Samstag, 31. März 2012

Schämen wir uns!


Predigt am 6. Sonntag der Passionszeit, Palmarum, 1. April 2012,
über Jesaja 50,4-9:

Gott, der Herr, hat mir eine Zunge gegeben,
wie Schüler sie haben,
damit ich zur rechten Zeit ein Wort für die Erschöpften weiß.
Er weckt mich am Morgen.
Am Morgen weckt er mir das Ohr,
damit ich höre wie ein Schüler.
Gott, der Herr, hat mir das Ohr geöffnet.
Ich wehre mich nicht dagegen, ich weiche nicht zurück.
Meinen Rücken hielt ich den Schlägern hin,
und mein Kinn denen, die mich am Bart zogen.
Ich verbarg mein Gesicht nicht, wenn ich rot wurde
und nicht, wenn ich bespuckt wurde.
Denn Gott, der Herr, steht mir bei.
Darum werde ich nicht rot vor Scham,
darum habe ich mein Gesicht hart wie einen Stein gemacht,
und ich weiß, dass ich mich nicht schämen muss.
Da kommt schon mein Anwalt!
Wer will mit mir einen Rechtsstreit ausfechten?
Lasst uns gemeinsam vor den Richter treten!
Wer ist mein Prozessgegner? Der soll nur herkommen!
Du wirst schon sehen, Gott wird mir helfen!
Wer ist der, der mich schuldig sprechen will?
Du wirst schon sehen, alle werden aufgerieben,
wie ein Kleidungsstück löchrig wird;
die Motte wird sie auffressen!
(Eigene Übersetzung)


Liebe Gemeinde,

sind Sie heute schon in den April geschickt worden?
An diesem einen Tag im Jahr darf man ungestraft andere hereinlegen.
Das muss man ausnutzen!
Jemanden möglichst gekonnt an der Nase herumzuführen,
ist eine echte Herausforderung.
Wenn der Betrug gelang,
kann man triumphierend "April, April!" rufen
und den entgeisterten Blick des Genasführten genießen,
vielleicht wird er sogar rot vor Scham!
Ein harmloser Scherz.
Aber nicht jeder, der so vorgeführt wurde,
kann darüber lachen.

Der 1. April ist der Tag,
an dem man sozusagen offiziell andere veräppeln darf.
Aber es passiert viel häufiger als nur am 1. April.
Wenn z.B. ein Lehrling in einem Betrieb neu anfängt,
wird er erst einmal hereingelegt.
Er muss dann vielleicht eine "Kolbenrückholfeder" aus dem Lager holen.
Dort gibt man ihm einen besonders schweren Gegenstand mit,
den er in die Werkstatt schleppt - es ist natürlich der falsche.
Er muss noch einmal los. Er muss den Weg so oft machen,
bis er darauf kommt, dass man ihn zum Besten gehalten hat.
Ein harmloser Scherz.
Aber nicht jeder, der so vorgeführt wurde,
kann darüber lachen.

Bei dem, was man mit dem Erzähler unseres Predigttextes anstellt
- er hat keinen Namen,
nennen wir ihn deshalb den "Gottesknecht",
denn dieser Text aus dem Buch des Profeten Jesaja
ist eins der sog. "Gottesknechtslieder" -
bei dem also, was man mit diesem "Gottesknecht" anstellt,
hört der Spaß allerdings auf:
Verprügeln, am Bart ziehen, ins Gesicht spucken,
jemanden vor anderen bloßstellen und beschämen
ist alles andere als harmlos.
Man will diesen Menschen vorführen,
erniedrigen, beschämen
- er wehrt sich nicht einmal dagegen.
Wird aber auch nicht rot vor Scham,
sondern blickt seinen Gegnern in die Augen.
Er beißt die Zähne, kneift die Lippen zusammen
und macht sein Gesicht hart, hart wie Stein.
Diesen Triumph will er seinen Gegnern nicht gönnen,
dass sie sehen, wie er rot wird,
wie er sich abwendet, damit sie ihn nicht weinen sehen.

II
Was bringt einen dazu, andere hereinzulegen?
Warum macht das Veräppeln anderer so viel Spaß?
Ich führe selbst viel zu gern mal jemanden hinters Licht
und kann mich über einen gelungenen Scherz diebisch freuen.
Es ist ein Glücksgefühl wie beim Kreuzworträtsel,
wenn man eine knifflige Frage geknackt hat:
So fühlt es sich auch an,
wenn man jemanden aus der Reserve locken
und seine Selbstsicherheit knacken kann.

Selber hat man es meist nicht so gern,
hereingelegt zu werden.
Da kann man sogar richtig humorlos werden.
Ein Scherz unter vier Augen oder in der Familie ist harmlos.
Aber wenn man vor versammelter Mannschaft zum Besten gehalten wird,
wenn man sich nicht wehren kann,
dann ist das kein Spaß mehr.
Da fühlt man sich in seiner Schwäche bloßgestellt
und vorgeführt.
Es ist erniedrigend.

Genau das haben seine Gegner mit dem "Gottesknecht" vor:
Sie wollen ihn erniedrigen.
Sie wollen ihn zum Opfer machen,
zu einem Opfer ihrer Überlegenheit,
ihres Rechthabens, ihrer Spottlust, ihrer Macht.

Wenn man's recht bedenkt,
wenn man ehrlich zu sich selbst ist,
steckt darin auch der Grund,
warum wir so gern andere hereinlegen:
Es gibt einem für den Moment ein Gefühl der Überlegenheit,
ein kurzes Gefühl des Triumphes über den anderen.

Das ist der Grund,
warum immer wieder Menschen zu Opfern werden.
Das ist auch der Grund,
warum es vor allem Menschen sind,
die selbst nichts Besonderes sind
- nicht besonders mächtig, nicht besonders klug,
nicht besonders einflussreich, nicht besonders stark -,
die andere zu Opfern machen.
Weil sie über das Opfer triumphieren,
sich stark und überlegen fühlen können,
auch - und gerade - dann, wenn sie es nicht sind.

Deshalb werden immer wieder und andauernd
Menschen zu Opfern gemacht,
damit Schwache einen Moment der Stärke genießen können,
damit Menschen, denen die Gesellschaft keinen Wert beimisst,
sich einen Augenblick mächtig und als Herren fühlen können,
damit Menschen, die Erniedrigung erleben,
sich einmal über andere erheben können.
Aber weil das Gefühl des Triumphes nur von kurzer Dauer ist,
müssen wieder und wieder Menschen erniedrigt,
gedemütigt, beschämt und zu Opfern gemacht werden.
Ein Teufelskreis, der die Verhältnisse stabilisiert.

III
Seine Gegner versuchen,
den "Gottesknecht" zum Opfer zu machen.
Warum gerade ihn?
Was hat er ihnen getan?

"Gott, der Herr, hat mir eine Zunge gegeben,
wie Schüler sie haben,
damit ich zur rechten Zeit ein Wort für die Erschöpften weiß."
Das klingt nicht so,
als würde der "Gottesknecht" jemanden provozieren.
Im Gegenteil: Er will helfen,
besonders denen die erschöpft sind,
die am Ende ihrer Kräfte, die ganz unten sind
- und das sind sicher nicht die feinen, einflussreichen Herren.

Er hilft denen, die am Ende ihrer Kräfte sind,
nicht von oben herab mit guten Ratschlägen,
sondern redet mit ihnen wie ein Schüler.
Wie ein Lehrling, den man eben nach einer "Kolbenrückholfeder" geschickt hat.
Er redet mit denen, die unten sind, von gleich zu gleich.
Er ist wahrscheinlich genauso ratlos,
genauso am Ende wie sie.
Aber genau das ist das Wort zur rechten Zeit:
das Wort, an dem man merkt:
Der will mich nicht belehren,
der will mich nicht bekehren,
sondern der fühlt mit mir, der kann mich verstehen.

Der Gottesknecht begibt sich auf das Niveau der Erschöpften.
Er ist sich nicht zu schade dazu,
sich zu ihnen herabzubeugen,
sie ebenso ernst und wichtig zu nehmen
wie eine Persönlichkeit von hohem Rang,
ihnen zuzuhören, wie ein Schüler dem Lehrer zuhört,
und geduldig auf das rechte Wort zur rechten Zeit zu warten.

Und wahrscheinlich ist es genau das,
was seine Gegner so wütend auf ihn macht.
Der Gottesknecht beachtet die natürliche Hackordnung nicht.
Er hält sich nicht an die gesellschaftlichen Spielregeln
sondern unterläuft sie im wahrsten Sinne des Wortes,
indem er sich denen zuwendet,
die ganz unten sind,
und sie mindestens ebenso wert schätzt und wichtig nimmt
wie die, die ganz oben sind.
Statt andere zu Opfern zu machen,
opfert er sich lieber selbst.

IV
Mit seinem Opfer entlarvt der Gottesknecht unser Tun.
Auch wir machen Menschen zu Opfern.
Wir machen Menschen zu Opfern,
um dadurch unseren eigenen Rang,
unsere gesellschaftliche Stellung zu stabilisieren.
Oder warum ist es so wichtig,
dass unsere Kinder das Gymnasium besuchen?
Warum hat die Hauptschule einen so schlechten Ruf?
Wir müssen uns, unsere Kinder von anderen abheben,
wir, sie müssen besser, klüger, erfolgreicher sein als andere.
Eine Gesellschaft, in der alle gleich viel wert sind,
gleich viel gelten, gleich viel Einfluss haben
- ohne Rücksicht auf ihre Bildung,
ihre gesellschaftliche Stellung,
ihre Herkunft, ihr Einkommen -
eine solche Gesellschaft können wir uns nicht vorstellen.
Und die wollen wir, wenn wir ehrlich sind, auch nicht haben.

Der "Gottesknecht" ist kein Kommunist.
Ihm geht es nicht um Gleichmacherei.
Ihm geht es um Gerechtigkeit.
Gerechtigkeit bedeutet, dass niemand
auf Kosten anderer einen Vorteil ausnutzt,
weil er weiß, was andere nicht wissen,
weil er Beziehungen hat zu denen, die entscheiden,
oder selbst Entscheidungen beeinflussen kann.
Aber so funktioniert unsere Gesellschaft:
Wer einen Vorteil hat, nutzt ihn aus
- er wäre ja schön blöd, wenn er's nicht täte,
und außerdem tun's die anderen ja auch.
So produzieren wir täglich auf's Neue
Ungleichheit und Ungerechtigkeit.
So werden täglich auf's Neue Menschen zu Opfern gemacht.

V
Der "Gottesknecht" beachtet die natürliche Hackordnung nicht.
Ihm geht es um das Recht,
deshalb fordert er seine Gegner auch zu einem Rechtsstreit auf.
Nicht um das Recht als abstrakte Größe,
sondern um Gerechtigkeit.
Gerechtigkeit ist das Anliegen Gottes.
Gott hat ihm das Ohr geöffnet:
er hat ihn empfindlich gemacht gegen Ungerechtigkeit,
jetzt kann er nicht mehr zurück zur alten Ordnung.

Die ersten Christen haben Jesus als den "Gottesknecht" gesehen,
von dem Jesaja erzählt.
Auch Jesus hat sich nicht an die Ordnung gehalten,
sondern sie unterlaufen und sich denen zugewendet,
die ganz unten waren, zu den Zöllnern und Prostituierten.
Seine Gleichnisse handelten von den verhassten Samaritanern,
und seine liebevolle, heilende Zuwendung galt denen,
die von der Gesellschaft ausgeschlossen waren,
den Leprakranken, den Behinderten, den Stigmatisierten.
Als König der Armen und der Bettler ist er in Jerusalem eingezogen,
um sich lieber selbst zu opfern,
als andere zu Opfern zu machen,
und damit seine Zeitgenossen und ihr Tun zu entlarven.

Jesus hat sich geopfert.
Hat sich nicht gewehrt gegen die Schläge,
gegen das Bespucktwerden und Gedemütigtwerden.
Hat aber auch nicht den Blick gesenkt oder abgewandt,
sondern den Tätern ins Gesicht gesehen
und sich nicht geschämt.

So beschämt Jesus uns heute.
Beschämt uns, weil wir ihn genauso wenig aushalten würden,
wie ihn seine Zeitgenossen damals aushalten konnten.
Wir würden ihn genauso zum Opfer machen,
weil wir es nicht schlimm finden
und ganz gut damit leben können,
dass Menschen unter uns zu Opfern gemacht werden.

Heute beginnt die Karwoche.
Wir erinnern uns an das Leid, das Jesus auf sich nahm.
Denken wir auch an das Leid, das wir verursachen,
das Leid, das unserer Gesellschaft verursacht,
indem sie Menschen zu Opfern macht,
von denen sie lebt,
die sie braucht, um zu bestehen.
Ertragen wir den Gedanken an dieses Leid, an diese Opfer,
wenigstens in der Karwoche.
Schämen wir uns.

Donnerstag, 22. März 2012

Der Weg ist das Ziel


Predigt am Sonntag Judika, 25.3.2012, über Numeri 21,4-9:

Die Israeliten zogen weiter, vom Berg Hor auf dem Weg zum Roten Meer, um das Gebiet Edoms zu umgehen. Aber das Volk wurde ungeduldig auf dem Weg. Daher sprachen die Leute zu Gott und zu Mose: "Warum habt ihr uns aus Ägypten hinaufgeführt? Damit wir in der Wüste sterben? Denn es gibt kein Brot und kein Wasser, und wir haben genug von diesem ärmlichen Essen."
Da sandte Gott Giftschlangen unter das Volk, die bissen die Leute, und es starben viele von Israel. Da kam das Volk zu Mose und sprach: "Wir haben uns verfehlt, denn wir haben gegen Gott und gegen dich geredet. Bitte Gott, dass er die Schlangen von uns wegschafft."
Mose bat für das Volk. Da sprach Gott zu Mose: "Mache dir eine Schlange und befestige sie auf einer Signalstange. Jeder, der gebissen wird und sie ansieht, wird leben."
Mose fertigte eine Schlange aus Metall an und befestigte sie auf der Signalstange. Und wenn eine Schlange jemanden biss und er sah die Schlange aus Metall an, blieb er am Leben.
(Eigene Übersetzung)


Liebe Gemeinde,

"Der Weg ist das Ziel!"
Mit diesem Slogan wird man aufgefordert,
auf den Weg zu achten und ihn wertzuschätzen,
selbst wenn er beschwerlich ist,
auch wenn er einen Umweg darstellt.
Denn es geht um den Weg selber
und um das, was auf diesem Weg
zu erfahren, zu erleben, zu lernen ist.

"Der Weg ist das Ziel!"
Wenn unterwegs diese Parole ausgegeben wird,
sollte man allerdings misstrauisch werden.
Vielleicht soll der Hinweis auf den Weg nur davon ablenken,
dass das Ziel der Reise ungewiss ist,
oder der Reiseleiter sich verlaufen hat.

Eine Weile lässt man sich das ja gefallen,
dieses auf-den-Weg-Achten:
Wenn die Verpflegung stimmt,
die Wanderung kurzweilig ist
und die Landschaft einigermaßen abwechslungsreich.
Weiß aber selbst der Reiseleiter nicht mehr weiter,
beginnen Landschaft und Reisegesellschaft zu langweilen,
wird gar die Verpflegung knapp oder ungenießbar,
verliert auch der geduldigste Teilnehmer die Lust am Wandern.

I
Das Volk Israel hat unser Mitgefühl.
Ein Land voller Überfluss war ihnen versprochen worden,
ein Land, darin Milch und Honig fließt.
Aber statt auf direktem Weg dorthin,
führen Gott und Mose sie
kreuz und quer durch die Wüste.
Allmählich werden Zweifel an der Leitungskompetenz des Mose laut;
man fragt sich, welchen Plan Gott verfolgt,
wenn er das Volk so umherirren lässt.

Dazu ist die Verpflegung eintönig,
es gibt irgendetwas Undefinierbares.
"Man hu?", fragten die Israeliten,
als sie es zum ersten Mal sahen, "Was ist das?" (2.Mose 16,15).
Manna, dieses süße Zeugs,
das nach Honigsemmel schmeckt (2.Mose 16,31),
wird seitdem jeden Tag aufgetischt, morgens und abends.
Kein Wunder, dass sich immer mehr Leute
nach den "Fleischtöpfen Ägyptens"
oder wenigstens einem anständigen Wurstbrot sehnen.

Man kann verstehen, dass die Israeliten langsam, aber sicher
ungeduldig und grantig werden
und ihren Unmut gegenüber der Reiseleitung äußern.
Man selber würde es nicht anders machen.
Nur versteht die Leitung leider überhaupt keinen Spaß,
sondern reagiert äußerst heftig:
Mit Giftschlangen bringt Gott die schimpfenden Israeliten
zum Schweigen - im wahrsten Sinne des Wortes.

Eine unerklärliche und völlig überzogene Reaktion des Reiseleiters.
Sicher, die Israeliten könnten dankbarer sein,
dass Gott sie vor der Sklaverei in Ägypten bewahrt
und durch Mose in die Freiheit geführt hat.
Aber Undankbarkeit derart zu bestrafen?
Was ist das überhaupt für eine Freiheit,
die nie aus dem Niemandsland herausführt,
die man nie wirklich zu schmecken bekommt?
Da sind doch offenbar Versprechungen,
unter denen die Reise angetreten wurde,
nicht eingehalten worden,
so dass man mit gutem Recht
sein Rücktrittsrecht geltend machen kann!

Für die Israeliten aber gibt es kein Zurück.
Das wissen sie selbst.
Die Fleischtöpfe Ägyptens sind, wenn überhaupt,
dann nur um den Preis erneuter Versklavung zu erreichen.
Und es reift die Einsicht,
man hätte vor Reiseantritt
besser das Kleingedruckte gelesen,
hätte genauer überlegt,
worauf man sich bei dieser Reise einlässt
und zu welchem Ziel man unterwegs ist.

II
Offenbar ist dies keine Wellness-Veranstaltung,
keine Rundum-Verwöhn-Kur mit Buffet und allem Komfort.
Es ist ein Weg durch die Einsamkeit und Leere der Wüste,
der die Israeliten mit sich selbst konfrontiert
und sie sich fragen lässt,
welches Ziel sie nach der Flucht aus Ägypten
eigentlich gewinnen wollen.
Es ist eine Wanderschaft,
bei der Gott ihnen ganz nahe ist
- so nah wie nie zuvor -,
und gleichzeitig völlig fremd.

Und dennoch ist Gott,
der ihnen die Giftschlangen auf den Hals hetzt,
der selbe, der sie gerettet hat
aus der Sklaverei in Ägypten
vor den Soldaten des Pharao,
vor Hunger und Durst in der Wüste.
Gott, der ihnen vorangeht
in der Wolkensäule am Tag
und in der Feuersäule bei Nacht (2.Mose 13,21-22).
Ein schrecklich lebendiger Gott,
der, offenbar tödlich beleidigt,
sich mit tödlichen Giftschlangen revanchiert.

Hier könnte man stehen bleiben,
den Staub von den Sandalen schütteln
und diesem unverständlichen, ungerechten Gott
samt seinem Diener Mose die Brocken vor die Füße werfen.
Könnte das Nachdenken über diese Geschichte aufgeben,
weil es einfach nicht zu begreifen und zu ertragen ist,
dass Gott, der doch so sehr auf der Seite seines Volkes ist,
der alles tut, um es zu retten und zu beschützen,
es im nächsten Augenblick dem Tod überlässt.

Man könnte diesen unbegreiflichen Gott ignorieren und ablehnen,
wenn - ja, wenn man nicht wüsste,
dass wir uns manchmal selbst unbegreiflich sind.
Auch bei uns liegen Liebe und Hass
manchmal erschreckend nah beieinander:
Über einen Menschen, den man sehr lieb hat,
kann man sich manchmal auch schrecklich ärgern;
so sehr, dass man ihm weh tut.
Eine Liebe, die einzigartig schien, riesengroß und unzerstörbar
kann, wenn sie zerbricht,
Menschen, Beziehungen völlig vergiften.

III
Die Israeliten geraten unter den Bissen der Giftschlangen
ins Nachdenken über Gott und ihre Welt
- etwas, das sie vielleicht schon früher hätten tun sollen.
Dabei wird ihnen klarer,
was sie verloren und was sie gewonnen haben.
Verloren haben sie die "Fleischtöpfe Ägyptens",
ein Leben, das zwar nicht ihr eigenes war,
in dem sie sich aber eingerichtet hatten
und das ihnen manche Annehmlichkeiten bot.
Verloren haben sie auch die Heimat,
in der sie zwar Fremde waren,
nur geduldet als Menschen zweiter Klasse,
wo sie aber immerhin ein Dach über dem Kopf hatten,
ein Zuhause.

Gewonnen haben sie die Freiheit,
aber nicht eine bessere Welt.
Sie sind im Niemandsland;
noch ist gar nicht absehbar,
was werden, wie sich ihre neu gewonnene Freiheit
gestalten wird.

Gewonnen haben sie die Freundschaft Gottes,
der sie von dem, woran ihr Leben bisher hing,
trennt und entfremdet
und der sehr eifersüchtig darüber wacht,
dass sie nicht in den alten Trott zurückfallen;
der schrecklich enttäuscht ist darüber,
wenn die Israeliten ihm nicht vertrauen.

Den Israeliten wird klar,
dass sie sich entscheiden müssen
für ihr altes Leben,
in das sie aber schon nicht mehr zurück können
und eigentlich auch nicht zurück wollen,
oder für das Vertrauen auf die Freundschaft Gottes,
der sie befreit hat und ihnen eine Zukunft verspricht
- allerdings um den Preis,
die Leere und Eintönigkeit der Wüste erst einmal auszuhalten,
den Weg in ein anderes Leben erst einmal auf sich zu nehmen.

IV
Die Israeliten geraten unter den Bissen der Giftschlangen
ins Nachdenken über Gott und ihre Welt.
Und es rettet sie der Blick auf die Schlange,
die Mose an einer langen Stange hochhält,
damit alle sie sehen können.

Was sehen sie da?

Die Schlange erinnert sie daran,
wie wenig greifbar Gott ist,
wie wenig greifbar sie selbst auch sind.
So, wie die Schlange sich windet,
schwanken sie
zwischen Heimweh nach dem Vertrauten und Bequemen
und der Sehnsucht nach Veränderung und Neuem
hin und her.

Die Schlange erinnert an Gottes
und an die eigene Unbegreiflichkeit.
Indem man sie ansieht
und das eigene Schwanken wahrnimmt,
wird man gerettet.
Indem man sich bewusst wird,
was man verliert und gewinnt,
kann man sich entscheiden für das,
was das Leben befördert.

Nicht umsonst wird diese Geschichte in der Passionszeit erzählt.

So, wie Mose die Schlange an einer Stange aufrichtet,
damit alle sie sehen können,
so ist das Kreuz nicht zu übersehen,
an dem Gottes Sohn stirbt.
Und ebenso wie die Schlange
ist auch das Kreuz ein Symbol
für Gottes Unbegreiflichkeit,
der seinen Sohn den Menschen überlässt,
und damit dem sicheren Tod,
und für unsere eigene Unbegreiflichkeit,
weil es um unseretwillen offenbar dieses Opfers bedurfte.

Wir machen immer wieder Menschen zu Opfern,
werden manchmal selbst zu Opfern gemacht.
Vor allem aber opfern wir Menschen
am Kreuz unseres Konsums und unseres Wohlstands.
Damit freie Bürger freie Fahrt haben,
nehmen wir die Verkehrstoten in Kauf.
Damit der Strom reichlich fließt
und wir uns nicht einschränken müssen,
bürden wir unseren Kindeskindern Abfälle auf,
die niemand entsorgen kann.
Damit unsere Wirtschaft wächst
und wir Arbeitsplätze haben,
müssen Menschen in anderen Ländern für Hungerlöhne arbeiten
müssen Erwachsene und Kinder in der Sahelzone verhungern,
die für einen Bruchteil des Geldes,
das wir zur "Rettung der Banken" ausgegeben haben,
gerettet werden könnten.

V
Der Blick auf das Kreuz kann uns retten.
Er kann im wahrsten Sinne des Wortes Leben retten.
Zuerst unser eigenes:
Indem wir uns bewusst werden,
dass Gott uns so sehr liebt,
dass er sich selbst kreuzigen lässt,
damit wir uns nicht opfern müssen.

Und dann das Leben anderer,
indem wir im Blick auf das Kreuz erkennen,
dass wir auf dem falschen Weg sind,
wenn wir zurück zu den Fleischtöpfen Ägyptens wollen.

Der Weg in die Freiheit für alle Menschen
führt durch die Öde und Einsamkeit der Wüste.
Er hält Verzicht und Entbehrungen bereit,
und es ist gar nicht klar,
ob wir jemals das Ziel erreichen,
das uns vor Augen steht:
Frieden und Gerechtigkeit für alle Menschen.
Aber in diesem Fall ist der Weg das Ziel.
Jeder Schritt, den wir auf ihm gehen,
kann die Welt retten
und unsere Rettung sein.
Amen.

Mittwoch, 21. März 2012

Leiden


Heute konnte unser Hund nicht mehr aufstehen. Sooft man ihn dazu animierte, jaulte er vor Schmerz auf, zog die Hinterläufe unter den Leib und machte den Rücken krumm. Alles Locken half nichts, der Schmerz war zu groß.
Es bricht einem das Herz, wenn man Leid mit ansehen muss, zumal beim eigenen Haustier. Wie viel schwerer ist es, wenn ein Mensch leiden muss! Man steht hilflos daneben und würde am liebsten weglaufen, weil es kaum auszuhalten ist, dass man nichts tun kann - und doch kann man gar nichts anderes und gar nichts besseres tun, als da zu bleiben und auszuhalten, was nicht zu ertragen ist.
In solchen Momenten schießt einem die Frage nach dem Warum durch den Kopf. Warum muss dieser Mensch, warum muss dieses Tier, warum müssen wir leiden?
Auf diese oft verzweifelt gestellte Frage gibt es keine Antwort. Es scheint, als verstumme Gott gerade in den Momenten, wo man am dringendsten auf eine Antwort wartet, oder wenigstens ein kleines Zeichen seiner Nähe. Selbst Jesus hat diese Erfahrung machen müssen. Am Kreuz schrie er nach Gott: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" (Matthäus 27,46)
Ja, wo war Gott, als sein Sohn qualvoll am Kreuz starb? Wo ist Gott, wenn Mensch und Kreatur leiden müssen?
Leid ist ein schrecklicher Begleiter des Lebens. Man kann es betäuben, manchmal lindern - los wird man es nicht, und es bleibt niemandem erspart. Man kann es nicht begreifen, man kann es nicht erklären, weil es keinen Sinn hat, wie auch der Tod keinen Sinn hat.
In der Passionszeit setzen wir uns dem Leiden Jesu aus, bis zu seinem schrecklichen Tod am Kreuz, um dem Leiden und dem Tod unseren Glauben, unsere Hoffnung und Liebe entgegen zu halten. In der Passionszeit üben wir den Ernstfall, sozusagen. Wir suchen, wo wir Trost finden können und eine Antwort auf die Frage, wo Gott ist im Leiden. Im Gottesdienst machen wir die Erfahrung: Wir sind nicht allein. Andere fragen wie wir, und gemeinsam geben wir uns Halt, wenn Gewissheiten und Überzeugungen nicht mehr tragen. Das Leiden zerbricht den Glauben in Stücke, aber wenn wir im Gottesdienst die Bruch­stücke unseres Glaubens zusammentragen, entsteht ein Fun­dament, auf dem man aufbauen kann. Dann finden wir den Mut, anderen beizustehen und ihnen tragen zu helfen, was nicht zu ertragen ist. Mit unserem Bruchstück des Glaubens, mit dem, was uns an Hoffnung geblieben ist, und mit unserer Liebe wagen wir es, dem Leid und dem Tod die Stirn zu bieten. Und der Leidende spürt: Ich bin nicht allein.
Jesus war am Kreuz nicht allein. Seine Mutter und sein bester Freund standen bei ihm. Sie standen ihm bei und glaubten für ihn, als er sich von Gott verlassen glaubte. So war Gott bei ihm, bis zuletzt. So ist Gott bei uns: In den Menschen, die uns beistehen und uns mit ihrem Glauben, ihrer Hoffnung, ihrer Liebe festhalten.

Donnerstag, 23. Februar 2012

Die Traurigkeit der Welt - 2.Korinther 7,10


Die Traurigkeit der Welt - Predigt zum Aschermittwoch, 22.2.2012, über 2.Korinther 7,10:

"Die Traurigkeit nach Gottes Willen wirkt zur Seligkeit eine Reue, die niemanden reut; die Traurigkeit der Welt aber wirkt den Tod."


Liebe Gemeinde,

der Dichter Jean Paul war ein Zeitgenosse Johann Wolfgang von Goethes, zu seinen Lebzeiten sogar bekannter und beliebter als der große Geheimrat.
Während Goethe für die Pedelle früherer Zeiten bis hin zu Thilo Sarrazin als *der* deutsche Dichter schlechthin gilt, den man kennen *muss*, ist Jean Paul fast vergessen.
Dabei hat er ein Wort erfunden, das eine große Karriere hinter sich hat, das als Germanismus in viele Fremdsprachen eingewandert ist und das auch Sie sicher kennen, auch wenn Sie noch keine Zeile von Jean Paul gelesen haben sollten.
Das Wort heißt *Weltschmerz*.

Weltschmerz - dieser Begriff beschreibt das Lebensgefühl der Romantik wie kein anderer.
Josef Freiherr von Eichendorff, Clemens Brentano und Heinrich Heine haben es zu dem Wort gemacht,
das heute diese Epoche kennzeichnet
und das eine Haltung zur Welt beschreibt, die auch wir kennen.
Als Jugendliche/r erlebt man "Weltschmerz".
In einem Alter, in dem man besonders empfänglich ist
für romantische Ideen und Gefühle.
Vielleicht denken wir auch an den jungen Werther,
den Sohn des Abtes Jerusalem aus Riddagshausen,
das Vorbild für die Romanfigur Goethes,
dessen Schicksal - auch mit seinem Selbstmord
aus unerwiderter Liebe - bis heute viele Menschen berührt.

Da hätten wir dann auch schon eine Erklärung für diesen eigenartigen Satz des Paulus:
"Die Traurigkeit der Welt wirkt den Tod".
Wer in seiner Traurigkeit, seiner Melancholie so versinkt wie der junge Werther,
für den erscheint der Tod manchmal als einzig möglicher Ausweg.
Insofern ist davor zu warnen, sich dem Weltschmerz hinzugeben, weil man in ihm versinken kann
und dann keinen Ausweg mehr findet.

Weltschmerz - wer ihn empfindet, leidet nicht unbedingt daran,
dass die Welt so ist, wie sie ist.
Aber man kann auch darunter leiden,
dass die Welt so ist, wie sie ist
- das wäre dann ein Weltschmerz im wörtlichen Sinn.
Wenn man die Zeitung aufschlägt,
wenn man die Tagesschau anschaltet,
tut es fast körperlich weh,
wenn man sieht, was Menschen einander antun.
Wie kaltblütig und rücksichtslos über Recht und Gesetz hinweggegangen wird.
Wie stur, gewalttätig und oft über Leichen
Ämter, Ideologien oder fanatische Überzeugungen
verteidigt und zementiert werden.
Wie das Leben, die Unversehrtheit der Person, die Freiheit,
die Würde von Menschen mit Füßen getreten wird.
Allein diese Ungerechtigkeiten mitzuerleben tut weh,
und in der Summe all dieser Ungerechtigkeiten
könnte man zu recht von einem "Weltschmerz" sprechen.

Aber ursprünglich gemeint ist mit diesem Wort etwas anderes,
nämlich: Das Leiden an der Vergänglichkeit der Welt.
Das Leiden daran,
dass man den glücklichen Moment nicht festhalten kann.
Und dass man auch die Menschen, die man liebt,
nicht festhalten kann.
Alles vergeht, alles wird zu Asche, die der Wind verweht.
Schließlich auch wir selbst:
Auch wir können nicht bleiben.
Auch unsere Spuren verweht einst der Wind,
wäscht der Regen weg,
deckt der Staub der Jahre zu.

Auf der einen Seite gibt es das Leiden an der Ungerechtigkeit der Welt,
und auf der anderer Seite das Leiden an ihrer Vergänglichkeit,
an der Endlichkeit allen Lebens.
Manchmal kommt beides zusammen
in Situationen, wo man persönlich von Ungerechtigkeit betroffen ist:
Bei einer Krankheit,
die einem einen Strich durchs Leben macht
oder sogar das Leben bedroht.
Bei willkürlichen Entscheidungen von Vorgesetzten,
die den Verlust des Arbeitsplatzes bedeuten
oder die die berufliche Weitentwicklung, den Aufstieg verhindern.
Bei der Überforderung,
die der Zwang zur Leistungssteigerung
und zur persönlichen Weiterentwicklung
unter immer schlechteren Arbeitsbedingungen und Zukunftsaussichten für viele bedeutet.
Das nennt man dann nicht mehr "Weltschmerz",
sondern "Burnout".

Wenn solche Erfahrungen auch nicht zwangsläufig zum Tod führen müssen,
so stürzen sie die Menschen, die sie machen müssen,
doch in einen tiefen Abgrund, in schweres Leid,
aus dem manchmal nur noch der Tod einen Ausweg zu bieten scheint.
Insofern hat Paulus wohl recht mit seiner Feststellung:
"Die Traurigkeit der Welt wirkt den Tod."

Wenn das so ist - gibt es eine Alternative?
Gibt es etwas, das vor dem Abrund des Weltschmerzes retten kann,
oder ein Hilfsmittel, mit dem man wieder heraus kommt?
"Die Traurigkeit nach Gottes Willen wirkt zur Seligkeit eine Reue, die niemanden reut", schreibt Paulus.
Man stößt sich an dem Wort "Seligkeit".
Auch so ein romantischer Begriff wie der "Weltschmerz".
Aber im Griechischen steht ein anderes Wort da: *Sotería*.
Rettung.
Und das ist das, was wir suchen.
"Die Traurigkeit nach Gottes Willen wirkt zur Rettung eine Reue,
die niemanden reut."

Die Traurigkeit nach Gottes Willen wirft mich zunächst auf mich selbst zurück, wie es auch der Weltschmerz tut.
Aber sie fragt nicht: Woran leidest du? Was fehlt dir?
Sie fragt: Was hast du getan, was tust du, und was wirst du tun - für dich und für andere?
Man könnte meinen,
diese Frage sei noch viel schrecklicher als der Weltschmerz,
sie stürze einen noch tiefer in Elend und Unglück.
Man tut ja nie genug - und oft genug tut man das Falsche.
Man tut Menschen Unrecht, man tut Menschen weh,
und selten tut man jemandem gut.
Ist das wirklich so?

Wenn Gott uns den Spiegel vorhält, dann nicht als strenger Richter,
vor dem wir als Angeklagte stehen, die sich rechtfertigen müssen.
Gott steht an unserer Seite wie eine liebevolle Mutter,
wie ein treuer Freund,
und hilft uns dabei, in den Spiegel unserer Seele zu schauen.
Zu ertragen, dass wir uns darin sehen, so, wie wir sind:
als Menschen, die Fehler gemacht haben.
Als Menschen, denen manches nicht gelungen ist.
Als Menschen, die nicht so erfolgreich, so klug, so stark sind,
wie sich selbst und andere glauben machen wollen.

Gott hilft uns dabei, in den Spiegel unserer Seele zu schauen
und uns zu sehen, wie wir wirklich sind:
Menschen, die schön sind, so, wie sie sind.
Menschen, die liebenswert sind und gut.
Menschen, die viel Gutes getan haben.
Menschen, die manchmal auch zu viel tun
für ihren Beruf und für andere,
und oft zu wenig für sich selbst.
Aber das zu sehen fällt oft schwerer als die Fehler,
die man überdeutlich erkennt und für unübersehbar hält,
während andere fragen: Was meinst du? Welche Fehler?

"Die Traurigkeit nach Gottes Willen wirkt zur Rettung eine Reue,
die niemanden reut."
Wer nicht total in sich selbst verliebt ist,
wird traurig, wenn er in den Spiegel seiner Seele sieht.
Traurig über die Fehler, die man darin sieht,
und traurig, dass man das Gute übersehen hat.
Die Reue, von der Paulus spricht, bedeutet,
beides zu sehen, die Fehler und das Gute,
und beides nüchtern zu sehen
ohne Vorurteile sich selbst gegenüber,
und ohne Vorverurteilung.

Was wir getan haben, was wir tun und was wir tun werden,
entscheidet nicht darüber, wer wir sind.
Sondern was Gott getan hat, tut und tun wird.
Gott hat uns vergeben.
Gott liebt uns.
Und Gott gibt uns den Glauben, die Liebe und die Hoffnung,
mit denen wir den morgigen Tag bestehen,
mit denen wir in den Spiegel unserer Seele zu blicken wagen,
um uns selbst darin zu sehen als die und als der, die wir sind:
Gottes über alles geliebte Töchter und Söhne.
Das ist unsere Rettung.
Amen.

Samstag, 18. Februar 2012

Schuldgeständnis - Predigt über Amos 5,21-24


Predigt am Sonntag Estomihi, 19.2.2012, über Amos 5,21-24:

Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie
und mag eure Versammlungen nicht riechen.
Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speisopfer opfert,
so habe ich kein Gefallen daran
und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen.
Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder,
denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören!
Es ströme aber das Recht wie Wasser
und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.


Liebe Gemeinde,

ganz schön starker Tobak, diese Worte des Propheten Amos!
Arrogant wettert er von seiner Kanzel gegen das,
was Menschen zu Gottes Ehre veranstalten
im guten Glauben, dass sie Gott damit einen Dienst erweisen.
Amos schmäht im Namen Gottes
das Begehen von Feiertagen
und das Zusammenkommen zum Gottesdienst,
macht die Opfer schlecht, die man Gott so bringt,
und verunglimpft das Singen im Gottesdienst als "Geplärr".

Nun ist das alles lange her.
Amos hat im 8. Jahrhundert vor Christus gelebt und gepredigt,
in der Eisenzeit, als bei uns im Land die Kelten hausten.
Das ist wirklich schon eine Ewigkeit her.
Wir hören diesen uralten Text heute,
aber er kommt uns - sieht man mal vom Opfern ab -
gar nicht so alt und weit weg vor.
Das liegt nicht daran,
dass wir etwa gerade nicht schön gesungen hätten.
Sondern daran, dass das, worum es Amos geht,
ziemlich aktuell ist.
Man könnte es geradezu als Kommentar zu den jüngsten politischen Ereignissen hören und verstehen.
Aber es ist mehr als das.
Amos beschreibt ein Grundmuster menschlichen Verhaltens,
das sich seit der Eisenzeit nicht verändert hat,
aller Entwicklung, allem Fortschritt zum Trotz.
Es geht um unseren Umgang mit Recht und Gerechtigkeit,
bzw. um den Umgang mit ihrem Gegenteil,
mit Unrecht und Ungerechtigkeit.
Vor allem mit Unrecht, das wir begingen.

I
In der Kirche wurde dieses Thema über Jahrhunderte unter den Begriffen "Schuld" und "Sünde" behandelt.
Diese beiden Begriffe, besonders die "Sünde",
sind heute aus der Mode gekommen.
Man muss das nicht bedauern.
Man muss nicht den Zeiten nachtrauern,
als es zum Christsein gehörte, sich schuldig zu fühlen
und sich ständig vor Augen zu halten:
Ich bin eine Sünderin, ich bin ein Sünder.

Gut, dass die Zeiten vorbei sind,
als Christen am leicht gebeugten Gang zu erkennen waren;
als sie es kaum wagten, das Kreuz durchzudrücken
und anderen geradewegs ins Gesicht zu sehen,
weil sie sich so abgrundtief schlecht, verderbt und schuldig fühlten.

Es ist auch kein Malheur,
dass die Beichte kaum noch stattfindet,
bei der vor allem Jugendliche sich krampfhaft überlegen mussten,
was sie eingestehen konnten.
Sie waren sich keiner Schuld bewusst,
aber das durfte ja nicht sein.

Doch wie das so ist, wenn Dinge aus der Mode kommen:
Es hat immer zwei Seiten.
Der Verlust des dauerhaft schlechten Gewissens
und die Gewinnung des aufrechten Ganges
waren und sind eine Befreiung.

Es ist aber zugleich aus der Mode gekommen,
zu tatsächlicher Schuld zu stehen,
Verantwortung für einen Fehler zu übernehmen,
den man gemacht hat,
und die Konsequenzen zu tragen.
Obwohl es Schuld und Sünde nicht mehr gibt,
möchte kaum jemand an etwas schuld sein.
Ob da ein Zusammenhang besteht?

II
"Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen",
hat der Philosoph Ludwig Wittgenstein gesagt
(Trctatus Logico-Philosophicus, 7. Abschnitt).
Und wovon man nicht sprechen will, so müsste man ergänzen,
das muss man verschweigen.

Schuld ist etwas, das man gerne verschweigt.

Das klingt wie eine Binsenweisheit:
Schuld ist etwas, das man gerne verschweigt.
Ja, klar! Wer wird denn schon so blöd sein und eingestehen,
dass er, dass sie an etwas schuld ist!

Aber sollte uns das nicht stutzig machen?
Schließlich ist Schuld eine Tatsache.
Und trotzdem versuchen wir,
die Tatsache unserer Schuld zu verschweigen, zu leugnen
oder wenigstens zu relativieren, abzuschwächen.

Ein Beispiel:
Ich habe eine Tasse heruntergeworfen, sie ist zerbrochen.
Ich bin schuld, dass diese Tasse kaputt ist.
Daran gibt es nichts zu deuteln.
Und trotzdem werde ich versuchen,
sie zu verschweigen und, wenn das nicht geht,
mich herauszureden, meine Schuld zu leugnen:

Es ist aus Versehen passiert, war ja keine Absicht
(das wäre ja auch noch schöner!).

Oder: Die Tasse hatte sowieso schon einen Sprung.
Wenn sie den nicht gehabt hätte,
wäre sie vielleicht heil geblieben, und es wäre gar nichts passiert.

Oder, noch besser: Du hast mich erschreckt.
Ich bin vor Schreck zusammengezuckt,
und dadurch ist die Tasse heruntergefallen.
Hättest du mich nicht erschreckt, wäre sie jetzt noch heil.
Eigentlich bist du schuld, dass die Tasse kaputt ist.

Wir machen uns unglaublich viel Mühe damit,
davon abzulenken, dass wir an etwas schuld sind.
Warum eigentlich?
Warum ist es so schwer, Schuld einzugestehen,
dass wir lieber alle Hebel in Bewegung setzen,
um unsere Schuld zu vertuschen,
als diesen einen Satz zu sagen: Ich war's?
Was könnte denn Schlimmes passieren,
wenn man Schuld gesteht?

III
Ich glaube, es ist die Angst vor den Konsequenzen.
Wer Schuld eingesteht, der begibt sich in eine Position,
in der er von einem anderen abhängig wird:
abhängig von dem, an dem er schuldig geworden ist.
Wenn ich dir eingestehe, dass ich die Tasse zerbrochen habe,
muss ich sie dir ersetzen.
Und wenn es deine Lieblingstasse war,
muss ich aushalten, dass du enttäuscht bist. Traurig.
Oder vielleicht sogar böse auf mich.
Vielleicht darf ich nie wieder eine Tasse von dir benutzen.
Oder vielleicht kündigst du mir sogar die Freundschaft auf!
(Naja, wohl nicht wegen einer zerbrochenen Tasse).
Solche Gedanken gehen einem im Kopf herum,
wenn man einem anderen gegenüber schuldig geworden ist.
Für "Tasse" kann man ein beliebiges Anderes einsetzen:
Ein Fenster. Ein Auto.
Aber auch: Das Vertrauen. Die Beziehung.

Es ist die Angst vor den Konsequenzen,
wegen derer wir alles versuchen,
unsere Schuld zu vertuschen oder wegzudiskutieren.
Wir wollen sie nicht auf uns nehmen,
die Konsequenzen, die wir tragen müssten,
wenn wir unsere Schuld eingestehen.
Denn dann gibt es kein Zurück mehr.
Dann sind wir dem anderen ausgeliefert.
Und der hält sich womöglich schadlos an uns,
fordert von uns eine Wiedergutmachung,
die wir uns gar nicht leisten können.

Aber noch mehr passiert, wenn wir Schuld eingestehen:
Wir verlieren unsere weiße Weste.
Wir verlieren an Ansehen, an Macht.
Vielleicht verlieren wir sogar unseren guten Ruf.
Die Konsequenzen aus dem Eingeständnis einer Schuld
könnten so groß sein,
dass wir sie nicht in Kauf nehmen wollen;
so groß, dass wir sie nicht tragen können.

Sie sehen: Es gibt gute Gründe,
Schuld zu leugnen oder zu relativieren,
und man ist gut beraten, auf keinen Fall zuzugeben,
dass man an etwas schuld ist.

IV
Wenn ich es gut mit Ihnen meinte,
müsste ich Ihnen eigentlich raten,
niemals irgendeine Schuld einzugestehen,
es sei denn, es gibt keine Möglichkeit, sie zu leugnen.
Aber auch dann, so müsste ich Ihnen dringend nahelegen,
sollten Sie alles tun, um diese Schuld zu relativeren,
abzuschwächen, auf andere abzuwälzen.

Aber ich kann Ihnen das nicht raten.
Und zwar nicht deshalb, weil es moralisch verwerflich wäre.
Das ist es zwar. Aber darum geht es Amos nicht.
Darum geht es dem Glauben nicht.
Es geht im Glauben nicht um moralisch richtiges Verhalten.
Sondern es geht um Recht und Gerechtigkeit.
Es ist schlicht und einfach ungerecht,
nicht zuzugeben, wenn man an etwas schuld ist.
Es ist ungerecht, weil es nicht die Wahrheit ist.
Und es fügt dem anderen zum Schaden
auch noch eine Verletzung zu:
die, ungerecht behandelt zu werden.
Diese Verletzung ist viel schlimmer
und wiegt viel schwerer als das,
was durch meine Schuld kaputt gegangen ist.

Ungerechtigkeit wirkt wie ein Gift.
Sie zerstört Gemeinschaft, sie zerstört eine Gesellschaft.
Und das Schlimme ist: Man gewöhnt sich ganz leicht daran.
So leicht wie an das Nikotin oder den Alkohol,
die ja auch Gifte sind.
Wer einmal gemerkt hat, wie einfach es ist,
Schuld abzuwälzen auf andere oder auf "die Umstände",
der tut das immer wieder, und jedes Mal wird es leichter.
Und schließlich wird es normal, Schuld nicht zuzugeben.
Versicherungsbetrug? Ein Kavaliersdelikt!
Steuerhinterziehung? Macht doch jeder!
Vorteilsnahme? Wer wird denn so kleinlich sein!

V
Ich kann Ihnen nicht raten, Schuld einzugestehen.
Denn ich weiß nicht, ob Sie die Konsequenzen tragen können,
und ob Sie sie tragen wollen.
Es gehört Mut dazu. Und Vertrauen.
Vielleicht kann nur der Schuld gestehen,
dem selbst einmal Schuld vergeben wurde.
Aber das ist ein Teufelskreis!, werden Sie sagen:
Wenn nur jemand Schuld gesteht, dem sie vergeben wurde,
dann gibt es niemanden, der Schuld gestehen kann,
weil man ja einmal den Anfang machen muss,
ohne dass man vorher Vergebung erfahren hat.

Gott sei Dank ist es kein Teufelskreis.
Denn Gott macht uns das Geschenk der Vergebung.
Gott vergibt uns, was wir bereuen.
Er macht es nicht ungeschehen.
Aber er macht uns deswegen nicht zunichte.
Es gibt keine Schuld,
mit der wir Gott nicht unter die Augen treten könnten.
Selbst wenn Menschen uns nicht vergeben können oder wollen,
Gott vergibt uns.
Ohne Bedingungen.
Ohne Strafe. Ohne Sühneleistungen.

Weil Gott uns vergeben hat,
darum kann man es wagen,
auch den Mitmenschen gegenüber Schuld einzugestehen
und die Konsequenzen zu tragen.
Dadurch wächst Vertrauen:
Dein Vertrauen, dass ich die Wahrheit sage,
und dass ich mich in deine Hände begebe.
Und mein Vertrauen, dass du mich nicht vernichtest,
wenn ich dir meine Schuld gestehe,
und meine Abhängigkeit nicht ausnutzt.

Ich kann Ihnen nicht raten, Schuld einzugestehen.
Aber ich möchte Ihnen Mut machen dazu.
Ich möchte Ihnen Mut machen,
das Geschenk der Vergebung anzunehmen,
das man erhält, wenn man die Wahrheit sagt
und seine Schuld bekennt.
Und ich möchte Sie dazu ermutigen,
anderen dieses Geschenk der Vergebung zu machen.

Wenn wir das wagen,
dann wird das Recht strömen wie Wasser
und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.
Amen.

Samstag, 4. Februar 2012

Über Angeber - Predigt zum Sonntag Septuagesimae, 5.2.2012

Predigt am Sonntag Septuagesimae, 05.02.2012 über Jeremia 9,22+23:

So spricht Gott:
Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit,
ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke,
und ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums.
Sondern wer sich rühmen will, rühme sich,
dass er Einsicht hat und mich kennt,
denn ich bin Gott,
der Gnade („Solidarität“), Recht und Gerechtigkeit tut auf Erden, denn daran habe ich Wohlgefallen, spricht Gott.


Liebe Gemeinde,

in der Schule ist vieles verpönt – petzen z.B., oder sich beim Lehrer anbiedern; man lernt sehr schnell, was man als Schüler „darf“ und was nicht, und passt sich entsprechend an. Man möchte nicht herausstechen aus der schützenden Gruppe, vor allem möchte man nicht stigmatisiert, als Außenseiter gezeichnet werden. Das schlimmste, was einem passieren kann, ist, als „Streber“ oder „Streberin“ zu gelten. Denn der Streber steht auf der untersten Sprosse der Hühnerleiter, er gilt sozusagen als vogelfrei. Und wie leicht kann man in diese Rolle geraten – wenn man zu oft gute Noten schreibt oder in zu vielen Fächern gut ist – außer natürlich in Sport; wenn man sich zu lebhaft für den Stoff interessiert; wenn man den Lehrer mag (es sei denn, er oder sie ist Liebling der ganzen Klasse) oder ihn gar persönlich kennt.
Die wirklichen Angeber in der Klasse haben dagegen nichts zu fürchten – im Gegenteil: Sie sind oft recht beliebt, weil sie für Stimmung sorgen, immer für einen Spaß auf Kosten anderer zu haben sind - oder weil man schlicht befürchtet, an ihrem Getue könnte doch etwas dran sein. Aber trotzdem bleiben sie natürlich Angeber, und deshalb sieht man auf sie herab und sagt das auch – wenn sie nicht in der Nähe sind.
Unsere Erfahrungen mit dem Rühmen machen wir sehr früh, schon in der Schule. Und da haben Angeber schlechte Karten – vor allem, wenn sie sich nicht mit Worten, sondern durch ihre Leistungen hervortun. Und so geht es unter uns zu wie bei den Krabben, die man getrost in einen Korb legen kann, ohne dass auch nur eine entwischt: sobald eine nach oben krabbeln und sich über ihre Artgenossen erheben will, wird sie von den anderen sofort wieder herunter gezogen.
Auch in der Kirche ist das Rühmen verpönt, und deshalb auch das Loben. Die christliche Demut fordert, dass man sich nicht über andere erhebt, sondern sich in die Gemeinschaft einordnet. Wer etwas leistet, wer etwas kann, darf nicht stolz darauf sein – er soll seine Leistung herunterspielen, sein Können möglichst unscheinbar machen, es heimlich anwenden, damit er keinen Neid weckt, niemandem „ein Ärgernis gibt“.

I
In diese Richtung scheint auch Jeremia zu zielen:
„Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit,
ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke,
und ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums.“

Wer etwas weiß, wer etwas kann, wer etwas hat, darf nicht stolz darauf sein. - Ja, aber was soll er oder sie denn dann damit anfangen? Was macht die Weise mit ihrer Weisheit – soll sie alles wieder vergessen? Was macht der Starke mit seiner Stärke – soll er schwach werden? Und der Reiche – soll er seinen Reichtum verschenken?
Eine Antwort darauf fällt mir sofort ein – vielleicht, weil auch sie schon aus Schulzeiten stammt. Es ist die Antwort der schweigenden Mehrheit, der Gruppe; eine Antwort, die niemals ausgesprochen wird, aber immer als heimliche, stets fühlbare Forderung im Raum steht: Wer etwas weiß, kann oder hat, muss davon den anderen abgeben, muss es teilen.
Der „Streber“ rettet seinen Hals, wenn er den Nachbarn oder die Nachbarin abschreiben lässt. Wer das Glück hat, Süßigkeiten geschenkt bekommen zu haben, gibt gefälligst seinen Mitschülern davon ab. Nur die Starken sind von diesem Zwang zum Teilen ausgenommen – einmal, weil sie zu kräftig sind, um sich mit ihnen anzulegen. Dann, weil man im Sportunterricht nicht abschreiben oder sonst einander helfen kann – da muss jeder selber sehen, wie er eine gute Note bekommt.
Auch diese stillschweigende Forderung der Gruppe verinnerlicht man schon zu Schulzeiten, und man vergisst sie sein Lebtag nicht: Wer sein Wissen, sein Können, seinen Besitz mit anderen teilt, der ist gut und gehört dazu; wer alles für sich behält, der ist schlecht und wird verworfen.
Das bekommen – paradoxerweise – gerade die Schwächeren und Schwachen zu spüren. Denn an die wirklich Starken traut sich niemand heran, die wirklich Reichen wagt niemand mit dem Anspruch zu konfrontieren, sie müssten etwas abgeben, und den Weisen ist es sowieso gleichgültig, was andere über sie denken.
Also könnte man Jeremias Worte als – freilich hilflosen – Versuch verstehen, den wirklich Starken ins Gewissen zu reden, sie zum Einlenken zu bewegen, zum Einordnen in die Gemeinschaft der Gruppe? Vielleicht müssen wir zu verstehen versuchen, was mit „Rühmen“ überhaupt gemeint ist, um Jeremias Worte richtig zu hören.

II
„Rühmen“ hat für die Bibel nichts mit „Angeben“ zu tun, also nichts mit dem bloßen Vortäuschen von Wissen, Macht oder Reichtum. Wer aber tatsächlich etwas kann, etwas besitzt oder etwas weiß, der kann nicht so tun, als hätte er es nicht - auch das wäre ja eine Täuschung. Und das soll er auch nicht: „Es kann die Stadt, die auf einem Berg liegt, nicht verborgen bleiben“, sagt Jesus (Mt 5,14), und „man stellt ein Licht nicht unter einen Eimer, sondern auf einen Leuchter, damit es allen leuchtet, die im Haus sind“ (Mt 5,15). Wer etwas hat, darf es zeigen – soll es sogar zeigen, wenn es die Hausgenossen erfreut, wenn es „leuchtet“.
Für das „Rühmen“ gilt also gerade nicht das Sprichwort: „Große Klappe, nichts dahinter“ – denn der, der sich rühmt, hat ja etwas vorzuweisen: Weisheit. Macht. Reichtum. Und zwar in solchem Maß, dass er es öffentlich zeigen und sich darauf verlassen kann, dass er sich damit nicht blamiert: Wer sich seiner Weisheit rühmt, muss wirklich mehr wissen als die anderen – wie lächerlich würde er sich sonst machen, könnte man ihn der Unwissenheit überführen! Der Mächtige muss sich seiner Macht und Stärke sicher sein, bevor er andere damit herausfordert – sonst ist es mit seiner Macht bald vorbei. Und auch der Reiche muss wirklich viel besitzen, damit ihn nicht gleich ein Reicherer
aussticht und man ihn als Angeber verspottet.
Wer sich rühmt, der hat oder kann also wirklich etwas, - und nicht nur etwas, sondern mehr als genug: so viel, dass er sich darauf verlassen kann. Dass sein Wissen, seine Kraft oder sein Besitz zum Fundament seines Handelns wird, ohne dass er noch viele Rücksichten nehmen muss. Wer wünschte sich nicht manchmal im Geheimen, so mächtig zu sein, dass ihm keiner frech die Stirn bieten kann, dass er das, was ihn am meisten ärgert, ändern, es dem schlimmsten Widersacher „zeigen“ kann!
Genau davor aber warnt Jeremia: Sich zu verlassen auf Weisheit, Macht oder Reichtum. Sich so unabhängig zu fühlen, dass man auf niemanden und nichts mehr Rücksicht nehmen muss. Statt dessen rät – ja, bittet, bettelt, droht und mahnt Jeremia, nicht nur hier, sondern in seinem ganzen Prophetenbuch -, genau das Gegenteil zu tun: sich auf Gott zu verlassen, sich Gottes zu rühmen und also alles von ihm zu erwarten.
Aber es wird ihm schwer fallen, Gehör zu finden. Weisheit, Macht und Reichtum, wenn man sie in ausreichender Menge besitzt, sprechen für sich. Die Erfahrung lehrt, dass man sich darauf verlassen kann – bis heute. Gott aber ist nicht zu beweisen, und seine Macht kann man nicht so einfach demonstrieren wie Weisheit, Stärke oder Reichtum.
Doch die Weisheit, die keines Rates, keiner Korrektur mehr zu bedürfen glaubt, wird unbarmherzig. Die Macht, wenn sie zu groß wird, beugt das Recht, weil sie sich alles erlauben zu können meint. Und der Reichtum verletzt die Gerechtigkeit, denn Geld und Besitz kann man nicht beliebig vermehren - was einer hat, haben ihm viele andere gegeben – oder es wurde ihnen genommen.

III
Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit – das sind die Dinge, die Gott liebt. Aber Gott setzt sie nicht durch – jedenfalls nicht mit Feuer und Schwert, nicht mit Druck von oben. Wenn Gott Gnade, Recht und Gerechtigkeit übt, dann im Stillen, vermittelt durch Menschen, ohne Anwendung von Gewalt oder Macht. Und damit hat es die Mahnung Jeremias schwer, sich gegen den so offensichtlichen Erfolg von Weisheit, Macht und Reichtum als Grundlage menschlichen Handelns zu behaupten.
Aber eines können weder tiefste Weisheit, noch größte Macht besiegen, und alles Geld der Welt kann sie nicht kaufen: Die Zeit. Dass unser Leben der Vergänglichkeit unterworfen ist, dass wir sterben müssen – das trifft alle, einfache Leute und Herrschaften, Starke und Schwache, gleich.
Und auch Liebe und Glück sind durch unsere Fähigkeiten weder zähmbar, noch können wir sie bewegen, bei uns zu bleiben. Deshalb hat Jeremias Botschaft vielleicht doch eine Chance, wird sein Werben
„wer sich rühmen will, rühme sich, dass er Einsicht hat und mich kennt, denn ich bin Gott“
vielleicht doch gehört.
Einsicht, Erkenntnis Gottes, bedeutet zunächst, einzusehen, dass uns Wissen, Macht und Besitz nichts nützen, dass sie die Last eines Lebens nicht tragen können, sondern daran zerbrechen wie wurmstichige Balken. - Aber woran soll man sich denn halten, wenn man jede Stütze, jedes Seil aus der Hand gibt?
Was beim Wandern in den Bergen purer Leichtsinn wäre, das ist im Leben der einzige Weg, wirklich frei zu sein: Sich ganz auf Gott zu verlassen und alles von ihm zu erwarten.
Damit ist nun nicht gemeint, sich vor den leeren Tisch zu setzen und auf ein Wunder zu hoffen, oder wie im Märchen vom Sterntaler mit dem geschürzten Hemd auf die milde Gabe von oben zu warten. Es geht um eine Haltung, um eine Einstellung zum Leben – darum, ob man sich selbst als seines Glückes Schmied ansieht, ob man auf materielle Dinge vertraut. Oder ob man es schafft, all diese Sicherheiten los- und sich beschenken zu lassen.
Erst wenn ich meine Weisheit, meine Macht, meinen Besitz als Geschenk ansehe – und nicht als etwas, auf das ich Anspruch hätte – erst dann finde ich den rechten Umgang damit. Dann werde ich die Weisheit nicht gepachtet haben, sondern auch mit dem Irrtum rechnen, werde mir raten, mich korrigieren lassen – und so fähig sein zur Barmherzigkeit. Wenn mir klar ist, dass mir meine Macht nur von Gott geliehen ist, werde ich sie verantwortungsvoll einsetzen – und nicht, um mir damit einen Vorteil zu verschaffen. Wenn mir bewusst ist, dass ich reich bin, weil viele andere arm sind, dann werde ich verantwortungsvoller mit meinem Geld umgehen.

IV
Wer sein Leben aus Gottes Hand nimmt, ist nicht vor allem Übel gefeit, wird nicht ohne Leid, ohne Schmerzen durchs Leben gehen – vielleicht wird es ihm sogar schlechter gehen als manchem, der lieber seiner Kraft, seinem Geld oder seinem Wissen vertraut als einem Gott, den man nicht sehen und nicht anfassen kann.
Wer sich aber von Gott gehalten und getragen weiß, der ist wirklich frei. Und der darf sich auch mit gutem Gewissen an dem freuen, was Gott ihm an Gaben gegeben hat. Der darf erhobenen Hauptes durchs Leben gehen, seine Erfolge feiern und auf sein Tun stolz sein. Denn das Entscheidende, das allein für unser Leben Wichtige hat Gott schon längst getan. Gott hat zu jedem Menschen und seinem Leben sein Ja gesagt, wie er es auch zu uns allen gesagt hat. Und mit diesem Ja hat Gott uns alles geschenkt, was man sich wünschen kann: Das Leben, Gnade, Recht und Gerechtigkeit.
Von diesen reichlichen Geschenken, aus dieser überschwäng- lichen Liebe Gottes leben wir. Wir haben einen Schatz, den wir unser Leben lang nicht aufbrauchen können. Die Gaben, die Gott uns verliehen hat, sollen uns erfreuen, wenn wir sie anwenden, damit es hell wird unter uns. Und das Wissen und die Erkenntnis schließlich, dass wir das alles von Gott haben, soll uns barmherzig machen – barmherzig gegenüber allen Neidern, allen Strebern und Aufschneidern. Barmherzig gegenüber allen Menschen, die Trost, Liebe und Beistand brauchen.
Denn einer sieht unser Tun, und er ist stolz darauf – so stolz, wie es nur ein Vater oder eine Mutter sein können. Gott sieht unsere kleinste Tat, unsere geringste Leistung, und er macht sie ganz groß, so dass wir uns seiner rühmen können jeden Tag.

Amen.

Samstag, 21. Januar 2012

Predigt zur Gebetswoche für die Einheit der Christen

Predigt am 3. Sonntag nach Epiphanias, 22. Januar 2012, über 2.Könige 5,9-15:

Naaman, der Feldhauptmann des Königs von Aram, dem heutigen Syrien, war ein mächtiger Mann, litt aber an einer Hautkrankheit. Auf Anraten einer Dienerin, die aus Israel verschleppt worden war, besucht er den Propheten Elisa, damit der ihn von seiner Krankheit heilt.
Davon erzählt der Predittext im 2. Buch der Könige im 5. Kapitel:

"So kam Naaman mit Rossen und Wagen und hielt vor der Tür am Hause Elisas. Da sandte Elisa einen Boten zu ihm und ließ ihm sagen:
Geh hin und wasche dich siebenmal im Jordan, so wird dir dein Fleisch wieder heil, und du wirst rein werden!
Da wurde Naaman zornig und zog weg und sprach:
Ich meinte, er sollte selbst zu mir herauskommen und hertreten und den Namen des Herrn, seines Gottes, anrufen und seine Hand hin zum Heiligtum erheben und mich so von dem Aussatz befreien.
Sind nicht die Flüsse von Damaskus, Abana und Parpar, besser als alle Wasser in Israel, so dass ich mich in ihnen waschen und rein werden könnte?
Und er wandte sich um und zog weg im Zorn. Da machten sich seine Diener an ihn heran, redeten mit ihm und sprachen:
Lieber Vater, wenn dir der Prophet etwas Großes geboten hätte, hättest du es nicht getan? Wieviel mehr, wenn er zu dir sagt: Wasche dich, so wirst du rein!
Da stieg er ab und tauchte unter im Jordan siebenmal, wie der Mann Gottes geboten hatte. Und sein Fleisch wurde wieder heil wie das Fleisch eines jungen Knaben, und er wurde rein. Und er kehrte zurück zu dem Mann Gottes mit allen seinen Leuten. Und als er hinkam, trat er vor ihn und sprach:
Siehe, nun weiß ich, dass kein Gott ist in allen Landen, außer in Israel."


Liebe Gemeinde,

wissen Sie, wie man richtig betet?
So (mit gefalteten Händen),
oder so (mit zusammengelegten Händen),
oder vielleicht so (mit zum Himmel emporgereckten Armen)?
Ein älterer Kollege stellte neulich fest:
"In Braunschweig wird so gebetet!"
(mit gefalteten Händen)
Er hat wahrscheinlich recht.
Wenn Sie sich nachher mal verstohlen umsehen
(was man ja eigentlich nicht macht, wenn man betet),
dann werden Sie feststellen,
dass alle ihre Hände falten.
Jedenfalls heute. Weil ich's gesagt habe.
Das nennt man Gruppenzwang.

Warum frage ich überhaupt?
Müsste ich als Pastor nicht wissen,
wie man richtig betet?
Gibt's das überhaupt, richtiges Beten?
Die Ökumene, die weltweite Gemeinschaft
der Christinnen und Christen, feiert in dieser Woche
die "Gebetswoche für die Einheit der Christen".
Ein Aufruf zur Einheit.
Denn obwohl wir alle den selben Glauben haben,
gibt es doch viele Unterschiede zwischen Orthodoxen Christen,
Katholiken und Protestanten.
Jede Konfession glaubt ein wenig anders,
betet ein wenig anders
und feiert ein wenig anders Gottesdienst.
Und jede meint: Ihre Art sei die einzig wahre und richtige.
Von echter Gemeinschaft sind wir noch weit entfernt.
Deshalb beten wir in dieser Woche darum.

Wenn es heute auch - zumindest bei uns -
selten geworden ist, dass man
als Katholik unter Protestanten
oder als Protestant unter Katholiken
ausgegrenzt, geschnitten oder gar geschmäht wird,
gibt es doch noch viele Vorurteile übereinander
und wenig Wissen voneinander.
Und es ist die Frage, welche Unterschiede schwerer wiegen:
die großen Differenzen in Glaubensfragen,
über die sich Bischöfe und Theologen streiten,
- und in manchen Punkten sogar einig werden;
oder das jeweils andere Brauchtum, die Lebens-
und Glaubensgewohnheiten,
die uns Christen voneinander trennen?

II
Was eine/r glaubt, kann man nicht sehen.
Aber die äußerlichen Unterschiede, die fallen ins Auge.
Wer sich bekreuzigt, ist ziemlich sicher katholisch.
Evangelische Christen bekreuzigen sich nicht,
obwohl Martin Luther das ausdrücklich empfohlen hat.
Durch Äußerlichkeiten fällt man auf.
An Äußerlichkeiten wird sofort festgemacht,
ob und dass jemand anders ist.
Sei es die Haltung der Hände beim Gebet,
das Bekreuzigen,
die Art der Kleidung
oder die Hautfarbe.

Gerade die Haut kann man nicht verstecken.
Jedenfalls nicht sein Gesicht.
Jede und jeder, der als Jugendlicher mal Pickel hatte,
weiß, wie schrecklich das war.
Wenn gerade wieder ein neuer Pickel
rot und fett gesprossen war,
hatte man das Gefühl,
er würde leuchten, nicht zu übersehen,
und jeder würde nur darauf starren.

Die Haut kann man nicht verstecken.
Sie ist wie eine Visitenkarte.
Wenn die Haut krank ist,
kann man das kaum verbergen;
man schämt sich
und wagt sich nicht unter Menschen,
weil man es körperlich fühlt,
dass man nicht so aussieht wie die anderen.
So ging es Naaman, dem erfolgreichen Feldherrn.
Er war "aussätzig", wie es in der Bibel heißt,
er litt unter einer Hautkrankheit,
die für alle sichtbar war.
Ausgerechnet Naaman, der Erfolgstyp, der Macher,
hatte einen Makel. War anders als die anderen.
"Unrein".
Jemand also, dem man besser nicht zu nahe kam,
mit dem man sich nicht einließ.
Was nützen einem Erfolg und Macht,
wenn man sie nicht genießen kann,
weil man in der Gesellschaft ein Ausgestoßener ist?

III
Unsere Haut ist unsere Visitenkarte.
Sie ist bei jedem Menschen anders:
fettig oder trocken,
braun oder blass,
faltig oder glatt,
sommersprossig oder leberfleckig.
Die Haut vergisst nichts.
Jede Verletzung, jede Narbe bleibt in sie eingeschrieben
und erinnert uns daran,
dass wir mal Akne hatten oder Windpocken,
einen Unfall oder eine Operation.

Die Haut ist unser sensibelstes Organ.
Jede kleinste Berührung nehmen wir mit ihr wahr.
Redewendungen drücken aus,
wie sehr unsere Haut mitfühlt,
wenn wir etwas erleben:
Dann geht es uns unter die Haut.
Man verliebt sich mit Haut und Haar
und bekommt nicht nur vor Kälte eine Gänsehaut.
Wenn man etwas nicht aushält,
kann man sich eine Hornhaut zulegen.
Aber irgendwann hilft auch das dickste Leder nicht:
dann geht es auf keine Kuhhaut mehr
und man möchte am liebsten aus der Haut fahren.

Die Haut kann man nicht verstecken.
Achten wir deshalb auf Äußerlichkeiten?
Legen wir deshalb so viel wert darauf,
weil wir an unserer Haut so empfindsam,
so empfindlich, so verletzlich sind?

Wenn das so ist:
Warum scheuen wir uns dann,
von etwas oder von jemandem berührt, angerührt zu werden?
Warum legen wir uns ein dickes Fell zu,
um nicht von Dingen berührt zu werden,
die anders sind als das, was wir kennen?

IV
Naaman geht zu Elisa, der ihn heilen soll,
mit der konkreten Vorstellung,
wie so eine Heilung auszusehen hat:
"Ich meinte, er sollte selbst zu mir herauskommen und hertreten und den Namen des Herrn, seines Gottes, anrufen und seine Hand hin zum Heiligtum erheben und mich so von dem Aussatz befreien."
So macht man das.
Das ist die richtige Haltung.
Elisa aber tut nichts dergleichen.
Im Gegenteil: Er verweigert Naaman unverschämt
den ihm gebührenden Respekt.
Er kommt nicht einmal selbst zu ihm heraus,
sondern schickt einen Diener
mit der lächerlichen Aufforderung,
sieben Mal im Jordan unterzutauchen.

Ein Feldhauptmann, ein hohes Tier,
das nackt im Jordan plantscht und dabei
jedem seine verletztlichste Seite:
seine wehe, kranke Haut, zeigt,
sich damit den abschätzigen Blicken,
und der Lächerlichkeit preisgibt.
Unmöglich! Unvorstellbar!

V
Etwas, das anders ist, ist peinlich.
Man schämt sich dafür,
weil plötzlich (meint man) alle hingucken.
Gerade deshalb lassen sich wohl manche tätowieren:
damit alle hingucken und sehen, dass sie anders sind.

Wer sich trauen möchte, anders zu sein,
braucht Vertrauen.
Das Vertrauen, dass man sich nicht lächerlich macht
und nicht lächerlich gemacht wird.
Das Selbstvertrauen, mit dem man die Blicke aushält
und sich nichts daraus macht,
was die anderen denken oder hinter dem Rücken über einen reden.

Dieses Vertrauen kann man nicht kaufen,
nicht gewinnen oder üben.
Dieses Vertrauen fällt einem zu,
es fällt einem in den Schoß.
Doch dazu muss man schon ziemlich verzweifelt sein.
So verzweifelt, wie es Naaman war,
oder der Hauptmann von Kapernaum.
Man muss schon ziemlich verzweifelt sein,
wenn man sich der ohnmächtigen Macht Gottes anvertraut.
Man tut es, weil man keine andere Wahl hat,
oder nichts mehr zu verlieren.
Dann wagt man den Sprung,
den das Vertrauen in etwas bedeutet,
das nicht mehr ist als ein Wort.

VI
"Sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund",
sagt der Hauptmann zu Jesus.
"Sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund",
heißt es in der katholischen Abendmahlsliturgie.
Es sind nur Worte,
aber wenn sie einem unter die Haut gehen,
verändern sie alles.

Ob so auch Ökumene beginnt,
die echte Gemeinschaft der Christinnen und Christen
aller Konfessionen:
indem man an sich heranlässt,
was dem anderen wertvoll und wichtig ist?
Sich nicht davor scheut, sich davon berühren zu lassen?
Wenn das geschieht,
wird die Tür aufgestoßen in einen bisher verschlossenen Garten
voller aufregender, wilder Gewächse
und bezaubernder Blüten.

Früher hat man viele Pflanzen als "Unkraut" abgestempelt
und ausgerissen.
Heute lernen wir, darin "Wildkräuter" zu sehen.
Für manche ist das nur ein Euphemismus;
es ist ihnen egal, ob das, was sie da herausreißen,
ein "Wildkraut" ist.
Es ist jedenfalls Unkraut.
Andere aber entdecken,
dass auch diese Gewächse ihre Schönheit haben
und ihr Recht.

Wir müssen nicht alles gut und richtig finden,
was die jeweils andere Konfession tut und glaubt.
Wir werden das auch nicht können,
wenn unser eigener Glaube uns etwas bedeutet.
Aber wir können doch den Reichtum und die Vielfalt des Glaubens
anerkennen und versuchen zu verstehen,
dass es vielleicht mehr als eine einzige Wahrheit,
einen einzigen Weg zu Gott gibt.

VII
Wie wir beten, ist ganz egal.
Die Hauptsache ist,
dass wir das Vertrauen wagen,
Gott an uns heranzulassen.
Ihm gegenüber unser dickes Fell ablegen,
auf Horn- und Kuhhaut verzichten
und uns anrühren lassen.

Können wir auch der anderen,
der fremden Konfession gegenüber
Vertrauen wagen, uns auf sie einlassen
und sie an uns heranlassen?
Können wir die andere Konfession sein lassen,
wie sie nun einmal ist, und das gelten lassen?
Können wir ihre Schönheit entdecken
und uns an ihr freuen?
Vielleicht sogar ein bisschen Neid empfinden auf das,
was sie hat, und was uns fehlt?
Können wir Gott auch da suchen,
wo wir ihn nicht immer schon vermuteten?