Sonntag, 27. Mai 2012

Baustelle "Leib Christi"


Predigt am Pfingstmontag, 29. Mai 2012, über Epheser 4,11-16

Liebe Gemeinde,

willkommen auf der Baustelle!
Sie werden es nicht gemerkt haben,
aber wir sind hier gerade schwer am Bauen.
Zwar ist keine Baugrube ausgehoben,
noch nicht einmal ein Bauplatz abgesteckt,
und weder Bagger noch Bauwagen,
geschweige denn Sand, Steine und Zement sind da.
Trotzdem sind wir mitten drin,
schon lange wird hier gebaut.

Wir hätten auch Sie gern dabei,
wir bitten Sie um Ihre Unterstützung und Mithilfe
als Bauarbeiter, Handlanger,
als Installateur, Elektriker, Zimmermann, Dachdecker
- je nachdem, was und wieviel Sie können,
was und wieviel Sie sich zutrauen.

"Ja, was wollen die denn bauen?", werden Sie sich fragen.
Die Klosterkirche muss doch nicht schon wieder renoviert werden?
Oder soll hier, direkt neben der schönen, großen Klosterkirche,
mitten im Klostergarten ein zweiter Bau aufgeführt werden?
Das wäre doch mehr als überflüssig!
Die Denkmalpflege würde da auch gar nicht mitspielen,
geschweige denn all die Menschen,
die die Klosterkirche und den Klostergarten lieben.

Aber wir wollen ja auch keine zweite Kirche bauen,
und auch kein anderes Gebäude neben die Klosterkirche setzen.
Wir versuchen nur, uns an das zu halten,
was uns der Predigttext aus dem Epheserbrief aufträgt:

"Christus setzte Amtsträger ein:
Apostel, Propheten, Evangelisten, Gemeindeleiter und Lehrer,
mit dem Ziel, die Heiligen zur Dienstleistung anzuleiten.
Dadurch wird der Leib Christi gebaut, 
bis alle die Einheit des Glaubens 
und die Erkenntnis des Sohnes Gottes erreichen werden,
das Erwachsensein, die Größe der Fülle Christi,
damit wir keine Kinder mehr sind,
die von jedem Wind der Lehre hin- und hergeworfen 
und umhergetrieben werden im Spiel der Menschen
mit den Taschenspielertricks des Irrtums.
Weil wir aber Wahrheitsliebende sind,
werden wir aus Liebe alles zu ihm wachsen lassen,
zu Christus, der das Oberhaupt ist.
Durch ihn wird der ganze Leib zusammengefügt und zusammengehalten 
durch jedes Band der Unterstützung,
die auf Grund seiner Kraft
in dem Maß, wie jeder Einzelne daran Anteil hat,
das Wachstum des Leibes bewirkt,
der sich selbst baut durch die Liebe."
(Eigene Übersetzung)

II
Sie sehen, wir wollen etwas ganz Besonderes bauen:
den Leib Christi.
Zunächst einmal: es ist eigenartig,
dass man einen Leib, einen Körper "bauen" kann.
Denn es geht hier ja nicht um ein Standbild,
wie die beiden Herzöge hoch zu Ross vor dem Schloss.
Der "Leib Christi" ist ein lebendiger Körper,
- und trotzdem wird er gebaut.
Es wird ein Gebäude, in dem wir zuhause sind,
aber es wird keine Kirche - die haben wir ja schon.
Der "Leib Christi", das ist die Gemeinde,
die "Gemeinschaft der Heiligen",
wie wir im Glaubensbekenntnis beten.
Dabei handelt es sich nicht um eine besondere Gemeinschaft,
einen Club, zu dem nur Auserwählte Zutritt hätten
oder nur solche, die vom Papst heilig gesprochen wurden.
"Gemeinschaft der Heiligen" sind wir alle,
und deshalb richten sich die Worte des Epheserbriefes auch
an uns alle:
wir, die Heiligen, sollen uns zur Dienstleistung anleiten lassen.
Wir sollen alle Dienstleister werden
- auch, wenn wir es beruflich schon sind
als Sozialarbeiter oder Ärztin,
als Lehrerin oder Krankenpfleger.

Gemeinde wird nicht zusammengeschweißt oder genietet,
nicht gemauert oder gezimmert;
sie entsteht aus Dienstleistungen.
Gemeinde wird auch nicht herbeigeredet oder -gepredigt,
nicht durch einen Verwaltungsakt verordnet
oder durch Mehrheitsentscheidung beschlossen;
sie entsteht durch Dienstleistungen:
Gemeinde entsteht da,
wo Menschen nicht einfach nur nebeneinander her leben,
nicht einfach nur während des Gottesdienstes nebeneinander sitzen
und hinterher wieder ihre eigenen Wege gehen,
sich ins Private, in die eigenen vier Wände zurückziehen.
Gemeinde, wenn sie Leib Christi ist,
entsteht da, wo Menschen sich füreinander interessieren
und einander helfen, wenn das nötig wird.

III
Dieses Gemeindebild, das der Epheserbrief zeichnet,
mutet uns einiges zu.
Es ist, genau genommen, eine ziemliche Zumutung.
Wir haben uns und unser Leben anders eingerichtet.

Wir sind ja keine Unmenschen:
Wir helfen, wenn jemand Hilfe braucht.
In der Familie, im Freundeskreis, in der Nachbarschaft.
Auch im Alltag halten wir Türen auf,
machen Plätze im Bus für Ältere frei
oder fassen schnell mal mit an, wenn das nötig ist.

Aber damit hat es dann auch sein Bewenden.
Sein Leben, das lebt jede und jeder selbst.
Jede und jeder muss selber sehen,
wie er es meistert und da am besten durchkommt.
Wir können uns ja schlecht um jeden kümmern.
Wer seinen Job verloren hat, muss sich eben einen neuen suchen;
wer als Alleinerziehende mit Kind, Beruf und Haushalt überfordert ist,
muss eben eine Hilfe anstellen oder einen Krippenplatz finden,
und wer im Alter keine Angehörigen hat,
die ihr oder ihm helfen können, der muss eben ins Heim.

So ist das nun mal.
Dafür gibt es ja das Arbeitsamt, den Kindergarten, das Altersheim.
Damit wir uns nicht auch noch darum kümmern müssen.
All das, was Probleme macht,
haben wir an Einrichtungen delegiert,
die sich kümmern sollen.
Dafür zahlen wir unsere Steuern:
dass wir uns nicht selbst kümmern müssen,
sondern unser Ding machen, unser Leben leben können.
Blöd ist es für alle, die es so hart trifft.
Aber so ist es eben, das Leben.

IV
Ja, so ist das Leben.
Wir haben uns darin eingerichtet,
wir sind damit groß geworden.
Und so schlecht ist es ja auch nicht.
Jedenfalls solange uns nicht
Arbeitslosigkeit, Alleinsein oder Alter treffen.

Heute, an Pfingsten,
am Fest, an dem der Heilige Geist weht,
uns neue und andere Gedanken zumutet,
werden wir gefragt,
ob es wirklich so sein und bleiben muss, wie es ist;
ob es nicht auch anders ginge, das Leben,
und ob dieses Andere nicht vielleicht sogar besser wäre.

Der Epheserbrief trägt uns auf,
den Leib Christi zu bauen.
Als hätten wir nicht schon Gebäude genug.
Aber der Leib Christi ist ja ein ganz besonderes Gebäude.
Er ist unsere geistliche Heimat: die Gemeinde.
Und er ist noch mehr.

An Himmelfahrt haben wir uns daran erinnert,
dass Jesus seine Jünger verließ.
"Aufgefahren in den Himmel" - das bedeutet:
Jesus ist nicht mehr hier.
Gott wurde Mensch,
aber diese Erdung Gottes,
dieses zur-Welt-Kommen ist ja schon gar nicht mehr wahr.
Wäre schon gar nicht mehr wahr.
Wenn es den Leib Christi nicht gäbe.
In der Gemeinde ist Jesus noch immer leibhaft gegenwärtig.
Er ist mitten unter uns,
spürbar, sichtbar, erfahrbar in Ihnen und mir.
Wir verkörpern als Gemeinde Christus
mit Hand und Fuß, mit Herz und Mund.

Christus hat viel gepredigt.
Was er aber vor allem tat und was das Wichtigste war:
Er hat sich den Menschen zugewandt.
An Christus konnten seine Zeitgenossen erfahren,
dass Gott nicht oben in den Wolken thront
und ihm die Menschen hier unten herzlich egal sind.
Gott wendet sich vielmehr den Menschen zu,
jeder und jedem Einzelnen.
Keine ist ihm zu klein, keiner zu unbedeutend,
kein Schicksal zu unwichtig.

V
Deshalb sollen wir Dienstleister werden.
Wir sollen uns liebevoll unseren Mitmenschen zuwenden,
damit sie durch uns erfahren, dass Gott da ist
und dass sie Gott nicht egal sind.
Sondern dass Gott sich ihnen liebevoll zuwendet
und an ihrem Leben, ihrem Schicksal Anteil nimmt.

Das ist nicht der Auftrag an die hauptamtlich in der Kirche Tätigen.
Die sollen vielmehr immer wieder daran erinnern,
dass es unser aller Auftrag ist.
Sie sollen die Menschen in der Gemeinde davon überzeugen,
mitzuarbeiten - jede und jeder nach ihren und seinen Fähigkeiten,
niemand über das Maß seiner und ihrer Kraft hinaus -,
mitzuarbeiten am Bau des Leibes Christi,
der sich nicht aus Sand und Steinen erbaut,
sondern aus Liebe.

Wenn wir diese Liebe aufbrächten,
würde sich manches ändern. Vielleicht sogar alles.
Es könnte sein, dass sich dann Werte und Gewichte verschieben.
Es ist sogar sehr wahrscheinlich,
dass manches, was uns unverzichtbar erschien,
mit einem Mal nebensächlich wird.
Dass Auto, Urlaub und Haus nach wie vor wichtig,
aber nicht mehr alles sind.
Dass wir unsere Erfüllung nicht mehr nur
in der Familie, im Haustier, im Hobby finden,
sondern darin, einem Menschen geholfen zu haben.
Dass wir großes Glück erleben,
wenn wir jemanden zum Lächeln bringen konnten.
Und dass wir den Sinn unseres Lebens darin entdecken,
anderen Menschen ein kleines Stück von dem Glück zu schenken,
das wir genießen können.

Vielleicht haben Sie ja Lust bekommen, mitzubauen.
Man kann ihn nicht sehen, den Bau des Leibes Christi.
Aber er ist schon ziemlich groß
- viel größer und schöner als die Klosterkirche.
Es arbeiten viele daran mit,
es ist schon ganz schön was los auf dieser Baustelle.
Kommen Sie doch dazu, helfen Sie mit!
Willkommen im Team!

Amen.

Samstag, 5. Mai 2012

Verlust und Gewinn


Predigt am Sonntag Kantate, 6.5.2012, zur Graupner-Kantate "Was betrübst du dich, meine Seele" über Johannes 16,5-15:

"Bisher habe ich nicht mit euch darüber gesprochen, weil ich ja bei euch war. Aber jetzt gehe ich zu dem, der mich gesandt hat. Und keiner von euch fragt mich: 'Wohin gehst du?' Denn ihr seid erfüllt von tiefer Traurigkeit über das, was ich euch sage. Doch glaubt mir: Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht von euch wegginge, käme der Helfer nicht zu euch; wenn ich aber gehe, werde ich ihn zu euch senden.
Und wenn er kommt, wird er der Welt zeigen, dass sie im Unrecht ist; er wird den Menschen die Augen öffnen für die Sünde, für die Gerechtigkeit und für das Gericht. Er wird ihnen zeigen, worin ihre Sünde besteht: darin, dass sie nicht an mich glauben. Er wird ihnen zeigen, worin sich Gottes Gerechtigkeit erweist: darin, dass ich zum Vater gehe, wenn ich euch verlasse und ihr mich nicht mehr seht. Und was das Gericht betrifft, wird er ihnen zeigen, dass der Herrscher dieser Welt verurteilt ist.
Ich hätte euch noch viel zu sagen, aber ihr wärt jetzt überfordert. Doch wenn der Helfer kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch zum vollen Verständnis der Wahrheit führen. Denn was er sagen wird, wird er nicht aus sich selbst heraus sagen; er wird das sagen, was er hört. Und er wird euch die zukünftigen Dinge verkünden. Er wird meine Herrlichkeit offenbaren; denn was er verkünden wird, empfängt er von mir. Alles, was der Vater hat, gehört auch mir. Aus diesem Grund sage ich: Was er euch verkünden wird, empfängt er von mir."
(NGÜ)

Liebe Gemeinde,

Die Stunde des Abschieds war gekommen:
„Ach!“, sagte der Fuchs, „ich werde weinen.“
„Das ist deine Schuld“, sagte der kleine Prinz, „ich wünschte dir nichts Böses, aber du hast gewollt, dass ich dich zähme ...“
„Sicher“, sagte der Fuchs.
„Aber nun wirst du weinen!“, sagte der kleine Prinz.
„Bestimmt“, sagte der Fuchs.
„So hast du also nichts gewonnen!“
„Ich habe“, sagte der Fuchs, „die Farbe des Weizens gewonnen.“
(Antoine de Saint-Eupery, Der kleine Prinz [1])

I
Vom Abschied singt die Kantate [2].
Daher der für den fröhlichen Sonntag Kantate - Singet -
so ungewöhnliche, traurige Titel:
"Was betrübst du dich, meine Seele?"

Scheiden tut weh, sagt schon das Volkslied.
Je älter man wird, desto mehr Abschiede hat man erlebt.
Aber man gewöhnt sich nie daran:
Abschied nehmen müssen tut immer wieder weh.
Der Abschiedsschmerz wird mit der Zahl der Abschiede nicht geringer.
Im Gegenteil.

Auch Jesus nimmt Abschied von seinen Jüngern.
Wir haben die Lesung, die der Kantate zugrunde liegt,
zu Beginn des Gottesdienstes gehört.
Es ist ein doppelt schmerzhafter Abschied.
Denn die Jünger hatten Jesus ja schon einmal verloren geglaubt,
bei seinem Tod am Kreuz.
Dann war er auferstanden,
war auf wunderbare Weise wieder bei ihnen gewesen.
Und nun geht er schon wieder fort.
Diesmal endgültig.
Und die Jünger sollen nicht traurig sein?

II
In der Geschichte vom "Kleinen Prinzen"
geht es auch um den Abschied.
Die ganze Geschichte kreist um dieses Thema.
Und wie bei unseren Abschiedserfahrungen,
wie bei Jesu Abschied von seinen Jüngern
spielt auch in dieser Geschichte der Tod eine entscheidende Rolle:
Dem Pilot, der die Geschichte vom kleinen Prinzen erzählt,
droht der Tod in der Wüste,
wenn er sein Flugzeug nicht reparieren kann.
Und der kleine Prinz muss sterben,
am Gift einer Schlange,
um zu seinem Asteroiden und zu seiner Rose
zurückkehren zu können.
Sein Körper ist für die Reise zu schwer.

Abschied erscheint uns als Verlust.
Auch der kleine Prinz, der den Abschied erst kennen lernt,
denkt so.
Aber weil er noch keine Erfahrung mit dem Abschied hat,
weil er noch lernt und alles infrage stellt,
bringt er die Frage nach dem Gewinn ins Spiel,
als er sich von seinem Freund, dem Fuchs, verabschiedet.
Unbewusst.
Eigentlich will er sagen: Du hast nichts gewonnen.
Denn der Schmerz des Abschieds
wiegt seiner Meinung nach den Gewinn der Freundschaft wieder auf.
Wenn man den Freund durch den Abschied verliert,
den man zuvor gefunden hat ("gezähmt", sagt der Fuchs)
war alles umsonst,
dann hat man nichts gewonnen.

So erscheint es auch den Jüngern.
Für sie, für uns ist es doppelt schmerzlich,
dass Jesus nicht mehr da ist.
Denn dadurch fehlt uns etwas,
an das wir uns halten können.
Wenn Jesus noch da wäre,
wenn es etwas gäbe, das unzweifelhaft auf ihn hinweist
- wie der heilige Rock Jesu,
der dieser Tage wieder in Trier gezeigt wird,
wie die Splitter seines Kreuzes,
die als Reliquien in vielen Kirchen verehrt wurden -,
dann fiele es leichter, an ihn zu glauben.
Aber wir haben nichts.
Er ist einfach nicht mehr da.
Wir haben nichts gewonnen.
Jesus ist noch weiter weg als der kleine Prinz auf seinem Asteroiden,
den man mit viel Glück
wenigstens mit dem Fernrohr ausmachen kann.
Jesus ist bei Gott, bei seinem Vater.
Unsichtbar für uns,
auch wenn er uns vielleicht ganz nahe ist.

III
„Ich habe“, sagte der Fuchs, „die Farbe des Weizens gewonnen.“
Der Fuchs widerspricht dem kleinen Prinzen.
Er hat etwas gewonnen,
weil der kleine Prinz etwas in seinem Leben verändert hat,
etwas, das bleibt, über den Abschied hinaus.
Der kleine Prinz hat weizenblondes Haar.
Der Fuchs, der kein Vegetarier ist,
konnte mit dem Weizen bisher nichts anfangen.
Er war ihm gleichgültig.
Seit er den kleinen Prinzen zum Freund hat,
erinnert ihn der Weizen an dessen blondes Haar.
Und das wird immer so sein,
auch dann, wenn der kleine Prinz nicht mehr da ist.

So ist es ja auch mit den Menschen,
von denen wir uns verabschieden mussten,
die wir durch den Tod, durch einen Streit
oder auf andere Weise verloren haben.
Sie sind nicht mehr da,
sie fehlen uns, und das tut weh.
Aber wir haben etwas gewonnen:
Sie haben unser Leben verändert.
Seit wir sie kennen, sehen wir manche Dinge anders,
hat etwas für uns einen Wert bekommen,
das uns vorher gleichgültig war,
sind wir andere Menschen geworden.

"Wenn ich nicht von euch wegginge, 
käme der Helfer nicht zu euch".
Auch durch den Weggang Jesu haben wir etwas gewonnen:
Den Heiligen Geist, den Tröster, den Helfer.
Bei der Taufe wurden wir mit dem Heiligen Geist beschenkt,
und seitdem begleitet er uns
und erinnert uns an Jesus.
Nicht durch Farben, Töne, Gerüche, Formen.
Sondern durch Worte.

IV
Worte sind das, was für den Fuchs die Farbe des Weizens ist:
Sie schließen uns eine ganze Welt auf.
Dabei sind und bleiben es nur Worte.
Wir machen die Erfahrung,
dass Worte oft wohlfeil sind.
Man kann sich nicht darauf verlassen.
Einer sagt heute dies und morgen das,
oder will sich gar nicht erst festlegen lassen.
Wie soll man auf Worte vertrauen?
Wie soll man auf ein bloßes Wort den Glauben,
sein ganzes Leben gründen?

Es geschieht nicht durch Überzeugung,
nicht durch Argumente, nicht durch Logik
oder eine besondere rhetorische Begabung.
Es geschieht, indem uns ein Wort, ein Satz einleuchtet.
Und damit sind wir wieder beim Heiligen Geist.
Man kann nicht machen, dass es passiert.
Es geschieht, irgendwie, man weiß nicht, wie,
dass wir ergriffen sind.
Und dass uns plötzlich der Weizen nicht mehr egal ist,
sondern uns ganz viel bedeutet:
Weil Jesus mit seinen Jüngern durch ein Weizenfeld gewandert ist,
seine Jünger die Ähren ausrauften
und Jesus sie verteidigte gegen die Kritik der Pharisäer,
indem er Worte sagte, die wir nicht vergessen können:
"Wenn ihr aber wüsstet, was das heißt:
Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit
und nicht am Opfer." (Matthäus 12,7)

Die Kantate, die wir eben hörten,
ist ein Versuch, den Worten
Leben, Geist einzuhauchen
und ihnen mit dem Mittel der Musik,
auf den Bögen einer schönen Melodie,
im Gewand einer wunderbaren menschlichen Stimme
den Weg in unsere Herzen zu ebnen.

Christoph Graupner hat, wie alle Komponisten,
versucht, mit seiner Musik ein Feuer zu entfachen,
das die Wörter zum Leuchten bringt.
Dafür sei ihm Dank gesagt,
wie auch all denen,
die diese Worte für uns vergegenwärtigt haben:
den Musikern und Sängern und dem Lektor,
der uns die alte Geschichte vorlas.

Auf die eine oder andere Weise
finden die Worte einen Weg in unser Herz
und entzünden sich am Feuer des Heiligen Geistes,
der in uns ist,
bis sie uns einleuchten.

Amen.

____________
Anmerkungen:

[1] Antoine de Saint-Exupéry, Gesammelte Schriften in drei Bänden, Band 1, dt. von Josef Leitgeb, München (dtv) 3.Aufl. März 1985, ISBN 3-423-05959-1, S. 554.
[2] Die Handschrift der Kantate findet sich hier: http://tudigit.ulb.tu-darmstadt.de/show/Mus-Ms-461-10?sid=64725f8af949e63ec9f1aa1cc5e744b0
Der Text der Kantate und Hintergrundinformationen sind hier zu finden (PDF): http://tudigit.ulb.tu-darmstadt.de/sml/Musikhandschriften/text_zu_mus_ms_461_10_was_betrübst_du_dich_meine_seele_u_bist_v_02.pdf

Das eigentliche Wunder


Predigt am Sonntag Kantate, 6. Mai 2012 über Apostelgeschichte 16,23-34:

Nachdem man Paulus und Silas eine große Anzahl von Schlägen gegeben hatte, ließen die Prätoren sie ins Gefängnis werfen und wiesen den Gefängniswärter an, sie scharf zu bewachen. Das tat dieser dann auch: Er sperrte die beiden in die hinterste Zelle des Gefängnisses und schloss ihre Füße in den Block.
Gegen Mitternacht beteten Paulus und Silas; sie priesen Gott mit Lobliedern, und die Mitgefangenen hörten ihnen zu. Plötzlich bebte die Erde so heftig, dass das Gebäude bis in seine Grundmauern erschüttert wurde. Im selben Augenblick sprangen sämtliche Türen auf, und die Ketten aller Gefangenen fielen zu Boden. Der Aufseher fuhr aus dem Schlaf hoch, und als er die Türen des Gefängnisses offen stehen sah, zog er sein Schwert und wollte sich töten, denn er dachte, die Gefangenen seien geflohen. Doch Paulus rief, so laut er konnte: "Tu dir nichts an! Wir sind alle noch hier!" Da ließ der Aufseher Fackeln bringen, stürzte in das Gefängnis und warf sich zitternd vor Paulus und Silas zu Boden. Während er sie dann nach draußen führte, fragte er sie: "Ihr Herren, was muss ich tun, damit ich gerettet werde?" Sie antworteten: "Glaube an Jesus, den Herrn, und du wirst gerettet werden, du und alle, die in deinem Haus leben!" Und sie verkündeten ihm und allen, die bei ihm im Haus wohnten, die Botschaft des Herrn.
Der Gefängnisaufseher kümmerte sich noch in derselben Stunde, mitten in der Nacht, um Paulus und Silas und wusch ihnen das Blut von den Striemen ab. Dann ließen sich er und alle, die zu ihm gehörten, ohne zu zögern taufen. Anschließend führte er die beiden in sein Haus hinauf und ließ eine Mahlzeit für sie zubereiten. Er war überglücklich, dass er mit seinem ganzen Haus zum Glauben an Gott gefunden hatte.
(NGÜ)


Liebe Gemeinde,

eine schöne Geschichte, nicht wahr?
Zu schön, um wahr zu sein.
Zwei Apostel, Paulus und Silas,
die wegen einer Heilung, die sie vollbracht hatten,
verurteilt, ausgepeitscht und ins Gefängnis geworfen worden waren,
fangen mitten in der Nacht an zu singen und zu beten
und erleben eine wunderbare Rettung:
Ein Erdbeben sprengt alle Türen und Ketten,
die Gefangenen sind frei.

Es gibt viele solcher Wundergeschichten in der Bibel,
eine unglaublicher als die andere.
Z.B. der Zusammenbruch der Mauern von Jericho,
das die Israeliten sieben mal mit Posaunen umrunden,
dann stürzen die unüberwindlichen Mauern ein -
nicht, weil die Posaunen zum steinerweichen geklungen hätten,
sondern weil Gott ein Wunder tut. (Josua 6)

Oder die drei Männer im Feuerofen,
die vom babylonischen König Nebukadnezar
wegen ihrer Weigerung, sein goldenes Bild anzubeten,
in einen glühend heißen Ofen geworfen werden,
aber nicht verbrennen, ja nicht einmal angesengt werden,
weil ein Engel sie schützt. (Daniel 3)

Schöne, bekannte, aber auch unglaubliche Geschichten.
Aber sie stehen in der Bibel,
und deshalb scheuen sich viele Menschen davor,
sie in das Reich der Märchen zu verbannen,
sondern versuchen daran festzuhalten,
dass Gott Wunder wirken kann,
wenn er nur will.

Leider machen wir niemals die Erfahrung solcher Wunder.
Deshalb fällt es sehr schwer zu glauben,
dass es sich bei diesen Erzählungen um Tatsachenberichte handelt,
dass diese Wunder wirklich geschehen sein sollen.

Es ist auch nicht nötig, das zu glauben.
Wir verstehen die Wundergeschichten nicht,
wenn wir sie für Tatsachenberichte halten.
Und, viel schlimmer, wir verpassen das eigentliche Wunder,
von dem sie berichten,
wenn wir über das Unmögliche staunen
und überlegen, wie es vielleicht doch möglich gewesen sein könnte,
während wir das Mögliche und Naheliegende
- aber deshalb nicht weniger wunderbare -
übersehen.

II
In der Wundergeschichte, die wir eben gehört haben,
sind gleich drei Wunder versteckt,
die wir beim ersten Hören vielleicht gar nicht mitbekommen haben.
Weil wir so gebannt waren von der großen Show:
vom Erdbeben, den zersprungenen Ketten und offenen Gefängnistüren.
Aber das ist nicht das Wunder.

Das erste wirkliche Wunder ist,
dass Paulus und Silas mitten in der Nacht
Gott mit Lobliedern preisen.

Sie wurden verhaftet,
verprügelt und ausgepeitscht,
ins Gefängnis geworfen
und in den Block geschlossen
- das ist ein mit Löchern versehener schwerer Holzklotz,
den die Gefangenen an der Flucht hindern soll,
aber zugleich jede Bewegung unmöglich macht.
Paulus und Silas leiden Schmerzen,
sind unschuldig eingesperrt und hungrig.
Das ist so ziemlich die letzte Situation,
in der man in Stimmung für Loblieder ist.

Aber Paulus und Silas jammern und klagen nicht,
sie schimpfen und schreien nicht.
Sie singen.
Das ist verblüffend.
So verblüffend, dass selbst ihre Mitgefangenen,
denen es ähnlich schlecht geht wie den beiden,
zuhören (das ist eigentlich schon ein zweites Wunder:
Denn ihre Mitgefangenen sind ja keine unschuldigen Opfer
wie Paulus und Silas,
sondern raue Kerle, die wirklich etwas verbrochen haben;
aber dieses Wunder will ich mal gar nicht mitzählen).

Mit ihrem Beten und Singen tun Paulus und Silas etwas Wunderbares:
Sie machen ihren Mitgefangenen Mut
(und sich selbst vermutlich auch).
Sie singen von Dingen, die es im Gefängnis nicht gibt:
Von Schönheit. Hoffnung. Vergebung. Liebe.
Das sprengt die Ketten,
die Ketten, die die Gefangenen um ihre Herzen trugen.
Sie hören zu, sind ergriffen, lassen sich ergreifen
von der Melodie, vom Text der Lieder.
Die harten Kerle werden weich.
Wenn die Ketten des Herzens springen,
ist es nur konsequent,
dass auch die äußeren Ketten abfallen
und die Türen des Gefängnisses sich öffnen.
Aber erst, nachdem das Wunder des Singens und Hörens geschah,
das eigentliche Wunder.

III
Und sofort folgt das zweite Wunder:
Die Gefangenen fliehen nicht.
Das wäre doch jetzt naheliegend:
Die Fesseln sind gesprengt, die Türen stehen offen -
nichts wie weg.
Aber niemand geht.
Der Gefängnisdirektor,
der sich aus Entsetzen über den vermeintlichen Massenausbruch
und aus Angst vor der Bestrafung, die ihn dafür treffen wird,
das Leben nehmen will, traut seinen Augen nicht:
Es sind ja alle noch da.
Das ist das zweite Wunder.

Es ist ein Wunder, dass niemand geflohen ist,
dass auch Paulus und Silas,
die zu Unrecht verurteilt und eingesperrt wurden,
nicht die Chance zum Verschwinden genutzt haben.
Sie bleiben da
und legen ihr Leben in die Hand des Gefängnisdirektors,
von dem sie nichts Gutes zu erwarten haben.
Er hat sie schließlich eingesperrt.

Dieses grundlose Vertrauen ist ein Wunder.
- Wir würden wahrscheinlich sagen:
Es ist absoluter Leichtsinn, es ist eine Dummheit.
So eine Chance kommt nie wieder.
Man muss sie nutzen.
Aber Paulus und Silas wollen den Gefängnisdirektor
nicht in Schwierigkeiten bringen.
Sie wollen nicht, dass er sich ihretwegen umbringt.
Und ihre Mitgefangenen wollen das offensichtlich auch nicht.

Da ist ein Wunder passiert.
Eine Veränderung ist in all diesen Menschen vorgegangen.
Eine Veränderung, die sie menschlicher gemacht hat.
Auf einmal ist es ihnen nicht mehr egal,
was aus dem Gefängnisdirektor wird,
der sie schlimm behandelt hat.
Sie machen sich Sorgen um ihn.
Sie wollen nicht, dass er stirbt,
nicht einmal, dass er bestraft wird.

IV
Auch der Gefängnisdirektor erlebt eine Veränderung.
Er wirft sich vor seinen Gefangenen zu Boden,
er, der Herr über seine Gefangenen,
spricht sie jetzt als "Herren" an.
Gestern waren sie noch "Gesindel" für ihn.
Er begreift, dass etwas ganz Wunderbares passiert sein muss.
Die Gefangenen sind nicht geflohen.
Warum nur?
Es muss etwas geschehen sein,
das für sie wertvoller war als die Freiheit.
Etwas ganz Großartiges.

Diese Veränderung, die mit den Gefangenen vor sich gegangen ist,
die möchte auch er erleben.
Deshalb fragt er:
"Ihr Herren, was muss ich tun, damit ich gerettet werde?"
Und nun geschieht das dritte Wunder.
Es ist die Antwort, die Paulus und Silas geben:
"Glaube an Jesus, den Herrn, und du wirst gerettet werden".
Mehr ist nicht nötig.
Keine schwierigen Prozeduren,
keine langwierigen Glaubenskurse,
keine Rituale, keine Formulare.
Der Gefängniswärte darf sogar seinen Beruf behalten
und muss auch sonst sein Leben nicht ändern
(er wird es ändern - das passiert aber von ganz allein,
das muss ihm niemand sagen oder vorschreiben).
Für die großartige Veränderung ist nichts weiter nötig
als der Glaube an Jesus, den Herrn.

V
"Glaube an Jesus, den Herrn, und du wirst gerettet werden".
Das scheint sehr wenig - und ist doch sehr viel.
Denn wenn Jesus tatsächlich der Herr ist,
dann gibt es keine anderen Herren mehr.
Natürlich gibt es noch viele,
die Macht und Befehlsgewalt beanspruchen:
Vorgesetzte. Vorsitzende. Führer.
Aber sie haben keine Macht mehr.
Sie sind nur noch dem Namen nach Herren.

Wenn Jesus tatsächlich der Herr ist,
dann verliert alles seine Macht,
was Herrschaft über uns erlangen will:
die Sorge um das Eigentum und um das Ansehen.
Unser Geld. Unser Wissen.
Unsere Macht und unser Einfluss.
Die gesellschaftliche Stellung, die wir haben.
Das Auto, das wir fahren -
all das wird bedeutungslos und unwichtig.
All das aufzugeben, ist ein schwerer Schritt.
Wollen wir das wirklich?

Sehen Sie: Deshalb ist hier das eigentliche Wunder verborgen.

VI
Von drei Wundern hat diese Geschichte erzählt,
nicht nur von einem
- und das eine, das offensichtliche, zählt gar nicht dazu.
Drei Wunder, die etwas faszinierendes haben,
die uns aber zugleich auch sehr misstrauisch machen:
Gott loben, wenn man in größter Gefahr, in äußerstem Leid ist?
Einem Menschen vertrauen, der einem bisher nur Böses getan hat?
Das Vertrauen auf alles aufgeben, an das man bisher geglaubt,
dem man bisher vertraut hat,
und alle Hoffnung auf Jesus setzen,
von dem man nicht einmal weiß, ob es ihn wirklich gibt?

Ich gebe zu: Das ist wirklich viel verlangt.
Deshalb sind dies ja die eigentlichen Wunder.
Deshalb ist es ja ein Wunder, wenn es geschieht:
Wenn man in auswegloser Situation,
in Leid und Schmerz Gott ganz nahe weiß,
sich geborgen fühlt und gut aufgehoben.
Wenn man den Mut findet,
einem anderen Menschen zu vertrauen,
auch wenn der das Vertrauen nicht wert zu sein scheint.
Und wenn man alle Bemühungen um ein besseres Leben,
alle Selbstbeschränkungen und Pflichtübungen sausen lässt,
weil die Rettung viel einfacher ist, als wir dachten:
"Glaube an Jesus, den Herrn, und du wirst gerettet werden".

Ich wünsche mir und uns,
dass dieses Wunder geschieht
und wir wirklich glauben können,
dass Christus der Herr ist.
Alles andere ist dagegen dann ein Kinderspiel.

Amen.

Freitag, 27. April 2012

Wie neu geboren


Predigt am 3.Sonntag nach Ostern, Jubilate, 29. April 2012, über 2.Korinther 4,16-18:

Darum sind wir nicht mutlos,
sondern wenn auch unser Äußeres zugrundegeht,
wird doch unser Innerstes Tag für Tag erneuert.
Die gegenwärtige leichte Belastung durch unsere Leiden und Nöte
bewirkt nämlich für uns,
die wir uns nicht auf das Sichtbare,
sondern auf das Unsichtbare ausrichten, 
eine überwältigende, ewige Fülle der Herrlichkeit.
Denn das Sichtbare vergeht,
das Unsichtbare aber bleibt ewig.
(Eigene Übersetzung)

Liebe Gemeinde,

Ich bin so knallvergnügt erwacht.
Ich klatsche meine Hüften.
Das Wasser lockt. Die Seife lacht.
Es dürstet mich nach Lüften.

Ein schmuckes Laken macht einen Knicks
Und gratuliert mir zum Baden.
Zwei schwarze Schuhe in blankem Wichs
Betiteln mich "Euer Gnaden".

Aus meiner tiefsten Seele zieht
Mit Nasenflügelbeben
Ein ungeheurer Appetit
Nach Frühstück und nach Leben.

(Joachim Ringelnatz) [1]
I
Wann sind Sie das letzte Mal so knallvergnügt erwacht?
Wann haben Sie sich vor Freude und Tatendurst die Hüften geklatscht,
ohne bei "Hüfte" gleich an Speckröllchen und "Hüftgold" zu denken?
Wann haben Sie zuletzt ungeheuren Appetit nach Leben verspürt?

Wer am Morgen so gut gelaunt ist wie Joachim Ringelnatz,
der dieses Gedicht geschrieben hat,
macht sich unbeliebt.
Besonders an einem Montagmorgen -
der kommende Montag bildet als "Rolltag"
da allerdings eine Ausnahme.

Zum guten Morgen-Ton gehört eine miesepetrige Stimmung,
weil man früh aufstehen und zur Arbeit muss;
gehört das Schimpfen über den Berufsverkehr
oder den überfüllten Bus,
das Lästern über Chef und Kollegin,
die man gleich wieder einen halben Tag lang ertragen muss.

Zum guten Morgen-Ton gehört für Kinder und Jugendliche
die Unlust auf die Schule,
für Senioren das Jammern über Schlaflosigkeit in der Nacht,
über Schmerzen und Beschwerden beim Aufstehen.
Niemand aber würde es wagen,
von seiner guten Morgenlaune zu erzählen -
man würde es sich mit allen verderben
oder als weltfremder Spinner dastehen.

Aber - Hand auf's Herz:
Eigentlich spricht Ringelnatz mit seinem Gedicht
einen Wunschtraum aus, den viele teilen können:
Dass man den Morgen nicht fürchten muss,
weil man schon vorher weiß, was er an Beschwerden, Ärger,
Langeweile oder Belastungen bringt,
sondern den neuen Tag fröhlich begrüßen kann.
Dass man gut gelaunt und hüftenklatschend aus dem Bett springt
und sich ungeduldig darauf freut,
was dieser Tag an Überraschungen parat hält.
Kinder erleben das manchmal am Wochenende,
oder in den großen Ferien.
Aber für Erwachsene hat diese Erfahrung Seltenheitswert.
Manche machen sie noch, wenn sie frisch verliebt sind,
am Geburtstag, oder beim Aufbruch zum lang ersehnten Urlaub.
Die meisten aber erleben das Aufstehen als ein Muss,
als einen Zwang oder eine Qual,
und selbst wenn sie sich doch ein bisschen darüber freuen,
würden sie das niemals zugeben.

II
Warum fällt es so schwer, knallvergnügt zu erwachen
und sich hüftenklatschend in den neuen Tag zu werfen?
Was lähmt uns, was zieht uns so herunter,
dass wir bleischwer und missmutig den Tag in Angriff nehmen
wie eine quälende, ungeliebte Arbeit, der man nicht entgehen,
eine lästige Pflicht, der man sich nicht entziehen kann?

Es wird wohl die Erfahrung zu vieler bleierner Tage sein,
die man im Laufe des Lebens angesammelt hat.
Es wird das berufliche Einerlei sein,
das einem wenig Abwechslung bietet:
wenig Erfüllung durch die Arbeit,
fehlende Anerkennung durch Vorgesetzte oder Kollegen,
keine Perspektiven und Entwicklungsmöglichkeiten.
Es werden die Sorgen und Probleme,
die Schmerzen und Schwierigkeiten sein,
die sich pünktlich mit dem Aufwachen wieder zurückmelden,
nachdem der Schlaf sie für ein paar Stunden ausgeblendet hatte.

Es wird die Last und Verantwortung dieses neuen Tages sein,
der wieder nur ein Alltag ist,
die man nicht los wird, die einem niemand abnimmt,
sondern die man wieder selber schultern muss,
um sie auch durch diesen Tag zu schleppen
wie Sysiphos, ohne irgendwo anzukommen,
ohne Aussicht, die Last der Verantwortung
irgendwann absetzen und los werden zu können.

Dieses Wissen, das man schon beim Aufwachen hat,
dass jeder neue Tag doch wieder nur ein gebrauchter ist, ein Alltag,
das nimmt einem die Freude am Aufstehen,
das lässt einen neidisch und missmutig auf all jene schauen,
die pfeifend oder summend, mit einem Strahlen im Gesicht
ihren Tag beginnen.
Warum können wir das nicht?

III
"Darum sind wir nicht mutlos,
sondern wenn auch unser Äußeres zugrundegeht,
wird doch unser Innerstes Tag für Tag erneuert",
schreibt Paulus.
Er kennt das Geheimnis innerer Erneuerung.
Er weiß, wie man jeden neuen Tag als Geschenk erlebt,
auf das man sich knallvergnügt freuen,
dem man hüftenklatschend entgegenfiebern kann.

Wenn es einem wirklich mal gut geht,
dann sagt man manchmal,
man fühle sich "wie neu geboren".
So muss man sich wahrscheinlich die innere Erneuerung vorstellen,
von der Paulus spricht.
Dieses Gefühl setzt uns auf die Spur,
die Paulus für uns gelegt hat: auf die Spur der Auferstehung.
Paulus macht das an anderer Stelle deutlich,
im 6. Kapitel des Römerbriefes.
Da spricht er davon,
dass die Taufe uns mit dem Tod Jesu am Kreuz verbindet.
Früher, als man bei der Taufe noch ganz untergetaucht wurde,
ist das deutlicher zu spüren gewesen als heute,
wo die Täuflinge nur noch mit Wasser berührt werden:
Das Untertauchen ist ein symbolisches Ertrinken.
Der Mensch, wie er war, stirbt
und ein neuer Mensch steht aus dem Taufbecken auf.
Paulus sagt das so:
"Wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Jesus Christus getauft sind,
die sind in seinen Tod getauft?
So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod,
damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten,
auch wir in einem neuen Leben wandeln sollen."

Die Auferstehung Jesu, die wir an Ostern gefeiert haben,
ist kein Märchen aus alten Zeiten.
Sie hat mit uns und mit unserem Leben hier und heute zu tun.
Deshalb feiern wir Sonntag für Sonntag Gottesdienst:
Sonntag ist der Tag der Auferstehung,
jede Woche erinnern wir uns daran.

IV
Wie kann die Auferstehung Jesu
etwas mit unserem Leben zu tun haben?
Auferstehung - die geschieht, wenn überhaupt,
nach dem Tod; sie ist eine Hoffnung, die wir haben,
dass mit dem Tod nicht alles aus ist, mehr nicht.
Mit unserem Alltag hat das nichts zu tun.
Und schon gar nicht hat sie die Kraft,
uns ein vergnügtes Erwachen zu bescheren.

Paulus ist da anderer Meinung, wenn er schreibt:
"Die gegenwärtige leichte Belastung durch unsere Leiden und Nöte
bewirkt nämlich für uns,
die wir uns nicht auf das Sichtbare,
sondern auf das Unsichtbare ausrichten, 
eine überwältigende, ewige Fülle der Herrlichkeit."

Auch Paulus kennt Leiden und Nöte.
Aber sie belasten ihn nur leicht.
Nicht, weil er sie nicht ernst nähme
oder ihm bisher nichts Schlimmes zugestoßen wäre -
das Gegenteil ist der Fall.
Sondern weil er etwas anderes hat,
das ihn so erfüllt, das so viel Gewicht hat,
dass Leiden und Nöte dagegen tatsächlich nicht ins Gewicht fallen.

Wir kennen das.
Was nimmt eine schwangere Frau auf sich
mit den anstrengenden Wochen und Monaten der Schwangerschaft,
mit den Schmerzen der Geburt.
Die Aussicht auf das Kind, das überwältigende Glück, wenn es da ist,
lassen alle Schmerzen vergessen.
Wie neu geboren ...
Und trotzdem sind die Belastungen durch die Schwangerschaft da,
trotzdem sind die Schmerzen da.
Und sie sind sehr real; eine Frau muss sie aushalten.
Durch die Aussicht auf das Kind werden die Schmerzen
zwar nicht erträglich, aber tragbar.
Das erwartete Kind hat mehr Gewicht
als die Last der Schwangerschaft und der Geburt.

V
So ist es mit der Auferstehung.
Und zwar nicht die Auferstehung am Ende der Zeiten,
die Auferstehung der Toten.
Sondern die Auferstehung aus der Taufe,
die uns mit Jesus verbindet
und die wir Sonntag für Sonntag feiern.
Die tägliche Auferstehung.
Jeden Tag werden wir neu - nicht äußerlich, da altern wir,
aber innerlich.
Wir werden neu geboren,
weil das neue Leben der Auferstehung
mit der Auferstehung Jesu schon angebrochen ist.
Für uns ist es nur eine Möglichkeit, aber eine sehr reale.
Wir wissen schon jetzt, wer wir einmal sein werden.
Wir wissen schon jetzt, dass unser Leben gut geht.
Dass wir es geschafft haben werden
und dass nichts schief gehen kann - egal, was kommt.
Die Auferstehung wartet auf uns;
sie ist mit Jesu Auferstehung schon Wirklichkeit
und steht als große, offene Tür am Ende unseres Lebens.
Wir werden nicht in ein schwarzes Loch fallen,
sondern in ein unbeschreibliches Licht gehen.
Dieses Licht überstrahlt alle Dunkelheiten.
Natürlich werden wir weiterhin Fehler machen.
Natürlich werden wir weiterhin leiden,
Angst empfinden und Schmerz und Trauer.
Aber das alles wird unserem Leben nichts anhaben können,
all das wird uns und unser Leben nicht zerstören. [2]

Unser Leben hat ein Happy End.
Und jeder Tag unseres Lebens hat ein Happy End.
An jedem Morgen erleben wir die Auferstehung beim Aufstehen,
weil wir das, was gestern war, hinter uns lassen können
und es an diesem Morgen neu und anders versuchen können.
Wir können und dürfen heute andere Menschen sein,
als wir gestern waren,
können und dürfen anders von uns und anderen denken,
uns und andere mit neuen Augen sehen.
Wir können, dürfen und sollen uns wie neu geboren fühlen.
So wird jeder neue Tag zum Sonntag,
zu einem Tag, der Schönes, Erlebnisse,
Abenteuer und Freude für uns bereit hält,
auch wenn es kein Geburtstag und Urlaubstag,
sondern nur ein Alltag ist.

Wir lassen uns keine gebrauchten Tage mehr andrehen! [3]
Wir fühlen uns wie neu geboren,
jeden Tag steigt unser Appetit
aufs Leben.
Amen.

____________
Anmerkungen:

[1] Joachim Ringelnatz, Und auf einmal steht es neben dir. Gesammelte Gedichte, Berlin 1950, S. 405.
[2] Die Idee für die Predigt verdanke ich dem Kommentar von Rudolf Bultmann zur Stelle, in:
Rudolf Bultmann, Der zweite Brief an die Korinther, KEK Sonderband, Göttingen 1976, 112ff.
Besonders: Das Leben "i s t  also nur im Prozeß, im Werden - wenn dieses nicht fälschlich als 'Entwicklung' nach Analogie des pflanzlich-animalischen Lebens verstanden wird. Nämlich nicht als ein stetes Weiterkommen auf Grund des schon Erreichten, sondern aus dem stets unsichtbar Zukünftigen. ... Es ist das Stets-Neuwerden im Bestehen der Begegnungen des Schicksals, das diesen Voraus-Sein ... vermöge der Kraft, sie zu verstehen ..." (a.a.O., S. 128).
[3] Die Redewendung "einen gebrauchten Tag angedreht bekommen" stammt von Ulla Meinecke, aus ihrem Lied "Beiß rein". Der Refrain des Liedes lautet:
"ein neuer Tag, 'ne Chance wie ein neues Schulheft 
auf dem nur ihr Name draufsteht 
- doch wenn sie abends sauer in ihr Bett geht, denkt sie 
'ausgerechnet mir haben sie wieder'n gebrauchten Tag angedreht' "

Sonntag, 15. April 2012

Désinvolture - Konfirmationspredigt


Predigt zur Konfirmation am Sonntag Quasimodogeniti, 15. April 2012 in der Klosterkirche Riddagshausen über Matthäus 12,1–8.

Liebe Konfirmandinnen, liebe Konfirmanden,

I
Ihr habt schon viele Geschenke bekommen und bekommt heute noch mehr, auf die Ihr Euch wahrscheinlich schon freut. Ich möchte Euch heute auch etwas schenken. Ich habe aber kein Päckchen dabei und leider auch keinen Briefumschlag, sondern nur diese Zettel hier. Was ich Euch schenken möchte, ist deshalb ein Wort. Ein Wort, das Ihr wahrscheinlich noch nicht kennt und das selbst Eure Eltern und Familien noch nicht gehört haben könnten.

Ich kann mir vorstellen, dass die Aussicht, ein Wort geschenkt zu bekommen, nicht besonders prickelnd ist. Ich wäre wahrscheinlich auch enttäuscht, wenn mir jemand zum Geburtstag sagen würde: “Guck mal, ich hab’ dir ein Wort mitgebracht, das will ich dir schenken - freust du dich?” Und dann ist es vielleicht sogar ein Wort, das ich schon kenne, und ich kann’s nicht umtauschen ...

Andererseits kann ein richtiges Wort zur richtigen Zeit richtig gut tun und ungeheuer viel bewirken. Fragt mal Eure Eltern in einer stillen Stunde, wie das war, als sie sich verliebt haben. Oder wer wem den Heiratsantrag gemacht hat, wie er das angestellt, und was er dabei gesagt hat.

Aber man muss ja gar nicht über solche für Euch und Eure Eltern vielleicht zu persönlichen Dinge sprechen. Euer Name ist zum Beispiel so ein mächtiges Wort. Er gehört zu Euch, Ihr seid damit ansprechbar. Und eines Tages wird jemand, den Ihr liebt, ihn auf ganz einzigartige, einmalige Weise sagen. So, wie Eure Eltern das jetzt schon tun - auch, wenn Ihr’s meistens nicht bemerkt, weil es jeden Tag gefühlte hundert Mal passiert und nicht immer nur im freundlichen Ton. Die Art, wie Eure Eltern Euren Namen aussprechen, werdet Ihr nie vergessen. Der Klang Eures Namens aus dem Mund Eurer Mutter, Eures Vaters wird Euch begleiten, auch, wenn Ihr einmal von zuhause ausgezogen seid.

Mächtige Worte sind auch Lob und Kritik. Man kann einen Menschen mit Worten aufbauen, indem man ihm zeigt, wie stolz man auf ihn ist, wie gern man ihn hat; indem man wahrnimmt, was er leistet, und seine Arbeit schätzt.

Und man kann einen Menschen klein machen und zerstören, indem man ständig etwas an ihm auszusetzen hat, indem man ihn herunterputzt, abwertet, verächtlich macht und sich weigert, ihn und das, was er getan hat, anzuerkennen.

II
Das Wort, das ich Euch heute schenken möchte, wird Euch jetzt noch nicht viel nützen - allenfalls kann man damit angeben, dass man ein Wort kennt, das die meisten noch nie gehört haben. Aber ich hoffe, dass es in Zukunft für Euch wichtig wird.

Das Wort heißt Désinvolture [1].

Es stammt aus dem Französischen, wie man hört. Seine Bedeutung erhielt es von dem Schriftsteller Ernst Jünger [2] - ein ziemlich umstrittener Schriftsteller der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts. Das sagt Euch jetzt nichts, und es ist auch nicht wichtig. Aber mit “Coolness” und “Coolsein” könnt Ihr etwas anfangen. Désinvolture ist so etwas ähnliches. Was genau es ist, erklärt eine Geschichte aus dem Matthäusevangelium, die ich Euch vorlesen möchte:

Jesus ging am Sabbat durch ein Kornfeld. Seine Jünger waren hungrig und fingen an, Körner aus den Ähren zu puhlen und zu essen. Als das die Pharisäer sahen, sprachen sie zu ihm: Sieh mal, was deine Jünger tun! Das ist am Sabbat nicht erlaubt! Er aber sprach zu ihnen: Habt ihr nicht in der Bibel gelesen, was David tat, als er und seine Gefährten Hunger hatten? Wie er in das Haus Gottes ging und wie sie die Schaubrote aßen, die doch weder er noch seine Gefährten essen durften, sondern nur die Priester? Wenn ihr aber wüsstet, was das heißt (Hosea 6,6): “Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer”, dann hättet ihr die Unschuldigen nicht verurteilt.

Was soll an dieser Geschichte cool sein? Der Landwirt, dem das Kornfeld gehörte, wird es ziemlich uncool gefunden haben, dass Jesus und seine Jünger ihm das Getreide zertrampelten. Aber es ist schon beeindruckend, wie Jesus seine Jünger verteidigt, die sich nicht an die Regel gehalten haben, dass man am Sabbat nicht arbeiten darf. Das Gebot, den Sabbat zu halten, steht in der Bibel. Jesus aber setzt sich über dieses Gebot hinweg, er bricht es, weil seine Jünger Hunger haben. Satt werden ist wichtiger als Sabbat halten. Jesus tut das auch nicht heimlich, sondern vor den Augen der Pharisäer, vor Leuten, die es mit dem Gesetz sehr genau nehmen und die später mit für seine Verurteilung und Kreuzigung sorgen. Ich finde das schon ziemlich cool.

III
Ich hoffe, damit mache ich mich nicht bei Euren Eltern unbeliebt. Denn ich sage ja irgendwie: Es ist cool, Regeln zu brechen. Aber das habt Ihr sicher schon selbst herausgefunden. In Eurem Alter beginnt man, auszutesten, wie weit man gehen kann, und wo die Grenze ist. Was passiert, wenn ich, statt wie vereinbart um Zehn, erst um Elf Uhr nachts nach Hause komme? Kann ich auf diese Weise vielleicht ein bisschen Zeit schinden, oder fange ich mir Ärger - und ein Ausgehverbot - ein? Auch im Freundeskreis ist es cool, Grenzen zu überschreiten - heimlich eine Zigarette zu rauchen, oder an der Ampel nicht auf Grün zu warten, sondern bei Rot zu gehen, wenn die Straße frei ist.

Aber spätestens hier merkt man, dass Coolsein nicht gleich Coolsein ist. Es gibt auch eine ziemlich dumme und gefährliche Coolness - dann nämlich, wenn man nicht weiß, was man tut, wenn man die Folgen nicht bedenkt, wenn man sich selbst überschätzt und Regeln bricht, ohne zu wissen, warum. Die tödlichen Unfälle an Bahnübergängen sind ein Beispiel dafür, dass man sich manchmal besser an Regeln und Verbote hält, wenn einem sein Leben lieb ist.

Aber wie erkennt man die Grenze? Woher soll man wissen, welche Regeln man brechen darf, ja, vielleicht sogar brechen muss, und welche man besser einhält? Jesus hat einen Maßstab dafür gegeben: “Wenn ihr aber wüsstet, was das heißt: Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer”.

IV
Der Maßstab für das Brechen von Regeln ist die Barmherzigkeit. Auch so ein komisches, unbekanntes Wort wie Désinvolture. Aus Barmherzigkeit darf man, muss man manchmal Regeln brechen. Ein Krankenwagen zum Beispiel, der einen Patienten mit Blaulicht ins Krankenhaus bringt, braucht sich nicht an rote Ampeln zu halten und darf sich die Vorfahrt nehmen - was sonst streng verboten ist -, um der Barmherzigkeit willen: Um ein Menschenleben zu retten. Die Jünger Jesu durften am Sabbat “arbeiten”, weil sie Hunger hatten; Jesus hatte Mitleid mit ihnen. Jesus hat Menschen am Sabbat geheilt - aus Barmherzigkeit.

Hinter dem altertümlichen Wort “Barmherzigkeit” steckt - die Liebe. Denn das Wort “Barmherzig” kommt vom warmen Herzen - ein Herz, das von der Liebe warm ist, oder sogar vor Liebe glüht. Der Liebe wegen darf man Regeln brechen.

Liebe? Aber die ist doch sowas von uncool! Liebe und Coolness haben doch nichts miteinander zu tun! Wenn man mit Liebe nur Schlagermusik und die Herz-Schmerz-Filme aus dem Vorabendprogramm verbindet, dann habt Ihr recht: Die sind ziemlich uncool. Aber Ihr werdet bald entdecken - wenn Ihr’s
nicht schon längst herausgefunden habt -, dass Liebe etwas sehr Cooles sein kann.

Richtig cool wird die Liebe nicht nur dann, wenn man sich in einen anderen Menschen unsterblich verliebt. Cool ist die Liebe auch in Form der Barmherzigkeit, wenn sie Menschen gilt, die andere für uncool halten. Wenn man sich stark macht für Schwächere; wenn man auf Außenseiter zugeht und sie nicht in der Ecke stehen lässt, oder wenn man Regeln bricht, um anderen zu helfen. Damals, im sogenannten “Dritten Reich”, wäre solche Coolness bitter nötig gewesen. Da hätte es Menschen jüdischen Glaubens geholfen, wenn sich ihre Nachbarn und Freunde hinter sie gestellt hätten. Aber es waren nicht viele so cool sich zu trauen, barmherzig zu sein; sich an die Seite derer zu stellen, die von anderen ausgegrenzt und zu “Untermenschen” erklärt wurden; Regeln zu brechen, um Menschenleben zu retten.

V
Désinvolture ist keine Sache für einen allein. Wer nur für sich selbst cool sein will oder von anderen für cool gehalten werden will, der ist kalt, aber nicht cool. Wahre Désinvolture erfordert Barmherzigkeit und Mut. Es geht nämlich nicht darum, einfach nur Regeln zu brechen. Es geht darum, wann und wie man sie bricht. Und für wen.

Regeln sind notwendig. Es ist gut, dass es sie gibt. Sie sollten nicht ohne Not gebrochen werden, denn sie haben meistens einen guten Sinn; oft sind sie sogar lebenswichtig.
Wenn man aber Opfer bringen muss, um sie einzuhalten, darf und sollte man allerdings fragen, ob diese Regeln wirklich so sein müssen, wie sie sind.
Und wenn andere durch diese Regeln zu Opfern werden, dann sollte man den Mut, die Unverfrorenheit, die Chuzpe, die - Désinvolture besitzen, sie zu brechen, um den Opfern zu helfen.

Coolness ist eine tolle Sache. Aber wenn man sie trägt wie ein Kleidungsstück, wenn man meint, es sei cool, kaltherzig anderen gegenüber zu sein, irrt man sich. Das ist nicht cool, das ist nur gemein. Wahre Coolness, wahre Désinvolture wendet sich barmherzig den Mitmenschen zu ohne Angst, sich dabei einen Zacken aus der Krone zu brechen. Jesus konnte das. Er war eben richtig cool.

Ich wünsche Euch, dass Ihr Freude daran habt, Eure Grenzen kennen zu lernen und auszuprobieren, und dass Ihr die Désinvolture besitzt, die Jesus hatte, weil Ihr den Unterschied kennt. Den Unterschied zwischen Kälte und Coolness, der darin besteht, dass Gott Wohlgefallen hat an Barmherzigkeit und nicht am Opfer.
Amen.

____________
Anmerkungen:

[1] Die in der Predigt vorgenommene Füllung des Begriffs Désinvolture verdankt sich dem - im übrigen sehr empfehlenswerten - Essay von Alexander Pschera, 800 Millionen. Apologie der Sozialen Medien, Berlin (Matthes & Seitz) 2011, ISBN 978-3-88221-578-6. Dort schreibt er: "Das Netz ist eine Vorschule des Désinvolture und zugleich eine Vorschule einer neuen Form demokratischer Macht" (a.a.O., S. 62) und: "Einem Blick der Tapferkeit, der das Neue und Unübersichtliche auf sich nimmt, gibt sich das soziale Netz als Erweiterung unserer Möglichkeiten zu erkennen. Denn es öffnet spontane Zugänge zu einem noch nicht machtpolitisch verschlüsselten Leben. (...) Daher ist es nachvollziehbar, dass die unverschämte Unverbindlichkeit der sozialen Medien Widerstand erzeugt in einer theatralischen Gesellschaft, die mehr um ihre Rollen als um ihre Identität bemüht ist." (ebd., S. 63).

[2] Diese Information und eine ganz wesentliche Anregung zu meiner Predigt verdanke ich dem wunderbaren, überaus gelehrten und mit zahlreichen weiterführenden Literaturhinweisen gespickten Vortrag von Dirck Linck, Désinvolture und Coolness. Über Ernst Jünger, Hipsters und Hans Imhoff, den »Frosch«, Vortrag auf der Jahreskonferenz des Sonderforschungsbereichs »Ästhetische Erfahrung im Zeichen der Entgrenzung der Künste (SFB 626), die vom 3. bis zum 5. November 2006 im Hamburger Bahnhof in Berlin zum Thema »Bewegte Erfahrungen« stattgefunden hat. Zuerst abgedruckt in Kultur & Gespenster, Ausgabe 3, Winter 2007. Netzveröffentlichung unter http://druckversion.studien-von-zeitfragen.net/Desinvolture.pap.pdf . 
Dort findet sich auch eine wunderbare Anekdote über Jünger, die ich hier gern noch zitieren möchte: "Als Ernst Jünger in den 60er Jahren die Villa Massimo besucht und vor den deutschen Jungschriftstellern sein schönes goldenes Feuerzeug herzeigt, da klauen sie ihm das. Désinvolture." (A.a.O., S. 19)

Samstag, 7. April 2012

Auferstehung - es lebe die Revolution! - Osterpredigt



Predigt am Ostersonntag, 8. April 2012, über 1.Samuel 2,1-2.6-8a:

Mein Herz ist fröhlich in dem Herrn,
mein Haupt ist erhöht in dem Herrn.
Mein Mund hat sich weit aufgetan wider meine Feinde,
denn ich freue mich deines Heils.
Es ist niemand heilig wie der Herr,
außer dir ist keiner,
und ist kein Fels, wie unser Gott ist.
Der Herr tötet und macht lebendig,
führt hinab zu den Toten und wieder herauf.
Der Herr macht arm und macht reich;
er erniedrigt und erhöht.
Er hebt den Dürftigen aus dem Staub
und erhöht den Armen aus der Asche,
dass er ihn setzte unter die Fürsten
und den Thron der Ehre erben lasse.


Liebe Gemeinde,

vom Tellerwäscher zum Millionär -
das ist der amerikanische Traum.
Die Aussicht, im Land der unbegrenzten Möglichkeiten
eine Möglichkeit zu finden, der Armut,
der Perspektivlosigkeit zu entkommen,
hat Scharen von Auswanderern angezogen.
Für viele von ihnen ist der amerikanische Traum wahr geworden.
Nicht jeder wurde ein Rockefeller,
doch die meisten Auswanderer konnten für sich
oder spätestens für ihre Kinder Dinge erreichen,
die ihnen in ihrer Heimat verwehrt gewesen wären:
Bildung. Land, das ihnen gehörte, und von dem sie leben konnten.
Die Möglichkeit zum gesellschaftlichen Aufstieg,
bis hin zum Amt des Präsidenten.

Der amerikanische Traum klingt
wie eine moderne Form des Lobgesangs,
den wir zu Beginn des Gottesdienstes gebetet haben:
"Er hebt den Dürftigen aus dem Staub
und erhöht den Armen aus der Asche,
dass er ihn setzte unter die Fürsten
und den Thron der Ehre erben lasse."
Wer einen solchen Aufstieg erlebt hat,
den Aufstieg aus der Gosse,
aus armen, unwürdigen Verhältnissen bis nach ganz oben,
für den mag sich das wie Auferstehung anfühlen.

I
Hanna, aus deren Mund dieser Lobgesang stammt,
hat einen solchen Aufstieg,
eine Auferstehung aus Niedrigkeit und Wertlosigkeit erlebt.
Sie kam zwar nicht aus der Gosse,
sondern lebte in geeordneten Verhältnissen,
ihr Mann war wohl sogar einigermaßen wohlhabend.
Aber sie war gesellschaftlich ein Niemand.
Denn sie hatte keine Kinder.

Frauen hatten zur Zeit der Bibel
und noch über Jahrhunderte, Jahrtausende danach
keine Rechte, keine Möglichkeit des gesellschaftlichen Aufstiegs,
keine Chance, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen,
es selbst zu gestalten - sieht man von wenigen Ausnahmen ab.
Frauen schrieben selten Geschichte.
Was zu sagen war, das wurde von Männern gesagt und aufgeschrieben.
Auch die Bibel gibt überwiegend die männliche Perspektive wieder.
Die Rolle der Frau wurde in dieser Sicht der Männer
als die der Hausfrau und Mutter definiert.

Hanna aber füllt diese Rolle nicht aus.
Sie kann es nicht: Sie hat keine Kinder.
Ihre Kinderlosigkeit macht sie zur Außenseiterin,
zu einem gesellschaftlichen Niemand.
In ihrem Kummer, ihrer Verzweiflung wendet sie sich an Gott
und verspricht ihm, sollte sie schwanger werden,
ihren Sohn Gott zu weihen:
Er soll als Prophet im Tempel leben,
er soll sozusagen Mönch werden.

Hannas Wunsch nach einem Kind erfüllt sich.
Sie wird schwanger und bringt einen Sohn zur Welt,
Samuel nennt sie ihn, "von Gott erbeten".
Und sie hält ihr Versprechen:
Als ihr Sohn alt genug ist, bringt sie ihn zum Tempel,
damit er dort für immer bei Gott bleibt.
Dort, im Tempel, singt sie das Lied von Gott,
der arm macht und reich,
erniedrigt und erhöht,
das wir eingangs gebetet haben.

II
Wie sehr manche Menschen sich ein Kind wünschen
und darin die Erfüllung ihres Lebens erfahren,
kann man sich vorstellen.
Und man kann sich auch vorstellen,
wie es sich anfühlen muss,
wenn man etwas nicht hat, das andere haben;
wie man sich ausgegrenzt, gebrandmarkt fühlt.
Man meint, fehlerhaft, mangelhaft zu sein,
weil man nicht so ist wie alle anderen;
und die anderen meinen das meistens auch.

Hannas Geschichte könnte auch in unserer Zeit spielen.
Aber was an dieser Geschichte schwer fällt,
ist, dass Hanna ihr Kind, das sie sich so sehr ersehnte,
wieder hergibt und es sozusagen Gott schenkt.
Nach unseren heutigen moralischen Maßstäben
müsste man fragen, was Hanna ihrem Kind damit antut,
wenn sie es weggibt;
man müsste fragen, ob Hanna gar nichts an ihrem Kind liegt.
Doch unsere modernen Fragen sind Fragen,
die dieser Geschichte, die der Zeit, in der Hanna lebte, fremd sind.

Die Geschichte wird ja nicht ihres Kinderwunsches wegen,
sondern wegen des Lobgesangs der Hanna erzählt.
Um ihren Sohn Samuel geht es dann auch,
viel ausführlicher als um seine Mutter.
Aber jetzt hat zunächst einmal Hanna das Wort.
Das ist ähnlich wie später im Neuen Testament,
wo es am Anfang des Lukasevangeliums
auch zunächst nicht um den Sohn, Jesus,
sondern um seine Mutter Maria geht,
die ein ähnliches Loblied wie Hanna singt, das Magnificat,
um danach völlig hinter ihrem Sohn zu verschwinden.
Auch das Lied der Maria singt davon,
dass Gott die Mächtigen vom Thron stürzt
und die Niedrigen erhebt,
die Hungrigen mit Gütern füllt
und die Reichen leer ausgehen lässt.

III
Beide Frauen, Hanna und Maria,
singen revolutionäre Lieder,
nachdem sie Gottes Eingreifen in ihrem Leben,
nachdem sie einen gesellschaftlichen Aufstieg,
so etwas wie eine Auferstehung erfahren haben.
Sie singen von der Umkehrung der Verhältnisse -
Arme werden reich, Reiche werden arm,
Mächtige verlieren ihre Macht,
die jetzt die vorher Ohnmächtigen erhalten.
Es lebe die Revolution!
Wer hätte gedacht, dass im Christentum
solch revolutionäres Potential steckt.
Und wer hätte gedacht, dass es Frauen sind
- Frauen, die in der Gesellschaft der Männer
kein Recht, keine Stimme, nichts zu sagen haben -,
die diese Revolution in ihrem Lied besingen?

Auch die Auferstehung ist eine Revolution, eine Umwälzung.
Zunächst im wörtlichen Sinne:
Der Stein, der vor dem Grab Jesu lag, ist weggewälzt.
Ein offenes Grab - entweder gruselt's einen
bei dem Gedanken daran,
oder man erregt sich über dieses Ärgernis.
Aber das Grab ist leer.
Und das ist das eigentlich Revolutionäre.
Bis heute wird die Botschaft von der Auferstehung
zwar als befreiend empfunden -
nach der Trauer, der düsteren Stimmung des Karfreitags
kann man endlich wieder lachen und fröhlich sein.
Aber dass tatsächlich jemand, der tot war,
auferstanden und auf neue Weise lebendig geworden ist -
das ist doch wohl ein bisschen zu viel verlangt.

Genau dieses "Zuviel": Das ist das Revolutionäre.
Dass man sich nicht damit zufrieden gibt,
dass Jesus ein guter Mensch war,
der vielen geholfen und der bedenkenswerte Dinge gesagt hat,
der als gewaltloser Friedensbewegter ans Kreuz geschlagen wurde
und gestorben ist.
Sondern darauf besteht, dass Jesus lebt
- und mit ihm seine Tat und seine Botschaft.

IV
Seine Tat, das war,
stellvertretend für alle, die von anderen zu Opfern gemacht werden,
die Opferrolle anzunehmen
und sie bis zum bitteren und endgültigen Ende durchzuhalten,
bis zu seinem Tod am Kreuz.
Er hat sich selbst geopfert
und damit alle anderen Opfer überflüssig gemacht.
Wir brauchen uns nicht mehr zu opfern
- weder müssen wir uns für einen anderen Menschen aufopfern,
noch für eine Überzeugung, eine Ideologie, einen Staat.

Und wir brauchen niemanden mehr zu opfern
- ja, wir dürfen niemanden mehr opfern.
Wer das Geschehen von Karfreitag wirklich verstanden hat,
der will nicht, dass jemals wieder Menschen geopfert werden,
der findet es unerträglich,
dass es überall auf der Welt weiterhin im Stunden-
ja, im Minutentakt geschieht.

Die Botschaft, die Jesus verbreitet hat
- nicht so sehr mit Worten, sondern mit seinem Leben -,
war die unbedingte Solidarität mit allen,
die zu Opfern werden.
Die Hinwendung, besonders zu denen aus der Gosse,
zu Prostituierten, Kranken,
Kollaborateuren, äußerlich Entstellten und - Frauen.
Jesus hat das Reich Gottes unters Volk gebracht.
Er hat den Traum von einer gerechten Welt mit allen geteilt.
Das war revolutionär,
und das ist es bis heute.

Der amerikanische Traum sieht dem Traum vom Reich Gottes verblüffend ähnlich:
Jede und jeder soll die Chance haben,
etwas aus sich zu machen,
aus der Gosse aufzusteigen bis nach ganz oben.
Das ist die Freiheit, die viele meinen.
Aber es ist die Freiheit des Individuums,
die Freiheit von Einzelnen.
Je radikaler man sich diese Freiheit denkt,
desto einsamer wird man dabei.
Denn wenn man seinen Lebenstraum wirklich konsequent verwirklichen will,
verliert man mehr und mehr Menschen,
die diesen Weg nicht mitgehen können
oder die auf diesem Weg nur stören.
Am Ende ist man ganz oben, aber auch ganz allein.

Der Traum vom Reich Gottes,
den Jesus träumte
und seinen Zuhörerinnen und Zuhörern ans Herz legte,
war ein Traum von Gerechtigkeit für alle Menschen.
Keine verordnete Gerechtigkeit
wie in den totalitären Regimen unserer Zeit,
die Menschen zum besseren Leben zwingen wollten
mit Gewalt und dem Entzug ihrer Freiheit.
Sondern eine Gerechtigkeit,
die aus der Liebe zu den Opfern kommt,
aus Solidarität mit denen, die ganz unten sind.
Jesus hat seinen Jüngern die Füße gewaschen,
um uns damit ein Beispiel zu geben,
wo unser Platz ist.

V
Jesus hat in Wort und Tat
den Menschen die revolutionäre Idee
vom Reich Gottes ins Herz gepflanzt.
Durch seine Auferstehung ist es nicht bei der Idee geblieben.
Der Same, den er damals eingepflanzt hat, wächst
und ist ein riesiger Baum geworden,
unter dem die komischsten Vögel Schatten finden.
Das kleine Stückchen Sauerteig,
das Jesus damals unter die Leute warf,
ist nicht von ihren Füßen zertreten worden,
sondern hat eine ungeheure Gärung entfaltet,
die bis heute Menschen in Bewegung hält.

All das wäre nicht geschehen,
wenn Jesus nicht auferstanden wäre.
Jesus, sein Leben, seine Ideen wären längst vergessen.
Weil er lebt, lebt auch die Hoffnung auf das Reich Gottes.
Weil er lebt, ereignet sich tagtäglich die Revolution
der Auferstehung,
in der Arme reich werden
und Erniedrigte ihre Chance erhalten,
in der totgesagte länger leben, als gedacht,
und Schwachheit zur Stärke wird.

Weil Jesus lebt,
ist das alles nicht nur ein schöner Traum,
sondern eine Wirklichkeit,
die unser Leben auf den Kopf stellt -
so sehr, dass am Ende der Tod nicht mehr weiß,
wo oben und unten ist.

Am Ende wird die Wirklichkeit greifbar.
Wenn wir scheinbar den Halt verlieren
und aus dem Leben fallen,
wachen wir erst richtig auf zum wahren Leben.
Das ist Auferstehung.
Das ist Revolution.
Darum: Es lebe die Revolution!
Amen

Samstag, 31. März 2012

Schämen wir uns!


Predigt am 6. Sonntag der Passionszeit, Palmarum, 1. April 2012,
über Jesaja 50,4-9:

Gott, der Herr, hat mir eine Zunge gegeben,
wie Schüler sie haben,
damit ich zur rechten Zeit ein Wort für die Erschöpften weiß.
Er weckt mich am Morgen.
Am Morgen weckt er mir das Ohr,
damit ich höre wie ein Schüler.
Gott, der Herr, hat mir das Ohr geöffnet.
Ich wehre mich nicht dagegen, ich weiche nicht zurück.
Meinen Rücken hielt ich den Schlägern hin,
und mein Kinn denen, die mich am Bart zogen.
Ich verbarg mein Gesicht nicht, wenn ich rot wurde
und nicht, wenn ich bespuckt wurde.
Denn Gott, der Herr, steht mir bei.
Darum werde ich nicht rot vor Scham,
darum habe ich mein Gesicht hart wie einen Stein gemacht,
und ich weiß, dass ich mich nicht schämen muss.
Da kommt schon mein Anwalt!
Wer will mit mir einen Rechtsstreit ausfechten?
Lasst uns gemeinsam vor den Richter treten!
Wer ist mein Prozessgegner? Der soll nur herkommen!
Du wirst schon sehen, Gott wird mir helfen!
Wer ist der, der mich schuldig sprechen will?
Du wirst schon sehen, alle werden aufgerieben,
wie ein Kleidungsstück löchrig wird;
die Motte wird sie auffressen!
(Eigene Übersetzung)


Liebe Gemeinde,

sind Sie heute schon in den April geschickt worden?
An diesem einen Tag im Jahr darf man ungestraft andere hereinlegen.
Das muss man ausnutzen!
Jemanden möglichst gekonnt an der Nase herumzuführen,
ist eine echte Herausforderung.
Wenn der Betrug gelang,
kann man triumphierend "April, April!" rufen
und den entgeisterten Blick des Genasführten genießen,
vielleicht wird er sogar rot vor Scham!
Ein harmloser Scherz.
Aber nicht jeder, der so vorgeführt wurde,
kann darüber lachen.

Der 1. April ist der Tag,
an dem man sozusagen offiziell andere veräppeln darf.
Aber es passiert viel häufiger als nur am 1. April.
Wenn z.B. ein Lehrling in einem Betrieb neu anfängt,
wird er erst einmal hereingelegt.
Er muss dann vielleicht eine "Kolbenrückholfeder" aus dem Lager holen.
Dort gibt man ihm einen besonders schweren Gegenstand mit,
den er in die Werkstatt schleppt - es ist natürlich der falsche.
Er muss noch einmal los. Er muss den Weg so oft machen,
bis er darauf kommt, dass man ihn zum Besten gehalten hat.
Ein harmloser Scherz.
Aber nicht jeder, der so vorgeführt wurde,
kann darüber lachen.

Bei dem, was man mit dem Erzähler unseres Predigttextes anstellt
- er hat keinen Namen,
nennen wir ihn deshalb den "Gottesknecht",
denn dieser Text aus dem Buch des Profeten Jesaja
ist eins der sog. "Gottesknechtslieder" -
bei dem also, was man mit diesem "Gottesknecht" anstellt,
hört der Spaß allerdings auf:
Verprügeln, am Bart ziehen, ins Gesicht spucken,
jemanden vor anderen bloßstellen und beschämen
ist alles andere als harmlos.
Man will diesen Menschen vorführen,
erniedrigen, beschämen
- er wehrt sich nicht einmal dagegen.
Wird aber auch nicht rot vor Scham,
sondern blickt seinen Gegnern in die Augen.
Er beißt die Zähne, kneift die Lippen zusammen
und macht sein Gesicht hart, hart wie Stein.
Diesen Triumph will er seinen Gegnern nicht gönnen,
dass sie sehen, wie er rot wird,
wie er sich abwendet, damit sie ihn nicht weinen sehen.

II
Was bringt einen dazu, andere hereinzulegen?
Warum macht das Veräppeln anderer so viel Spaß?
Ich führe selbst viel zu gern mal jemanden hinters Licht
und kann mich über einen gelungenen Scherz diebisch freuen.
Es ist ein Glücksgefühl wie beim Kreuzworträtsel,
wenn man eine knifflige Frage geknackt hat:
So fühlt es sich auch an,
wenn man jemanden aus der Reserve locken
und seine Selbstsicherheit knacken kann.

Selber hat man es meist nicht so gern,
hereingelegt zu werden.
Da kann man sogar richtig humorlos werden.
Ein Scherz unter vier Augen oder in der Familie ist harmlos.
Aber wenn man vor versammelter Mannschaft zum Besten gehalten wird,
wenn man sich nicht wehren kann,
dann ist das kein Spaß mehr.
Da fühlt man sich in seiner Schwäche bloßgestellt
und vorgeführt.
Es ist erniedrigend.

Genau das haben seine Gegner mit dem "Gottesknecht" vor:
Sie wollen ihn erniedrigen.
Sie wollen ihn zum Opfer machen,
zu einem Opfer ihrer Überlegenheit,
ihres Rechthabens, ihrer Spottlust, ihrer Macht.

Wenn man's recht bedenkt,
wenn man ehrlich zu sich selbst ist,
steckt darin auch der Grund,
warum wir so gern andere hereinlegen:
Es gibt einem für den Moment ein Gefühl der Überlegenheit,
ein kurzes Gefühl des Triumphes über den anderen.

Das ist der Grund,
warum immer wieder Menschen zu Opfern werden.
Das ist auch der Grund,
warum es vor allem Menschen sind,
die selbst nichts Besonderes sind
- nicht besonders mächtig, nicht besonders klug,
nicht besonders einflussreich, nicht besonders stark -,
die andere zu Opfern machen.
Weil sie über das Opfer triumphieren,
sich stark und überlegen fühlen können,
auch - und gerade - dann, wenn sie es nicht sind.

Deshalb werden immer wieder und andauernd
Menschen zu Opfern gemacht,
damit Schwache einen Moment der Stärke genießen können,
damit Menschen, denen die Gesellschaft keinen Wert beimisst,
sich einen Augenblick mächtig und als Herren fühlen können,
damit Menschen, die Erniedrigung erleben,
sich einmal über andere erheben können.
Aber weil das Gefühl des Triumphes nur von kurzer Dauer ist,
müssen wieder und wieder Menschen erniedrigt,
gedemütigt, beschämt und zu Opfern gemacht werden.
Ein Teufelskreis, der die Verhältnisse stabilisiert.

III
Seine Gegner versuchen,
den "Gottesknecht" zum Opfer zu machen.
Warum gerade ihn?
Was hat er ihnen getan?

"Gott, der Herr, hat mir eine Zunge gegeben,
wie Schüler sie haben,
damit ich zur rechten Zeit ein Wort für die Erschöpften weiß."
Das klingt nicht so,
als würde der "Gottesknecht" jemanden provozieren.
Im Gegenteil: Er will helfen,
besonders denen die erschöpft sind,
die am Ende ihrer Kräfte, die ganz unten sind
- und das sind sicher nicht die feinen, einflussreichen Herren.

Er hilft denen, die am Ende ihrer Kräfte sind,
nicht von oben herab mit guten Ratschlägen,
sondern redet mit ihnen wie ein Schüler.
Wie ein Lehrling, den man eben nach einer "Kolbenrückholfeder" geschickt hat.
Er redet mit denen, die unten sind, von gleich zu gleich.
Er ist wahrscheinlich genauso ratlos,
genauso am Ende wie sie.
Aber genau das ist das Wort zur rechten Zeit:
das Wort, an dem man merkt:
Der will mich nicht belehren,
der will mich nicht bekehren,
sondern der fühlt mit mir, der kann mich verstehen.

Der Gottesknecht begibt sich auf das Niveau der Erschöpften.
Er ist sich nicht zu schade dazu,
sich zu ihnen herabzubeugen,
sie ebenso ernst und wichtig zu nehmen
wie eine Persönlichkeit von hohem Rang,
ihnen zuzuhören, wie ein Schüler dem Lehrer zuhört,
und geduldig auf das rechte Wort zur rechten Zeit zu warten.

Und wahrscheinlich ist es genau das,
was seine Gegner so wütend auf ihn macht.
Der Gottesknecht beachtet die natürliche Hackordnung nicht.
Er hält sich nicht an die gesellschaftlichen Spielregeln
sondern unterläuft sie im wahrsten Sinne des Wortes,
indem er sich denen zuwendet,
die ganz unten sind,
und sie mindestens ebenso wert schätzt und wichtig nimmt
wie die, die ganz oben sind.
Statt andere zu Opfern zu machen,
opfert er sich lieber selbst.

IV
Mit seinem Opfer entlarvt der Gottesknecht unser Tun.
Auch wir machen Menschen zu Opfern.
Wir machen Menschen zu Opfern,
um dadurch unseren eigenen Rang,
unsere gesellschaftliche Stellung zu stabilisieren.
Oder warum ist es so wichtig,
dass unsere Kinder das Gymnasium besuchen?
Warum hat die Hauptschule einen so schlechten Ruf?
Wir müssen uns, unsere Kinder von anderen abheben,
wir, sie müssen besser, klüger, erfolgreicher sein als andere.
Eine Gesellschaft, in der alle gleich viel wert sind,
gleich viel gelten, gleich viel Einfluss haben
- ohne Rücksicht auf ihre Bildung,
ihre gesellschaftliche Stellung,
ihre Herkunft, ihr Einkommen -
eine solche Gesellschaft können wir uns nicht vorstellen.
Und die wollen wir, wenn wir ehrlich sind, auch nicht haben.

Der "Gottesknecht" ist kein Kommunist.
Ihm geht es nicht um Gleichmacherei.
Ihm geht es um Gerechtigkeit.
Gerechtigkeit bedeutet, dass niemand
auf Kosten anderer einen Vorteil ausnutzt,
weil er weiß, was andere nicht wissen,
weil er Beziehungen hat zu denen, die entscheiden,
oder selbst Entscheidungen beeinflussen kann.
Aber so funktioniert unsere Gesellschaft:
Wer einen Vorteil hat, nutzt ihn aus
- er wäre ja schön blöd, wenn er's nicht täte,
und außerdem tun's die anderen ja auch.
So produzieren wir täglich auf's Neue
Ungleichheit und Ungerechtigkeit.
So werden täglich auf's Neue Menschen zu Opfern gemacht.

V
Der "Gottesknecht" beachtet die natürliche Hackordnung nicht.
Ihm geht es um das Recht,
deshalb fordert er seine Gegner auch zu einem Rechtsstreit auf.
Nicht um das Recht als abstrakte Größe,
sondern um Gerechtigkeit.
Gerechtigkeit ist das Anliegen Gottes.
Gott hat ihm das Ohr geöffnet:
er hat ihn empfindlich gemacht gegen Ungerechtigkeit,
jetzt kann er nicht mehr zurück zur alten Ordnung.

Die ersten Christen haben Jesus als den "Gottesknecht" gesehen,
von dem Jesaja erzählt.
Auch Jesus hat sich nicht an die Ordnung gehalten,
sondern sie unterlaufen und sich denen zugewendet,
die ganz unten waren, zu den Zöllnern und Prostituierten.
Seine Gleichnisse handelten von den verhassten Samaritanern,
und seine liebevolle, heilende Zuwendung galt denen,
die von der Gesellschaft ausgeschlossen waren,
den Leprakranken, den Behinderten, den Stigmatisierten.
Als König der Armen und der Bettler ist er in Jerusalem eingezogen,
um sich lieber selbst zu opfern,
als andere zu Opfern zu machen,
und damit seine Zeitgenossen und ihr Tun zu entlarven.

Jesus hat sich geopfert.
Hat sich nicht gewehrt gegen die Schläge,
gegen das Bespucktwerden und Gedemütigtwerden.
Hat aber auch nicht den Blick gesenkt oder abgewandt,
sondern den Tätern ins Gesicht gesehen
und sich nicht geschämt.

So beschämt Jesus uns heute.
Beschämt uns, weil wir ihn genauso wenig aushalten würden,
wie ihn seine Zeitgenossen damals aushalten konnten.
Wir würden ihn genauso zum Opfer machen,
weil wir es nicht schlimm finden
und ganz gut damit leben können,
dass Menschen unter uns zu Opfern gemacht werden.

Heute beginnt die Karwoche.
Wir erinnern uns an das Leid, das Jesus auf sich nahm.
Denken wir auch an das Leid, das wir verursachen,
das Leid, das unserer Gesellschaft verursacht,
indem sie Menschen zu Opfern macht,
von denen sie lebt,
die sie braucht, um zu bestehen.
Ertragen wir den Gedanken an dieses Leid, an diese Opfer,
wenigstens in der Karwoche.
Schämen wir uns.