Samstag, 27. Juni 2020

Treue

Predigt am 3. Sonntag nach Trinitatis, 28. Juni 2020, über Micha 7,18-20:

Welcher Gott ist wie du?
Der du Schuld vergibst
und hinwegsiehst über die Sünde,
dem Rest deines Erbteils zugute.

Er hält nicht für immer an seinem Zorn fest,
denn sein Wesen ist unverbrüchliche Liebe.
Er wird sich wieder über uns erbarmen,
unsere Schuld zertreten,
und du wirst ihre Sünden in den Tiefen des Meeres versenken.

Er erweist Jakob Treue,
Abraham unverbrüchliche Liebe,
wie er unseren Vätern schwor
vor undenklichen Zeiten.


Liebe Schwestern und Brüder,

Treue ist ein großes Wort,
ein wichtiges Wort.
Eine Beziehung wäre nichts ohne sie.
Wenn man eine Beziehung eingeht,
ist sie deren selbstverständliche, unausgesprochene Voraussetzung.
Dabei geht es bei Treue nicht allein darum,
keine anderen Beziehungen einzugehen.
Es geht bei Treue auch um Vertrauen und Verlässlichkeit.
Um das Durchhalten und Durchtragen der Beziehung über Durststrecken,
über Zeiten des Missverständnisses und des Streits,
des Gefühls, zu kurz zu kommen,
mehr zu geben als zu bekommen.
Nicht immer lässt sich diese Treue durchhalten.
Bevor es zum Treuebruch kommt,
ist etwas anderes zerbrochen oder abhanden gekommen:
Die Liebe.

Treue in einer Beziehung
gibt es nur zwischen wirklichen Partnern,
die sich auf Augenhöhe begegnen.
Ist einer von beiden schwächer,
wird er abhängig vom anderen.
Das ist keine Treue,
wenn sie auf Ungleichheit und Unfreiheit basiert.

Auch der Stärkere kann nicht wirklich treu sein,
weil Treue ein Geschenk ist,
das aus dem Verzicht auf Stärke,
auf eigenen Vorteil und Gegenleistung erwächst.

II
Gott ist seinem Volk Israel treu.
Schon Abraham begegnete er wie einem Freund (Genesis 18,1-15),
von gleich zu gleich.
Gott ist in eine Beziehung zu Abraham getreten
und erneuerte diese Beziehung in jeder Generation,
mit Isaak, mit Jakob,
bis zum Bundesschluss am Sinai.
Dort erhielt Mose von Gott die Tafeln mit den Geboten.
Dort begegnete Gott seinem Volk als Partner eines Bundes,
von gleich zu gleich.
Aber das Volk Israel suchte sich andere Partner.
Von Gott hatte es nach der Befreiung aus Ägypten
und der Ankunft im Gelobten Land offenbar nichts mehr zu erwarten und zu erhoffen.
Andere Partner waren verlockender:
Großmächte, mit denen man politische Bündnisse eingehen konnte.
Fremde Götter, die man mit Geschenken bestechen
und für die eigenen Zwecke einspannen konnte.
So kam es, dass die Zahl der Gläubigen dezimiert wurde,
bis nur noch ein kläglicher Rest übrig geblieben war.

III
Wie konnte es geschehen,
dass das biblische Volk Israel die Beziehung zu Gott vergaß
und ihm untreu wurde?
Wie kann es geschehen,
dass eine große Liebe,
die ewig währen sollte und sich auch so anfühlte,
abhanden kommt oder zerbricht?

Liebe ist ein Gefühl des Ergriffenseins von einem anderen
und der Exstase.
Sie ist, wenn sie einen ergreift,
wie ein Rausch, der alles andere verdrängt.
Das ist die eine Seite der Liebe.

Die andere Seite der Liebe ist das Bewusstsein der Verbindlichkeit
und der Verantwortung für etwas Wunderbares und Kostbares.
Es ist das Wissen, beschenkt worden zu sein,
ohne es zu verdienen.

Der Rausch, die Exstase sind kein Dauerzustand.
Sie sind besonderen Momenten vorbehalten.
Das Wissen, mit dem anderen Menschen ein unverdientes Geschenk erhalten zu haben,
begleitet uns, wenn es gut geht, ein Leben lang.

IV
Über ein Geschenk hat man keine Macht.
Man kann ein Geschenk nicht einfordern.
Es kommt nicht, wann man selbst es will oder braucht,
sondern wenn der andere zum Geben bereit ist.

Jetzt verstehen wir, was mit „Sünde” gemeint ist:
Sünde ist der Wunsch, jederzeit ein Geschenk zu erhalten.
Jeder Tag soll Geburtstag, soll Weihnachten sein.
Man will nicht auf das Geschenk warten müssen,
sondern es haben, wenn einem danach ist.

Weil Gott ihnen nicht alle Steine aus dem Weg räumt,
ihnen nicht alles Leid erspart,
nicht jeden Wunsch erfüllt,
wenden sich die biblischen Israeliten von ihm ab
hin zu den Götzen, die sie manipulieren konnten.

Bis heute führt die oft leidvolle Erfahrung
der Unbestechlichkeit und Freiheit Gottes dazu,
dass Menschen sich enttäuscht von ihm abwenden.

Auch von Partnern, die nicht so sind, wie man will,
die nicht das tun, was man von ihnen erwartet oder verlangt,
wendet man sich manchmal ab.
Aber das ist keine Partnerschaft.
Echte Partnerschaft ist eine Beziehung zwischen Gleichen.
Echte Partnerschaft achtet die Freiheit und Andersartigkeit des anderen.

V
Wie aber lernt man,
die Freiheit und das Anderssein des anderen zu achten?
Durch die Erfahrung unverbrüchlicher Liebe.

Liebe, die außer sich geraten lässt,
fragt nicht nach dem Wert oder dem Lohn.
Sie liebt den anderen um seiner selbst willen.

Und Liebe, die ausdauernd ist und verantwortungsvoll,
erträgt das Anderssein des anderen,
weil sie im Anderen nicht das Eigene sucht,
sondern ihn sein lässt, wie er ist.

Auf diese Weise,
mit dieser unverbrüchlichen Liebe,
liebt Gott uns.
Gottes unverbrüchliche Liebe hält an uns fest,
Gott ist treu,
auch wenn wir Gott und unseren Mitmenschen wieder und wieder untreu werden.
Gott sieht uns mit den Augen der Liebenden.
In den Augen der Liebenden
ist jede und jeder Einzelne von uns
ein wunderbares, einzigartiges und unverdientes Geschenk.
Und nicht nur wir hier:
Jeder Mensch auf Gottes Erde.
Auch der, der ganz anders ist als wir.
Auch unsere politischen oder persönlichen Feinde und Gegner.
Auch die oder der, denen wir Pest und Cholera an den Hals wünschen
- gerade die, und gerade der.

Gott, der unverbrüchlich Liebende,
öffnet uns die Augen dafür,
wie sehr wir von Gott geliebt
und deshalb liebenswert sind,
wunderbar und schön.

Gott, der unverbrüchlich Liebende,
öffnet unsere Herzen für die Wahrheit,
dass das für jeden anderen Menschen auch gilt,
und dass es für uns nur gelten kann,
wenn wir die anderen auch gelten lassen.

Amen.

Sonntag, 24. Mai 2020

Erwachsen im Glauben

Blick in den Altarraum der Dorfkirche Dabel
Dorfkirche Dabel

Predigt am Sonntag Exaudi, 24. Mai 2020, über Jeremia 31,31-34


Zu Pfingsten sind die Geschenke am geringsten,
während Ostern und Weihnachten
mehr einbrachten.

Liebe Schwestern und Brüder,
es ist ein Glück, dass das Pfingstfest noch nicht vom Kommerz vereinnahmt wurde, wie Weihnachten und Ostern!
Wie soll man auch den Heiligen Geist in eine Form pressen, gar in Stanniol einwickeln - er ist ja nicht zu fassen.

Dabei „bringt” uns, wenn man in wirtschaftlichen Kategorien von Soll und Haben denkt,das Pfingstfest für den Glauben ebenso viel ein wie Ostern und Weihnachten:An Pfingsten wird unser Glaube erwachsen.
Was das heißen und wie man sich das vorstellen soll?
Davon gibt der Predigttext aus dem Buch des Propheten Jeremia eine Ahnung:
„Sieh da, es kommt eine Zeit, sagt Gott,
da schließe ich mit dem Haus Israel und dem Haus Juda einen neuen Bund.
Nicht wie der Bund, den ich mit ihren Vätern schloss,
als ich sie bei der Hand nahm, um sie herauszuführen aus dem Land Ägypten.
Diesen meinen Bund haben sie gebrochen, obwohl ich doch ihr Herr war, sagt Gott.
Denn das ist der Bund, den ich schließen will mit dem Haus Israel nach diesen Tagen, sagt Gott:
Ich lege meinen Willen in ihren Sinn und schreibe ihn auf ihr Herz,
und ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein.
Und keiner wird seinen Freund oder seinen Bruder lehren: Erkennt den Herrn!
Sondern alle werden mich erkennen, Klein und Groß, sagt Gott.
Denn ich werde ihre Sünde vergeben,
und an ihre Schuld werde ich mich nicht mehr erinnern.”
„Alle werden mich erkennen, Klein und Groß”. Das ist Pfingsten.
Aber was soll das bedeuten: Gott „erkennen”,und wie soll das gehen?
Erkennen hat mit dem Sehen zu tun -auch wenn man Gott nicht sehen kann.
Erkennen hat auch mit dem Denken zu tun.Erkenntnis kommt von Erkennen; es geht ihr voraus -auch wenn man von Gott nichts wissen kann, wenn einem niemand etwas von Gott erzählt hat.
Hier ist mit Erkennen noch ein wenig mehr gemeint. „Erkennt den Herrn!”, das bedeutet:Nehmt zur Kenntnis, was Gott von euch und für euer Leben will. Mit anderen Worten: Nehmt Gottes Gebote zur Kenntnis und haltet euch daran.
Als das Volk Israel aus Ägypten auszog und durch die Wüste Sinai wanderte, empfing Mose auf dem Berg Horeb die beiden Tafeln mit den Geboten. Gottes Wille, in Stein gemeißelt. Aber diese steinernen Tafeln vermochten nicht, die Herzen der Menschen zu erwärmen.
So ist es oft mit Geboten und Verboten:Man sieht nicht ein, warum man sich daran halten soll. Insgeheim oder offen lehnt man sich gegen sie auf. Deshalb benötigt das Verhältnis zu Gott eine neue Grundlage. Wenn Gebote oder Verbote von außen auferlegt werden fühlt man sich eingeschränkt und drangsaliert wie ein Kind, das auf seine Eltern hören und z.B. zum Abendbrot zuhause sein muss, statt noch mit seinen Freunden draußen zu spielen, sein Zimmer aufräumen oder seine Hausaufgaben machen soll.
Und man wehrt sich gegen solche Einschränkungen wie ein Kind: trotzig, zornig, uneinsichtig. 
Wenn man erwachsen ist, erkennt man, dass es Regeln geben muss, damit das Zusammenleben funktioniertund niemand zurück bleibt oder unter die Räder kommt. Man verinnerlicht diese Regeln, hat sie im Sinn, und nimmt sie sich zu Herzen.
Erwachsensein im Glauben bedeutet dann entsprechend, dass man Gottes Willen verinnerlicht hat. Sich nicht dagegen sträubt, sondern damit einverstanden ist, weil man - - -etwas erkannt hat.
An diesem Punkt des Erwachsenwerdens im Glauben geschieht also das Erkennen,von dem im Predigttext die Rede ist.

Manchmal geschieht es, dass man erkennt,
dass ein anderer Mensch mich meint,
wenn sie|er mich anlächelt und ihre|seine Augen strahlen.
Wenn einem diese Erkenntnis widerfährt, ist man verliebt.

Manchmal geschieht es, dass man erkennt,
dass man sich auf einen anderen Menschen verlassen kann,
dass dieser Mensch es ehrlich und gut mit mir meint.
Wenn einem diese Erkenntnis widerfährt, hat man eine:n Freund:in gefunden.

Manchmal geschieht es, dass man erkennt,
dass man für das, was man sagte oder tat,
Verantwortung übernehmen muss - - -
und dabei einem anderen Menschen wieder in die Augen sehen kann.
Wenn einem diese Erkenntnis widerfährt, hat man Vergebung erfahren.

Einmal geschieht es, dass man erkennt, dass Gott einem vergeben hat.
Dass Gott sich nicht an all die Fehler und Peinlichkeiten erinnert,
die man sich selbst nicht vergeben und die man nicht vergessen kann,
sondern eine:n so sieht, wie man wirklich ist, jenseits aller Schwächen und Fehler, und wer man sein könnte.
Man erkennt, dass Gott nicht böse auf eine:n ist, eine:n nicht ständig beurteilt,
sondern liebt. Über alle Maßen liebt,und mit einem lacht und leidet und lebt.
Wenn einem diese Erkenntnis widerfährt:
Das ist Pfingsten.

Pfingsten findet nicht nur einmal im Jahr statt. Dass Gottes Geist mich ergreift und erkennen lässt, wie Gott in Wahrheit für mich ist, dass Gott nur Gutes für mich will, kann jederzeit passieren.
Wenn einem diese Erkenntnis widerfahren ist, braucht man keine Gebotstafeln mehr. Dann hat man Gottes Liebe in Herz und Sinn, strahlt und teilt sie aus an andere.
Das Pfingstfest, auf das wir zugehen, erinnert uns daran, dass wir Erwachsene sind, erwachsen im Glauben. Als Erwachsene leben wir aus einer Freiheit,
die wir uns nicht erkämpfen müssen. Wir besitzen sie, weil Gottes Geist uns erfüllt und uns einen unendlichen Raum schafft, in dem wir so sein können, wie wir sind. Weil wir diese Freiheit in einem solche Maße besitzen, können wir uns unseren Mitmenschen zuliebe beschränken. Denn das ist Gottes Wille für uns:
Wir sollen leben, und der Rest der Welt soll’s auch.

Amen.

Freitag, 24. April 2020

Mundschutz

Predigt am Sonntag Miserikordias Domini, 26.4.2020, über 1.Petrus 2,21-25:

Predigt am Sonntag Miserikordias Domini, 26.4.2020, über 1.Petrus 2,21-25:

Auch Christus hat gelitten - für euch -
und euch dadurch eine Vorlage hinterlassen,
damit ihr seinen Fußspuren nachfolgen könnt.
Er hat keine Sünde getan,
noch fand man Lüge in seinem Mund.
Er wurde beleidigt, aber er gab es nicht zurück,
er litt, aber er drohte nicht mit Vergeltung,
sondern stellte es dem anheim, der gerecht richtet.
Er hat unsere Sünden
mit seinem Körper selbst auf das Holz getragen,
damit wir, die wir für die Sünden gestorben sind,
für die Gerechtigkeit leben.
Durch seine Striemen seid ihr geheilt.
Denn ihr wart wie herumirrende Schafe,
jetzt aber seid ihr zurückgekehrt zum Hirten
und Aufseher eures Lebens.


Liebe Schwestern und Brüder,

ab morgen müssen alle einen Mundschutz tragen,
die in Geschäften einkaufen, mit Bus oder Bahn fahren wollen.
Zu den vielen Regelungen und Einschränkungen,
die uns die Corona-Pandemie beschert hat,
kommt eine weitere hinzu.
Nicht so einschneidend wie viele andere.
Aber lästig. Und ungewohnt.
Wie sieht das auch aus,
mit einem Mundschutz, einem Schal oder Tuch vor dem Gesicht!?
Man kann nicht richtig sprechen, wird kaum verstanden
und kann andere nicht richtig verstehen.
Außerdem schützt der Mundschutz nicht besonders vor Ansteckung.
Gerade einmal um ein Drittel sinkt die Wahrscheinlichkeit,
sich mit dem Coronavirus zu infizieren,
wenn man einen einfachen Mundschutz trägt.

Es stimmt: Eine:n selbst schützt der Mundschutz wenig.
Aber dafür schützt er andere.
Trägt jemand, der mit dem Coronavirus infiziert ist, einen Mundschutz,
beträgt die Wahrscheinlichkeit, andere anzustecken, nur noch 5 %.
Man trägt also den Mundschutz nicht für sich, sondern für andere.
Damit handelt man so, wie es der heutige Predigttext empfiehlt:
Man richtet sich nach der Vorlage, die Jesus hinterlassen hat.
Diese Vorlage, nach der man sich als Christ:in richtet,
dient dazu, die Ausbreitung des Bösen zu stoppen.
Die Ausbreitung stoppen,
indem man z.B. auf Beleidigung nicht mit einer Gegenbeleidigung reagiert
und Böses nicht mit Bösem vergilt.

Verzicht auf Vergeltung verhindert,
dass Böses sich weiter ausbreitet.
Um Ausbreitung zu verhindern,
braucht man so etwas wie einen Mundschutz.
Wie leicht erwidert man eine Beleidigung -
oder etwas, das man dafür hielt -
mit einer anderen!
Ehe man sich‘s versieht, ist das böse Wort schon heraus,
und man kann es nicht mehr aufhalten.
Bevor man sich dessen bewusst ist,
hat man schon zurückgeschlagen.
Dieser Drang, anderen das Böse zu vergelten, das sie einem zufügten,
ist so tief in uns verwurzelt, dass man ihn gar nicht mehr bemerkt
und nicht darüber nachdenkt, ob es auch richtig ist.

Gegen die Ausbreitung des Coronavirus kann man sich einen Mundschutz umbinden.
Er verhindert die Ausbreitung selbst dann,
wenn man ihn sich widerwillig, oder ohne rechte Überzeugung, angelegt hat.
Wie aber muss ein Mundschutz beschaffen sein,
der die Ausbreitung der Vergeltung stoppt?
Der verhindert, dass wir es anderen heimzahlen?
Man kann ja nicht mit einem Knebel im Mund herumlaufen,
damit ja kein böses Wort herauskommt.

Böses nicht mit Bösem vergelten:
Das ist etwas, das nur Jesus konnte,
der lehrte, auch die andere Wange hinzuhalten.
Für uns ist das viel verlangt - vielleicht zu viel.
Wer provoziert oder beleidigt wird, gerät unter Druck,
fühlt sich wie ein Dampfkochtopf, der kurz vor der Explosion steht.
Wird wütend, und diese Wut will raus, muss raus,
sonst platzt man.

Unter einen ähnlichen Druck setzt uns die Corona-Pandemie:
So viele Einschränkungen, so viele Veränderungen des Alltags!
Man darf sich nicht umarmen, sich nicht die Hand geben.
Man darf sich nicht mit seinen Freund:innen treffen,
nicht im Café sitzen oder Essen gehen.
Es ist kaum zum Aushalten!
Kinder gehen zuhause die Wände hoch,
weil sie sich nicht auf dem Spielplatz austoben können.
Erwachsene vergehen vor Sorgen um ihren Arbeitsplatz, ihre Firma, ihren Betrieb.
Sie wissen nicht, wie es weitergeht.
Sie wissen nicht, wie sie finanziell über die Runden kommen sollen.
Sie wissen nicht, wie sie neben *homeoffice* auch noch *homeschooling* machen sollen.
Älteren Menschen macht die Einsamkeit zu schaffen.
Sie würden so gern wieder andere treffen,
ihre Kinder und Enkel sehen.
Und nun kommt mit der Pflicht zum Tragen des Mundschutzes
noch eine Einschränkung dazu!

In diese belastende, leidvolle Situation hinein sagt der Predigttext:
*Christus hat auch gelitten*.
Und gerade darin sollen wir ihn uns zum Vorbild nehmen.
Das ist sein Plan, dem wir nachgehen sollen:
Sich dem Leid mit einer Hoffnung stellen,
die größer und stärker ist als das Leid.
Statt über die aufgezwungenen Verhältnisse zu jammern und zu schimpfen,
sie nutzen als eine Möglichkeit, Christ:in zu sein.
Wenn es uns gelingt, in dieser Situation Christ:in zu sein und zu bleiben,
werden wir für andere zu Christus -
zu jemandem, die oder der da ist,
wenn jemand Hilfe, Beistand oder einfach nur Gesellschaft braucht.
Das bedeutet nicht, dass das Leiden gut oder sinnvoll ist - o nein!
Leiden ist schrecklich, ist schmerzhaft,
ob es nun ein körperliches Leiden ist -
von Kopfschmerz oder Bauchschmerzen bis zu einer lebensgefährlichen Erkrankung -
oder ein seelisches Leiden wie Einsamkeit, Traurigkeit oder die Angst um die eigene Existenz.

Die Tatsache, dass auch Christus gelitten hat, macht das Leid nicht gut.
Sie besagt vielmehr: Es gibt Hoffnung.
Hoffnung *in* allem Leide
auf Freude *nach* allem Leide,
weil Christus auferstanden ist.
Christus hat gelitten, wie wir,
darum ist auch unser Leiden nicht sinnlos.
Wohlgemerkt: Nicht das Leiden hat einen Sinn,
sondern dass *wir* leiden, ist nicht vergeblich.
Es hat hat einen guten Sinn.
Es hat z.B. den Sinn, dass das Böse sich nicht weiter ausbreitet,
wenn wir den Schmerz aushalten, den eine Beleidigung verursacht,
oder wenn wir anderen das Böse, was sie uns antaten, nicht heimzahlen.
Es hat den Sinn, dass das Virus sich nicht weiter ausbreitet,
wenn wir uns an die anstrengenden und belastenden Regeln halten,
die dazu erlassen wurden.

Das ist viel verlangt.
Vielleicht zu viel.
Man kann von niemandem fordern,
auch die andere Wange hinzuhalten,
denn man kann es ja selbst nicht.
Man kann aber auf die Vorlage hinweisen,
die Christus uns hinterlassen hat.
Er war fest davon überzeugt,
dass es richtig ist, nicht zurückzuschlagen.
Und er will uns überzeugen,
dass seine Gerechtigkeit die bessere Gerechtigkeit ist.
Seine Gerechtigkeit fragt nicht:
was habe ich davon, was nützt mir das?
Sie fragt: Was nützt meinem Mitmenschen,
und wie kann ich ihr oder ihm nützlich sein?

Wer sich um diese bessere Gerechtigkeit bemüht,
ermöglicht anderen die Begegnung mit Christus.
Weil sie erleben, dass es auch anders, nämlich menschlich und liebevoll, geht.
Weil sie sehen, dass der Kreislauf der Vergeltung unterbrochen wird.
Weil sie spüren, dass sogar im Leiden das Leben einen Sinn hat,
dass man gerade im Leiden Christ:in sein und Hoffnung haben kann.

Wer den Predigttext beim Wort nehmen und es versuchen will,
die Vorlage zu übernehmen, die Christus uns hinterlassen hat,
braucht nicht auf eine besondere Gelegenheit zu warten.
Sie, er kann z.B. beim nächsten Gang nach draußen einfach den Mundschutz umbinden
und damit zeigen: Du, anderer Mensch, bist mir nicht gleichgültig.
Ich mache mir Sorgen um dich und will dich schützen.
Deshalb trage ich einen Mundschutz.
Denn selbst, wenn ich nicht ansteckend bin,
gebe ich anderen auf diese Weise ein Zeichen,
dass sie vor mir sicher sind.

Mit diesem Mundschutz, so ungewohnt und lästig er ist,
kann man auch lernen, auf das zu achten,
was sonst so aus unserem Mund herauskommt,
und was wir so oft nicht zurückhalten können.
Vielleicht kann dieses Stück Papier, dieses Stück Stoff es schaffen,
dass wir nachdenken, bevor wir etwas erwidern,
und uns an die Vorlage erinnern, die Jesus uns hinterlassen hat,
damit wir für die bessere Gerechtigkeit leben.

Amen.

Freitag, 13. März 2020

Corona-Andacht

Andacht zu Psalm 25,3:

Niemand gerät in Schande, wenn er seine Hoffnung auf dich setzt.


Zum Glück sind wir nicht abergläubisch,
sonst müssten wir uns heute, am Freitag den Dreizehnten, Sorgen machen.
Sorgen haben wir auch ohne Freitag den Dreizehnten genug.
Neben all den vielen privaten Sorgen
um die Gesundheit, um Menschen, die uns am Herzen liegen,
neben den Dauersorgen wie dem Klimawandel,
der Not der Flüchtlinge und dem Hass in unserer Gesellschaft
ist es das Coronavirus, das uns zur Zeit die größten Sorgen bereitet.

Es kommt über uns wie eine Flutwelle,
und genau wie eine Flutwelle trifft es seine Opfer wahllos -
selbst, wenn man noch so gut vorgesorgt hat,
sich noch so sehr vorsieht -
und nimmt keine Rücksicht darauf,
ob es uns gerade terminlich passt, dass es kommt.
Es nimmt keine Rücksicht darauf,
dass man sich eine Krankheit nicht leisten kann.
Und es betrifft ausnahmslos alle,
wenn Kindergärten und Schulen geschlossen werden müssen,
Krankenhäuser überfüllt
und die Ärztinnen und Pflegenden am Ende ihrer Kräfte sind,
wenn man die Kranke oder alte Menschen besser nicht mehr besucht,
damit sie nicht vom Virus angesteckt werden,
bevor vielleicht ein Gegenmittel gefunden ist.

Denn darum geht es bei allen Bemühungen und Einschränkungen:
Zeit zu gewinnen, um ein Gegenmittel gegen das Virus zu finden.
Damit die, deren Leben durch eine Infektion bedroht wäre,
geschützt werden können.
Und damit in den Krankenhäusern nicht eine solche Not herrscht,
dass entschieden werden muss,
wer behandelt werden kann und wer todgeweiht ist,
weil für ihn kein Bett und kein Pflegepersonal zur Verfügung steht.

Kann in einer solchen Lage das Psalmwort trösten:
„Niemand gerät in Schande, wenn er seine Hoffnung auf dich setzt“?

Im Internet fand ich die Predigt eines amerikanischen Pastors,
der sagte, die Amerikaner bräuchten sich keine Sorgen wegen des Virus zu machen,
denn Gott würde sie schützen,
weil sie einen so guten und frommen Präsidenten hätten.

Über die Frömmigkeit des amerikanischen Präsidenten maße ich mir kein Urteil an.
Aber ich habe meine Zweifel, ob man dieses Psalmwort so wörtlich verstehen darf,
dass einen das Vertrauen auf Gott aus allen schlimmen Situationen befreit.
Es ist ja doch auch recht eigenartig,
dass die Hoffnung auf Gott ausgerechnet vor Schande schützt -
als hätte man nichts schlimmeres zu befürchten,
als sich schämen zu müssen.
Schämen, weil man aufs falsche Pferd gesetzt,
Warnungen in den Wind geschlagen,
die Sache nicht so ernst genommen hat, wie sie es verdient.

Wer auf Gott hofft, wird nicht beschämt,
weil das Hoffen auf Gott mehr ist,
als die eigenen Schäflein ins Trockene zu bringen.
Mehr als die Sorge um die Umsätze und Profite der Wirtschaft,
oder bei einem Fußballspiel im Stadium dabei zu sein.
Das Hoffen auf Gott ist ein Hoffen auf seine Gerechtigkeit.
Diese Gerechtigkeit gilt besonders den Schwachen,
denen, die auf Rücksichtnahme und Hilfe angewiesen sind,
denen, die gesellschaftlich abgehängt oder ausgegrenzt werden,
und nicht denen, die sowieso schon mehr als genug haben.

Durch Hoffen auf Gott wird man nicht beschämt,
weil es dabei nicht zuerst und allein um eine*n selbst geht,
sondern die Sorge um die Mitmenschen einschließt.
Und vor allem, weil es sich ein gutes Leben
nicht ohne die anderen vorstellen kann.

Wer sich auf Gott verlässt,
wird trotzdem manchmal verlassen sein -
aber nicht von Gott.
Wer sich auf Gott verlässt,
wird sich trotzdem anstecken,
wird trotzdem Leid und Schicksalsschläge erleben.
Aber weil er seine Mitmenschen nie vergessen hat,
wird er selbst nicht vergessen sein,
wird Trost, Hilfe und Unterstützung finden und erfahren.

Und am Ende, beim Rückblick auf sein Leben,
wird so jemand sich nicht schämen müssen,
weil er nur an sich gedacht hat.


EG 412,1-2+4+8 So jemand spricht


So jemand spricht: „Ich liebe Gott“, und hasst doch die Geschwister,
der treibt mit Gottes Wahrheit Spott und reißt sie ganz darnieder.
Gott ist die Lieb und will, dass ich die Nächsten liebe gleich als mich.

Wer dieser Erde Güter hat und sieht Geschwister leiden
und macht die Hungrigen nicht satt, lässt Nackende nicht kleiden,
der ist ein Feind der ersten Pflicht und hat die Liebe Gottes nicht.

Wir haben einen Gott und Herrn, sind eines Leibes Glieder,
drum dienen deinen Nächsten gern, den Schwestern und den Brüdern.
Gott schuf die Welt nicht bloß für mich, mein Nächster ist sein Kind wie ich.

Ein unbarmherziges Gericht wird über den ergehen,
der nicht barmherzig ist, der nicht die rettet, die ihn flehen.
Drum gib mir, Gott, durch deinen Geist ein Herz, das dich durch Liebe preist.

Sonntag, 23. Februar 2020

Der dritte Blick

Predigt am Sonntag Estomihi, 23.2.2020, über Lukas 18,31-43

Jesus nahm die Zwölf zur Seite und sprach zu ihnen:
„Passt auf: Wir gehen hinauf nach Jerusalem.
Es wird sich alles erfüllen,
was von den Propheten über den Menschensohn geschrieben wurde.
Er wird den Heiden übergeben werden
und verspottet, beleidigt und angespuckt werden.
Und nachdem sie ihn ausgepeitscht haben, werden sie ihn töten.
Aber am dritten Tag wird er auferstehen.“
Aber die Jünger begriffen nichts von alldem,
diese Weissagung blieb ihnen verborgen
und sie verstanden das Gesagte nicht.

Als Jesus sich Jericho näherte, saß ein Blinder bettelnd am Weg.
Als der hörte, dass viele Leute vorübergingen, wollte er wissen, was das wäre.
Man berichtete ihm, dass Jesus, der Nazarener, vorbeiginge.
Da rief er: „Jesus, Davids Sohn, erbarme dich meiner!“
Aber die vorangingen, fuhren ihn an, er solle schweigen.
Er aber schrie noch viel mehr: „Davids Sohn, erbarme dich meiner!“
Da blieb Jesus stehen und wollte, dass man ihn zu ihm bringe.
Als der Blinde herangekommen war, fragte Jesus ihn:
„Was soll ich für dich tun?“
Er sprach: „Herr, dass ich wieder sehen kann!“
Jesus antwortete ihm: „Du sollst wieder sehen. Dein Glaube hat dich gerettet.“
Sofort konnte er wieder sehen und folgte Jesus, wobei er Gott lobte.
Und alle Leute, die das sahen, priesen Gott.


Liebe Schwestern und Brüder,

die „(dritte) Leidensankündigung“ und die „Heilung des Blinden“
bilden zusammen den heutigen Predigttext.
Warum zwei Geschichten?
Beide haben auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun,
und auf den zweiten auch nicht.
Erst der dritte Blick offenbart,
dass und wie sehr diese beiden Geschichten zusammengehören
und eigentlich eine sind,
und wie viel diese beiden Geschichten
aus einem anderen Land und einer anderen Zeit
mit unserem Leben heute zu tun haben.


Auf den ersten Blick handelt es sich bei der ersten Geschichte um ein Rätsel,
das Jesus seinen Jüngern aufgibt.
Ein Rätsel, das sie ratlos zurücklässt;
sie haben es nicht verstanden.
Das wird am Ende der Geschichte besonders, nämlich dreimal, betont.
Das Unverständnis der Jünger versetzt uns, die heutigen Hörerinnen,
in eine überlegene Position.
Denn für uns stellt das, was Jesus sagt, kein Rätsel dar, im Gegenteil:
Wir wissen genau, wovon er spricht.
Wir wissen, worauf Jesus zugeht.
Es ist kein Wissen, das stolz macht
oder das Gefühl der Überlegenheit gibt wie sonst,
wenn man etwas weiß, das andere nicht wissen.
Dieses Wissen bedrückt und stimmt traurig.
Es ist wie das Wissen des Arztes um eine schlimme Diagnose,
die er seinem Patienten mitteilen muss:
Wir wissen um Jesu Leiden und Tod.

Wir wissen auch von seiner Auferstehung.
Aber die tritt hinter den so großen Erniedrigungen, die ihn erwarten,
hinter seinem Tod in den Hintergrund.


Die zweite Geschichte erzählt auf den ersten Blick von einer wunderbaren Heilung.
Ein Blinder, der durch einen glücklichen Zufall direkt an dem Weg sitzt,
den Jesus und seine Jünger nehmen,
macht sich lautstark bemerkbar, als er hört, wer da an ihm vorbeigeht.
Er bringt sein Anliegen zu Gehör,
obwohl man sein aufdringliches Rufen verhindern will.
Und seine Hartnäckigkeit wird belohnt:
Jesus heilt ihn von seiner Blindheit. Er kann wieder sehen
und wird zu einem lautstarken Nachfolger Jesu
- diesmal nicht in eigener Sache, sondern zum Lobe Gottes,
dem er seine wunderbare Heilung verdankt.
In sein Lob stimmen alle ein, die Zeugen seiner Heilung waren.


Auf den zweiten Blick offenbaren die beiden Geschichten einige Merkwürdigkeiten
und auch Gemeinsamkeiten.

Gemeinsam ist beiden Geschichten, dass Jesus in ihnen unterwegs ist
- nach Jerusalem bzw. nach Jericho.
Beide Städte liegen nicht gerade nebeneinander,
Jericho liegt auch eher nicht auf dem Weg nach Jerusalem.
Aber man kann wohl sagen, dass Jerusalem das eigentliche Ziel des Weges Jesu darstellt.
Jesus ist dorthin unterwegs, um sich auszuliefern.
Auf diesem Weg begleiten wir ihn an den Sonntagen der Passionszeit,
bis wir ihn am Palmsonntag in Jerusalem einziehen sehen.
Nachdem er sich den Menschen zuwandte, von denen „das Volk“ sich abwendet,
liefert er sich „dem Volk“ aus.
Und dieses „Volk“, das ihn am Palmsonntag mit „Hosianna“ begrüßt,
wird schon bald seine Kreuzigung fordern.
Jericho stellt eine Art Abstecher von diesem Weg dar,
von denen es an den kommenden Passionssonntagen noch viele geben wird.
Bis er und wir dem Ende des Weges Jesu, dem Kreuz,
in der Karwoche nicht mehr ausweichen können.

Beide Geschichten haben auch etwas, über das man stolpert,
das stutzig macht und das man nicht gleich versteht.

In der ersten Geschichte ist es die ungewohnte Bezeichnung „Menschensohn“,
mit der Jesus von sich spricht
und die eine Ursache für das Unverständnis der Jünger darstellt.
Warum sagt Jesus nicht „ich“, wenn er doch sich und sein Schicksal meint?
Offenbar möchte er etwas verbergen,
etwas geheim halten, was erst ganz am Ende herauskommen soll.
Es sind nicht sein Leiden und sein Tod, die er verheimlichen will,
als wolle er die Jünger mit der bitteren Wahrheit so lange wie möglich verschonen.
Jesus ist, seit er sich mit der Obrigkeit anlegte,
ständig von Verfolgung und Tod bedroht.
Er und seine Jünger wissen das
- und sie wissen, welches Schicksal ihn erwartet,
sollte er seinen Gegnern in die Hände fallen.

Jesus will verbergen, dass er der Messias, auf Griechisch: der Christus, ist.
Für uns klingt „Christus“ wie ein Nachname.
Vorname: Jesus, Nachname: Christus.
Es ist aber kein Name, sondern ein Titel
- der höchste Titel, den die Bibel für einen Menschen bereithält.
Der Titel eines Königs, wie es einst der legendäre König David war.
Ein König wie David, den Gott am Ende der Zeiten schicken wird,
um sein Reich des Friedens und der Gerechtigkeit aufzurichten.
So haben es die Propheten Jesaja, Micha und Joel vorausgesagt.

Aber Jesus will nicht nur verheimlichen, dass er der Messias ist,
sondern vor allem, dass der Messias leiden und sterben muss.
Zu diesem Schicksal ist er jetzt unterwegs.
Aber genau dieses Schicksal war für die Menschen jüdischen Glaubens -
und das waren Jesus und seine Jünger
- etwas ganz und gar Undenkbares und Unvorstellbares.
Der Messias errichtet das Reich Gottes,
ein ewiges Reich des Friedens und der Gerechtigkeit.
Undenkbar, dass er dabei unter die Räder kommen,
ja, dem Mutwillen der Menschen ausgeliefert sein könnte!
Offenbar können das seine Zeitgenossen und auch seine Jünger nicht verstehen.
Und auch für uns ist es nicht leicht zu verstehen, warum Jesus diesen Weg geht.
Wir kennen aus dem Kino und dem Fernsehen, aus Comics
Helden wie "Superman" und "Batman", die "X-Men", die „Avengers“, und wie sie alle heißen.
Sie verwenden ihre übernatürlichen Kräfte zum Guten, zum Schutz der Menschen und der Erde.
Warum ist Jesus nicht auch so wie sie?
Warum verwendet er seine gottgegebene Kraft nicht dazu,
die Welt in Ordnung zu bringen
und das Reich Gottes heraufzuführen, von dem er so oft spricht?


Die zweite Geschichte hat gleich zwei Dinge,
die einen auf den zweiten Blick stutzig machen.
Da ist einmal die Anrede, mit der der Blinde Jesus ruft
und die ihn zum Stehenbleiben und zum Helfen veranlasst: „Davids Sohn“.
Wir kennen die Anrede aus dem Adventslied „Tochter Zion“,
wo die zweite und dritte Strophe mit „Hosianna, Davids Sohn“ beginnen.
„Davids Sohn“ ist ein anderes Wort für „Messias“.
Die Propheten, die einen gerechten König weissagten,
der Gottes Reich auf Erden aufrichten würde,
erwarteten eine Wiedergeburt des legendären Königs David.
Der Messias kann deshalb nur aus dem Hause Davids kommen,
er muss ein direkter Nachkomme dieses Königs, also Davids Sohn sein.

Aber woher weiß der Blinde, dass Jesus der Messias ist?
Er weiß es ja sogar, bevor er mit Jesus gesprochen hat, bevor der ihn heilt.
Offenbar hat er schon von Jesus gehört
und sich auf das Gehörte seinen Reim gemacht.
Wie ja auch Jesus den Jüngern des Johannes
auf die Frage, ob er der Messias sei, antwortet:
„Blinde sehen, Lahme gehen und den Armen wird das Evangelium verkündigt“.
Mit seinen Heilungen und seiner Zuwendung zu den Armen und Ausgegrenzten
zeigt Jesus sich für den, der sehen will, als Messias.

Die zweite Besonderheit dieser Geschichte fällt nicht so leicht ins Auge.
Sie liegt in der Antwort, die Jesus dem Blinden gibt:
„Dein Glaube hat dich gerettet“.
Jesus spricht von einer „Rettung“.
Blindsein ist ein hartes und schweres Schicksal.
Der Blinde hat sich damit irgendwie abgefunden.
Er findet Helfer, die ihn zu Jesus führen.
Er weiß auf sich aufmerksam zu machen
und er weiß auch, seinem Willen Gehör zu verschaffen.
Die Heilung von seiner Blindheit ist das, was er am meisten ersehnt.
Aber diese Heilung als „Rettung“ zu bezeichnen, erscheint etwas übertrieben.
Der Blinde befand sich ja nicht in Lebensgefahr.
Es muss eine andere Rettung gemeint sein.
Eine, die noch umfassender ist
als das Wiedererlangen einer verlorenen Fähigkeit.
Es geht um eine Lebensrettung im übertragenen Sinn:
Ums Seelenheil.
Um ein gutes, gelingendes Leben.
Und um das ewige Leben, um eine Zukunft bei Gott.

Bei Paulus heißt es dazu (Römer 10,9):
„Wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist, (…) so wirst du gerettet.“
Das scheint hier der Fall zu sein:
Der Blinde bekennt Jesus lautstark als Davidssohn, als Messias,
und das rettet ihn.
Aber worin besteht diese Rettung?
Reicht es denn nicht, dass er wieder sehen kann?


Jetzt sind wir, denke ich, bereit für den dritten Blick.
Dieser dritte Blick ist paradoxerweise kein anderer als der des Blinden.
Was die Jünger, obwohl sie alle ihre Sinne beisammen hatten, nicht sehen konnten,
das erkannte der Blinde:
Dass Jesus der Messias, der Christus ist.
Und dass er diese Erkenntnis laut aussprach, hat ihn gerettet.
Die beiden Geschichten gehören also darin zusammen,
dass ein Blinder etwas erkennt, was die Jünger nicht zu begreifen vermögen.
Über das, was da erkannt wurde, ist damit zunächst gesagt,
dass einem dafür die Sinne nichts nützen.
Man wird an den „Kleinen Prinzen“ erinnert,
dem der Fuchs beim Abschied sein Geheimnis mitteilt,
dass man nur mit dem Herzen gut sieht.
Mit dem Herzen sieht man anders als mit den Augen:
Mit den Augen gelingt der erste und zweite Blick.
Aber für den dritten Blick braucht man das Herz.
Das Herz, das sich ergreifen lässt von Gottes Güte und Liebe.
Das sich entflammen lässt für eine Wahrheit,
an der es festhält, auch wenn andere die Wahrheit zu etwas Beliebigem machen.
Das Herz, das sich nicht vom Äußeren blenden oder ablenken lässt,
sondern beharrlich die Oberfläche durchdringt
und erkennt, was auf dem Grund liegt:
die Wahrheit, oder eine Lüge.

Die Erfüllung der Weissagungen der Propheten, ein bisschen Supermann sein,
das hätte seine Zeitgenossen davon überzeugt, dass Jesus der Messias war.
Aber genau das ist nicht eingetreten.
Die Wunder, die Jesus vollbrachte, retteten nicht die Welt.
Die Welt nahm sie ja nicht einmal wahr.
Denn seine Wunder veränderten nur das Leben einiger Weniger.
Und das waren keine wichtigen Leute,
keine „Influencer“ und „Meinungsmacher“,
sondern solche, die man übersah, wenn sie nicht lautstark auf sich aufmerksam machten,
wie der namenlose Blinde aus unserer Geschichte,
oder sogar moralisch fragwürdige wie der Zöllner Zachäus.

Jesus war der Messias der kleinen Leute,
der Fischer, der Huren, der windigen Typen - und der Kinder.
Er litt, so wie sie in der und unter der damaligen Gesellschaft litten.
Wie sie wurde er gedemütigt, verachtet und misshandelt.
Wie ihr Leben galt auch sein Leben nichts
und wurde ihm von denen, die das Sagen und die Macht hatten, genommen.

Diesen Messias bekennen wir, wenn wir Jesus den Christus nennen.
Zu diesem Messias bekennen wir uns - und werden gerettet.

Wir werden gerettet vor der Unmenschlichkeit,
die das Kleine und die Kleinen nicht achtet.
Einer Unmenschlichkeit, die Menschen verurteilt,
weil sie anders sind, nicht einer Norm entsprechen,
die andere willkürlich aufgestellt haben.
Eine Unmenschlichkeit, die das Andere, den Fremden, so sehr hasst,
dass sie es auslöschen will und vor Mord nicht zurückschreckt.

Unsere Seele wird gerettet,
damit sie nicht vom Neid auf andere,
vom Hass auf das Fremde und die Fremden befleckt, zerrissen und zerstört wird.

Unser Leben wird gerettet,
damit wir es nicht verfehlen durch Egoismus,
durch das Verherrlichen einer Herkunft,
einer Hautfarbe, eines Landes oder eines „Führers“.

Um diesen Jesus als Messias, als Christus zu erkennen, muss man blind sein -
blind für die Maßstäbe dieser Welt.
Für ihr Schönheits- und Schlankheitsideal,
ihren Gesundheits- und Sportfetischismus,
ihr Leistungs-, Wohlstands- und Wachstumsdenken.

Wenn wir taub genug geworden sind für die Meinungsmache und Überredungskunst derer,
die andere Meinungen, andere Lebensweisen, das Fremde nicht ertragen,
tritt uns Jesus gegenüber.
Wir erkennen ihn in den Armen, den Kleinen,
den Geflüchteten, den an die Seite Gedrängten, den Gemobbten.
Wir entdecken unsere Fähigkeit, menschlich zu sein,
barmherzig zu sein, liebevoll zu sein.
So retten wir unsere Welt und unsere Schöpfung.
So wird unser Leben gerettet.

Sonntag, 9. Februar 2020

Das leuchtende Angesicht

Andacht über Psalm 31,21
„Du birgst sie im Schutz deines Angesichs
vor den Rotten der Leute,
du verbirgst sie in der Hütte vor den zänkischen Zungen.“
Diese Erfahrung hat wohl jede* schon einmal machen müssen:
Dass hinter dem Rücken über eine* geredet wird.
Und auch die Erfahrung, dass man sich Gegner*innen gegenübersieht,
die einer* nicht wohlgesonnen sind.
Denen man nicht passt,
die vehement eine andere Meinung vertreten,
sodass man sich in die Ecke gedrängt fühlt.

Das Psalmwort spricht Menschen,
die sich in einer solchen Situation befinden, Gottes Schutz zu.
Es spricht von Geborgenheit in „Gottes Hütte“.
Die „Hütte Gottes“ ist eine Umschreibung für ein Gebäude,
das durch seine Größe und Pracht das Gegenteil einer Hütte ist:
Der Tempel in Jerusalem.
In biblischer Zeit war der Tempel auch ein Flucht- und Rückzugsort.
Selbst ein Verbrecher, dem die Flucht in den Tempel gelang
und der sich dort an den Altar klammerte,
hatte dadurch sein Leben gerettet.
„Asyl“ nannte man das damals.
Ein Rechtsgut, das manche heute infrage stellen
und das immer mehr beschnitten wird.

Den Tempel gibt es nicht mehr.
Er wurde im Jahr 70 n.Chr. von den Römern zerstört.
Für uns Christ*innen ist die „Hütte Gottes“ die Kirche.
Kirchen waren schon immer auch Zufluchtsorte, und sie sind es bis heute.
Auch heute noch bieten sie Menschen, die vor Verfolgung fliehen, Asyl.
Auch uns, die wir nicht um unser Leben bangen müssen.
Auch wir finden Zuflucht in der Kirche,
wenn z.B. hinter unserem Rücken über uns geredet wird.
Wenn wir wegen unserer Meinung angefeindet, ausgegrenzt werden.
In eine Kirche kann man buchstäblich fliehen,
man kann sich in ihr verstecken, wie es im Psalm heißt.
Die bösen Worte, die giftigen Blicke hinter sich lassen.
Und Kraft schöpfen.
Kraft, die einer* von Gottes Angesicht zufließt.
Denn Gott sieht uns wohlwollend und freundlich an.
Im Gegensatz zu den unfreundlichen
oder sogar hasserfüllten Gesichtern der Gegner*innen
ist Gott uns freundlich zugewandt.
Ja, mehr noch: Gottes Angesicht leuchtet, wenn er uns ansieht.

Ein Gesicht leuchtet, wenn man sich über eine* andere* freut.
So leuchtet das Gesicht der Eltern, wenn sie ihr Kind ansehen.
So leuchten die Gesichter der Liebenden.
So leuchtet einer* das Gesicht über einen unerwarteten Besuch,
eine freundliche Geste.
So leuchtet Gottes Gesicht, wenn er uns ansieht.
Wir sind Gott eine Freude.
Diese Zu-Neigung Gottes zu uns gibt uns Kraft und Selbstvertrauen,
unseren Gegner*innen die Stirn zu bieten.
Solche Zuneigung Gottes finden wir nicht nur in der Kirche, auch im Gebet.
Die Kirche gibt uns den Freiraum und die Ruhe, Gott zu begegnen
um das Leuchten von Gottes Angesicht in unseren Alltag zu tragen.


EG 70,4 Von Gott kommt mir ein Freudenschein

Donnerstag, 6. Februar 2020

Gott, der HERR

Andacht zu Psalm 97,1: „Der HERR ist König“

Stolpern Sie auch manchmal über dieses Wort „HERR“,
„Gott, der HERR“?
Dieses Wort stammt aus einer Zeit,
als es noch Herren und Knechte gab -
Herren, die befahlen,
und Knechte, die zu gehorchen hatten.
Diese Zeit ist auch in unserem Land noch gar nicht so lange her.
Mein Großvater, der ein Landwirt war, wie mein Vater,
hatte noch Knechte, die auf dem Hof für ihn arbeiteten.
Damals aßen alle zusammen an einem Tisch,
und wenn mein Großvater mit dem Essen fertig war,
mussten auch die Knechte aufstehen.
Mein Großvater war ein schneller Esser.
„Wie ich arbeite, so esse ich“, pflegte er zu sagen.
Die Knechte mussten sich beim Essen mächtig beeilen,
wenn sie satt werden wollten.

Solche Zeiten sind zum Glück vorbei.
Aber in der Bibel finden wir sie sozusagen verewigt.
Da wird Gott alle naselang „HERR“ genannt.
In uns modernen Menschen lehnt sich etwas dagegen auf,
dass es einen „Herrn“ geben sollte - und sei es Gott.
Wir leben in einer freiheitlichen Demokratie.
Wir schätzen unsere Freiheit.
Es gehört für uns mit zum Wichtigsten,
niemandes Knecht zu sein,
sein eigener Herr zu sein.

Außerdem haben viele Menschen
ein Gespür dafür bekommen,
dass unsere Namen für Gott
Gott auf ein Geschlecht festlegen:
Wenn wir Gott „Herr“ oder „Vater“ nennen,
denken wir unwillkürlich an einen Mann.
So wird Gott ja auch dargestellt:
Ein alter, weißer Mann mit Bart.
Aber Gott ist kein Mann.
Gott ist auch keine Frau.
Gott ist weder männlich noch weiblich,
oder Gott ist beides zugleich.
Jedenfalls kann man Gott nicht auf ein Geschlecht festlegen.
Unsere Sprache tut das aber:
Das Wort „Gott“ ist männlich.
DER Gott.

Dabei steht an den meisten Stellen,
an denen in der Bibel Gott „HERR“ genannt wird,
im Hebräischen Text etwas ganz anderes.
Dort stehen vier Buchstaben: J, H, W und H.
Diese vier Buchstaben bilden den unaussprechlichen Namen Gottes.
Weil es nur Konsonanten sind,
kann tatsächlich niemand mit Gewissheit sagen,
welchen Namen diese vier Buchstaben einmal gebildet haben.

Es wurde ein frommer Brauch,
für die vier Buchstaben des Gottesnamens
ein anderes Wort einzusetzen,
eben das Wort „HERR“.
Wobei dieses „Herr“ zunächst nichts weiter als eine Anrede ist -
wie bei uns „Herr Meier“ oder „Frau Ministerpräsidentin“.
Wenn wir also zu Gott „Herr“ sagen,
ist das eine Anrede, zu der uns noch der Name fehlt.

Die Anrede „Herr“ ist eine Höflichkeitsfloskel,
ein Zeichen des Respektes.
Wenn wir Gott „Herr“ nennen,
drücken wir damit unseren Respekt vor Gott aus.
Wir geben damit vielleicht auch zu verstehen,
dass wir Gott als Herrn über unser Leben anerkennen.
Dass wir uns Gott unterordnen,
weil er es gut mit uns meint.
Gott wird uns nicht klein machen oder übers Ohr hauen,
uns nicht ausbeuten oder antreiben.
Gott will Gutes für uns,
will, dass unser Leben gelingt,
dass wir Glück und Freude erleben.
Diesem Herren können wir uns anvertrauen.
Und vielleicht können wir mit Jesus auch sagen:
Herr, dein Wille geschehe.


EG 379,1-4 Gott wohnt in einem Lichte.