Sonntag, 16. Januar 2022

Auf Schatzsuche

Predigt zum 2. Sonntag nach Epiphanias, 16. Januar 2022, über 1.Korinther 2,1-10



Liebe Schwestern und Brüder,


wir müssen über die Predigt sprechen.

Ab und zu muss es sein,

dass man nicht nur eine Predigt hört,

sondern auch darüber nachdenkt,

was eine Predigt ist, und wozu sie da ist.

So, wie man manchmal über das Fernsehprogramm spricht,

statt eine Sendung zu sehen,

weil sowieso nichts Vernünftiges kommt,

oder weil man sich freut,

dass endlich mal etwas Vernünftiges gesendet wurde.


Also, wozu ist eine Predigt da?

Paulus sagt: Um „das Geheimnis Gottes zu predigen.”

Später sagt er: „wir reden von der Weisheit Gottes,

die im Geheimnis verborgen ist.”

In der Predigt geht es also um Geheimnisse.

Hätten Sie das gedacht?

Mir war es bisher nicht bewusst,

dass ich „Geheimnisträger” bin.

Eine Predigt ist also weder ein Lehrvortrag

noch eine Unterhaltungssendung.

In ihr geht es um wichtige Dinge,

die nicht jede wissen darf,

nicht jeder wissen kann.

Es geht um Perlen, die man nicht vor die Säue werfen darf (Matthäus 7,6).


Geheimnisse haben in einer öffentlichen Veranstaltung,

wie sie ein Gottesdienst ist,

darum eigentlich nichts zu suchen.

Sie sind ja nicht für jede*n bestimmt,

sondern nur für einen auserwählten Kreis.

Gottes Geheimnis aber ist anderer Art.

Eigentlich ist es nämlich gar kein Geheimnis.

Jede darf, jeder soll es sogar wissen:

„Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht;

und was euch gesagt wird in das Ohr, das predigt auf den Dächern”,

sagt Jesus (Matthäus 10,27).

Gottes Geheimnis soll verbreitet werden,

es soll unter die Leute.


Warum spricht Paulus dann von Gottes Geheimnis,

wenn es gar kein Geheimnis im üblichen Sinne ist?

Der Inhalt der Predigt, die Botschaft selbst, ist ein Geheimnis.

Die Predigt, auch wenn sie klar und einleuchtend ist,

spricht trotzdem über etwas Geheimnisvolles,

das nur Wenige verstehen.

Und diese geheimnisvolle Botschaft lautet:

Jesus Christus als Gekreuzigter.


Der gekreuzigte Messias - den Juden ist er ein Ärgernis.

Denn nach jüdischem Glauben wird der Messias, wenn er kommt,

das Friedensreich Gottes aufrichten.

Der Gedanke, dass der Messias zum Opfer wird,

ist eine Provokation.


Der gekreuzigte Messias - den Griechen ist er eine Torheit.

Denn es ist unvernünftig, dass ein Mensch,

der nicht einmal seinen eigenen Tod am Kreuz verhindern konnte,

den Tod besiegt haben soll (1.Korinther 1,23).


Gottes Geheimnis ist also nicht deshalb geheim,

weil es niemand wissen darf.

Es ist geheim, weil man es nicht verstehen kann.

Ja, weil es geradezu unvernünftig, unlogisch ist.

Darum helfen alle hohen Worte,

hilft alle Weisheit nichts:

man kann dieses Geheimnis nicht erklären -

sonst wäre es ja kein Geheimnis.

Klugheit und Schönheit der Predigt helfen nicht,

damit Sie, die Hörerinnen und Hörer der Predigt,

Gottes Geheimnis verstehen,

damit Gottes Weisheit zu Ihnen gelangt.


Aber es gibt ja noch den*), der predigt.

Vielleicht liegt es nicht so sehr an den Worten,

am Inhalt der Predigt,

sondern am Prediger selbst:

seinem Auftreten, seinem Charakter?

Wenn er ein freundlicher, sympathischer Mensch ist,

wenn man ihm gern zuhört,

wenn er unterhaltsam und klug predigt

und dem Volk dabei aufs Maul schaut,

wie Martin Luther sagte;

und wenn er dann auch noch vorbildlich seinen Glauben lebt,

dann müsste es doch funktionieren,

dass die Predigt Gottes Weisheit vermittelt.


Nein, sagt Paulus.

Wenn es auf den Prediger ankäme, würdet ihr mir glauben,

aber nicht Gottes Geheimnis.

Es geht in der Predigt nicht um mich,

auch wenn ich es bin, der sie ausrichtet.

Euer Glaube soll sich nicht an mir orientieren.

Deshalb komme ich zu euch in Schwachheit,

in Furcht und mit großem Zittern.

Ich bin nicht klug oder fromm,

ich bin sicher nicht klüger, nicht frommer als ihr.

Allenfalls weiß ich um meine Schwächen und Fehler.

Ich weiß um die Anmaßung und das Risiko,

die hinter dem Ansinnen stecken,

Gottes Geheimnis verkündigen zu wollen.

Ich mache auch kein Hehl aus meiner Schwäche.

Ich versuche nicht, mich gut zu präsentieren,

besser zu scheinen, als ich bin.

Denn in meiner Schwachheit wird Gott mächtig.


Das würde Paulus antworten.

Und er gibt auch gleich noch einen Maßstab an,

mit dem man seine und jede andere Predigt beurteilen kann,

ob sie wirklich Gottes Geheimnis ausrichtet

und nicht bloß Dönekens erzählt.

Dieser Maßstab ist der Beweis des Geistes und der Kraft.

Der Beweis des Geistes und er Kraft

ist kein weiterer Trick, den der Prediger beherrscht.

Als könne man beweisen, dass man von Gottes Geist beseelt,

von Gottes Kraft erfüllt ist!


Eine Predigt hat drei Personen zu tun:

mit Gott und seinem Wort,

dessen Geheimnis durch die Predigt einleuchten soll.

Mit dem Prediger, der dieses Geheimnis ausrichtet,

und es doch nicht ausrichten kann,

weil weder seine klugen Gedanken, sein gewinnendes Auftreten,

noch sein Lebenswandel es bewerkstelligen können,

dass Ihnen Gottes Geheimnis einleuchtet.

Deshalb braucht die Predigt die dritte Person.

Das sind Sie: die Hörerinnen und Hörer der Predigt.

Sie hören nicht bloß zu,

lassen sich nicht bloß berieseln,

wie man sich vom Fernsehprogramm berieseln lässt.

Sie machen mit bei der Predigt:

Sie erbringen den Beweis des Geistes und der Kraft.


Nun aber auch nicht so,

dass Sie ergriffen oder im Innersten getroffen sind.

Dass Sie gar in Ekstase geraten oder wie vom Donner gerührt sind,

nach der Predigt verwandelt, als ein anderer Mensch nach Hause gehen.

Es geht nicht um einen besonderen Effekt,

den die Predigt bei Ihnen verursachen muss, wenn sie gut sein soll.

Es geht vielmehr darum, dass Ihnen Gottes Geheimnis einleuchtet,

von dem Paulus spricht:

„Lass dir an meiner Gnade genügen;

denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig” (2.Korinther 12,9).


Paulus ist schwach und ängstlich,

weil er so Gottes Geist nicht im Wege steht.

Mit anderen Worten:

Es sind nicht seine Klugheit,

sein Wissen, seine Beredtsamkeit,

die seine Worte zu einer Predigt machen.

Es sind auch nicht sein Vorbild,

sein gutes Beispiel, sein fester Glaube.

Sondern es ist allein Gottes Geist,

der in, mit und unter seinem Wort

Gottes Weisheit hervorleuchten lässt.

So ist das bei jeder Predigerin, bei jedem Prediger.


Wenn Ihnen die Worte der Predigt einleuchten,

wenn aus ihnen Gottes Geheimnis hervorleuchtet,

ist das nicht das Verdienst der Predigt.

Höchstens in so weit,

dass es ihr gelungen ist,

Gottes Geist nicht allzu sehr im Wege zu stehen.


Überspitzt gesagt:

Gottes Geheimnis leuchtet Ihnen nicht wegen der Predigt ein,

sondern trotz der Predigt.

Denn ginge es bei der Predigt bloß ums Verstehen,

um Weisheit und schöne Worte,

dann hätten die Herrscher dieser Welt

den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt.

Das hätten auch sie verstanden,

und dann hätten sie natürlich an Jesus geglaubt.


Das Geheimnis Gottes aber ist unverständlich.

Es ist anstößig und unvernünftig.

Darum kann man es nicht verstehen.

Es kann einem nur einleuchten.

Diese Erleuchtung bewirkt allein Gottes Heiliger Geist.

Diese Erleuchtung bewirkt der Geist bei Ihnen.

Dadurch kommen Sie ins Spiel,

die Hörerinnen und Hörer.

Darum sind Sie als Dritte im Bunde so wichtig,

ja, unverzichtbar für die Predigt.

Nicht, weil der Pastor jemanden braucht, der ihm zuhört.

Sondern weil nur durch Sie Gottes Geheimnis ans Licht kommt.


Als Hörerin oder Hörer der Predigt ist es Ihre Aufgabe,

Gottes Geist wirken zu lassen

oder ihm möglichst nicht im Wege zu stehen.

Man tut das, wenn man in der Predigt auf Gottes Weisheit hört.

Man tut das, indem man in der Predigt Gottes Geheimnis zu finden hofft,

wie man in den Wald geht, um Pilze zu finden

oder im Klee nach einem vierblättrigen Kleeblatt sucht.

Jesus erzählt im Gleichnis von einem Schatz im Acker

und von einer kostbaren Perle,

für die jemand alles gibt, was er hat (Matthäus 13,44-46).

Diesen Schatz, diese Perle gilt es zu finden.

Das heißt nicht, dass man sie in jeder Predigt

und bei jedem Prediger findet.

Aber ohne dieses Bemühen nützt die beste Predigt nichts.

Denn es spielt keine Rolle, wer predigt,

es spielt auch keine Rolle, wie gut oder schlecht die Predigt ist.

Es kommt nur darauf an,

den Geist wirken zu lassen,

der uns Gottes Geheimnis offenbart

und uns erleuchtet.

„Denn der Geist erforscht alle Dinge,

auch die Tiefen der Gottheit.”

Amen.


_____

*) Ich verwende hier und im Folgenden keine inklusive Form, weil ich beim Halten der Predigt als Mann vor der Gemeinde stehe.

Freitag, 7. Januar 2022

anunciaremos tu reino, senor

Predigt am 1. Sonntag nach Epiphanias, 9.1.2022, über Jesaja 42,1-9:

Refrain des Liedes: Lass uns den Weg der Gerechtigkeit gehn


Das ist mein Knecht, ich halte ihn.

Mein Auserwählter, an dem ich Gefallen habe.

Meinen Geist gebe ich ihm.

Recht wird er den Völkern schaffen.

Er wird nicht schreien und die Stimme nicht erheben;

seine Stimme wird er nicht draußen hören lassen.

Ein geknicktes Schilfrohr wird er nicht durchbrechen

und einen glimmenden Docht nicht auslöschen.

Zuverlässig schafft er Recht.

Er wird nicht verlöschen und nicht einknicken,

bis er auf Erden das Recht aufgerichtet hat,

und die Inseln warten auf seine Weisung.


So spricht Gott, der Herr,

der den Himmel geschaffen und aufgespannt hat,

der die Erde ausgebreitet hat und ihre Sprösslinge,

der Atem gab dem Volk auf ihr

und den Geist denen, die auf ihr wandeln:

Ich bin der Herr, der dich in Gnaden berufen hat,

und ich ergreife deine Hand

und ich werde dich behüten und dich machen

zum Bund des Volkes, zum Licht der Heiden,

zu öffnen die Augen der Blinden,

herauszuführen den Gefangenen aus dem Gefängnis,

aus dem Kerker die, die in Finsternis sitzen.

Ich bin der Herr, das ist mein Name.

Und meine Herrlichkeit gebe ich keinem anderen

und meinen Ruhm nicht den Gottesbildern.

Da, das Frühere trifft ein,

und das Neue kündige ich an.

Bevor es sprosst, verkündige ich es euch.



Liebe Schwestern und Brüder,


wer ist dieser Knecht, den Gott so gern hat und dem er so viel zutraut?


Uns fällt die Antwort leicht. Vielleicht dachten Sie sogar eben, was soll die Frage, das ist doch klar: Es ist Jesus, von dessen Taufe wir heute im Evangelium gehört haben. Dabei sagte die Stimme vom Himmel genau das, was Gott von seinem Knecht sagt: „Ich habe Gefallen an ihm.”


So eindeutig, wie es auf den ersten Blick scheint, ist es aber doch nicht. Für uns ist es Jesus, von dem hier die Rede ist. Jesaja aber hat diesen Text 500 Jahre vor Christi Geburt geschrieben. Da war von Jesus noch keine Rede. Nun könnte man sagen, Jesaja war doch ein Prophet, der wusste oder ahnte, dass in 500 Jahren einer kommen würde, auf den diese Beschreibung zutrifft. Aber würde es Menschen, die jetzt Ungerechtigkeit erleiden, wirklich trösten, wenn in 500 Jahren einer kommt, der diese Ungerechtigkeit beseitigt? Jesaja dachte offenbar an jemand anderen, an einen Zeitgenossen oder einen, der in naher Zukunft kommt. Aber an wen?


Von einem „Knecht” ist die Rede, nicht von einer Magd. Es wird also ein Mann erwartet. Ein „großer Mann”, darf man wohl ergänzen, denn es waren und sind noch immer die „großen Männer”, auf die sich die Hoffnung auf Veränderung, Verbesserung der Verhältnisse richtet. Ein mächtiger Politiker also, wie Alexander der Große, der die Größe im Namen trägt, Cäsar, Karl oder Friedrich der Große. Einer wie Obama, Trump oder Putin. Große Männer, von denen man große Taten erwartet und von denen solche Taten auch berichtet werden, weshalb ihre Namen im Geschichtsbuch stehen.


Leider stehen bei den großen Namen nicht die Fragen, die Bertolt Brecht einen lesenden Arbeiter stellen lässt:


„Der junge Alexander eroberte Indien.

Er allein?

Cäsar schlug die Gallier.

Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?

Philipp von Spanien weinte, als seine Flotte

untergegangen war. Weinte sonst niemand?

Friedrich der Zweite siegte im Siebenjährigen Krieg. Wer

siegte außer ihm?”


Was den Gottesknecht bei Jesaja auszeichnet, sind keine großen Taten, von denen wir in den Geschichtsbüchern lesen. Der Knecht Gottes steht ein für Gerechtigkeit. Ganz behutsam tut er das: Was schon geknickt ist, wird von ihm nicht zerbrochen. Was kurz vorm Verlöschen ist, erhält von ihm nicht den Todesstoß. Er selbst tritt zurückhaltend auf: kein wortgewaltiger Redner, kein Selbstdarsteller, sondern ein leiser Mensch ist er. Damit handelt er ähnlich wie Gott, der nicht mit Blitz und Donner kommt wie der Zeus der Griechen oder der Jupiter der Römer. Sondern in einem stillen, sanften Sausen begegnet (1.Könige 19,12) oder im Wunder eines Dornbusches, der nicht verbrennt (2.Mose 3,2).


Auch von Gottes Sohn wird erzählt, dass er kein Großer im Sinne großer Männer war, sondern, wie Bertolt Brecht dichtete,


„leicht war

Gesang liebte

Arme zu sich lud

und die Gewohnheit hatte, unter Königen zu leben

und einen Stern über sich zu sehen zur Nachtzeit.”


Aber, wie gesagt, von Jesus wusste Jesaja noch nichts.


Wer ist er dann, dieser Gottesknecht, der so behutsam ist, der das Recht aufrichtet, die Augen der Blinden öffnet und die Gefangenen befreit?


Einen Hinweis, wer es ist, gibt uns, für wen der Gottesknecht Recht schafft: für die Völker. Damit sind die Gojim gemeint, die Nichtjuden. Denn die Juden kennen Gottes Gebot und wissen, was Recht ist und was Gott von uns fordert, nämlich:


„Gottes Wort halten

und Liebe üben

und demütig sein vor deinem Gott.” (Micha 6,8)


Die Nichtjuden, die Gojim, die Völker, wissen das nicht. Was an dieser Stelle wie an vielen Stellen der Bibel, auch bei Jesaja, durchscheint, ist, wie eng in der Bibel Glaube und Gerechtigkeit verbunden sind.

Für unser Empfinden ist Glaube eine sehr persönliche Angelegenheit. Eine Privatsache, die nicht auf die Straße, in die Öffentlichkeit gehört, wo Recht und Gerechtigkeit zuhause sind.

Der Theologe Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher hat den Glauben deshalb ein Gefühl genannt. Das stimmt wohl auch mit unserem Empfinden überein: Wir sagen, wir sind „ergriffen” vom Glauben. Ergriffenheit ist ein tiefes, bewegendes Gefühl.


Schleiermacher geht noch einen Schritt weiter, er sagt: Wir fühlen unsere Abhängigkeit, wenn wir glauben. Unsere Abhängigkeit von Gott. Diese Abhängigkeit beschreibt die Geschichte vom Vater, der Jesus um Heilung für seinen Sohn bittet und dabei ausruft: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!” (Markus 9,24) Der Vater, der alles versucht hatte, um seinem Sohn zu helfen, und der erfahren musste, dass auch die Ärzte und Fachleute und auch die Jünger Jesu das Kind nicht heilen konnten, erkennt, dass wir das Wesentliche, das Entscheidende nicht selbst tun können und dass wir sogar den Glauben von Gott bekommen müssen. Wir sind ganz und gar abhängig von Gott - schlechthin abhängig, sagt Schleiermacher. Wenn wir diese Abhängigkeit erkennen und akzeptieren, glauben wir - und werden erst dadurch wahrhaft frei.


Denn wahre Freiheit ist nicht, was der Neoliberalismus vertritt und was die Querdenker fordern: Tun und lassen zu können, was man will, ohne Rücksicht auf andere zu nehmen.


Wahre Freiheit ist die Freiheit von Illusionen und Zwängen und Schuld. Wahre Freiheit ist eine Freiheit für: Die Freiheit, nach Gottes Gebot zu leben, Gerechtigkeit aufzurichten und so an Gottes Reich des Friedens und der Gerechtigkeit mitzubauen.


Ich denke, jetzt wissen Sie, wer der Gottesknecht ist, oder? Es ist kein großer Mann. Es sind alle die, die Gottes Gebot kennen. Alle, die durch den Glauben die Freiheit gewonnen haben, sich nicht nach der öffentlichen Meinung, nach dem Willen eines großen Mannes, einer Partei oder einer Ideologie richten zu müssen. Sondern die allein auf Gott und sein Wort hören. Es sind alle, die an Gottes Reich des Friedens und der Gerechtigkeit mitbauen. Jesus war so einer. Die Israeliten zur Zeit Jesajas waren solche Leute. Und wir sind so.


Wir sind Gottes Knechte und Mägde, von Gott berufen, von Gott gehalten und von Gott geliebt. Wir treten nicht großspurig auf. Wir kommen nicht groß raus. Vorsichtig schützen wir das Geknickte, bergen die blakende Flamme und treten, wo wir gehen und stehen, für Gottes Willen, für Gottes Gerechtigkeit ein.


Wir sind viele. Wir sind viel mehr, als wir denken. Und wenn auch die großen Männer laut tönen, wenn genagelte Stiefel dröhnend aufs Pflaster schlagen, werden sich doch Gottes Recht und Gottes Gerechtigkeit durchsetzen. Gottes Reich wird kommen. Wir haben unseren Anteil daran, weil wir um Gottes Recht und Gerechtigkeit wissen und weil wir glauben und beten: Dein Reich komme, Herr,

dein Reich komme.

Freitag, 31. Dezember 2021

wachsen lassen

Predigt am Altjahrsabend, 31.12.2021, über Matthäus 13,24-30

Getreidefeld

Liebe Schwestern und Brüder,

das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen, das von Aussaat und Ernte erzählt, passt gut zum Rückblick auf das fast vergangene Jahr. Wir haben ja tatsächlich manches ausgesät: Radieschen und Raps, Wicken und Weizen, Gurken und Gerste. Vieles davon noch im selben Jahr geerntet. Manches, wie der Winterweizen, wird erst im kommenden Jahr Frucht bringen. Und wer vielleicht aus einem Apfelkern einen Apfelbaum gezogen hat, wird einige Jahre warten müssen, bis sich herausstellt, welche Art von Äpfeln er trägt.

Wie das, was wir gesät haben, ist auch das, was wir in diesem zurückliegenden Jahr begonnen haben: Viele Erfolge oder Misserfolge haben sich gleich eingestellt. Manches wird sich erst im kommenden Jahr ergeben. Und manches Vorhaben, manche Entscheidung braucht noch Zeit, um zu reifen und wird erst in einigen Jahren Früchte bringen.

Eine Entscheidung muss „reifen”, sagt man. In unseren Sprachgebrauch sind Säen und Ernten in viele Redewendungen eingeflossen. Beide zusammen in der Warnung: „Wer Wind sät, wird Sturm ernten”.
An diesem Bild wird deutlich, dass unser Tun Kreise zieht wie ein Stein, den man ins Wasser wirft. Die Folgen unseres Tuns entwickeln und entfalten sich allmählich, wie aus dem Samenkorn der Keimling  sprießt, der sich streckt und wächst und schließlich Frucht bringt.

Aber was sät man eigentlich in den Redewendungen? Man sät Zwietracht oder Misstrauen, Feindschaft oder Zweifel. Während wir im wahren Leben gute Saat ausbringen, von der wir auch eine gute Ernte erwarten, ist das, was wir in den Redewendungen aussehen, gar nicht gut. Scheinbar wird nichts Gutes gesät, wenn vom Säen im übertragenen Sinn die Rede ist. Das Gute wird statt dessen geerntet: Man erntet Lob, Erfolg, Anerkennung. Man erntet Beifall oder Applaus. 

Was in Redewendungen gesät wird, ist Schlechtes, während das Gute, das wir ernten, jedenfalls nicht von uns ausgesät wurde. Woher kommt dieses pessimistische Menschenbild, das seinen Niederschlag in unserer Sprache gefunden hat? Tatsache ist doch, dass wir auch viel Gutes aussäen, nicht nur im Garten oder auf dem Acker. Wir säen Gutes in Form von guten Taten, Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft, Trost und Ermutigung. Trotzdem heißt es nicht: „Mir hat jemand Trost gesät”, sondern: „Jemand hat mir Trost gespendet.” Nicht: „Du hast mir Mut gesät”, sondern: „Du hast mir Mut gemacht.”

Unsere Sprache verrät, dass das Saatgut zum Guten nicht von uns kommt. Unsere eigene Muttersprache stellt uns dem Feind gleich, der das Unkraut unter den Weizen sät, wenn sie uns nur Zweifel und Feindschaft aussäen lässt, nicht aber Freundschaft oder Glaube. Das ist sicher kein Zufall. Darin zeigt sich ein Grundzug unseres Menschseins. „Denn”, schreibt der Apostel Paulus an die Römer (Röm 7,19), „das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.” Es ist unser Menschsein, das Paulus da beschreibt. Er beschreibt es nüchtern, ohne jede Kritik. So sind wir. Theoretisch könnten wir auch anders. Aber praktisch gelingt es uns nicht. Die Corona-Proteste zeigen es uns, und auch, dass eine Debatte um die Triage nötig ist. Offenbar ist es nicht selbstverständlich, dass für alle Erkrankten alles menschenmögliche getan wird, damit sie gesund werden. Weil viele unter Berufung auf ihre Freiheit keine Rücksicht auf andere nehmen wollen, müssen einige fürchten, im Zweifel nicht behandelt zu werden.

Woher kommt dann aber das gute Saatgut? Wer gibt uns den Weizen, den wir am Ende des Jahres ernten? Der Hausherr im Gleichnis, der das gute Saatgut aussät, ist Gott. Jesus erzählt das Gleichnis, um etwas von Gottes Wirklichkeit zu zeigen: „Das Himmelreich gleich einem Menschen, der guten Samen auf seinen Acker säte.” Gott arbeitet unermüdlich daran, dass sein Reich des Friedens, der Gerechtigkeit und der Liebe mitten unter uns wachsen und sich entfalten kann. Wir, seine eifrigen Mägde und Knechte, freuen uns, dass der Weizen, das Reich Gottes, wächst. Voller Sorge sehen wir aber auch das Unkraut unter dem Weizen. Wir sehen das Schlechte, das andere gesät haben und das wir selbst aussäten, und fürchten, es könnte den Weizen überwuchern.

Das Unkraut wächst mitten unter dem Weizen; man kann es aber nicht herausreißen, ohne den Weizen in Mitleidenschaft zu ziehen. Gutes und Böses lassen sich nicht so ohne weiteres trennen. So ist es auch in unserem Leben: Gutes und Böses, Schönes und Schweres, Glück und Leid sind eng miteinander verflochten. Manchmal kann man gar nicht so genau sagen, wo das Schlechte aufhört und das Gute  anfängt. Und im Rückblick relativiert sich auch manches: was schlecht erschien, nahm eine gute Wendung. Und was wir anfangs für eine gute Idee hielten, entpuppt sich im Nachhinein als Fehler.

Erst die Ernte trennt die Spreu vom Weizen. Im Gleichnis wird das Unkraut zuerst eingesammelt. Das entspricht unserer Wahrnehmung: Wir sehen zuerst das Schwere, den Kummer, das Leid. Wir sehen zuerst unsere Fehler, unser Versagen, unsere Schuld. Sie drängen sich in den Vordergrund, verdrängen das Gute, sodass es scheint, als wäre gar nichts Gutes dagewesen. Man muss sich manchmal richtig anstrengen, um hinter all dem Negativen das Gute zu sehen und hervorzuholen.

Darum wird das Unkraut verbrannt: Es soll nicht mehr den Weizen, das Gute, verdrängen, und es soll sich nicht weiter aussäen können. Das Verbrennen hat noch eine weitere Bedeutung: In der Bibel dient das Feuer zur Reinigung - der Goldschmied trennt damit das Silber von der Schlacke.

Leidvolles, Belastendes, Schweres, der Gedanke an eigene Schuld, eigenes Versagen, eigene Fehler lähmen und ziehen einen herunter. Sie verdecken und verdrängen nicht nur all das Schöne. Sie lassen auch, wie eine dunkle Brille, alles grau und farblos erscheinen. So blickt man schon hoffnungslos und trübsinnig auf das neue Jahr, bevor es überhaupt begonnen hat.

Aber wie das Feuer das Silber von der Schlacke trennt, so hilft die Unterscheidung von Gutem und Bösem, von Unkraut und Weizen, das Gute zu sehen und das Böse ins Verhältnis zu setzen. Die Ernte bildet den Rahmen, in dem alles seinen Platz bekommt. Dann kann das Schlechte nicht mehr alles andere verdrängen, sondern bekommt seinen Ort neben dem Guten. Und man erkennt mit einem Mal, dass gar nicht so viel schlecht war, wie man dachte, und dass der Anteil des Guten viel größer war, als man meinte.

Den Rahmen des Gleichnisses bildet das Reich Gottes: Gottes Wirklichkeit umspannt mehr als ein Jahr, sie umfasst unser ganzes Leben. Sie bildet den Rahmen auch unseres Lebens - des Jahres, das gerade vergeht, und des Jahres, das vor uns liegt.

Gottes Wirklichkeit gibt dem, was wir im zurückliegenden Jahr erlebten, sein Maß, und allem, was uns darin widerfahren ist, seinen Platz. Das Schwere, das Belastende, das Leid hat seinen Platz darin, und ebenso das Schöne, Beglückende - so, wie das Unkraut im Gleichnis mitten unter dem Weizen wächst.

Gott selbst sät den guten Samen aus, durch den seine Wirklichkeit im Kommen ist, wie unter der Erde schon die Saat wartet, die im nächsten Frühjahr aufgehen wird.

Und Gott vergibt alle Schuld, jeden Fehler, jede Unzulänglichkeit. Gott hat uns ja so geschaffen: Als Menschen, die menschlich handeln, das heißt: die oft zuerst an sich denken und dann erst an andere; die das Gute wollen, aber das Böse tun, weil sie in der ihnen geschenkten Freiheit  vergessen, zu unterscheiden und mitzufühlen.

Das neue Jahr liegt vor uns, eine weite Fläche Zeit. Wir dürfen darauf vertrauen,  ja, können uns darauf verlassen, dass Gott auch im kommenden Jahr sein Reich des Friedens, der Gerechtigkeit und der Liebe wachsen lassen wird. Und dass wir als seine Mägde und Knechte daran mitarbeiten dürfen, uns freuen dürfen, wie es wächst und wie es sich behauptet gegen alles Unkraut. Wir werden auch im neuen Jahr die Erfahrung machen, dass manches, was wir für Unkraut hielten, gar keines war - man sagt ja auch nicht mehr „Unkraut”, sondern „Wildkraut”. Und dass wir froh sind, dass wir es nicht ausgerissen haben.

„Der aber Samen gibt dem Sämann und Brot zur Speise, der wird euch auch Samen geben und ihn mehren und wachsen lassen die Früchte eurer Gerechtigkeit.” (2.Kor 9,10)

Donnerstag, 23. Dezember 2021

Was die Welt nicht sehen kann

Predigt am 1.Weihnachtstag, 25.12.2021, über 1.Johannes 3,1-2:

Seht, wie große Liebe uns der Vater geschenkt hat,
dass wir Kinder Gottes heißen und es sind.
Deshalb kennt uns die Welt nicht,
weil sie ihn nicht kennt.
Geliebte, jetzt sind wir Kinder Gottes.
Und zugleich ist noch nicht erschienen,
was wir sein werden.
Wir wissen, wenn es erscheinen wird,
werden wir ihm gleich sein,
denn wir werden ihn sehen, wie er ist.


Liebe Schwestern und Brüder,

an Weihnachten gibt es etwas zu sehen. Nein, ich meine nicht „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ oder „Der kleine Lord“, auch nicht die x-te Wiederholung von „Tatsächlich Liebe” oder „Kevin allein Zuhaus”.

An Weihnachten gibt es das Leuchten in den Augen zu sehen, wenn die Geschenke ausgepackt werden. Und auch hier: Nicht das gierige Flackern, wenn es nicht zu viele Geschenke sein können, wenn sie nicht zu groß oder zu kostspielig sein können. Sondern das Leuchten, das die Liebe auslöst, die man beim Schenkenden spürt. Und zwar eher bei etwas Selbstgemachtem, als bei etwas Gekauftem, und sei es noch so wertvoll.

Auch von Gott bekommen wir an Weihnachten etwas geschenkt, das uns Gottes Liebe zu uns spüren lässt, nämlich, dass wir Gottes Kinder sind: Seine Töchter und Söhne.

Das klingt zunächst wie eine Floskel, und man möchte schon abwinken, ja, ja, Kinder Gottes, ich weiß … Wenn man das Kind einer Berühmtheit wäre oder eines gekrönten Hauptes, wäre das etwas anderes. Da wäre man ziemlich stolz, ihr oder sein Kind zu sein, und würde sich vielleicht sogar etwas darauf einbilden. Aber ist Gott denn nicht mehr, nicht größer als jeder Star und jede Monarchin? Warum empfinden wir da keinen Stolz?

Aber das Wichtigste ist ja gar nicht, dass wir Kinder dessen sind, den jeder kennt, auch wenn nicht jeder vor ihm Respekt hat. Das Wichtigste ist, dass Gott uns liebt, wie Eltern ihre Kinder lieben: unbedingt und unendlich. Und das, obwohl wir gar nicht Gottes leibliche Kinder sind, sondern angenommene Kinder, adoptiert durch die Taufe. Trotzdem stellt uns Gott seinem einzigen Sohn gleich, hat uns kein bisschen weniger lieb als ihn.

Wir gehören zu Gott. Damit gehören wir bereits zu einer anderen Wirklichkeit. Einer, die (wenn das möglich ist) wirklicher ist als die Realität. Weil Gott unsere Wirklichkeit durchdringt. Gott ist hinter den Dingen, Gott steht über den Dingen und ist alles in allem, umschließt alle Dinge, und wir mit ihm. Wir sind dadurch das, was man früher mit dem Wort „cool” bezeichnete: Die Welt kann uns nicht wirklich etwas anhaben, da stehen wir drüber.

Die Welt kann uns nichts anhaben, weil sie uns gar nicht sieht. Nicht, weil sie Gott ignoriert oder Gott nicht wahrhaben will. Wir danken, dass das der Grund wäre. Es ist aber genau andersherum: Es ist nicht so, dass die Welt uns nicht sehen will, sie kann uns gar nicht sehen.

Natürlich sind wir nicht unsichtbar, wir sind ja keine Gespenster.

Aber die Welt sieht nur, was sie sehen kann. Sie sieht uns als Menschen wie alle anderen auch, Menschen, die nichts Besonderes an sich haben, nichts Besonderes sind. Die Welt kann nicht sehen, was wir wirklich sind: Sie sieht nicht, dass wir Kinder Gottes sind. Dadurch verpasst sie die Gelegenheit, Gottes Liebe zu begegnen. Eine Liebe, die um ihrer selbst willen liebt, nicht als Belohnung für Schönheit, Wohlverhalten, Gehorsam oder die richtige Einstellung. Eine Liebe, die jeden Menschen als liebenswert erkennt, weil jeder Mensch von Gott gewollt und geliebt ist. 

Die Welt verpasst auch die Gelegenheit, das zu hören, was Gott über seine Schöpfung und seine Geschöpfe sagte: „Siehe, es war sehr gut”. Das sagt Gott zu einer jeden, einem jeden von uns: „Siehe, du bist sehr gut”. Du bist gut, nicht, weil du etwas kannst, nicht, weil du immer brav bist, nicht, weil du dich anstrengst, gut zu sein. Du bist gut, weil Gott dich liebt. Gottes Liebe macht uns gut.

Wir vergessen das oft. Meinen, wir wären nicht liebenswert, oder wir müssten uns Gottes Liebe erst verdienen oder hätten sie zwischenzeitlich verloren. Wenn wir so denken, werden wir uns selbst unsichtbar. Dann ist noch nicht erschienen, was wir sein werden, obwohl wir schon Gottes Kinder sind und bleiben. Es ist noch nicht erschienen, was wir sein werden, wenn uns das Vertrauen fehlt, dass Gottes Liebe uns meint. Uns so, wie wir sind. Wenn uns das Selbstvertrauen fehlt, uns auf diese Liebe unter allen Umständen zu verlassen.

Es ist aber so, dass Gott uns genauso lieb hat wie seinen Sohn. Wir sind seinem Sohn gleich. Wir sind Gott genauso viel wert, wir sind gleich viel geachtet. Gott wendet für uns die gleiche Energie auf, uns vom Tod zu retten, wie er es für seinen Sohn tat. Wir haben sein Versprechen: Wir werden Jesus sehen, wie er ist. Wir werden ihn sehen als den Auferstandenen, den Lebendigen, sitzend zur Rechten Gottes. Dort wird auch unser Platz sein. Denn es ist nicht so, dass an Gottes Seite nur Platz für eine oder einen wäre. Jede und jeder von uns wird Gott ganz nah kommen, wird Gott ganz nah sein.

Das ist Gottes Geschenk für uns. Nicht nur an Weihnachten, an jedem Tag unseres Lebens. An Weihnachten fällt es uns vielleicht leichter als sonst, Gottes grenzenlose Liebe zu uns zu sehen und  anzunehmen. Weil wir beim Blick in die Krippe uns wiedererkennen. Wir sehen uns gespiegelt in den Augen des göttlichen Kindes und spüren, dass er unser Bruder geworden ist. Wenn Jesus aber unser Bruder wurde, sind wir seine Geschwister. Wenn wir seine Geschwister sind, sind wir Kinder des einen Vaters im Himmel. Dann ist es wahr:

„Seht, wie große Liebe uns der Vater geschenkt hat,
dass wir Kinder Gottes heißen und es sind.”

Zärtlich achtet die Liebe das Kleine

Predigt zur Christvesper am 24. Dezember 2021 über Micha 5,1-4a

Maria mit dem Jesuskind auf dem Arm. Altarschnitzerei aus der Kirche in Kreien.

Liebe Schwestern und Brüder,

vom Frieden auf Erden singen die Engel, die den Hirten auf dem Felde die Geburt des Heilandes verkündigen. Friede auf Erden - ein Wunsch, der allen Menschen gemein ist, über alle Grenzen hinweg. Hinweg auch über alle Unterschiede von Herkunft oder Hautfarbe, von Glaube oder Geschlecht, von Arbeit oder Ausbildung.
Friede auf Erden - an Weihnachten meint man, ihn zu spüren, ihn mit Händen greifen zu können. Er erfüllt unsere Herzen und unsere Gemeinschaft, wir nehmen ihn mit nach Hause, und er erfüllt eine zeitlang auch unsere Stube, ist oft am nächsten Morgen noch zu spüren.

Heute ist der Friede zum Greifen nah. Heute denken wir nicht in Kategorien von Freund oder Feind. Heute wünschen und gönnen wir allen Menschen nur Gutes;  sogar den alten Feinden. Und manche* denkt heute vielleicht: Warum kann es nicht immer so sein? Warum können wir nicht jeden Tag so wohlmeinend, so aufgeräumt, so freundlich und so gut gesinnt sein, wie wir es heute sind?

Woher kommt der Frieden, den wir heute empfinden? Er kommt vom Blick in die Krippe. Wer kein Herz aus Stein hat, schmilzt beim Anblick eines Neugeborenen dahin und wünscht dem kleinen Menschenwesen nur das Beste, ist erfüllt von Güte, Freundlichkeit - und Frieden.
Diesen Blick in die Krippe haben wir getan, als wir die altvertrauten Worte der Weihnachtsgeschichte hörten. Wieder einmal haben sie uns im Innersten berührt. Sie haben uns den Weihnachtsfrieden geschenkt, den wir alle Jahre wieder zu finden hoffen, wenn wir zur Christvesper gehen. Den wir anschließend mit nach Hause nehmen, ihn sorgsam hüten wie die Flamme einer Kerze, die wir in unserer hohlen Hand bergen, damit kein plötzlicher Windstoß sie auslöscht.

Wir haben natürlich nicht wirklich in eine Krippe gesehen. Wir haben uns beim Hören der altvertrauten Worte wahrscheinlich nicht einmal eine Krippe vorgestellt. Trotzdem haben diese Worte uns hinschmelzen lassen, wie uns sonst nur der Anblick eines Kleinkindes hinschmelzen lässt.
Denn sie stellen der uns bedrückenden Wirklichkeit, dem durch Corona eingeschränkten und so stark veränderten Alltag den Engel entgegen, der uns sagt, dass wir uns nicht zu fürchten brauchen.
Sie stellen uns den Engel zur Seite, der allen, die guten Willens sind, den Frieden verkündet.
Und sie stellen uns die Hirten vor Augen, arme, einfache, ungebildete Menschen, die sehen durften - und wir mit ihnen -, wofür Könige ein Vermögen gegeben hätten, wenn sie es hätten sehen dürfen; worauf Generationen von weisen Männern und von mächtigen Politkern vergeblich gewartet haben.

Das Geheimnis der Weihnacht ist nicht geheim. Jede* darf es wissen, jede* kann es sehen: Es ist das verletzliche, schutzbedürftige, liebenswerte Kind in der Krippe.

Ein Kind? Wo ist da das Geheimnis?

Wer so fragt, wird das Geheimnis der Weihnacht nicht erfahren. Um es zu erleben und zu verstehen, muss man sich klein machen, damit man auf Augenhöhe kommt mit dem Kind. Und man muss hinsehen, damit das Herz hinschmelzen kann beim Anblick dieses Kindes. Nur so erlebt und versteht man, dass die Macht dieses Kindes nicht in Gewalt, in Lautstärke oder Einfluss besteht, sondern in der Liebe, mit der es uns berührt und unseren Herzen Frieden schenkt.

Das könnte der Grund sein, warum wir nicht öfter den Frieden empfinden, den wir heute spüren. Warum wir nur an Weihnachten so wohlmeinend, so aufgeräumt, so freundlich und so gut gesinnt sind: Weil uns das göttliche Kind in den restlichen 364 Tagen des Jahres nicht so vor Augen steht wie heute. 

Ein Weg, den Frieden der Weihnacht auch an den anderen Tagen des Jahres, auch im Alltag zu empfinden, könnte deshalb sein, dass wir uns hin und wieder auf Augenhöhe begeben. Nicht herabschauen auf andere, nicht über sie hinweg sehen. Sondern ihnen in die Augen sehen und das verletzliche, schutzbedürftige, liebenswerte Kind entdecken, das diese Menschen einmal waren. Und sie das verletzliche, schutzbedürftige, liebenswerte Kind sehen lassen, das wir noch immer sind.

Ein Weg, den Frieden der Weihnacht ins neue Jahr mitzunehmen, könnte sein, dass wir hinsehen lernen. Lernen, zu sehen, worüber wir bisher hinwegsahen, worauf wir bisher herabschauten, was wir bisher nicht sehen wollten.

Es kann sein, dass die empfindliche Flamme des Friedens trotzdem verlischt. Aber das Kind, das der Friede ist, wird uns ansehen, wenn wir hinsehen. Sein Blick wird die Flamme des Frieden neu  entzünden, an jedem Tag des neuen Jahres, wenn wir es wollen.

Samstag, 18. Dezember 2021

unbefleckte Empfängnis

Predigt am 4. Advent, 19. Dezember 2021, über Lukas 1,26-38

Altar der Kirche in Karbow mit dem Kreuz Christi, unter dem links Maria und rechts Johannes steht.


Liebe Schwestern und Brüder,


Marie, die reine Magd bringt Gottes Sohn zur Welt. Ein schlichter Satz, hundertmal gehört, hundertmal mitgesungen in unterschiedlichen Variationen:

- „Gelobet seist du, Jesus Christ, dass du Mensch geboren bist von einer Jungfrau, das ist wahr; des freuet sich der Englein Schar.”

- „Euch ist ein Kindlein heut geborn von einer Jungfrau auserkorn.”

- „Das Blümlein, das ich meine, davon Jesaja sagt

hat uns gebracht alleine Marie, die reine Magd.”

Ein schlichter Satz, der Widerspruch provoziert und nicht in unser Gottesbild passen will.


Gott will Mensch werden, einer von uns. Nicht wie wir, sondern: ein Mitmensch, ein Nächster. Das geht offenbar nur, wenn er den selben Anfang nimmt wie alles Leben, den selben Anfang wie wir, im Schoß einer Mutter. Um Mensch werden zu können, muss Gott „Fleisch annehmen”, wie es im Bibeldeutsch heißt (vgl. Joh 1,14). Gott braucht eine Mutter, die ihn neun Monate unter ihrem Herzen trägt, ihn ernährt mit ihrem Körper und auch mit ihrer Hoffnung, ihrer Liebe.


Maria ist „Mutter Gottes”. Ein paradoxer Name. Der ewige Gott hat keine Mutter. Er war immer, und er wird immer sein. Und dennoch: Um zur Welt zu kommen, die er doch selbst geschaffen hat, muss Gott geboren werden wie alle Lebewesen. Auch das ein Gedanke, der widersprüchlich ist und nicht in unser Gottesbild passt.


Dort der ewige Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde. Hier wir, endliche Menschen, Gottes Geschöpfe. Wie können die beiden ungleichen Partner zusammenkommen? Wie ist das Verhältnis von Göttlichem und Menschlichem in uns? Kann denn eine Frau Mutter Gottes sein, und welche Voraussetzungen braucht sie dafür? Darüber haben sich Generationen von Theologen die Köpfe zerbrochen. Herausgekommen ist, unter anderem, die Lehre von der unbefleckten Empfängnis Mariens.


Wenn Gott zur Welt kommt, kann das offenbar nicht auf dem Weg geschehen, den alles Leben nimmt, denn Gott ist so ganz anders als wir, ist Schöpfer, nicht Geschöpf. Darum muss die Zeugung anders sein als sonst, muss wunderbar sein. Wie Licht durch Glas dringt, ohne es zu zerstören, so dringt Gottes Geist in Maria ein, ohne eine Spur zu hinterlassen. Daher heißt es im Glaubensbekenntnis: „Geboren von der Jungfrau Maria.” Noch so ein Satz, der Widerspruch weckt und sich mit unserem Gottesbild beißt.


Die Jungfrauschaft Marias allein aber genügt nicht. Das „Gefäß”, das Gott einschließt, muss Gottes würdig sein. Es muss außergewöhnlich und kostbar, außergewöhnlich kostbar sein. Darum wurden und werden für das Abendmahl nur Gefäße aus Silber oder Gold verwendet - oder zumindest Gefäße, deren Oberfläche versilbert oder vergoldet wurde. Leib und Blut Christi sollen nur mit dem Edelsten Material in Berührung kommen.


Deshalb auch wird Maria in der Kunst als wunderschöne Frau dargestellt. Eine „Miss Universum” ist gerade hübsch genug, um Gottes Anspruch zu genügen. Ob das auch Gottes Ansicht ist, hat man sich dabei nicht gefragt, als Männer Marias Aussehen ausmalten und ihr Schönheitsideal zum Maßstab auch für die Gottesmutter machten.


Und schließlich genügt es auch nicht, dass Maria ein Mensch war wie alle anderen. Wenn sie Gott zur Welt bringt, muss sie ein besonderer Mensch sein, ach was, ein Übermensch, eine Wonder-Woman! Deshalb wurde gelehrt, Marias Eltern, Anna und Joachim, seien so fromm gewesen, dass Maria unbefleckt empfangen wurde. Zu deutsch: Was uns als Menschen ausmacht, dass wir einen eigenen Willen haben, dass wir uns manchmal falsch entscheiden, Fehler machen, uns selbst und andere verletzen, dass wir das Gute wollen und das Schlechte tun - all das besaß Maria nicht. Maria war mehr als jeder Mensch, aber sie hatte keine Menschlichkeit, weil sie keine Fehler machen, nichts anderes wollen konnte, als es Gottes Wille für sie war. Das scheint ihre Antwort an den Engel zu bestätigen:

„Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast.”


Was ist das anderes, als ein sich Ergeben in Gottes Willen? Fast könnte man Resignation aus diesen Worten hören, als wollte Maria sagen: Ich kann ja doch nichts ändern, ich kann mich gegen Gott nicht durchsetzen. Es wird ohnehin geschehen, was Gott will.


Es wird Maria auch viel zugemutet: Sie wird schwanger, ohne verheiratet zu sein - ihr Ruf ist also schon mal ruiniert. Sie kennt den Vater nicht - jedenfalls nicht so, wie man normalerweise den Vater kennt. Und sie ist nicht nur eine Leihmutter für Gottes Kind, sondern zieht es für ihn groß und hat an seinem Schicksal teil. Seinetwegen muss die Familie ins Exil nach Ägypten gehen. Der alte Simeon prophezeit im Tempel: „durch deine Seele wird ein Schwert dringen” (Lukas 2,35). Man kann sich vorstellen, dass das passierte, als Maria ihren Sohn am Kreuz sterben sah.


„Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast.” Diese Antwort Marias ist mehr als ein sich Fügen in das Unvermeidliche. Sicher, Maria bezeichnet sich als Magd - im Griechischen steht das Wort δούλη, was man sogar mit „Sklavin” übersetzen könnte. Eine Magd hat zu gehorchen. Aber sie hat ihren eigenen Willen. Und wenn der Herr nicht hinsieht, zeigt sie ihm einen Vogel, weil sie sich über ihn geärgert hat; tuschelt und lästert über ihn mit den anderen Mägden. Selbst eine Sklavin hat diese innere Freiheit, auch wenn sie zu ihrem Dienst gezwungen wird.


In dieser inneren Freiheit sagt Maria „Ja” zu der Zumutung, Mutter Gottes zu sein. Ohne dieses Ja, ohne Marias Ja wäre Gott nicht zur Welt gekommen. Das ist entscheidend: Gott wählte nicht den Weg der Gewalt, der Vergewaltigung, wie es die Götter der Griechen und Römer taten und damit Gewalt gegen Frauen zum „Kavaliersdelikt” verharmlosten. Gott wartet auf das Ja Marias, und dieses Ja genügt. Mit diesem Ja kann Gott zur Welt kommen. Weiter ist nichts nötig.


Vielleicht besagt ja der anstößige Satz des Glaubensbekenntnisses von der Jungfrauengeburt nicht anderes, als dass dieses eine Mal kein Mann nötig war - wo Männer sich doch sonst immer für unentbehrlich halten. Damit Gott zur Welt kommt, braucht es keinen Mann, sondern nur ein Ja: „Mir geschehe, wie du gesagt hast.”


Damit braucht es auch keine wunderbaren Eigenschaften auf Marias Seite. Maria muss weder besonders schön noch besonders fromm sein, sie muss nicht auf unvorstellbare Weise sündlos sein, ja, sie braucht nicht einmal eine Jungfrau zu sein. Maria darf ein Mensch sein wir wir alle. Denn dass Maria Gottes Sohn empfängt, ist nicht ihre Leistung, ihre Würdigkeit. Es ist Gottes Tat. Gott entscheidet selbst, wer seiner würdig ist.


Wenn Maria Mensch sein durfte, dürfen wir es auch sein. Und gleichzeitig können wir Ja zu Gott sagen. Denn Gott, der uns geschaffen hat, macht uns seiner würdig. Gott bringt alles mit, Gott gibt uns alles, was es braucht, damit sein Wille auch durch uns Wirklichkeit werden kann. Gott „macht uns ihm genehm”, wie es in einem Morgenlied heißt (EG 452).


Gott kommt zur Welt, auch durch uns, wenn wir seinem Willen zustimmen und ihn tun. So kann es auch dieses Jahr Weihnachten werden, trotz Corona, trotz der Kriegsdrohung an der Grenze der Ukraine, trotz verhungernder Kinder und ertrinkender oder erfrierender Flüchtlinge: Weil Gott uns dazu bewegt, unsere Herzen zu öffnen, unsere Hände und unsere Haustüren, auch die Grenzen unseres Landes zu öffnen, damit er zur Welt kommen kann.

Amen.


Freitag, 10. Dezember 2021

Geheimniskrämer

Predigt am 3. Advent, 12. Dezember 2021, über 1.Korinther 4,1-5:

Man soll uns als Diener Christi

und Verwalter der göttlichen Geheimnisse ansehen.

Daher verlangt man übrigens von den Verwaltern,
dass sie sich als zuverlässig erweisen.

Mir aber ist es einerlei, ob ich von euch befragt werde
oder von einem menschlichen Gericht.
Ja, nicht einmal mich selbst befrage ich.

Ich habe mir nämlich nichts vorzuwerfen,
aber darin bin ich nicht gerechtfertigt.

Wer mich aber befragt, ist der Herr.

Daher richtet nicht vor der Zeit, bis der Herr kommt,

der ans Licht bringen wird, was im Finstern verborgen ist,
und die Absichten des Herzens bekanntmachen wird,

und dann wird jedem Anerkennung zuteil werden von Gott.



Liebe Schwestern und Brüder,


wer bin ich?

Die Frage ist, wenn man sie sich überhaupt stellt -

oder, anders gesagt: wenn man sich ihr überhaupt stellt -

schwer zu beantworten.

Auch deshalb schwer zu beantworten,

weil sofort die andere Frage dazu kommt,

die wir uns vergleichsweise oft stellen:

Was denken die anderen von mir?


Wer bin ich?

Diese Frage ist auch abhängig davon,

in welchem Zusammenhang man sie stellt.

Wer bin ich als Vater oder Mutter?

Wer bin ich als Partnerin, als Partner?

Wer bin ich als Freund*in oder Kolleg*in?

Wer bin ich als Sohn oder Tochter,

als Schülerin oder Schüler?


Wenn man so fragt,

fragt man, wer man für andere

oder im Blick auf andere ist.

Aber wer bin ich für mich?

Lässt sich das überhaupt sagen?

Kann man sich isoliert, unabhängig von anderen betrachten?


Wer bin ich?

Paulus beantwortet diese Frage im Blick auf den christlichen Glauben.

Und weil dieser Glaube keine Privatsache ist,

sondern sich in der Gemeinde abspielt

und zugleich vor den Augen der Welt,

verbindet Paulus in seiner Antwort die beiden Fragen,

wer ich bin, und was andere von mir denken:


Man soll uns als Diener Christi und Verwalter der göttlichen Geheimnisse ansehen.


Diener Christi - das ist wohl keine Bezeichnung,

die wir selbst für uns wählen würden.

Entweder, weil wir das, was wir als Gläubige tun,

nicht als „dienen” verstehen.

Oder weil uns das zu verbindlich ist.

So, als wären wir bei Christus fest angestellt,

während wir den Glauben lieber

als etwas Freiwilliges, Unverbindliches verstanden wissen möchten.


Aber „Verwalter der göttlichen Geheimnisse”?

Auf diese Bezeichnung wären wir selbst nie gekommen.

Was sind überhaupt diese „göttlichen Geheimnisse”?

Es sind die Sakramente - Taufe, Abendmahl -,

und die Beichte, die Vollmacht zu binden und zu lösen,

also die Sünde zu vergeben,

die Jesus seinen Jüngern erteilt hat.

Bei Paulus sind es noch nicht die Pastor*innen,

die die Sakramente verwalten,

die Beichte hören und die Absolution erteilen.

Jede Christin, jeder Christ ist Verwalter der göttlichen Geheimnisse.


Daher verlangt man übrigens von den Verwaltern,
dass sie sich als zuverlässig erweisen.


„Verwalter” und „Diener” sind keine Titel,

auf die man sich etwas einbilden

oder mit denen man sich schmücken könnte

(wenn man das denn wollte).

Es sind Aufgaben, die wir als Christen erfüllen sollen.

Wir tun dies vor aller Augen

und werden danach beurteilt,

ob man sich auf uns verlassen kann.

Das heißt doch wohl nicht,

dass wir Taufe, Abendmahl und Beichte

eifersüchtig vor der Welt verstecken

und die Latte besonders hoch legen sollen für die,

die uns darum bitten.

Sondern genau andersherum:

Sie zu spenden, wenn wir danach gefragt werden.


Nun fragen Sie sich vielleicht:

Wie kann ich als „einfaches Gemeindeglied”

taufen, Abendmahl feiern oder die Beichte abnehmen?

Das darf ich doch gar nicht!

Wir haben uns daran gewöhnt,

diese Aufgaben an die Pastor*innen zu delegieren,

„um der Ordnung willen”, wie Martin Luther betont.

Das heißt aber nicht, dass nicht jede* Getaufte* es auch könnte und dürfte.

Ich denke an die „Babuschki” in der ehemaligen Sowjetunion,

die zuhause viele Kinder getauft

und so den christlichen Glauben im Atheismus bewahrt haben.

Und ich denke an die Seelsorgegespräche,

die jede* von uns schon geführt hat.

Bei solchen Gesprächen haben wir auch Vergebung zugesagt,

wenn auch vielleicht nicht ausdrücklich im Namen Gottes.


Mir aber ist es einerlei, ob ich von euch befragt werde
oder von einem menschlichen Gericht.
Ja, nicht einmal mich selbst befrage ich.


Als Diener Christi und Verwalter,

der öffentlich, vor aller Augen,

mit Gottes Geheimnissen umgeht,

ist man Rechenschaft schuldig.

Unsere eingangs gestellte Frage:

„Wer bin ich?” hat ja auch den Anteil,

dass wir uns fragen, wer wir für andere sind.

Dahinter steht oft die bange Frage:

Bin ich richtig?

Bin ich gut so, wie ich bin?

Oder sollte ich klüger, fleißiger, fröhlicher,

hübscher, schlanker, sportlicher,

ernster, würdevoller, liebevoller,

aufmerksamer, bescheidener, vorsichtiger,

mutiger, frecher, größer oder kleiner sein?


Für einen Diener Christi,

einen Verwalter der göttlichen Geheimnisse,

gelten diese menschlichen Maßstäbe nicht.

Wir sind gut und richtig so, wie wir sind.

Wir sind Gott recht so, wie wir sind.

Das gilt insbesondere gegenüber unseren eigenen Maßstäben,

die manchmal viel strenger und unbarmherziger sind

als die, die von außen an uns angelegt werden.


Ich habe mir nämlich nichts vorzuwerfen,
aber darin bin ich nicht gerechtfertigt.


Wer bin ich?

Die Frage verlangt nach einer Antwort,

die wir uns nicht selbst geben können.

Natürlich können nur wir selbst wissen,

wer wir wirklich sind.

Aber diese Antwort sucht Bestätigung:

Sehe nur ich mich so,

oder bin ich tatsächlich so, wie ich mich sehe?

Diese Bestätigung kann man sich nicht selbst geben.


Diese Bestätigung können einem aber auch nicht die Mitmenschen geben.

Sie urteilen ja nicht unparteiisch,

sondern legen ihre Maßstäbe an uns an.

Selbst, wenn sie nur das Beste für uns wollen,

selbst, wenn sie uns lieben,

sehen sie uns mit ihren Augen.

Das kann sehr wohltuend sein,

wenn einem gesagt wird:

„Ich habe dich lieb” oder

„Du bist die liebste Omi auf der Welt!”

Es kann eine* trösten,

wenn man hören darf:

„Das ist doch nicht so schlimm!” oder

„Ich verzeihe dir.”

Aber es bleibt trotzdem der Rest eines Zweifels.

Man freut sich, aber kann es doch nicht wirklich glauben.


Wer mich aber befragt, ist der Herr.


Das Jüngste Gericht,

der Richterstuhl Gottes,

vor dem wir einmal werden erscheinen müssen,

wirft seine Schatten voraus.

Den Menschen des Mittelalters machte es schreckliche Angst.

Sie gaben buchstäblich ihr letztes Hemd,

um die Strafe zu mildern,

indem sie Ablass kauften,

der ihnen die Zeit im Fegefeuer zu verkürzen versprach.

Denn dass sie in diesem Jüngsten Gericht schuldig gesprochen werden würden,

stand für sie außer Frage.

Ist Gott doch der,


der ans Licht bringen wird, was im Finstern verborgen ist,

und die Absichten des Herzens bekanntmachen wird.


Ein Gott, der das kann:

Der sieht, was wir gern verheimlichen würden

und manchmal sogar vor uns selbst verbergen,

der unerbittlich ans Licht zerrt,

was wir nur im Geheimen zu denken wagen,

ein solcher Gott, der das alles sieht und weiß,

wird doch wohl zutiefst von uns enttäuscht sein.


Daher richtet nicht vor der Zeit, bis der Herr kommt.


Hat Paulus Sorge, dass unser Urteil über uns und andere

zu milde ausfallen könnte, weil wir nicht alle Fakten kennen?

Weil wir in die wahren Abgründe des Herzens

noch gar nicht geblickt haben?


Aber wie kann man nur auf einen solchen Gedanken kommen!?

Würde Gott uns denn zu Verwaltern seiner Geheimnisse machen,

wenn es Zweifel an unserer Eignung gäbe?

Taufe, Abendmahl und Sündenvergebung sind die Heiligtümer unserer Kirche.

Uns sind sie anvertraut,

ohne dass wir gefragt werden,

ob wir uns auch die Hände gewaschen haben,

ob wir „würdig” sind

oder uns ihnen gewachsen fühlen.


Da wir aber auch keinen Grund für Eigenlob haben,

nicht auf die eigene Gerechtigkeit oder Vollkommenheit bauen können,

bleibt nur eines:

Gott selbst macht uns ihm recht.

Mit der Aufgabe gibt Gott uns auch die Fähigkeit,

sie zu lösen.


Und dann wird jedem Anerkennung zuteil werden von Gott.


Paulus spricht von Anerkennung,

nicht von Urteil oder Strafe,

nicht einmal von Kritik.

Paulus geht nicht davon aus, dass wir versagen könnten,

ja, nicht einmal davon, dass an unserem Tun etwas auszusetzen wäre.

Wo es doch mancherlei gäbe,

was wir an uns auszusetzen hätten.

Und auch manch anderer hätte etwas über uns zu meckern,

wenn man ihn fragen würde -

und leider oft auch ungefragt.

Gott aber nicht.

Gott hat nichts als Anerkennung für uns.


Wer bin ich?

Jetzt können wir eine Antwort auf diese Frage geben:

Ich bin Gottes geliebtes Kind.

Ich bin Gott recht so, wie ich bin.

Ich bin Gott so recht, dass ich seine Geheimnisse verwalten darf,

mit anderen Worten:

Die Liebe weitergeben,

mit der Gott uns liebt.

Amen.