Samstag, 27. März 2021

Marathon

 Zum Predigttext für den Sonntag Palmarum, 28. März 2021, über Hebräer 11,1-12,3

„Lasst uns laufen mit Geduld in dem (Wett-)Kampf, der uns bestimmt ist.” (Hebr 12,1)

Der Wettlauf – ein Bild für das Leben. Wir sprechen vom „Lebenslauf”, wenn wir die Stationen unseres Lebens-Weges aufzählen. Anders als beim Wettlauf geht es beim Lebens-Lauf nicht darum, als erster anzukommen. Im Gegenteil: Alt wie ein Baum möchte man werden, möglichst viele Stationen des Lebensweges erleben und passieren. Das Leben ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Ausdauer braucht man dafür, und Geduld.
Beide, Ausdauer und Geduld, werden uns zur Zeit im Übermaß abverlangt. Ein Jahr schon schränken wir uns ein, verzichten auf Besuche und Begegnungen, auf Reisen, auf Feste, Feiern und Gottesdienste. Unser Geduldsfaden ist in diesem Jahr arg strapaziert worden und wurde dabei immer dünner. Manch eine*r fragt sich besorgt, wie lang diese Durststrecke wohl noch andauern, ob die Kraft für voraussichtlich weitere Monate der Einschränkungen reichen wird. Woher nimmt man Geduld und Ausdauer, nachdem man sie schon so lange Zeit bewähren musste?

Vielleicht müssen wir, bevor wir diese Frage beantworten können, unsere Vorstellung vom Leben überprüfen. Das Leben, das wir vor der Corona-Pandemie lebten, war eines in großer Sicherheit und Freiheit, mit Möglichkeiten, die allein von der Größe des Geldbeutels beschränkt zu sein schienen. Doch für viele von uns ist das Leben noch nie so gewesen: Menschen mit einer Behinderung oder einer chronischen Erankung mussten immer schon Einschränkungen hinnehmen und lernen, damit zu leben. Menschen ohne Arbeit, Menschen, die mit Sozialhife, Hartz-IV oder Mindestrente auskommen müssen, konnten immer schon den Ferienfliegern auf ihrem Weg in den Süden nur hinterher sehen. Menschen, die aus Kriegsgebieten zu uns geflohen sind, auch unsere Eltern oder Großeltern, erinnern sich nur zu gut an zerstörte Städte und die ständige Angst, die sie damals erlebten und die sie bis heute mit Alpträumen verfolgt.
Wir erleiden seit einem Jahr, was manche Menschen ein Leben lang tragen und ertragen müssen. Das soll nicht heißen, dass es nicht schwer, mühsam und belastend wäre, oder dass wir keinen Grund zu klagen hätten. Es soll vielmehr heißen, dass wir uns bisher über das Leben Illusionen gemacht haben: Das Leben ist nicht so leicht und unbeschwert, wie viele von uns es führen durften.

Deshalb ist der Glaube so wichtig. Der Glaube als ein Vertrauen auf Gott, den man nicht sieht. Als ein Vertrauen auf eine Zukunft, die man nicht sehen kann, weil sie erst noch kommt und nur verborgen schon da ist. In diesem Vertrauen baut Noah die Arche mitten auf dem Land. In diesem Vertrauen verlässt Abraham seine Heimat, um als Fremdling im Land der Verheißung zu leben. In diesem Vertrauen wird Sarah in hohem Alter schwanger; hilft Rahab den israelitischen Kundschaftern in Jericho.
In diesem Vertrauen ging Jesus den Weg ans Kreuz. Er riskierte alles, sogar die tiefste Verlassenheit: die Gottverlassenheit. Er wurde nicht enttäuscht.
Folgen wir dem Vorbild der vielen Glaubenszeug*innen, die uns wie eine Wolke umgeben, folgen wir den Fußspuren Jesu, finden wir den Mut und die Kraft zu Ausdauer und Geduld.
Wir werden erfahren, dass wir durch Christus Freude in allem Leide erleben (EG Nr. 398).
Und dass es Ostern wird, auch dieses Jahr.

Samstag, 20. März 2021

Netzwerke

Gedanken zum Predigttext für den Sonntag Judika, 21. März 2021, über Hiob 19,19-27

„Ich weiß, dass mein (Er)Löser lebt.”

Hiob sitzt in der Asche und schabt mit einer Scherbe die Geschwüre auf seiner Haut. Er hat alles verloren. Alle haben sie ihn verlassen.
Hiob hat das Netzwerk verloren, das ihn getragen, ihm Reichtum und Einfluss verschafft hatte. Das Netz der Familie und Freunde, die zu ihm hielten. Das Netz der Angestellten, die für ihn arbeiteten und den Laden am Laufen hielten. Das Netz der Klienten, die von ihm abhängig waren oder ihm einen Gefallen schuldeten. Hiob beklagt, dass seine Knochen nur noch an Haut und Fleisch hängen würden. Er hat die Sehnen und Bänder verloren, die alles zusammenhalten, miteinander verbin­den und die Kraft übertragen - ein Bild dafür, wie lebenswichtig sein Netzwerk für ihn war.
Sogar von Gott fühlt Hiob sich verlassen. Und nicht nur verlassen, sondern sogar verfolgt. Er hat das Gefühl, Gott habe sich gegen ihn gestellt. Sogar zu Gott ist die Verbindung abgerissen.

Wer Liebeskummer erleidet, wer einen geliebten Menschen verlor oder schwer erkrankt ist, wird vielleicht ähnlich wie Hiob empfinden: Das Gefühl, von den Mitmenschen wie abgeschnitten und aus den Netzwerken gefallen zu sein, in denen man sich früher bewegte und die einem Sicherheit und Halt gaben.
Wer Schweres erleidet, erfährt zwar Mitleid und Betroffenheit. Aber die Mitmenschen stehen wie auf einem anderen Ufer, denn sie selbst erleiden nicht, was man gerade aushalten muss: Sie sind nicht krank, sie müssen nicht den Verlust des geliebten Menschen empfinden, das Ende einer Partnerschaft. Mit diesem Gefühl der Verzweiflung muss man allein zurechtkommen, findet keine Möglichkeit, es den anderen zu erklären. Manchmal gibt es nicht einmal mehr einen Draht zu Gott.

Hiob ist von allen verlassen, und trotzdem ist er nicht allein. Einer ist da, der für ihn einstehen wird: sein Löser.
In Israel war der Löser ein Verwandter oder Angehöriger; dazu verpflichtet, die Familie eines Verstorbenen zu erhalten, indem er den Besitz des Verstorbenen übernahm und dessen Witwe heiratete, wie es das Buch Rut erzählt. Der Löser sorgte noch nach dem Tod dafür, dass dem Verstorbenen und vor allem seiner Familie Recht widerfuhr.
Auf dieses Recht vertraut Hiob. Ein Recht, das sogar ihm zusteht, der aus allen menschlichen Bezügen, aus allen Netzwerken gefallen ist. Sogar Hiob bleibt nicht völlig allein. Mag selbst Gott sich von ihm abgewendet haben, sein Löser wird für ihn und sein Recht einstehen.

Aus dem Löser, auf den Hiob hoffte, wurde der Er-löser, der für uns einsteht: Jesus Christus. Christus, der selbst die Einsamkeit des Leides, das Verlassenwerden von seinen Freunden und sogar die Gottverlassenheit erlitten hat. Christus ist unser Löser, der uns auch im größten Unglück, in tiefster Einsamkeit beisteht. Durch die Taufe sind wir so eng mit ihm verbunden, dass wir geradezu ein Recht auf seinen Beistand erworben haben. Wir können uns darauf verlassen, selbst wenn wir das Gefühl haben, von Gott verlassen zu sein.
Unser Erlöser lebt. Er verknüpft uns mit Gott, wenn unsere Verbindung zu Gott abgerissen ist. Er verknüpft uns mit seinem Netzwerk, der Gemeinde, wenn das Netz der Menschen, auf die wir zählen konnten, zerrissen ist. So gibt er uns eine Zukunft, die sogar über die Grenze des Todes hinaus reicht.

Samstag, 13. März 2021

Wachsen wie ein Weizenkorn

Gedanken zum Predigttext für den Sonntag Lätare, 14. März 2021, über Johannes 12,20-26
Das Weizenkorn bleibt allein, wenn es nicht in die Erde fällt und stirbt.
Wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht.

Wenn im Herbst die Kastanien reif werden, kann ich nicht anders: Ich muss mich danach bücken und eine, oder am besten gleich eine ganze Handvoll, mit nach Hause nehmen. Zu schön leuchtet ihre rotbraune Schale. Ich lege sie in die Fensterbank und freue mich an ihnen. Dann kommt der Winter, ich vergesse sie, und sie stauben langsam ein. Jetzt, im Frühjahr, sind sie klein und verschrumpelt. Das Weizenkorn bleibt allein, wenn es nicht stirbt. Samenkörner, so schön sie aussehen, sind nicht dafür da, sie aufzubewahren. Sie wollen ausgesät werden; dabei sterben sie. Es vergeht die Schönheit ihrer Schale. Dafür wächst aus der Kastanie ein Baum, der nach einer Generation hunderte der rotbraunen Früchte hervorbringt. Beim Weizen kann man diese wunderbare Vermehrung sogar im selben Jahr beobachten, wenn aus dem Korn ein Halm mit einer Ähre gesprossen ist, in der ein Dutzend Körner sitzen.

Jesus vergleicht uns mit dem Weizenkorn. Wer sein Leben, mit anderen Worten: sich selbst, in den Mittelpunkt stellt, ist wie das Samenkorn, das man mit nach Hause nimmt. Es erfreut eine*n eine Zeit lang, aber dann hat man es über und vergisst es. Wer dagegen sein Leben verliert, also: sich selbst nicht so wichtig nimmt, bewahrt sein Leben auf für das ewige Leben. Um gleich einem Missverständnis vorzubeugen: Damit ist nicht gemeint, dass man sein Leben nicht wert schätzen, dass man sich opfern oder gar den Märtyrertod sterben soll. Was Jesus mit „sein Leben verlieren” meint, erkennt man, wenn man Kinder beobachtet, wie sie selbstvergessen spielen. Diese Selbst-Vergessenheit im wahrsten Sinne des Wortes: sich selbst und die Sorgen um die Zukunft, um das Aussehen und Ansehen, um den Wert und die Wirkung auf andere vergessen, das ist gemeint, wenn Jesus davon spricht, sein Leben zu verlieren.

Das Kind spielt selbstvergessen. Aber ein*e Erwachsene*r spielt nicht mehr wie ein Kind - wie vergisst sie oder er dann sich selbst? Jesus sagt: indem man ihm dient. Dieser Dienst für Jesus besteht in der Nachfolge. Nachfolge bedeutet, in Jesus’ Fußtapfen zu treten. Diese Fußtapfen sind eigentlich zu groß für uns. Aber wenn man nicht darüber nachdenkt und selbstvergessen hinter Jesus her stapft, entdeckt man, dass man manches von dem tut, was Jesus sich von seinen Nachfolger*innen wünscht: Hungernde sättigen, Fremde willkommen heißen, Bedürftige kleiden, Kranke besuchen (Matthäus 25,35).

Wer auf diese selbstvergessene Weise sein Leben verliert, dem ergeht es wie dem Weizen: Er wächst, wird hundertmal größer und sehr viel schöner als das kleine Samenkorn, aus dem er hervorgegangen ist.

Freitag, 5. März 2021

Nachahmer Gottes

Gedanken zum Predigttext für den Sonntag Okuli, 7.3.2021, Epheser 5,1-9
„Werdet Nachahmerinnen und Nachahmer Gottes als geliebte Kinder!”

Nachahmerin, Nachahmer Gottes werden, diese Aufforderung klingt verführerisch. Sie ist aber auch ein Anspruch, an dem man nur scheitern kann. Wer könnte es wagen, wie Gott sein zu wollen? Selbst mit einem übergroßen Ego Gesegnete wie Donald Trump scheuen vor diesem letzten Schritt zurück - auch wenn Trump kurz davor war, als er sein Buch „The Art of the Deal” mit der Bibel verglich. Sie ahnen vielleicht, dass ihnen andernfalls das gleiche Schicksal droht as den Fischer sin Fru, die der „Buttje in de See” zwar noch Päpstin werden ließ, aber als sie sein wollte wie Gott, da saß sie wieder in ihrem alten Pisspott, wo sie hergekommen war.

Wie Gott sein zu wollen, ist verführerisch. Aber man ahnt, dass dieser Wunsch kein gutes Ende nimmt. Warum drängt uns der Epheserbrief dennoch dazu? Der Epheserbrief spricht uns als „geliebte Kinder” an. Damit weist er uns einen Platz zu: Gott ist der Vater, wir seine Töchter und Söhne. Es geht also nicht darum, Gottes Stelle einzunehmen, sondern darum, es Gott gleich zu tun, wie Kinder ihren Eltern nacheifern.

Kinder lernen von ihren Eltern. Zuerst kopieren sie, was die Eltern tun. Später grenzen sie sich mehr oder weniger stark von ihren Eltern ab und tun manchmal das genaue Gegenteil, leben z.B. vegetarisch, wenn es zuhause Fleisch zu essen gab, oder fahren mit dem Fahrrad, wenn die Eltern viel Auto fuhren.
Werden die Kinder selbst Eltern, stehen sie vor der Frage, was sie von ihrer Erziehung an die eigenen Kinder weitergeben und was sie anders machen wollen. Jede Generation hat da ihre eigenen Überzeugungen. Und jede Generation erfindet in gewisser Weise dabei das Rad neu. Die Eltern, die jetzt Großeltern sind, können sich entspannt zurücklehnen und zusehen, wie ihre Kinder mit den selben Problemen kämpfen wie sie damals, und wie sie zwar anders, aber letztlich genauso scheitern wie sie.
Doch wenn es einigermaßen gut ging, dann haben die Eltern ihren Kindern ihre Liebe gegeben. Liebe, aus der Mitgefühl, Verständnis, Stolz und Respekt erwachsen. Wenn Liebe die Eltern bei der Erziehung ihrer Kinder leitete, und wenn Liebe die Eltern noch immer mit ihren Kindern verbindet, dann kann nicht allzuviel schief gehen. Und dann werden die Kinder auch an ihre Kinder die Liebe weitergeben, die sie erfahren haben und die ihre Eltern noch immer für sie empfinden.

Und so ist es auch mit unserem Verhältnis zu Gott. Gott liebt uns so, wie unsere Mutter, unser Vater uns geliebt haben, wenn es gut ging, und wie sie uns noch immer lieben. Nur, dass Gottes Liebe frei ist von Stimmungsschwankungen, Irritationen, Kränkungen und Missverständnissen. Gott liebt uns immer, bedingungslos. Mit einer so tiefen Liebe, dass wir sie niemals ausschöpfen, niemals wirklich ermessen können. Als geliebte Kinder Gottes leben wir aus dieser Liebe. Und so, wie wir, wenn es gut ging, die Liebe, die wir von unseren Eltern erfuhren, an unsere Kinder weitergeben, so geben wir die Liebe, die Gott uns schenkt, an unsere Mitmenschen weiter. Auf diese Weise werden und sind wir Gottes Nachahmerinnen und Nachahmer.

Samstag, 27. Februar 2021

Gott wartet

Gedanken zum Predigttext für den Sonntag Reminiszere, 28.2.2021, Jesaja 5,1-7

„Gott wartete auf Rechtsspruch,
siehe, da war Rechtsbruch,
auf Gerechtigkeit,
siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.”

„Hoffen und harren hält manchen zum Narren”, pflegte meine Großmutter zu sagen. Jesaja scheint ihr Sprichwort zu bestätigen: Gott wartet offenbar vergeblich auf Recht und Gerechtigkeit. Unrecht und Schlechtigkeit, wohin man sieht. Nachrichten und Zeitung sind täglich voll davon. Und fühlen sich nicht auch viele Menschen in unserem Land durch die Corona-Maßnahmen ungerecht behandelt?

Wenn das Sprichwort meiner Großmutter recht hat, wird dann nicht auch Gott zum Narren gehalten, wenn er noch immer auf Recht und Gerechtigkeit wartet, obwohl er es doch besser wissen müsste? Vor allen anderen müsste Gott doch wissen, wie wir Menschen sind! „Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf”, stellt Gott nach der Sintflut ernüchtert fest (1.Mose 8,21) - so, als habe Gott noch vor dem Neuanfang der Menschheit bereits die Hoffnung aufgegeben, dass der Mensch zum Guten fähig sei. Aber trotzdem wartet Gott.
Gott wartet nicht vergeblich. Wenn wir in uns hineinhorchen, können wir nicht bestätigen, dass unser Herz nach Bösem trachtet. Im Gegenteil: Wir sind meistens ziemlich nett, manchmal sogar zu Leuten, die nicht nett zu uns sind. Wir bemühen uns, gut zu sein. Und öfter als man denkt gelingt es uns, an andere zu denken, ihnen etwas Gutes zu tun, uns um andere zu kümmern oder ihnen zu helfen. Möglicherweise nicht so oft und nicht so sehr, wie wir könnten und sollten. Aber im Großen und Ganzen können wir doch ganz zufrieden mit uns sein. Und Gott ist es auch. Gott wartet nicht vergebens, weil wir und viele andere Menschen sich darum bemühen, gut zu sein und Gutes zu tun. Wir tun unser Teil dafür, dass Recht und Gerechtigkeit herrschen, und so hält Gottes Harren ihn nicht zum Narren.

Würden wir das Gute auch tun, wenn Gott nicht darauf warten würde?
Für unsere Familie, unsere Freunde sicherlich. Doch damit wir uns für unsere Gesellschaft, unsere Umwelt verantwortlich fühlen, damit fremdes Leid und das Unrecht in anderen Teilen der Welt uns nicht kalt lassen, ist es nötig, dass Gott auf Recht und Gerechtigkeit wartet. Es braucht das Warten Gottes. Gottes Warten ist nicht wie unser ungeduldiges Warten darauf, dass wir endlich an die Reihe kommen. Gottes Warten ist nicht wie unser sorgenvolles Warten auf die Liebste oder den Liebsten, wenn er oder sie länger ausbleibt als gedacht. Gottes Warten ist nicht wie unser genervtes Warten darauf, dass der Hund sein Geschäft gemacht, das Kind die Hausaufgaben fertig, Partnerin oder Partner das Essen gekocht hat. Gottes Warten ist ein geduldiges Zutrauen, dass wir das Richtige tun werden. Obwohl Gott sich keine Illusionen über das menschliche Herz macht, glaubt Gott an uns. Gott glaubt daran, dass wir uns einsetzen werden für Recht und Gerechtigkeit. Gott glaubt, dass wir das Rechte tun, wenn er geduldig darauf wartet.
Und wir tun es.

Samstag, 20. Februar 2021

Leidensgeschichte

Gedanken zum Predigttext für den Sonntag Invocavit, 21. Februar 2021, über Johannes 13,21-30

„Da sprach Jesus zu Judas: Was du tust, das tue bald.” (Johannes 13,27)

Jesus wird von Judas verraten. Mit dieser Geschichte beginnt die Passionszeit. Damit beginnt auch die Leidensgeschichte, in der Jesus auf seinen Tod am Kreuz zugeht. Eine Leidensgeschichte ist etwas, was man erleidet, was als Schicksalsschlag über einen kommt, dem man machtlos ausgeliefert ist. Nicht so Jesus. Er wird nicht wie seine Jünger weglaufen, als man ihn verhaftet, wird Spott, Misshandlung und Demütigungen ertragen. Wird sich auch nicht wehren, als man ihn ans Kreuz schlägt und einen langsamen, qualvollen Tod sterben lässt. Jesus wehrt sich nicht, und dennoch - und das macht den ganzen Unterschied aus - erleidet er dieses Schicksal nicht. Er hat es selbst so gewählt. Er selbst reicht Judas den Bissen, durch den er zum Verräter wird. Er treibt ihn sogar an: „Was du tust, das tue bald”, als könne das Ende nicht schnell genug kommen.

Unsere Leidensgeschichte wählen wir nicht selbst. Krankheit oder Tod eines lieben Menschen kommen über uns als Schicksalsschläge und verändern unser Leben - manchmal so sehr, dass wir es nicht wiedererkennen. Auch die Corona-Pandemie ist ein solcher Schicksalsschlag, der unser aller Leben nachhaltig beeinträchtigt hat. Wir haben uns das nicht ausgesucht, und wir hätten uns das auch nicht ausgesucht, wenn wir die Wahl gehabt hätten.

Hätte - dieses kleine Wort macht den ganzen Unterschied aus. Weil wir wissen, wie es vorher war, wie es anders sein könnte, darum ist das Leiden so unerträglich, darum erscheint es so ungerecht. Wir könnten gesund sein, frei, unbeschwert, glücklich - aber wir sind es nicht. Der Verzicht auf das „Hätte” fällt schwer, ist vielleicht gar nicht möglich. Doch wo er gelingt, wo man akzeptieren kann, dass das Leben so ist, wie es nun einmal ist, gewinnt man Freiheit. Freiheit, die Möglichkeiten zu sehen, die man trotz allem immer noch hat. Man erleidet sein Schicksal nicht, sondern nimmt es an - und entdeckt, dass das Leben noch immer Möglichkeiten, noch immer Schönes bereit hält.

Jesus weiß, was ihn erwartet. Er sieht den Weg vor sich, den er gehen muss, und geht ihn. Er sorgt selbst dafür, dass sein Schicksal sich erfüllt, indem er Judas zum Verräter macht und ihn losschickt. Wir sind nicht wie Jesus, und müssen es auch nicht sein. Was wir aber von ihm lernen können, ist, dass wir auch in scheinbar ausweglosen Situationen, in Verzweiflung, Leid und Schmerz, Herren unseres Lebens sind und bleiben. Denn unser Leben steht in Gottes Hand. Es steht in Gottes Hand, das bedeutet: das Urteil über unser Leben ist längst gesprochen. Es ist das „Siehe, es war sehr gut”, das Gott über seine Schöpfung gesagt hat. Unser Leben ist gelungen, ist gut, auch wenn wir es nicht so leben können, wie wir oder andere es sich vorgestellt haben. Es kommt nicht darauf an, dass sich erfüllt, was wir uns wünschen, dass wir erfolgreich sind, reich und berühmt - so schön das vielleicht wäre. Vielmehr kommt es darauf an, dass wir verstehen, dass Gott uns unser Leben gab. Wenn wir beten „Dein Wille geschehe”, bitten wir darum, das Leben, das Gott uns gab, annehmen zu können und es nicht anders haben zu wollen. Wir bitten darum, vom „Hätte” wegzukommen, zu sehen und anzunehmen, was ist. Das gibt uns die innere Freiheit, unser Leben anzunehmen. Dann erleiden wir das Leben nicht, sondern nehmen unser Schicksal an und entdecken die Möglichkeiten, die das Leben für uns bereithält.

Samstag, 13. Februar 2021

Licht sein

Gedanken zum Predigttext für den Sonntag Estomihi, 14. Februar 2021, Jesaja 58,1-9a

„Dein Licht wird hervorbrechen wie die Morgenröte.” (Jes 58,8)

Endlich werden die Tage wieder spürbar länger! Wenn man morgens aufsteht, wird es bereits hell. Dieser Tage wird man für’s Frühaufstehen mit einem wunderbaren Morgenrot belohnt. Und man muss auch nicht schon am Nachmittag das Licht in der Wohnung anschalten, sondern tatsächlich erst zum Abend. Diese Helligkeit ist tröstlich nach den dunklen Tagen. Wenn die Sonne scheint, hat man gleich gute Laune. Wir können die Dunkelheit aushalten und mögen sie auch hin und wieder ganz gern, aber wir brauchen das Licht, um uns wohlzufühlen und glücklich zu sein.

Der Prophet Jesaja spricht davon, dass in uns Licht steckt, und dass dieses Licht hervorbricht wie die Morgenröte, die einen verzaubern und in ihren Bann ziehen kann. Da wir nicht im Dunkeln leuchten, kann Jesaja das mit dem Licht nur im übertragenen Sinne gemeint haben. Die Morgenröte gibt uns den Hinweis: So, wie die Morgenröte den Betrachter bezaubert, können auch wir bezaubern. Wir können ganz bezaubernde Menschen sein. Wann sind wir das, und wie machen wir das? Auch darauf gibt Jesaja einen Hinweis: „Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus”. Wir sind immer dann bezaubernd, wenn wir uns anderen Menschen zuwenden. Menschen, die Hilfe suchen. Menschen, die einsam sind. Menschen, die von anderen geschnitten und gemieden werden. Menschen, die nicht mehr damit rechnen, dass jemand an ihnen und ihrem Schicksal Interesse hat. Menschen, die sonst keinen haben, der sich für sie und ihre Belange einsetzt. Die Liste ist lang; man kann sie leicht verlängern. Es gibt viele Menschen, die im Dunkeln sitzen - auch wir gehören manchmal dazu.

Wenn wir uns anderen zuwenden, leuchten wir nicht aus uns selbst, wie gesagt. Auch das Morgenrot leuchtet nicht aus sich selbst. Es reflektiert das Licht der Sonne. Wenn wir uns Menschen zuwenden, leuchtet ihr Gesicht vor Freude. Unser Leuchten ist ein Widerschein ihres leuchtenden Gesichtes; wir reflektieren ihr Leuchten, wie die Morgenröte das Licht der Sonne.

Noch immer können wir uns nicht treffen. Noch immer können wir nicht Gottesdienst feiern, wie wir es gewohnt sind. Aber wir können uns anderen zuwenden, einander helfen. Jesaja meint, das sei etwas, an dem Gott Freude hat: ein Gottes-Dienst im wahrsten Sinne des Wortes. Solange wir nicht zusammenkommen können, feiern wir Gottesdienst auf diese Weise: indem wir einander nicht vergessen und uns besonders um Verletzliche, Schwache und Einsame kümmern. Dann leuchten ihre Gesichter, und dann leuchten wir - wie die Morgenröte.