern nehmen
und mit ernstlichem Gebot
bei der Seelen Verlust
den Zuhörern auferlegen,
also … sinds schuldig zu urteilen
bei göttlicher Majestät Ungnade,
dass wir daran sehen,
wie die Tyrannen so unchristlich mit uns gefahren haben“
(S. 398).
Die Gemeinde hat nicht nur das Recht,
alle Lehre zu prüfen.
Sie hat auch die Pflicht dazu.
Luther schärft diese Pflicht
mit besonders starken Drohungen ein:
Wer diese Pflicht vernachlässigt,
verliert seine Seele und fällt bei Gott in Ungnade!
Wie kann Luther der Gemeinde nur solche Angst machen!?
Es kann doch nicht jeder Theologie studieren!?

Jede und jeder kann Verantwortung
für den Glauben übernehmen.
Dazu gehört, dass man sich informiert.
Die Stärke der ersten Christen
und die Stärke der reformatorischen Bewegung
lag in ihrer Bibelfestigkeit.
Die Gläubigen ließen sich nicht mehr länger
mit frommen Geschichten abspeisen;
sie ließen sich nicht mehr länger sagen,
was sie glauben sollten.
Sie wollten selber entscheiden können,
wollten wissen, was tatsächlich in der Bibel stand,
und ihre eigenen Schlüsse daraus ziehen.

Das Dilemma unserer Kirche
wie unserer Gesellschaft besteht darin,
dass man sich scheut,
selbst zu denken,
sich gründlich zu informieren
und Verantwortung zu übernehmen.
Wozu hat man denn die Pfarrerin, den Pfarrer!?
Wozu hat man denn die Politiker!?

Wer leitet, braucht aber die Überprüfung.
Nicht, weil er oder sie alles falsch macht.
Nicht, weil man Leitenden, wie Lenin sagt,
nicht trauen kann und nicht trauen darf.
Sondern weil man etwas so großes
wie eine Kirche oder einen Staat,
eine Kirchgemeinde oder eine Kommune
nun einmal nicht allein leiten kann.
Durch das Prüfen der Leitenden
erwirbt man Wissen und Know-How.
Man wird eine mündige Christin, eine mündige Bürgerin.

Lydia wurde Christin,
weil sie Paulus kritisch zuhörte.
Das, was er sagte, hat ihr,
die schon viel über den Glauben nachgedacht hatte,
etwas gesagt.
Durch ihr Interesse und ihr Nachdenken
erwarb sich Lydia Kompetenzen,
die sie zur Leitung der Gemeinde befähigten.

Die Gemeinde in Philippi, das Haus Lydias,
ist zeitlebens Paulus’ Lieblingsgemeinde geblieben.
Vielleicht war da ja doch mehr
als nur das gemeinsame Interesse am Glauben.
Jedenfalls gab die Gemeinde in Philippi die höchsten Kollekten
und versorgte Paulus im Gefängnis,
schickte ihm Essen, Briefe und Besucher.

Kurze Zeit später wurde die Gemeinde in Rom gegründet.
Bald war Philippi nur noch eine kleine,
unbedeutende Gemeinde am Rand Europas.
Nach Lydia wird sicher ein Mann
die Leitung der Gemeinde übernommen haben.
Aber der Name dieser klugen Frau blieb erhalten.
Und ihr Erbe:
Selber zu denken,
auch in Fragen des Glaubens;
und Verantwortung zu übernehmen,
auch für den Glauben.

Amen.

Sonntag, 17. Februar 2019

Ab durch die Mitte!

Predigt am Sonntag Septuagesimae, 17. Februar 2019, über Kohelet 7,15-18:

Das alles sah ich in meinem nichtigen Leben:
Da ist ein Gerechter, der an seiner Gerechtigkeit zugrunde geht.
Und da ist ein Ungerechter, der in seiner Bosheit lange lebt.
Sei nicht übermäßig gerecht und gebärde dich nicht allzu weise -
warum willst du dich zugrunde richten?
Sei nicht übermäßig ungerecht und sei kein Narr -
warum willst du vor der Zeit sterben?
Gut, wenn du an diesem festhältst
und auch bei jenem nicht nachlässt.
Denn wer gottesfürchtig ist, entgeht dem allen.


Liebe Schwestern und Brüder,

wie wollen wir leben?
Ist das eine Frage?
Das Leben mit allem, was es bietet, kann einen so in Anspruch nehmen,
dass man gar nicht auf die Idee kommt, man hätte eine Wahl:
Es gibt so viel zu sehen, zu erleben,
zu schmecken, zu hören, zu fühlen und zu riechen.
Es gibt so viel zu tun und zu erledigen.
Es gilt, so viele Leute zu treffen,
so viele fremde Gegenden und Länder kennen zu lernen.
Das Leben selbst sorgt dafür, dass man nicht zur Besinnung
und damit zum Nachdenken kommt.
Ständig verändert sich etwas,
ständig präsentieren sich einem neue Herausforderungen und Probleme.

I. Wie wollen wir leben?
Trotz allem, was es zu erleben gilt,
trotz aller Anforderungen, die das Leben stellt,
kann man dieser Frage nicht ausweichen.
Sie drängt sich auf.
Darum kommen wir unter anderem heute und an den anderen Sonntagen zusammen,
weil uns diese Frage umtreibt und wir eine Antwort darauf suchen.

Die Antwort des Predigers ist überraschend und vielleicht sogar enttäuschend:
Wähle den Mittelweg. Wähle das Mittelmaß.
Mittelmäßig möchte man eigentlich nicht sein.
Mit dem Mittelmaß gibt man sich in der Regel nicht zufrieden.
Auch, wenn laut Gauߑscher Normalverteilung
die meisten von uns mittelmäßige Schülerinnen und Schüler
oder sogenannte „Otto-Normalverbraucher“ sind.
Man sucht sich das ja nicht aus.
Man tendiert in eine Richtung und denkt oft in Gegensätzen:
Schwarz und Weiß, Gut und Böse, Links und Rechts usw.
Im Laufe der Zeit pendelt man sich allerdings in dem Bereich ein,
der von den großen Parteien so heftig umworben wird:
in der Mitte.

Und nun sagt der Prediger:
Mitte ist gut!
Will er, dass wir alle nur mittelmäßig sind?
Will er, dass wir uns mit dem Mittelmaß zufrieden geben?

II. Die Frage, wie man leben soll,
beantwortet der Prediger unter dem Blickwinkel eines gläubigen Menschen.
Unter diesem Blickwinkel gibt es zwei Haltungen:
gerecht zu sein, d.h. sich an Gott und seine Gebote zu halten,
sich um Weisheit zu bemühen, weil sie hilft, Gottes Wort zu verstehen.
Und ungerecht zu sein, d.h. zu tun, was Vorteile und persönlichen Gewinn bringt.
Gott und Gottes Wort sowie alle sonstigen Regeln und Werte sind dafür unnötig,
ja ungünstig, weil sie die Gewinnmaximierung erschweren
und vielleicht sogar Skrupel aufkommen lassen.

Beide Haltungen können ins Extrem ausschlagen:
Der Gerechte kann so besessen von der Idee sein,
Gottes Gebote bis aufs i-Tüpfelchen zu befolgen,
dass er sich damit zugrunde richtet.
Das ist kein Leben mehr, nur noch Pflicht und Gehorsam.
So ein Mensch hat keine Freunde -
auch, weil er in seinem Streben nach Weisheit
zum Klugscheißer, Besserwisser oder Rechthaber geworden ist.

Das andere Extrem ist der Ungerechte,
der zur Erfüllung seiner Wünsche buchstäblich über Leichen geht.
Und sich mit seiner Rücksichtslosigkeit Feinde macht,
die ihrerseits danach trachten, sein Leben zu verkürzen.
Der zwar in allem, was seine Gier betrifft,
eine unglaubliche Gerissenheit und Schläue zeigt.
Aber in allen zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Fragen keinen Fettnapf auslässt,
sodass er als peinlicher, tumber Tor gilt.

Mit den beiden Extremen, die ja nicht gänzlich aus der Luft gegriffen sind,
will der Prediger die Gefahren aufzeigen, die in so einseitigen Haltungen lauern:
Als gläubiger Mensch darf man sich nicht völlig von der Welt und den eigenen Bedürfnissen entfernen.
Als ungläubiger Mensch darf man sich nicht gänzlich von Recht und Gesetz,
von gesellschaftlichen Regeln und Werten abkoppeln.

III. Der Prediger betrachtet das Leben unter der Perspektive des Glaubens.
Dabei stellt er von Anfang an klar, dass der Glaube keinen Vorteil verschafft:
Ein Gerechter lebt nicht notwendigerweise länger als ein Ungerechter.
Die Statistiken, die man befragt, wenn man entscheiden will, was man tun muss,
um sein Leben zu verlängern - Sport treiben, sich bewegen, sich gesund ernähren -
und was man lassen soll, um nicht krank zu werden -
Rauchen, Alkohol, schlechte Ernährungsgewohnheiten -
liefern für die Frage, welchen Einfluss der Glaube auf die Lebenserwartung hat,
kein eindeutiges Ergebnis.
Für die Lebenserwartung ist der Glaube irrelevant, meint der Prediger.
Wozu ist er dann gut?

Der Prediger warnt vor den Extremen:
Man kann es mit der Gerechtigkeit wie mit der Gemeinheit übertreiben.
Woher aber kommt dieser Extremismus,
wenn wir alle doch eher mittelmäßig sind?
Er kommt daher, dass wir unser Leben tatsächlich selbst gestalten,
auch wenn wir oft den Eindruck haben, das Leben lebe uns.
Wir gestalten unser Leben, weil wir tun oder lassen, was die Statistiken sagen.
Und wir gestalten es auch, wenn wir bewusst nicht tun,
was wir laut Statistik tun sollten.
Dabei schießen wir allzu oft über das Ziel hinaus.

Wir schießen über das Ziel hinaus und geraten in Extreme,
sobald und solange wir uns selbst zum Maßstab unseres Handelns machen,
sobald und solange wir selbst Richtung und Ziel unseres Lebens vorgeben.
Wenn wir uns zum Maß aller Dinge machen, haben wir jeden Maßstab verloren.

IV.  Der Glaube gibt uns das rechte Maß.
Er ist der Maßstab, durch den wir,
aber auch unsere Mitmenschen und Mitgeschöpfe am Leben bleiben.

Maßstab für den Umgang mit unseren Mitmenschen und unserer Umwelt
ist der Glaube, indem er uns erkennen lässt, dass wir nicht allein auf der Welt sind
und die anderen nicht nur unseretwegen existieren.
Die Welt dreht sich nicht um uns. Sie dreht sich um keinen Menschen.
Wir alle sind verwoben in ein Netzwerk allen Lebens,
das die Bibel „Schöpfung“ nennt.
In diesem Netzwerk kann eines nicht ohne das andere sein,
ist keines wichtiger oder wertvoller als das andere -
und auch keiner unwichtig oder wertlos.
Der Glaube an die Schöpfung
gibt uns das Maß im Umgang miteinander und mit unserer Umwelt.

Maßstab für unser Leben ist der Glaube, indem er uns erkennen lässt,
dass Gott die Welt uns und allem Leben zur Freude geschaffen hat.
Leben bedeutet nicht Verzicht, sondern Genuss.
Wir sollen und dürfen alle Gaben der Schöpfung genießen.
Wir sollen und dürfen das Miteinander, die Liebe zum anderen Menschen
in der Art und Weise genießen, die Gott uns geschenkt hat,
solange wir den anderen in seiner Würde respektieren
und ihm das gleiche zugestehen wie uns.

Wir tun das alles in rechter Weise, wenn wir glauben,
d.h. unser Tun und Lassen vor Gott verantworten
und nicht vergessen, dass wir mit allem anderen Leben aufs engste verwoben sind.
Und nicht vergessen, dass uns unser Leben
und die Gaben der Schöpfung geschenkt wurden
und wir keinen Anspruch auf sie haben.

Der Glaube führt daher den Mittelweg
zwischen dem Aufgeben aller Wünsche
und dem rücksichtslosen Durchsetzen des eigenen Willens.
Dieser Weg ist schwer oder sogar unmöglich zu gehen,
wenn man meint, man müsse diese Mitte austarieren,
müsse genau abwägen und abwiegen, was einem zusteht und was dem anderen.
Er wird kinderleicht, wenn man sich Gott und seiner Liebe überlässt.

V. Das Leben ist ein Wunder.
Und unsere Zeit, dieses Wunder zu erleben, ist kurz,
viel zu kurz.
Wenn wir begreifen, dass wir unser Leben nicht für uns leben,
sondern gemeinsam mit all den anderen Menschen, Tieren und Pflanzen,
könnte es für uns und für alle zu einem Paradies werden.

__________

Das Tagesgebet für den Sonntag Septuagesimae steht hier.

Samstag, 9. Februar 2019

Sicher sein

Predigt am 4. Sonntag vor der Passionszeit, 10.2.2019 ,über Markus 4,35-41:

Jesus sprach zu seinen Jüngern, als es Abend geworden war:
Lasst uns den See Genezareth überqueren!
Und nachdem sie die Menge entlassen hatten, fuhren sie mit ihm, weil er bereits im Boot war;
andere Boote waren bei ihm.
Da erhob sich ein gewaltiger Sturm, und die Wellen schlugen ins Boot,
sodass das Boot schon vollgelaufen war.
Er aber schlief im Heck auf einem Kissen.
Die Jünger weckten ihn mit den Worten:
Meister, kümmert es dich nicht, dass wir untergehen?
Als er wach war, schimpfte er mit dem Wind und sprach zum See:
Schweig, sei still!
Der Wind legte sich, es herrschte eine große Flaute.
Da sprach er zu ihnen:
Warum seid ihr feige? Habt ihr noch keinen Glauben?
Die Jünger befiel eine schreckliche Angst,
und sie sprachen zueinander:
Was ist das bloß für einer, dass ihm Wind und See gehorchen?


Liebe Schwestern und Brüder,

die Geschichte von der Sturmstillung erzählt von einem Wunder.
„Wunder gibt es immer wieder“, heißt es in einem Schlager, und wir möchten das gerne glauben.
Das Wunder, von dem der Schlager singt, ist, dass man die Liebe findet.
Es ist tatsächlich ein Wunder, wenn zwei Menschen sich verlieben.
Man kann es manchmal nicht glauben, dass man liebenswert ist, dass sich jemand ausgerechnet in mich verliebt.
Darum bezeichnet man das, was einem an Gutem widerfährt, obwohl man nicht - oder nicht mehr - damit rechnete, als „Wunder“.

I. In der Wundergeschichte, die der Evangelist Markus erzählt, geht es nicht um das Wunder der Liebe oder ein anderes unerwartetes Geschehen.
Markus berichtet davon, dass Jesus in die Naturgesetze eingreift:
Er stillt einen Sturm und glättet die Meereswogen.

Die Naturgesetze außer Kraft zu setzen: Davon träumten Menschen schon immer.
Fliegen und Schwimmen sind auch deshalb wunderbar, weil sie scheinbar an den Naturgesetzen rütteln: Sie setzen unsere Erfahrung außer Kraft, dass alles fällt, alles Schwere im Wasser versinkt.
Deshalb kann einen auf einem Schiff oder in einem Flugzeug ein mulmiges Gefühl beschleichen, weil man weiß: Wasser und Luft haben keine Balken. Manche haben regelrecht Angst davor, mit Schiff oder Flugzeug zu reisen, weil das Gefühl, dass es nicht „richtig“ ist, stärker ist als das Wissen, das man im Physikunterricht gelernt hat.

Auch die Jünger haben Angst. Angst vor dem Sturm, der das Boot zu versenken droht.
Im Gegensatz zu den Jüngern sehen wir Jesus seelenruhig schlafen, wie in Abrahams Schoß.
Er bekommt von der dramatischen Situation nichts mit. Die Jünger müssen ihn wecken, damit er die Gefahr überhaupt wahrnimmt. Als er aber wach ist, hilft er seinen Jüngern: Auf seinen Befehl hin legt sich der Sturm; der See Genezareth, den sie überqueren wollen, liegt plötzlich spiegelglatt da.

Ist es nicht großartig, wie Jesus seinen Jüngern zu Hilfe kommt und sie aus ihrer verzweifelten Lage rettet? Geschichten wie diese ermutigen Menschen dazu, ebenfalls auf ein Wunder zu hoffen. Man denkt: Wenn Jesus für seine Jünger die Naturgesetze außer Kraft setzen konnte, wird er das doch auch für mich tun können oder für den Menschen, den ich liebe und um den ich mir so große Sorgen mache. Ich verlange ja nicht viel, nur ein kleines Wunder. Nichts im Vergleich zu dem, was Jesus für seine Jünger tat.
Aber das Wunder geschieht nicht, so sehr man auch betet und bittet.

II. Die Jünger haben Angst. Auch dann noch, und dann noch viel mehr, als Jesus den Sturm gestillt hat. Es befällt sie eine schreckliche Furcht. Diese Furcht kommt aus einer schrecklichen Ahnung: Wenn einer so etwas tun kann, dann könnte er noch ganz andere Dinge tun.

Vom allmächtigen Gott erzählt die Bibel nicht nur, dass er die Welt geschaffen und das Volk Israel aus Ägypten befreit hat. Sie erzählt auch von der Sintflut, mit der Gott alles Leben auf der Erde auslöscht, und von den Plagen, die Gott über die Ägypter bringt, bis hin zur Ermordung aller Erstgeborenen.
Die Allmacht Gottes hat zwei Seiten: Sie spendet Leben, aber sie kann auch Leben nehmen. Gott ist gut und schrecklich zugleich. Deshalb haben die Jünger nach dem Wunder größere Angst als vorher: Sie erkennen, welche Macht in Jesus wohnt, und wozu er in der Lage ist.

Wer sich Gott allmächtig wünscht, muss mit beiden Seiten der Macht leben: mit der guten, lebensspendenden ebenso wie mit der schrecklichen, zerstörerischen. Es gibt keine Macht, die nur gut ist, nur Gutes bewirkt. Sobald man in den Lauf der Dinge eingreift, geraten sie aus dem Gleichgewicht: Was dem Einen zum Vorteil gereicht, wird für den Anderen zum Nachteil. Was einer gewinnt, hat ein anderer verloren.

Der Wunsch, Gott möge eingreifen und den Lauf der Dinge ändern, ist deshalb ein kindlicher Wunsch. Sollte Gott wirklich eingreifen, könnte er das Leben auch in einer Weise verändern, die man sich nicht wünscht. Wenn Gott aber nur da eingreifen soll, wo ich will, würde er nicht existieren. „Gott“ wäre dann nur eine Projektion: eine Verlängerung meiner Wünsche und Träume ins Unendliche.
Zu einem „erwachsenen“ Glauben gehört darum die Einsicht und die Erkenntnis, dass Gott nicht eingreifen wird. Dass man sein Leben allein bewältigen muss, ohne Hilfe von oben. Trotzdem hofft man weiter auf ein Wunder. Besonders, wenn man Angst hat. Angst um das eigene Leben, oder Angst um das Leben eines geliebten Menschen.

III. Ängste sitzen sehr tief in uns, sie lassen sich nicht beherrschen. Man kann sie nicht wegdiskutieren oder mit Argumenten widerlegen wollen. Ein Beispiel, das ich auf Twitter fand:
Ängste sind gut. Sie schützen vor Gefahren. Sie lassen einen aufmerksam sein und fluchtbereit.
Ängste können aber auch belastend sein, wenn sie lähmen und handlungsunfähig machen.

Die größte Angst ist die vor dem Tod. Der Tod vernichtet uns. Wir sind nicht mehr da, können uns nicht mehr am Leben, an den Menschen, die wir lieben, an der Welt freuen. Es gibt uns nicht mehr, und damit auch nicht unsere Erinnerungen, unsere Gedanken, unsere Gefühle, unsere einmalige Art, die Welt so zu sehen, wie wir sie sehen.

Die Jünger auf dem Boot stehen kurz davor, ihr Leben zu verlieren. Ihre Angst ist nur zu verständlich. Was man nicht versteht, ist, warum Jesus in dieser Situation so ruhig bleibt. Warum er kein Mitgefühl mit seinen Jüngern zeigt, sondern sie auch noch tadelt.

An dieser eigenartigen Stelle scheint der Knackpunkt der Geschichte zu liegen. Wenn Jesus seine Jünger tadelt: „Warum seid ihr feige? Habt ihr noch keinen Glauben?“, will er damit offenbar sagen: Wer glaubt, braucht keine Angst zu haben.

Könnte der Glaube die Angst besiegen? Und wenn ja: Wie soll das gehen? Die Geschichte gibt dazu keine Hinweise. Da ist nur Jesus, der inmitten eines schrecklichen Sturms, der das Boot jeden Moment zum Kentern bringen kann, seelenruhig schläft. Offenbar sollen wir uns fragen: Wie kann Jesus mitten im Sturm so ruhig sein? Diese Frage lenkt uns zurück in unsere Kindheit: Kinder haben keine Angst, solange Mama oder Papa in der Nähe sind. Solange die starken, verlässlichen Eltern da sind, findet man immer Trost, fasst man neuen Mut, traut man sich als Kind fast alles. Auch, weil die Eltern im Notfall eingreifen. Daher kommt unsere Wunschvorstellung des „Eingreifens von oben“:
Es war die Hand von Mutter oder Vater, die von oben kam und uns im letzten Moment festhielt, wenn wir stolperten. Die uns aufrichtete, wenn wir fielen. Die uns heilte und wärmte und schützte. Es war das Vertrauen in die Güte und die Hilfe der Eltern, die uns keine Angst haben ließ, damals, als wir Kinder waren.

Die Geschichte vom schlafenden Jesus in stürmischer See erzählt von diesem kindlichen Vertrauen: Jesus fühlt sich ganz und gar geborgen bei Gott, seinem Vater. Sogar in dieser über dem Abgrund schaukelnden Nussschale.

IV. Wir konnten unseren Eltern vertrauen, als wir Kinder waren. Aber irgendwann verloren wir dieses Vertrauen, und die Angst kam. Die Angst kam, weil wir erlebten, dass unsere Eltern uns nicht immer helfen konnten. Je älter wir wurden, desto öfter mussten wir Herausforderungen und Probleme allein bewältigen. Die Angst kam, weil wir erlebten, dass sogar unsere Eltern manchmal machtlos waren. Auch sie hatten Angst - Angst vor dem Tod.

Wie gewinnt man Vertrauen, das die Angst besiegt? Sucht man es erst in der Gefahr, wird man es nicht finden. Man muss sich offenbar vorher darum bemühen. Vertrauen, das weiß man aus Erfahrung, fällt nicht vom Himmel. Es muss wachsen, und es braucht dazu viel Zeit. Zu diesem Wachstumsprozess gehört auch die Enttäuschung. Kinder erleben, dass ihre Eltern doch nicht alles können, dass sie nicht immer da sein können, wenn sie Angst haben und dass sie manchmal nicht da sind, wenn sie sie brauchen.
Man erlebt, dass Freunde das Vertrauen enttäuschen oder sogar missbrauchen.
Sogar in einer Partnerschaft kann man den Missbrauch oder den Bruch des Vertrauens erleben.

Zum Prozess des Erwachsenwerdens gehört, dass man die Enttäuschung überwindet - die Enttäuschung, dass die Eltern doch nicht alles können; die Enttäuschung, die einem Freunde oder Partner bereiten - und eine neue Basis für die Beziehung findet.

Auch der Glaube ist eine Beziehung. Auch in der Glaubensbeziehung wird man enttäuscht: Gott greift nicht ein. Gott verweigert das Wunder, um das man ihn bittet. Das ist eine heftige Beziehungskrise. Manche beenden in einer solchen Situation die Beziehung, wenden sich ab von einem Gott, den sie für ungerecht halten. Andere finden eine neue Basis ihrer Beziehung zu Gott.

Jesus hat Gott als „Vater“ empfunden und angesprochen. In diesem Namen schwingt die ganze Zweideutigkeit unserer Erfahrungen mit unseren Eltern mit: Einerseits sind sie stark, verlässlich, hilfsbereit. Andererseits sind sie manchmal schwach und verletzlich, verletzen uns, wissen selbst nicht, wie es weitergeht. Wenn unsere Kindheit einigermaßen gut verlief, bleibt - trotz aller Enttäuschungen - etwas, das unzerstörbar ist. Mit unseren Eltern verbindet uns etwas, das alle Enttäuschungen, alle Erfahrungen von Grenzen und Schmerzen übersteigt und überwindet.

V. Was uns mit Eltern, Freundinnen oder Freunden, der Partnerin oder dem Partner verbindet, ist die Liebe. Liebe ist das Wunder in unserem Leben. Je älter man wird, desto besser erkennt man, dass nichts, was das Leben geben und bieten kann, dieses Wunder übersteigt. Wenn man älter wird, musste man von Menschen Abschied nehmen, die man liebte. Dabei machte man die wunderbare Erfahrung, dass die Liebe bleibt, auch wenn der Mensch, den man liebte, nicht mehr da ist.

Jesus schläft sicher in der schaukelnden Nussschale über dem gähnenden Abgrund, weil er sich der Liebe Gottes sicher sein kann. Diese Liebe ist stärker als alle Mächte der Welt und alle Todesmächte. Diese Liebe trägt auch uns über die Brüche und Klüfte unseres Lebens hinweg. Trägt uns durch alle Dunkelheiten und Schmerzen ins Licht jenes Lebens, das uns bei Gott erwartet. Von diesem Licht fällt ein Strahl in unser Leben. Dieser Liebe sicher zu sein, darum geht es beim Glauben; das gilt es zu lernen.

Samstag, 2. Februar 2019

Der Herr ist da!

Predigt am 5. Sonntag der Passionszeit, 3. Februar 2019, über 1.Korinther 1,4-9:

Ich danke meinem Gott immerzu für euch
wegen der Gnade Gottes, die euch durch den Messias Jesus gegeben wurde.
Denn durch ihn werdet ihr in jeder Beziehung reich gemacht in jeder Lehre und Erkenntnis.
Da die Predigt von Christus durch euer Tun bestätigt wurde,
mangelt es euch an keiner Gabe des Glaubens,
während ihr darauf wartet, dass der Herr offenbart wird.
Er wird euch stärken bis zum Ziel,
damit ihr am Tag unseres Herrn Jesus Christus unbescholten seid.
Auf Gott ist Verlass.
Durch ihn seid ihr berufen in die Gemeinschaft seines Sohnes,
unseres Herrn Jesus Christus.


Liebe Schwestern und Brüder,

am Beginn jeder Tätigkeit steht das Ziel.
Bevor man anfängt, etwas zu tun,
stellt man sich das Ergebnis vor, das man damit erreichen will.
Wer z.B. einen Tisch bauen will,
stellt sich den fertigen Tisch vor.
Ehe man das erste Stück Holz zuschneidet,
weiß man schon, wie lang, wie breit, wie hoch der Tisch werden
und wie er einmal aussehen soll.
Ohne diese klare Vorstellung des Ergebnisses der Arbeit
kann man sich nicht ans Werk machen.

Auch am Beginn des Glaubens steht ein Ziel, auf das hin man glaubt.
Das Ziel des Glaubens ist nicht der Tod,
mit dem der Glaube aufhört und man hinübergeht in das ewige Leben,
wo aus dem Glauben ein Schauen wird.
Das Ziel des Glaubens ist die Wiederkunft Christi,
das Reich Gottes, das einmal kommen soll
und das jetzt schon unter uns beginnt.

I. Der Glaube hat ein Ziel, die Wiederkunft Christi.
Zu Paulus‘ Zeiten meinte man, Christi Wiederkunft stünde unmittelbar bevor.
Auch die Gleichnisse, die Jesus erzählt, erwecken diesen Eindruck:
das Gleichnis von den Talenten z.B.,
in dem der Chef ins Ausland fährt
und seinen Angestellten unterschiedlich große Kapitalbeträge zurücklässt,
mit denen sie wirtschaften sollen, bis er zurückkehrt, um mit ihnen abzurechnen.
Oder das Gleichnis von den sieben klugen und den sieben törichten Jungfrauen,
die auf das Kommen des Bräutigams warten, der lange ausbleibt
und dann doch noch kommt, überraschend, zu später Stunde.

Der Glaube ist demnach nur so lange nötig, bis Jesus wieder da ist.
Wenn er da ist, braucht man ihn nicht mehr,
weil man Jesus leibhaftig sieht und darum nicht mehr an ihn glauben muss.
Glauben ist demnach eine Art Notbehelf,
mit dem man die Zeit überbrückt, bis er nicht mehr nötig ist.
Man kann es noch genauer sagen:
Glauben ist wie Briefe schreiben: Man tut es, solange man sich nicht sieht.
Wenn man sich persönlich begegnet, braucht man keine Briefe mehr.
Solange man aber getrennt war,
hatte man früher nur die Briefe, um miteinander in Kontakt zu bleiben.
Heute gibt es Telefon und Skype -
aber auch die benutzt man i.d.R. nicht, wenn man sich direkt gegenübersitzt.

Anders als der Brief ist der Glaube aber nicht nur dazu da,
die Zeit zu überbrücken, bis man sich wieder begegnet.
Glaube arbeitet auf die Begegnung mit Jesus hin.
Man kann zwar mit dem Glauben die Wiederkunft Christi nicht herbeiführen.
Jesus kommt, wann er will.
Sein Kommen lässt sich weder erzwingen noch beschleunigen.
Aber man kann sich auf sein Kommen vorbereiten -
so, wie man die Wohnung vorbereitet, wenn der ersehnte Besuch,
mit dem man bisher nur per Brief kommunizierte, endlich kommt.

Gute Vorbereitung bedeutet für Paulus, dass man „unbescholten“ ist:
Man soll nichts Schlechtes über uns sagen können, wenn Jesus kommt.
Es wäre ja auch furchtbar peinlich, wenn wir endlich Jesus gegenüberstünden
und uns schämen müssten, weil wir ihm nicht in die Augen sehen könnten.
Nicht, weil wir Angst vor seinem Schimpfen haben müssten,
wie man sie als Kind den Eltern gegenüber empfand,
wenn man etwas ausgefressen hatte.
Sondern weil wir wissen, dass er selbst es ist, der unter unseren Fehlern leidet.
Denn „was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten,
das habt ihr auch mir nicht getan“, sagt Jesus (Matthäus 25,45).
Was wir an anderen versäumen, was wir anderen antun,
das versäumen wir an Jesus, das tun wir ihm an.
Deshalb, meint Paulus, sollte es in unserem Interesse sein,
dass wir kein schlechtes Gewissen haben müssen,
wenn wir ihm gegenübertreten.

II. Der Glaube hat sich verändert.
Die Wiederkunft Jesu, die Paulus und die ersten Christen noch zu ihren Lebzeiten erwarteten,
ist ausgeblieben.
Das Warten war vergeblich.
Zwar wurde niemals der Glaube an die Wiederkunft Christi aufgegeben.
Aber man rechnet nicht mehr fest damit, wie es die ersten Christen taten.
Aus dem Glauben als Notbehelf, der die kurze Abwesenheit Jesu überbrücken sollte,
ist ein Dauerzustand geworden:
Er scheint die einzige Möglichkeit, mit Jesus in Kontakt zu stehen.
Etwa so, wie man brieflich Kontakt mit Verwandten hält, die nach Übersee ausgewandert sind.

Wenn aber der, auf den man wartet, nicht wiederkommt,
warum soll man sich dann noch um „Unbescholtenheit“ bemühen?
Das ist, wie wenn die Lehrerin die Klasse verlässt:
Da bleiben auch nicht alle brav auf ihrem Platz sitzen
und arbeiten so, wie sie es täten, wenn sie da wäre.
„Ist die Katze aus dem Haus, tanzen die Mäuse auf dem Tisch“.
Wenn jemand, dem gegenüber wir uns verantworten müssen -
die Eltern, die Lehrerin, die Chefin, oder eben Jesus -
nicht da ist, fühlt man sich nicht mehr verpflichtet, ihre Regeln zu befolgen.
Je strenger die Vorgesetzten sind oder erlebt werden,
desto größer der Drang, die neu gewonnene Freiheit auszukosten.
Je länger sie fortbleiben,
desto größer die Wahrscheinlichkeit,
dass man sich nicht mehr an die Regeln hält,die sie einmal aufgestellt haben.

So ist es mit Gottes Schöpfung, unserer Welt:
Gott ist für eine Weile fort - 1000 Jahre sind für Gott ja nur wie ein Tag, heißt es im Psalm (Psalm 90,4).
Schon tun wir so, als gäbe es keinen Schöpfer, keinen Herrn der Welt.
Wir tun so, als wäre die Welt unser und wir könnten mit ihr machen, was wir wollten -
auch: sie total verdrecken und kaputt machen.
Und so gehen wir ja auch mit der Welt um.

III. Der Glaube hat sich verändert: Er ist zu einem Dauerzustand geworden.
Als Dauerzustand haben wir uns im Glauben eingerichtet.
Weil er kein Ziel mehr hat, wurde er eine unverbindliche Angelegenheit.
Es geht beim Glauben um nichts mehr.
Der, an den wir glauben, wird nicht wiederkommen.
Wir halten zwar immer noch einen Platz für ihn frei.
Aber es ist nicht der Chefsessel, sondern nur ein Klappstuhl,
den man notfalls schnell aufstellen könnte, wenn Jesus käme.
Aber seit Jahrhunderten schon steht er unbenutzt in der Ecke.

Auf den Platz, der Jesus gebührt, haben wir uns längst selbst gesetzt.
Die Regeln, die er aufgestellt hat, befolgen wir nicht.
Nur Streber halten sich daran - die, wenn die Lehrerin die Klasse verlässt,
auch brav auf ihren Plätzen bleiben und ihre Aufgaben erledigen.
Für alle anderen sind Jesu Regeln bestenfalls Vorschläge,
die man befolgt, wenn man dazu Lust hat,
wenn es einen nichts kostet und einem keine Mühe macht.

Warum ist das so, dass man die Freiheit, die man hat, nicht nutzt,
um Schönes zu schaffen oder zu erleben,
sondern um zu zerstören, Chaos anzurichten?
Nun, für sich selbst kann jeder sehr gut sorgen.
Jeder achtet darauf, dass er bekommt, was er braucht.
Freiheit wird verstanden als die Freiheit dazu,
sich zu nehmen, so viel man kriegen kann;
sein Leben zu leben, wie man es will
und sich so breit zu machen, wie es nur irgend geht.

Freiheit kann jede und jeder für sich gut nutzen.
Aber diese Art der Freiheitsnutzung funktioniert nicht,
wenn man in einer Gesellschaft lebt.
Wir sind nicht allein auf der Welt,
auch wenn wir glauben, wir hätten die Welt ausgesperrt,
indem wir die Haustür hinter uns zumachen.
Wir sind niemals allein, wir sind niemals nur für uns.
Alles, was wir tun, hat Auswirkungen auf andere:
Was wir uns nehmen, nehmen wir anderen weg.
Der Ellenbogen, den wir ausfahren,
nimmt anderen den Raum, den sie zum Leben brauchen.
Wenn wir uns an keine Regeln halten, gilt das Recht des Stärkeren.
Solange wir das sind, ist alles gut.
Was aber, wenn wir nicht mehr stark sind?

IV. Was für die Gesellschaft gilt, gilt auch für die Gemeinde.
In der Gemeinde ist man nicht allein, sondern gemeinsam unterwegs.
Der Glaube ist keine Privatangelegenheit,
sondern eine gemeinschaftliche Anstrengung,
die gemeinsame Arbeit auf ein Ziel hin, das Kommen Christi.
Wenn Paulus also an die Korinther von der „Unbescholtenheit“ schreibt,
gilt diese Unbescholtenheit von unserem Verhalten anderen gegenüber.
Denn wenn auch Jesus wohl so bald nicht wiederkommt:
in unserem Mitmenschen, unserem Gegenüber begegnet er uns.
Was wir anderen antun oder an ihnen versäumen,
das tun wir Jesus an oder versäumen es an ihm.

Man kann es auch positiv wenden:
Mit dem, was wir tun, bestätigen wir die Predigt von Christus.
Wir tun, was wir als seinen Willen erkannt haben.
An unseren Taten können andere erleben, wie Jesus ist.
Damit andere Jesus durch uns erleben können,
hat Gott uns Gaben verliehen.
Gaben des Glaubens nennt Paulus sie.
Z.B. die Gabe, jemandem zuzuhören und dadurch zu trösten;
die Gabe, wahrzunehmen, wie es einem anderen geht;
die Gabe, sich vom Schicksal eines anderen anrühren zu lassen;
die Gabe, eine Gemeinde zu leiten;
die Gabe, jemanden satt zu machen;
die Gabe, mit Musik zu erfreuen;
die Gabe, jemandem etwas beizubringen.
Niemand ist ohne Gabe.
Keine dieser Gaben ist geringer als die andere.
Es braucht alle Gaben des Glaubens,
damit eine Gemeinde als Gemeinde existieren kann.
Wo aber in einer Gemeinde diese Gaben wirken,
da ist Christus mitten unter uns gegenwärtig,
und damit bricht sein Reich unter uns an.
Dann hat der Glaube sein Ziel erreicht:
Christus ist da, mitten unter uns.

V. Unser Glaube hat ein Ziel.
Das Ziel, anderen und damit auch uns Christus zu vergegenwärtigen.
Jesus wird eines Tages leibhaftig wiederkommen.
Vielleicht werden wir das erleben - wahrscheinlich eher nicht.
Und Jesus wird jetzt schon leibhaft erfahrbar durch die Gemeinde,
die Paulus den „Leib Christi“ nennt.
Durch uns alle gemeinsam wird Jesus erfahrbar.
Wenn wir uns versammeln, um Gottesdienst zu feiern, ist Jesus da.
Er ist wiedergekommen.
Er kommt jeden Sonntag wieder.
Er kommt an jedem Tag und jedem Ort,
wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind.
Darum gilt es, unbescholten zu sein für seine Ankunft,
damit wir uns nicht vor ihm schämen müssen.

Amen.

Samstag, 26. Januar 2019

HaSchem - der Name

Predigt am Letzten Sonntag nach Epiphanias, 27. Januar 2019, über Exodus 3,1-15:

Als Mose die Schafe seines Schwiegervaters Jitro, des Priesters von Midian, hütete, trieb er sie einmal über die Steppe hinaus und gelangte zum Berg Gottes, dem Horeb.
Da erschien ihm ein Bote Gottes in einer Feuerflamme mitten in einem Brombeerstrauch. Mose blickte hin: Der Brombeerstrauch brannte im Feuer, aber er verbrannte nicht. Er dachte sich:
- Ich will hingehen und dieses großartige Spektakel ansehen, warum der Brombeerstrauch nicht verbrennt.
Gott sah, dass er vom Weg abbog, um zu schauen, und rief ihn mitten aus dem Brombeerstrauch:
- Mose, Mose!
- Ja?
- Komm nicht näher! Streife deine Sandalen von deinen Füßen! Denn der Ort, auf dem du stehst, ist heiliger Boden. Ich bin der Gott deines Vaters: Der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs.
Da verhüllte Mose sein Gesicht, denn er fürchtete sich, Gott zu sehen.
Gott sprach:
- Das Leiden meines Volkes in Ägypten habe ich wahrgenommen. Ihre Klage über ihre Fronvögte habe ich gehört. Ich kenne ihre Qualen. Darum bin ich herabgekommen, um sie der Hand der Ägypter zu entreißen und sie heraufzuführen aus diesem Land in ein gutes und weites Land, ins Land, in dem Milch und Honig fließen, in das Gebiet des Kanaaniters, Hetiters, Amoriters, Perisiters, Hiwwiters und Jebusiters. Jetzt hat mich die Klage der Kinder Israels erreicht. Auch habe ich die Bedrückung gesehen, mit der Ägypten sie quält. Nun geh, ich sende dich zum Pharao. Du sollst mein Volk, die Kinder Israels, aus Ägypten herausbringen.
Mose sprach zu Gott:
- Wer bin ich, dass ich vor den Pharao treten könnte? Und wie soll ich die Kinder Israels aus Ägypten herausbringen?
- Weil ich dir helfen werde. Und das soll das Zeichen für dich sein, dass ich dich gesandt habe: Wenn du das Volk aus Ägypten herausgebracht hast, werdet ihr Gott auf diesem Berg dienen.
Mose sprach zu Gott:
- Angenommen, ich gehe zu den Kindern Israels und sage ihnen: Der Gott eurer Väter schickt mich zu euch, dann werden sie mich doch fragen: Wie heißt er? Was soll ich ihnen antworten?
Gott antwortete Mose:
- Ich werde da sein, wie ich da sein werde. So sollst du den Kindern Israels antworten: „Ich werde da sein“ hat mich zu euch gesandt.
Weiter sprach er:
- Das sollst du den Kindern Israels sagen: Gott, der Gott eurer Väter, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs, hat mich zu euch gesandt. Das ist mein Name für alle Zeit; damit sollt ihr mich nennen von Generation zu Generation.


Liebe Schwestern und Brüder,

wie heißt du?
Diese Frage steht am Beginn einer Beziehung - einer Bekanntschaft, einer Freundschaft oder einer Liebesbeziehung.
Wie heißt du?
Der Name an sich sagt nichts über einen Menschen aus. Ob einer Hinz oder Kunz heißt, spielt keine Rolle. Manche Namen klingen eigenartig oder lustig, andere prägen ihrem Träger einen Stempel auf. Aber letztlich sind Namen, wie das Sprichwort sagt, nichts als Schall und Rauch. Sie sind es solange, wie keine Beziehung zum Träger des Namens besteht. Sobald man aber jemanden näher kennen gelernt hat, bedeutet sein oder ihr Name etwas. Dann ist er das genaue Gegenteil von Schall und Rauch: Im Namen hat man, wie in einem Kern, den ganzen Menschen. In der Gemeinde, unter Freunden, in der Familie genügt es, den Namen zu nennen, damit der ganze Mensch vor Augen steht mit seinem Äußeren und Inneren, seinen Stärken und Schwächen, seiner Geschichte und Gegenwart. Je näher man sich ist, desto größer die Welt, die sich beim Nennen des Namens eröffnet.

I. Die Frage nach dem Namen ist also ein erster Versuch zu einer Beziehung. Noch kennt man einander nicht. Aber um sich kennen zu lernen, muss man den Namen kennen. Er ist der Behälter, in dem alle Erfahrungen mit dem anderen Menschen abgelegt und aufbewahrt werden. Deshalb steht uns unsere Geschichte mit dem anderen Menschen sofort vor Augen, sobald sein Name genannt wird. Sogar dann, wenn dieser Mensch nicht mehr lebt. Der Name ist eine Zeitkapsel, in der unsere gemeinsame Beziehung eingeschlossen ist. Dadurch bleibt sie lebendig. Solange einer von uns lebt, besteht auch die Beziehung weiter.

Mose erwartet, dass die Kinder Israels den Namen Gottes wissen wollen. Er erwartet also, dass sie eine Beziehung zu Gott eingehen wollen. Gott steht bereits in einer Beziehung mit den Kindern Israels: Er nimmt Anteil an ihrem Leben und Leiden, lässt sich von ihrem Schicksal anrühren und will ihnen helfen.
Und Gott steht in einer Beziehung zu Mose: Er macht ihn zu seinem Botschafter, den er zum Pharao schicken, und zu seinem Anführer, mit dem er die Kinder Israels aus Ägypten herausführen will.

In welcher Beziehung Mose zu Gott steht - wie gut, wie lange er ihn kennt, ob er ihm am Horeb zum ersten Mal begegnet oder schon lange mit ihm verkehrt - spielt dabei keine Rolle. Man darf vermuten, dass es auf Moses Seite zumindest ein Vorwissen gibt - sein Schwiegervater Jitro ist Priester, und er hält sich bestimmt nicht zufällig in der Nähe des Gottesberges auf. Aber das spielt letztlich keine Rolle. Gott beginnt die Beziehung in diesem Moment.
Bei uns ist das anders: Wir müssen einander erst einmal kennen lernen. Es dauert einige Zeit, bis man einander traut; bis aus einer Bekanntschaft eine Freundschaft entsteht; bis man einander etwas von sich, von seinem Leben anvertraut.
Bei Gott ist die Beziehung sofort voll da. Er benötigt keine Bedenkzeit, kein Kennenlernen, keinen Beweis der Vertrauenswürdigkeit. Er vertraut den Menschen, zu denen er sich in Beziehung setzt, und sie können sich auf ihn verlassen: „Ich werde dir helfen“.

II. Darum ist sein Name auch „Ich werde da sein“.
Natürlich ist das kein Nomen, kein Name, sondern ein Verb, ein Tuwort. Gott sagt, wer er ist, indem er sagt, was er tut. Er hat keinen Namen, weil er keinen braucht. Denn die Beziehung zu Gott geht nicht von uns aus, sondern nur von Gott. Nicht wir sind es, die wir uns Gott aussuchen und in eine Beziehung zu ihm treten. Gott setzt sich zu uns in Beziehung. Darum haben wir einen Namen, mit dem wir ansprechbar sind, der uns unverwechselbar macht und zur Zeitkapsel auch unserer Geschichte mit Gott wird. Und Gott hat keinen - außer „Gott“. Aber das ist kein Name, sondern ein Gattungsbegriff wie „Mensch“, „Tier“, „Pflanze“.
Trotzdem ist es nicht irgendein Gott, den wir anreden. Es ist nur einer, ein ganz bestimmter. Heute, wo sich - zumindest in unseren Breiten - der Monotheismus, der Glaube an einen einzigen Gott, durchgesetzt hat, käme man nicht auf den Gedanken, dass „Gott“ ein Gattungsbegriff ist, dass es also mehr als einen Gott geben könnte. In der Antike war er das. Da war es notwendig, zwischen verschiedenen Göttinnen und Göttern zu unterscheiden. Deshalb hatten sie Namen - Zeus, Athene, Poseidon, oder Jupiter, Minverva, Neptun.

III. Der Gott Israels aber hat keinen Namen. Er identifiziert sich durch die Beziehung: „Ich bin der Gott deines Vaters: Der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs“. Gott wird erkennbar und unterscheidbar von anderen Göttern dadurch, dass er eine Geschichte hat - dass Menschen mit ihm eine Geschichte haben. Nun muss man allerdings sagen: Diese Geschichte Gottes mit seinen Menschen ist nicht unsere Geschichte. Unsere Vorfahren hießen nicht Abraham, Isaak und Jakob. Sie gehörten nicht zu denen, die von Gott aus der Knechtschaft in Ägypten befreit wurden. Wie aber kann dann der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs unser Gott sein?

„Ich werde da sein, wie ich da sein werde“: Gott stellt sich vor als der, der für die Menschen da ist. Zuerst für sein Volk, die Kinder Israels. Die Menschen jüdischen Glaubens, die Söhne und Töchter Israels, sind und bleiben für alle Zeit Gottes Volk, das er sich aus allen Völkern erwählt hat. Wären sie es nicht, könnten wir niemals zu Gott in Beziehung treten. Denn, wie gesagt, nicht wir erwählen uns Gott zum Freund, sondern Gott erwählt uns, wie er einst Abraham, Isaak und Jakob erwählte.

IV. Von dieser Erwählung erzählt die Bibel. Sie erzählt die Geschichte Gottes mit seinen Menschen. Indem wir diese Geschichte hören oder sie lesen, werden wir ein Teil der Geschichte. Gott redet uns aus der Geschichte heraus an, wie er Mose anredete im brennenden Brombeerstrauch. Gott sucht die Beziehung zu uns, will unsere Freundschaft, will für uns da sein. Gott ruft uns bei unserem Namen, wie er Mose rief. Die Bibel ist sozusagen unser brennender Busch. Überall, wo wir sie aufschlagen, ist heiliger Boden. Immer, wenn wir sie aufschlagen, ruft Gott uns beim Namen.

Weil Gott die Beziehung zu uns sucht und begründet, gehören wir zu ihm als seine Töchter und Söhne. Wir haben uns Gott nicht ausgesucht - das können wir nicht. Und wir können nicht die verdrängen, die Gott schon erwählt hat, wie ein Kuckuck seine Geschwister aus dem Nest wirft. Gottes Volk umfasst alle, die Gott beruft: Die, die er am Anfang erwählt hat, und die, zu denen er heute in Beziehung tritt. Darum darf man auch niemandem den Glauben absprechen, oder die Zugehörigkeit zu Gott und seiner Gemeinde. Gott allein entscheidet, wer zu ihm gehört. Im Zweifel ist sein Herz immer noch größer und weiter, als unseres es ist.

V. Gott hat keinen Namen. Den braucht er nicht. Solange wir den Gott Abrahams, den Gott Isaaks und den Gott Jakobs anrufen, wird er uns hören. Wenn wir aber Gott von seiner Geschichte und seinem Volk trennen, verlieren wir ihn. Dann haben wir nur noch einen Götzen, einen Pappkameraden, der uns nicht helfen und nicht für uns da sein kann. Weil er nicht lebendig ist, sondern ein Kunstprodukt, das wir uns selbst gebastelt haben.
Der lebendige Gott: Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs - der auch der Gott Saras, Rebekkas, Leas und Rahels ist - wird sich immer wieder als der Gott erweisen, der für uns da ist. Der mit uns mitgeht und uns bei unserem Namen ruft - heute, morgen und in der zukünftigen Welt.

Freitag, 18. Januar 2019

Wie's geht

Predigt am 2. Sonntag nach Epiphanias, 20.1.2019, über Römer 12,9-16:

Liebe Schwestern und Brüder,

wann ist man eine* gute* Christin*?
Ich denke, darüber gibt es fast so viele Meinungen, wie Leute hier im Raum sind.
Das liegt zu einem nicht geringen Teil daran,
dass wohl jeder selbst eine* gute* Christin* zu sein meint.
Dann ist natürlich das, was man selbst am Glauben für wichtig oder entscheidend hält,
auch das, was eine* gute* Christin* ausmacht.

Für die* eine* mag das der regelmäßige Besuch des Gottesdienstes und die Teilnahme am Leben der Gemeinde sein,
wozu auch die Mitarbeit in der Gemeinde und die Bereitschaft, etwas zu spenden, gehören.
Eine* andere* hält sich vom Gottesdienst und der Gemeinde fern, weil sie den Glauben der anderen als Heuchelei empfindet.
Sie* glaubt lieber für sich, und wie sie* das tut, geht niemanden etwas an.
Eine* dritte* sucht und findet Gott in der Stille, Weite und Erhabenheit der Natur.
Ihr* Gebet besteht nicht in Worten, sondern im Schauen und Staunen.
Einer* vierten ist das, was die anderen für Glauben halten, viel zu wenig;
sind die Gottesdienste nicht feierlich, nicht lebendig oder nicht modern genug.
Sie* sucht nach größerem Ernst, größerer Verbindlichkeit, tieferem Glauben.
Sie* sucht nach Gleichgesinnten, die ihren Glauben mit ihr zusammen fröhlich bekennen wollen.

Finden Sie sich in einem der vier Typen wieder?
Oder leben und erfahren Sie Ihren Glauben noch einmal ganz anders?
Wie gesagt, ich denke, es gibt fast so viele Meinungen, was „richtiger“ Glaube ist, wie Leute hier im Raum sind.

Aber wie glaubt man denn nun richtig?
Auf diese Frage gibt es, fürchte ich, keine Antwort.
Mit dem Glauben ist es wie mit der Liebe:
Da kann Ihnen auch niemand sagen, wie es richtig geht.
Deshalb ist es schrecklich aufregend, sich zu verlieben.
Weil man sich so unsicher ist und glaubt, alles falsch zu machen;
weil man nichts wissen, nur fühlen und vermuten kann -
und manchmal furchtbar daneben liegt.
Und zugleich ist es so schön, sich zu verlieben,
dass man es am liebsten immer wieder tun würde -
wenn es nicht noch schöner wäre, einen Menschen zu haben,
den man liebt und von dem man geliebt wird.

Weil man in Liebesdingen so unsicher ist, beobachtet man, wie die anderen es machen.
Man holt sich Rat bei der* Freundin*, guckt Liebesfilme oder liest Romane.
In Glaubensdingen macht man es nicht anders.
Man orientiert sich anfangs an jemandem, von der* man annimmt, dass sie* weiß, wie‘s geht.
Bis man selbst ein Gefühl dafür entwickelt hat, wie Glauben funktioniert.
Oder bis man von seinem Vorbild enttäuscht wird, weil es etwas tut, das im Widerspruch zum Glauben steht.
Auf der Suche nach Antworten in Glaubensfragen kann man auch Filme schauen oder Bücher lesen.
Die Bibel bietet sich da natürlich ganz besonders an.
Und da finden wir heute einen Text von Paulus, in dem er uns schreibt,
wie er meint, dass Glauben geht, und wie man in seinen Augen eine* gute* Christin* ist:
„Macht euch, was die Liebe angeht, keine Illusionen.
Verabscheut das Schlechte, indem ihr
- das Gute anstrebt;
- euch lieb habt wie Geschwister;
- euch gegenseitig an Respekt übertrefft;
- euch nicht zurückhaltet, wenn euer Einsatz gefragt ist;
- euch begeistern lasst;
- das, was ihr tut, für den Herrn tut;
- voller Hoffnung seid;
- Kummer ertragt;
- beharrlich betet;
- Anteil nehmt an der Not eurer Mitchristen;
- euch um Gastfreundschaft bemüht.
Segnet, die euch übelwollen. Verflucht sie nicht, sondern segnet sie.
Freut euch mit den Fröhlichen.
Weint mit den Weinenden.
Strebt miteinander nach einem Konsens.
Seid nicht hochnäsig, sondern lasst euch mit denen ein, die unter euch stehen.
Werdet keine Besserwisser.“

Sieht man sich die Liste der Dinge an, die nach Paulus eine* gute* Christin* ausmachen,
fällt neben der Länge dieser Liste auf, dass Paulus sie mit der Liebe beginnt.
Liebe ist nicht gleich Liebe, auch wenn wir im Deutschen nur ein Wort dafür haben.
Es ist etwas anderes, die Partnerin zu lieben oder seine Eltern;
Nächstenliebe unterscheidet sich völlig vom Verliebtsein,
und sogar sich selbst kann man auf unterschiedliche Weise lieben.
Die christliche Liebe ist die Liebe, über die man sich, Paulus zufolge, keine Illusionen machen soll.
Das könnte eine Szene aus einem französischen Spielfilm sein,
in der eine vom Leben und von der Liebe enttäuschte Mutter ihrer Tochter sagt:
„Mach dir über die Liebe keine Illusionen!“.

Paulus geht es nicht darum, uns Enttäuschungen zu ersparen.
Er möchte uns eine Spur, auf die seiner Meinung nach richtige Spur, setzen:
Wir sollen die Liebe zu Gott nicht als Schwärmerei verstehen,
oder gar als Ersatz oder Überbietung der irdischen Liebe,
- wie Nonnen im Kloster einen Ring tragen, weil sie mit Christus verheiratet sind.
Die christliche Liebe, wie Paulus sie darstellt, ist eine nüchterne Art der Liebe,
mehr Haltung als Gefühl.
Tatsächlich ist für die Nächstenliebe nicht einmal Sympathie nötig.
Mann muss seinen Mitmenschen nicht mögen,
um ihm zu helfen und freundlich zu ihm zu sein.

Die Liebe, die Paulus meint und die auch Jesus gepredigt hat,
ist also im Wesentlichen ein Dasein für andere.
Ein Glaube, dessen Fundament diese Art der Liebe ist, äußert sich im Dasein für andere,
im Miteinander, in Gemeinschaft: in der Gemeinde.
Damit macht Paulus deutlich, dass Glaube keine Privatsache ist.
Auch wenn ich es bin, die* glaubt,
ist mein Glaube nicht wie eine Kerze,
mit der ich mir zuhause im stillen Kämmerlein eine anheimelnde Stimmung schaffe.
Sondern Glaube ist wie ein Licht, das auf einen Leuchter gehört,
damit es für mich und andere hell wird.

Dieses Licht vertreibt die Dunkelheit - das Schlechte, wie Paulus schreibt.
Gegen dieses Schlechte geht der Glaube an.
Er ist also nicht nur ein Gefühl, ein Träumen von einer besseren Welt,
eine Flucht aus dieser Welt in die himmlische, ein Versinken oder eine Versenkung in Gott.
Sondern er ist Arbeit: ein tatkräftiges Angehen gegen das Schlechte.
Dieses Schlechte ist nicht irgendwo auf der Welt.
Es ist auch nicht eine einzelne Person, wie der Teufel.
Das Schlechte geschieht unter uns, in unserem Zusammenleben, in unserer Gemeinde.
Es geschieht, wie Paulus schreibt, immer dann, wenn man sich nicht anstrengt.
Das Schlechte passiert sozusagen von selbst.
Das Gute muss man wollen und dafür richtig hart arbeiten.

Der Glaube, wie Paulus ihn beschreibt,
hat so gar nichts von der Ergriffenheit, die einen in manchen Kirchen befällt,
bei einem Orgelstück oder einem besonders gelungenen Gottesdienst.
Er hat nichts Ekstatisches, ist kein Flug über die Unbilden des Alltags, hinauf in himmlische Gefilde.
Der Glaube, den Paulus beschreibt, ist anstrengend.
Er ist richtige Arbeit. Und nicht einmal Arbeit, die mir zugute kommt,
sondern Arbeit für andere. Dasein für andere.

Warum sollte man sich das antun?
Warum sollte man so glauben wollen?

Glaube ist, wie die Liebe, etwas, das man nicht beherrschen kann.
Wie man sich plötzlich verliebt, so kommt man auch unversehens zum Glauben.
Man kann den Glauben auch verlieren, wie einem die Liebe abhanden kommen kann.
Und wie man sich der Liebe der* Partnerin* nie sicher sein kann,
sondern immer wieder Zeichen der Liebe braucht,
so braucht auch der Glaube Vergewisserung.
Diese Vergewisserung kann man sich nicht selbst geben.
Sie kommt von der* anderen.
Die Vergewisserung durch die* andere* ist der Lohn dafür,
dass der Glaube ein Dasein für andere ist.

Und noch etwas bekommt man, wenn der Glaube ein Dasein für andere ist:
Man verliert sich selbst.
„Wer mir nachfolgen will,
der verleugne sich selbst“, 
sagt Jesus (Mt 16,24 parr). Und Paulus schreibt:
„Nun aber lebe nicht mehr ich,
sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2,20).
Der Glaube als Dasein für andere führt zur Selbstvergessenheit.
Man geht sich verloren, damit Gott eine* erfüllen kann.
So, wie ein Kind selbstvergessen im Sand spielt,
vergisst man als Erwachsene* sich selbst, wenn man für andere da ist.

Paulus hat uns gezeigt, wie er den Glauben versteht,
Ob wir seine Sicht auf den Glauben annehmen und für uns übernehmen wollen,
muss jede* selbst entscheiden.
Mit dem Glauben ist es wie mit der Liebe:
Da muss jeder seinen eigenen Weg finden und gehen.

Anders als in der Liebe aber geht man im Glauben nicht zu zweit, sondern in einer Gemeinschaft.
Und weil wir nun einmal besser darin sind, etwas Gutes zu zerstören als aufzubauen,
sollten wir Paulus‘ Worte bedenken.
Sie könnten uns dabei helfen, Gemeinde zu sein und zu bleiben
und unser Licht leuchten zu lassen in der Welt.

Amen.

Samstag, 12. Januar 2019

Lass Gott nur machen!

Predigt am 1. Sonntag nach Epiphanias, 13.1.2019, über Josua 3,5-11.17

Josua sprach zum Volk:
Macht euch bereit, denn morgen wird Gott mitten unter euch ein Wunder tun!
Und er sprach zu den Priestern:
Hebt die Bundeslade auf und geht dem Volk voran!
Da hoben sie die Bundeslade auf und gingen vor dem Volk her.

Gott sprach zu Josua:
Heute beginne ich damit, dich vor ganz Israel groß zu machen,
damit sie erkennen, dass ich mit dir sein werde, wie ich mit Mose war.
Jetzt weise die Priester, die die Bundeslade tragen, an:
Wenn ihr das Ufer des Jordan erreicht, dann bleibt im Jordan stehen!

Josua sprach zu den Israeliten:
Kommt her und hört die Worte des Herrn, eures Gottes!
Daran sollt ihr erkennen, dass ein lebendiger Gott in eurer Mitte ist:
Er wird gänzlich vertreiben
den Kanaaniter und den Hetiter und den Hiwwiter,
den Perisiter und den Girgasiter und den Ammoniter
und den Jebusiter.
Seht, die Bundeslade des Herrn über alle Welt geht vor euch her in den Jordan!

Und die Priester, die die Lades des Gottesbundes trugen,
blieben im Trockenen stehen, mitten im Jordan.
Und ganz Israel zog im Trockenen hindurch,
bis das ganze Volk vollzählig durch den Jordan gezogen war.


Liebe Schwestern und Brüder,

was willst du einmal werden, wenn du groß bist?,
wird man schon als kleines Kind gefragt.
Und irgendwann fragt man sich selbst: Was will ich werden?
Was fange ich mit meinem Leben an?
Was mache ich aus mir und meinem Leben?

Es ist ein gewisser Luxus, wenn man sich diese Frage stellen kann.
Es bedeutet, dass man eine Wahl hat.
Frühere Generationen hatten oft keine Wahl;
sie mussten den Hof oder den Betrieb der Eltern weiterführen.
Das war so selbstverständlich, dass niemand fragte, ob sie das auch wollten.
Sie selbst wagten nicht, sich dieser Tradition zu widersetzen:
der Hof, der Betrieb waren ja nun einmal da.

Auch heute noch ist es ein gewisser Luxus,
wenn man frei entscheiden kann, was man einmal werden will.
Vor noch gar nicht so langer Zeit gab es kaum Lehrstellen,
und nur wenige Jobs.
Mancher verschickte 50, 60 oder 80 Bewerbungen,
bevor er eine Zusage erhielt;
da konnte man nicht allzu wählerisch sein.

I. Nicht jeder kann das werden, was er will.
Trotzdem spürt man die Verpflichtung, etwas aus sich zu machen.
Es ist zu wenig, einfach nur dazusein;
man muss auch etwas wollen, etwas schaffen, etwas erreichen.
Heinrich Böll erzählt dazu eine Geschichte,
die „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“:

Ein portugiesischer Fischer wird von einem deutschen Touristen angesprochen,
als er gerade dösend in der Sonne liegt.
Der Tourist fragt ihn, wann er zum Fischen ausfahre.
Er habe seinen Fang für heute schon gemacht, antwortet der Fischer.
Der sei so reichlich gewesen,
dass er morgen und übermorgen nicht auszufahren brauche.
Der Tourist fühlt sich von dieser Antwort herausgefordert.
Er malt dem Fischer aus, was er alles erreichen könnte,
wenn er, statt faul in der Sonne zu liegen, noch einmal ausfahren würde:
Bald könnte er sich ein Motorboot leisten,
mit dem er dann noch mehr Fische fangen könnte.
Von dem Erlös des größeren Fangs könnte er Mitarbeiter einstellen
und weitere Boote kaufen.
Er würde eine ganze Fangflotte besitzen, die für ihn fischen würde.
Dann könnte er ein Fischrestaurant eröffnen und eine Fischfabrik, und …
„… ja, und was dann?“, fragt der Fischer. -
„Dann sind Sie so reich, dass Sie es sich leisten können,
faul in der Sonne zu liegen!“, ruft der Tourist aufgeregt.
„Das kann ich doch jetzt auch schon“, antwortet der Fischer.

Unsere Gesellschaft erwartet, dass man etwas aus sich macht
und dass man die Möglichkeiten, die man hat, so gut wie möglich nutzt.
„Wachstum“, „Wohlstand“, „Profit“ sind die Stichworte.
Nach den Maßstäben unserer Wirtschaft gemessen, ist der Fischer dumm,
wenn er nur so viel fängt, wie er braucht.
Genauso dumm ist es, Steuern zu zahlen
oder einen finanziellen Vorteil nicht zu nutzen.
Es ist dumm, mehr Geld für eine Ware zu bezahlen,
die man anderswo viel billiger bekommen kann.
Wegen dieser Logik gibt es in den Dörfern keine Geschäfte mehr.

II. In der Geschichte von der wunderbaren Überquerung des Jordan
geht es auch darum, dass einer etwas aus sich macht:
„Heute beginne ich damit, dich vor ganz Israel groß zu machen“,
verspricht Gott dem Josua.
Wie Mose das rote Meer teilte, damit die Israeliten es trockenen Fußes überqueren
und den Soldaten des Pharao entkommen konnten,
so wird Gott den Jordan aufstauen,
damit das Volk Israel keine nassen Füße bekommt.
Damit kann Josua beweisen, dass er der wahre und würdige Nachfolger des Mose ist.
„Wie ich mit Mose war, werde ich mit dir sein“.
Und wie Gott das Wasser des Jordan verdrängt,
so wird er auch alle Gegner vertreiben,
die das Volk Israel daran hindern wollen,
im Land jenseits des Jordans Fuß zu fassen.

Im Unterschied zur Geschichte vom Fischer
und zu den Erwartungen unserer Gesellschaft
ist es nicht Josua, der etwas aus sich macht.
Gott macht etwas aus ihm; er macht ihn „groß“.

Etwas aus sich machen, das kann jeder -
den Willen und die nötigen Mittel vorausgesetzt.
Aber groß gemacht werden, das passiert nur wenigen.
Dazu muss man entweder ganz besonders begabt sein,
oder man muss jemanden kennen, der einem dabei hilft, groß zu werden.
Man braucht Beziehungen. „Vitamin B“.

III. Aber muss man denn überhaupt etwas werden,
muss man unbedingt etwas aus sich machen?
Was ist daran so toll, „groß“ zu sein?

Jeder, der einmal am Ende der Befehlskette stand,
kann sich vorstellen, worin der Vorteil liegt,
wenn man nicht der ist, der tun muss, was andere sagen,
sondern selbst die Anweisungen gibt.

Und wenn man, wie der portugiesische Fischer,
faul in der Sonne liegen möchte,
braucht man zumindest ein Grundstück,
auf dem man seinen Liegestuhl aufstellen kann.
Man braucht genug zu Essen im Kühlschrank
und ein Dach über dem Kopf,
wenn die Abendkühle oder ein Regenschauer kommen.
Auch ein einfaches Leben wie das des Fischers muss man sich leisten können.

Und dann gibt es immer noch den Nachbarn,
der sich gerade ein neues Auto gekauft hat;
die Mitschülerin, die das neueste Smartphone besitzt.
Man möchte auch haben, was der andere hat;
man möchte auch einmal eine große Urlaubsreise machen,
auch einmal so schicke Sachen tragen,
auch einmal jemand sein, nach der andere sich umdrehen,
auf die andere neidisch sind;
man möchte jemand sein, der auf der Straße erkannt und gegrüßt wird,
dem man Bewunderung zollt, öffentlich dankt oder applaudiert.
Man möchte gesehen werden.

IV. Am heutigen Sonntag geht es um die Taufe.
Man fragt sich, was die Geschichte von der wunderbaren Überquerung des Jordan damit zu tun hat.
Na klar, es ist das Stichwort „Wasser“!
Aber das Wasser ist in dieser Geschichte verschwunden,
das ist ja gerade das Wunder!
Der Grund, warum diese Geschichte mit der Taufe in Verbindung steht, ist ein anderer:
Es ist die Zusage Gottes, Josua groß zu machen.
Groß wird man, wenn man etwas Besonderes leistet,
oder wenn man sehr erfolgreich ist.
Groß wird man auch, wenn man jemanden kennt, der einen groß machen kann.

Durch die Taufe werden wir in das Volk Gottes aufgenommen.
Wir sind jetzt per Du mit Gott,
der in der Geschichte der „Herr über alle Welt“ genannt wird.
Wir sind mit dem Oberboss befreundet.
Besser kann man es nicht treffen.
Eine wichtigere, berühmtere, mächtigere Person kann man im Leben nicht kennen lernen.
Wir brauchen uns also keine Sorgen zu machen,
es könnte nichts aus uns werden:
Wir sind schon wer, weil wir zu Gott gehören.

Und zugleich wird durch diese Zugehörigkeit zu Gott deutlich:
Es geht bei Größe nicht um Geld, Macht, Besitz oder besondere Begabungen.
All das bekommen wir nicht von Gott.
Die Taufe gibt uns überhaupt nichts, was man in Geld umtauschen könnte.
Geld und Besitz sind für das Leben notwendig.
Aber sie sind nichts, was uns groß macht.
Wer sich an die Taufe hält, verzichtet nicht auf Geld und Besitz -
er braucht sie nicht. Oder nur so, wie man sie eben braucht,
wenn man sich morgens Brötchen holen
oder wenn man eine Freundin anrufen will.

V. Man kann arbeiten oder faul in der Sonne liegen;
man kann sich ein neues Auto kaufen oder das alte fahren, bis es auseinanderfällt.
Es spielt keine Rolle.
Wirklich wichtig ist nur das Ansehen, das wir bei Gott haben.
Und da müssen wir uns, Gott sei Dank!, keine Sorgen machen:
Gott findet uns großartig!
Gott ist mit uns so zufrieden, wie wir es nur ganz selten sind.
Gott ist stolz auf uns - und das, ohne dass wir dafür etwas leisten müssten.
Denn es ist viel schwerer, zu sein, als zu haben oder zu tun.
Es ist viel schwerer, ein Mensch zu sein,
der auf Gottes Liebe vertraut und sich von Gott angesehen weiß,
als sich durch Leistung sein Ansehen zu erarbeiten.
Es ist unendlich schwer, Gott machen zu lassen,
statt selbst alles machen zu wollen.
Dabei wären wir die Größten, wenn wir Gott nur machen ließen!