Samstag, 19. Mai 2018

Den Predigttext aufräumen


Dialogpredigt am Pfingstsonntag, 20. Mai 2018, über 1.Korinther 2,12-16:

Wir haben nicht den Geist der Welt bekommen,
    sondern den Geist, der von Gott kommt,
    damit wir erkennen,
    was uns von Gott gegeben wurde.
    Davon reden wir auch
- nicht in Worten,
die uns menschliche Weisheit lehrte,
    sondern - vom Geist gelehrt -
    deuten wir Geistliches als Geistliche.
Der diesseitige Mensch nimmt nicht an,
was von Gottes Geist kommt.
Für ihn ist es Blödsinn,
und er kann es nicht erkennen,
    denn es wird geistlich beurteilt.
    Der geistliche Mensch beurteilt alles
und wird selbst von niemandem beurteilt.
    Denn „wer hat den Willen des Herrn erkannt,
    dass er ihn belehre“? (Jesaja 40,13).
    Wir aber haben den Geist Christi.


Weltgeist, Gottesgeist - was für ein Hin und Her!
Da kommt man ganz durcheinander:
Was ist denn nun was, und vor allem:
Was bedeutet das alles?
    Lass uns etwas Ordnung in das Durcheinander bringen,
    den Predigttext ein bisschen „aufräumen“, sozusagen.
    Schauen wir uns zuerst einmal den „Weltgeist“ an.
Vom Weltgeist heißt es:
Er ist diesseitig,
er beruft sich auf menschliche Weisheit
und nimmt Geistliches nicht an,
sondern hält es für Blödsinn.
Eigentlich eine gute Beschreibung für die Haltung,
der man bei Atheisten begegnet.
    Tja, und die ist nicht einmal neu.
    Vor 2.000 Jahren wurde der Glaube schon
    mit den gleichen Gründen abgelehnt wie heute:
    Ein Jenseits gibt es nicht,
    denn das hat noch niemand gesehen;
    der Glaube lässt sich mit der Vernunft,
    mit unserem wissenschaftlichen Denken nicht vereinbaren,
    deshalb ist er Blödsinn.
    Wer so redet, verlässt sich nur auf seinen Verstand,
    kennt nur seine eigene, kleine Welt.
Aber, entschuldige mal,
worauf soll man sich denn sonst verlassen?
Niemand sieht die Welt so, wie ich sie sehe.
Niemand denkt und fühlt so wie ich.
Mein Verstand ist nun mal das Werkzeug,
mit dem ich diese Welt begreife
und mich in ihr zurechtfinde.
Wenn ich mich auf den nicht verlassen könnte,
wäre ich ganz schön aufgeschmissen!
    Dein Verstand ist nicht vom Himmel gefallen.
    Er hat sich entwickelt,
    ist das Ergebnis deiner Erziehung:
    Andere Menschen haben dich gelehrt,
    die Welt auf eine bestimmte Weise zu sehen.
Das stimmt.
In der Schule lernte ich,
mich auf Wissen zu verlassen:
Dass 1+1 = 2;
dass alles durch die Schwerkraft nach unten fällt;
dass Mensch und Affe einen gemeinsamen Vorfahren haben.
    Wir haben auch anderes gelernt:
    Dass der Sozialismus siegen wird
    und dass die Partei immer recht hat.
    Dass man gehorsam, fleißig und anständig sein muss.
    Dass Sport die Grundlage für alles ist,
    weil in einem gesunden Körper auch ein gesunder Geist wohnt,
    und dass Religion Opium für’s Volk ist.
Heute lernen Schülerinnen und Schüler,
dass es nicht genügt, gut zu sein:
man muss auch gut aussehen -
am besten so, wie es „Germany’s next Topmodel“ vormacht.
Sie lernen, dass es allein an ihnen liegt,
ob etwas aus ihnen wird, ob sie einen Job bekommen,
und dass nur ihre Leistung zählt.
Sie lernen, dass es nichts bringt,
Rücksicht auf andere zu nehmen,
anderen zu helfen,
weil einen das bloß aufhält
und man sowieso nur ausgenutzt wird.
    Das ist der Weltgeist.
    Seine „Wahrheiten“ ändern sich mit der Zeit
    und mit den Umständen.
    Was gestern wie in Erz gemeißelt war,
    liegt heute auf dem Müllhaufen der Geschichte.
    Bei extremen Vertretern des Weltgeistes
    wie Präsident Trump
    kann man sogar beobachten,
    dass so etwas wie „Wahrheit“ für sie nicht mehr existiert:
    Sie drehen die Dinge so, wie sie sie gerade brauchen,
    und behaupten notfalls das Gegenteil von dem,
    was sie gestern sagten.
Wie gut, dass ich nicht so bin!
Ich stehe zu meinem Wort
und drehe mein Mäntelchen nicht nach dem Wind!
    Sorry, aber nur, weil du nicht so bist wie Donald Trump
    brauchst du dir nicht einzubilden,
    du wärst frei vom Weltgeist!
    Wir leben in einer Gesellschaft -
    wir werden alle davon beeinflusst.
    Man kann zwar seine Tür vor unliebsamen Menschen verschließen,
    aber der Weltgeist dringt durch alle Ritzen.
Das Verhalten und besonders das Reden der anderen beeinflussen,
wie wir denken und handeln.
Ohne es zu merken übernehmen wir die Maßstäbe,
die sie an andere anlegen.
Da werden äußerliche Dinge
wie die Figur, die Hautfarbe,
die Herkunft oder die Kleidung
zu Maßstäben, nach denen wir andere beurteilen
- und uns selbst beurteilt finden.
Dabei wissen wir es eigentlich besser:
Wir wissen, dass das Äußerliche nichts über den Menschen sagt,
weil wir selbst uns ungerecht behandelt fühlen,
wenn man uns nur oberflächlich beurteilt.
    Jetzt haben wir genug vom Weltgeist gehört.
    Ich denke, jeder und jedem ist klar,
    was damit gemeint ist.
    Wie ist es nun mit dem Geist Gottes?
Ich finde es gar nicht so einfach,
dazu etwas zu sagen.
Man bekommt ihn nicht so richtig zu fassen.
„Vom Geist gelehrt, deuten wir Geistliches als Geistliche“
- was soll das heißen?
Ist das nicht, mit Verlaub, Blödsinn?
    Das ist das Problem,
    wenn man mit der Logik des Weltgeistes
    den Geist Gottes verstehen will:
    Es geht nicht.
    Gottes Geist ist nicht so sehr eine andere Art und Weise,
    die Welt und die Dinge zu sehen -
    das ist eher ein Nebenprodukt
    und passiert quasi von selbst,
    wenn man von Gottes Geist ergriffen wird.
Wenn du von „ergriffen“ sprichst,
erinnert mich das an das Bild,
das Paulus von der Taufe gebraucht.
Er sagt, wir hätten „Christus angezogen“,
wie man Kleidung anzieht.
    Das Äußere sagt nichts über einen Menschen aus,
    aber es bestimmt darüber, wie man sich fühlt.
    Wer mit seinem Körper unzufrieden ist,
    fühlt sich „nicht wohl in seiner Haut“,
    ist unsicher anderen gegenüber.
    Und wenn es einem gut geht
    oder man sich auf etwas freut -
    deinen Geburtstag, ein Fest -,
    macht man sich chic und zieht etwas Besonderes an.
Wenn man „Christus angezogen“ hat,
fühlt man sich anders,
weil das Äußere keine Rolle mehr spielt.
Da ist ja jetzt Christus,
der uns wie ein Panzer vor den abschätzenden Blicken schützt;
der uns schön aussehen lässt,
wie ein perfekt sitzendes Kleid,
wie ein gut geschnittener Anzug.
    Genau so ist es auch mit dem Heiligen Geist,
    nur, dass der uns nicht von außen umgibt,
    sondern uns innerlich erfüllt.
    Das ist wie beim Verliebtsein:
    Da ist man so glücklich,
    dass man die ganze Welt umarmen könnte.
    Da ist man nicht kleinlich, neidisch oder egozentrisch.
Der Geist Gottes erfüllt uns mit einer Wärme,
die uns warmherzig macht.
Warmherzig und barmherzig klingen nicht nur zufällig ähnlich.
Wer kein Herz aus Stein hat,
sondern ein warmes Herz,
lässt sich anrühren vom Schicksal anderer
und wertet andere nicht ab,
nur, weil sie anders sind:
der oder die ist barmherzig.
    An Pfingsten feiern wir,
    dass dieser Geist Gottes uns erfüllt.
    Geben wir ihm Raum in uns,
    dass dieser Geist aus unseren Augen strahlt
    und in unseren Herzen brennt.
    Amen.

Donnerstag, 10. Mai 2018

Schreib's dir hinter die Ohren!

Predigt am Sonntag Exaudi, 13. Mai 2018, über Jeremia 31,31-34:

Sieh, eine Zeit wird kommen, Spruch des Herrn,
da werde ich mit dem Haus Israel und dem Haus Juda einen neuen Bund schließen.
Nicht wie der Bund, den ich mit ihren Vätern schloss,
als ich ihre Hand ergriff und sie aus dem Land Ägypten führte.
Sie brachen meinen Bund, dabei war ich doch quasi mit ihnen verheiratet, Spruch des Herrn.
Denn das ist der Bund, den ich mit dem Haus Israel schlißen werde nach jenen Tagen, Spruch des Herrn:
Ich werde meine Weisung in ihr Inneres legen,
auf ihr Herz werde ich sie schreiben.
Ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein.
Und es wird nicht mehr einer seinen Freund lehren,
noch einer seinen Bruder: „Erkenne den Herrn!”,
denn alle werden mich erkennen,
vom Kleinsten bis zum Größten, Spruch des Herrn.
Denn ich werde ihre Schuld vergeben,
ihrer Sünden nicht mehr gedenken.


Liebe Schwestern und Brüder,

haben Sie schon mal daran gedacht, sich eine Tätowierung stechen zu lassen?
Vielleicht haben Sie ja sogar eine - oder mehrere?
Früher waren Tätowierungen nur etwas für harte Kerle -
Seefahrer oder Gefängnisinsassen -
oder für Frauen von eher zweifelhaftem Ruf.
Früher hätte es mächtigen Ärger gegeben,
wenn man mit einer Tätowierung nach Hause gekommen wäre.
Heute ist es eher umgekehrt:
Da fällt man beinahe schon auf, wenn man keine Tätowierung hat,
so allgegenwärtig sind sie inzwischen.
Deshalb ist es nicht so abwegig,
einmal mit dem Gedanken an eine Tätowierung zu spielen.


I. So eine Tätowierung will allerdings gut überlegt sein -
schließlich hat man sein Leben lang etwas davon!
Heute kann man sie zwar weglasern
oder von einem Profi ändern lassen,
aber im Grunde lässt man sich darauf ein,
dass man die Tätowierung ein Leben lang behält.
Deshalb kann man davon ausgehen,
dass sich jemand Gedanken über seine Tätowierung gemacht hat,
weil es eben „für immer“ ist.

Wenn Sie sich einmal für einen Moment auf dieses Gedankenspiel einlassen:
Was würden Sie sich auf die Haut schreiben lassen?
Wäre es ein Name, ein Wort,
ein Datum oder ein Symbol?
Manche lassen sich den Namen des Liebsten auf die Haut schreiben;
den Geburtstag der Kinder;
ein Wort oder einen Satz, der ihnen Mut machen, Kraft geben soll;
das Symbol dessen, woran sie glauben oder das für sie das Wichtigste im Leben ist.
Durch die Tätowierung wird es zu etwas ganz Besonderem,
weil es „für immer“ ist,
weil es im Wortsinn „unter die Haut“ geht
und man es ständig bei sich trägt.

Im heutigen Predigttext heißt es:
„Ich werde meine Weisung in ihr Inneres legen,
auf ihr Herz werde ich sie schreiben.“
Gott schreibt seine Weisung auf das Herz.
Ich stelle mir das wie eine Tätowierung vor.
Nur eben nicht auf der äußeren Haut,
sondern auf der Haut des Herzens.
Man darf sich aber das nicht zu wörtlich vorstellen -
es ist ja ein Bild.
Ein Bild, das uns allerdings vertraut ist:
Man sagt z.B., man solle sich etwas „hinter die Ohren schreiben“.
Auch das ist bildlich, nicht wörtlich gemeint -
wie soll man lesen können, was hinter den eigenen Ohren geschrieben steht?
Im Adventslied „Wie soll ich dich empfangen“ heißt es:
„Das schreib dir in dein Herze, du hochbetrübtes Heer,
bei denen Gram und Schmerze sich häuft je mehr und mehr;
seid unverzagt, ihr habet die Hilfe vor der Tür,
der eure Herzen labet und tröstet, steht allhier“ (EG 11,6).

Was man sich hinter die Ohren oder ins Herz schreibt, ist wichtig.
Das will man nicht vergessen. Das soll bleiben.


II. Beim hinter-die-Ohren-Schreiben
oder dem ins-Herz-Schreiben schreibt man selbst:
Man schreibt sich etwas hinter die Ohren oder ins Herz,
das einem wichtig ist und an das man sich erinnern möchte.
Im Predigttext aber ist es Gott, der schreibt:
„Ich werde meine Weisung auf ihr Herz schreiben“.
Was man selbst schreibt, hat man sich selbst ausgesucht und überlegt.
Wenn aber Gott aufs Herz schreibt, kann man sich da aussuchen, was er schreibt?
Wohl eher nicht.
Da kann einem schon etwas mulmig werden bei dem Gedanken,
dass ein Fremder - und wenn es auch Gott ist - einem etwas aufs Herz schreibt,
was man vielleicht gar nicht will, und ohne dass man vorher gefragt wird.
Und wenn Gott aufs Herz schreibt,
kann man das ja auch nicht so ohne weiteres entfernen.
Wenn schon eine Tätowierung „für immer“ ist,
dann ist es etwas, das aufs Herz geschrieben wurde, erst recht.

Was ist es denn, das Gott aufs Herz schreibt?
Es ist die Weisung, auf Hebräisch: Die Tora.
Mit der Tora oder Weisung sind die Gebote Gottes gemeint,
zu denen die bekannten Zehn Gebote gehören.
Oder das Liebesgebot, das Jesus zitiert,
als er gefragt wird, welches das höchste Gebot sei:
„Du soll Gott lieben von ganzem Herzen …
und deinen Nächsten wie dich selbst“ (Markus 12,28).

Diese Gebote sind die Grundlage unserer Beziehung zu Gott,
seines „Bundes“, wie es im Predigttext heißt.
Wenn man eine besonders enge Beziehung eingeht,
spricht man ja auch vom „Bund der Ehe“.
An manchen Stellen der Bibel sieht sich Gott als Ehepartner Israels.
Wer mit Gott im Bund ist, für die oder den beeinflussen Gottes Gebote das Leben.
Die Entscheidungen, die man trifft, misst man an ihnen;
was man tut, wird von den Geboten beeinflusst oder sogar bestimmt.

Nun ist es nicht so, dass man ständig seine Bibel dabei hat,
wenn man im Alltag Entscheidungen treffen muss.
Auch vor den wichtigen Entscheidungen des Lebens -
z.B. wenn man sich verliebt - konsultiert man nicht die Bibel,
sondern entscheidet „aus dem Bauch heraus“
oder lässt sich von seinem Herzen leiten.


III. Bauch - oder Inneres - und Herz,
das sind die Orte, in die Gott seine Weisung legt bzw. schreibt.
Wer Gottes Tora verinnerlicht hat, braucht nicht in der Bibel nachzuschlagen;
der oder die kann „aus dem Bauch heraus“ entscheiden.
Und wem das Herz etwas zu tun befiehlt,
auf das Gott seine Weisung schrieb,
die oder der wird nach dieser Weisung handeln.

Aber wie kommt die Weisung ins Innere,
wie schreibt Gott auf das Herz?

Wie ist es sonst mit dem „Bauchgefühl“ und den Herzensentscheidungen?
Woran orientiert man sich da?
Wenn man sich z.B. verliebt,
ist das ja keine rationale, bewusste Entscheidung.
Man geht ja auch nicht los und sucht sich eine Partnerin, einen Partner aus.
Man bildet sich zwar ein, man würde das tun.
Manche Ehefrau lässt ihren Mann in dem Glauben,
er hätte sie sich ausgesucht - dabei hat sie ihn um den Finger gewickelt.
Man bildet sich auch ein, man hätte bei der Partnersuche die Wahl,
als könne man den Richtigen oder die Richtige
unter den jeweils drei Milliarden Männern und Frauen auf dieser Welt finden.
Theoretisch kann man das auch.
Aber tatsächlich ist es der Zufall oder das Schicksal oder Gottes Fügung,
die zwei Menschen dazu bringt, einander als Liebsten zu erkennen.
Als Außenstehender wundert man sich manchmal,
welche zwei sich da gefunden haben.
Sie scheinen überhaupt nicht zueinander zu passen,
einer scheint dem anderen haushoch überlegen zu sein
an Schönheit, an Klugheit oder Wohlstand.
Aber die beiden sehen diesen Unterschied nicht.
Sie haben das Gefühl, sie seien füreinander geschaffen.
Sie haben sich erkannt:
Sie erkannten, dass sie zueinander gehören.

So ähnlich ist das, wenn man Gott „erkennt“.
Es ist ein bisschen wie sich zu verlieben.
Auch der Glaube ist keine rationale, bewusste Entscheidung.
Manche können zwar angeben, wann sie sich bewusst Gott zugewendet haben.
Aber da war der Glaube schon lange da.
Gott hat sich bereits für uns entschieden,
als wir noch gar nicht zu einer Entscheidung fähig waren.
Deshalb hat man wie bei der Liebe auch beim Glauben keine Wahl -
auch wenn man sich einbildet, man hätte sie.
Der Glaube ist Zufall oder Schicksal oder Gottes Fügung, wie die Liebe.
Darum können wir uns nicht aussuchen,
was Gott uns aufs Herz schreibt.
Wenn wir merken, dass wir an Gott glauben, ist es bereits zu spät:
Da hat Gott uns seine Weisung schon aufs Herz geschrieben.

Wenn man einen Menschen liebt,
will man tun, was dem anderen gefällt,
was ihr oder ihm gut tut, ihr Freude macht oder sie glücklich macht.
Man verinnerlicht das, was dem anderen gefällt,
man weiß es „aus dem Bauch heraus“.
Auf dieselbe Weise kommt die Weisung Gottes in uns hinein:
Wer Gott erkannt hat, will tun, was Gott gefällt,
und verinnerlicht das so sehr,
dass man nicht mehr in der Bibel nachschlagen muss,
um zu wissen, was Gott von uns will.


IV. Woran aber „erkennen“ sich zwei Liebende,
wenn doch das Verlieben selbst Zufall oder Schicksal oder Gottes Fügung ist?
Das Erkennen ist die Folge,
ist die Antwort auf etwas, das vorher geschah.
Beim Verlieben ist es die Tatsache,
dass ein anderer Mensch mich genau so mag, wie ich bin -
trotz aller meiner Schwächen, um die ich weiß,
trotz aller Fehler, die ich mir nicht vergeben kann,
trotz aller Unzulänglichkeiten, für die ich mich schäme.
In den Augen der Liebsten, des Liebsten bin ich schön,
bin ich richtig und bin ich gut.
Er oder sie hat sozusagen vergeben,
was ich mir selbst nicht vergeben kann.
Er oder sie hilft mir dabei, mich selbst anzunehmen,
mich selbst zu erkennen als der oder die, die ich bin:
Eine Geliebte, ein Geliebter.

Wenn man Gott erkennt,
ist das ebenfalls die Antwort auf eine Vergebung,
die zuvor geschah:
Die Tatsache, dass Gott nicht mehr daran denkt,
wer wir waren und was wir getan haben.
Es ist nicht gleichgültig, und es ist Gott nicht gleichgültig.
Aber Gott mag uns trotzdem - und gibt uns die Möglichkeit,
uns anzunehmen und zu mögen, wie wir sind:
als eine über alles Geliebte, ein über alles Geliebter.
Wer sich selbst in dieser Weise erkannt hat:
in seinen engen Grenzen und Einschränkungen, mit seinen Fehlern,
und trotzdem von Gott über alles geliebt,
wird erkennen, dass das auch für jeden anderen Menschen gilt,
ja, gelten muss.
Das ist das „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“.
Wen diese Erkenntnis - man könnte auch sagen: diese Liebe -
einmal gepackt hat, der hat die Weisungen auf sein Herz geschrieben.
Man weiß nicht, wie es kam, aber sie sind da,
und man möchte nicht mehr anders leben.


V. Man muss wahrscheinlich ein wenig leichtsinnig sein,
wenn man sich eine Tätowierung stechen lässt,
weil man ja nicht ahnen kann,
ob man sie in zehn, zwanzig oder fünfzig Jahren immer noch mag.
Ich wollte Sie mit meiner Predigt keinesfalls animieren, sich tätowieren zu lassen.
Aber zu diesem Leichtsinn möchte ich Sie animieren.
Er könnte dazu führen, dass man sich verliebt.
Er könnte dazu führen, dass man mit einem Mal
Gottes Weisung auf sein Herz geschrieben findet
und dann nicht mehr anders leben will.

Amen.

Samstag, 5. Mai 2018

too many secrets?


aus: Sneakers
 Predigt am Sonntag Rogate, 6. Mai 2018, über Kolosser 4,2-6:

Seid beharrlich im Gebet und wacht in ihm mit Danksagung!
Betet zugleich auch für uns, dass Gott uns eine Tür für das Wort auftue
und wir das Geheimnis Christi sagen können,
um dessentwillen ich auch in Fesseln bin,
damit ich es offenbar mache, wie ich es sagen muss.
Verhaltet euch weise gegenüber denen, die draußen sind,
und kauft die Zeit aus.
Eure Rede sei allezeit freundlich und mit Salz gewürzt,
dass ihr wisst, wie ihr einem jedem antworten sollt.


Liebe Schwestern und Brüder,

einmal haben wir unseren Klassenlehrer so gelöchert,
dass er fast verzweifelt wäre:
wir wollten unbedingt wissen, wie die Klassenarbeit ausgefallen war.
Er aber wollte die Arbeit erst in der nächsten Woche zurückgeben
und vorher nichts über die Noten verraten.
Wir nervten ihn immer weiter, baten, fragten, bettelten,
bis er uns schließlich mit verschwörerischer Miene fragte:
„Könnt ihr ein Geheimnis für euch behalten?“
Wir nickten. Natürlich konnten wir das.
Da antwortete unser Lehrer:
„Ich auch!“


I. Können Sie ein Geheimnis für sich behalten?
Was für eine Frage! Klar können Sie!
Davon lebt das Vertrauen,
das die Grundlage jeder Freundschaft und jeder Beziehung ist:
Andere können sich darauf verlassen,
dass ich ihr Geheimnis für mich behalte
und es nicht weitererzähle.

Doch wenn Geheimnisse verraten werden,
wird Vertrauen zerstört und Misstrauen gesät.
Die Stasi versuchte mit allen Mitteln,
an die Geheimnisse der Bürgerinnen und Bürger zu kommen.
Sie öffnete private Briefe, belauschte Telefonate, verwanzte Wohnungen.
Das Perfideste aber war, dass sie Freunde, Nachbarn, Kollegen dazu überredete
oder dazu zwang, Geheimnisse zu verraten, die ihnen anvertraut worden waren,
oder sich einzuschleichen, um an diese Geheimnisse zu kommen.

Wenn es keine Geheimnisse mehr gibt,
wenn man keinem Menschen mehr trauen kann,
wird man krank.
Viele Machthaber träumen davon,
völlige Kontrolle über ihre Untertanen zu besitzen,
indem sie alles über sie in Erfahrung bringen,
jedes noch so kleine Geheimnis lüften -
„big Brother is watching you“.
Leider träumen auch manche Eltern davon,
manche Partnerinnen oder Partner.

Jeder Mensch hat ein Recht auf Geheimnisse,
und ich behaupte, sie machen das Leben erst lebenswert:
die Wahl zu haben, ob und wem man etwas von sich anvertraut - und wem nicht.

Ein Geheimnis zu besitzen, von dem andere nichts wissen,
vielleicht nicht einmal die, die einem am nächsten stehen:
das schenkt einem Freiheit.

Es macht einen Menschen überhaupt erst interessant,
dass man nicht alles von ihr oder ihm weiß,
dass es bei ihr oder ihm noch vieles zu entdecken gibt
und manches, das man niemals erfahren wird
- oder vielleicht doch, in einem ganz besonderen Moment,
über den aber niemand anderes entscheidet als dieser Mensch allein.


II. Jeder Mensch hat ein Recht auf Geheimnisse.
Auch in der Bibel wimmelt es davon.
Geheimnisse stehen an ihrem Anfang -
Adam und Eva essen heimlich vom Baum der Erkenntnis
und versuchen, diese Tatsache vor Gott zu verbergen.
Kain versucht, den Mord an seinem Bruder zu vertuschen.
Simson verrät nicht, was die Quelle seiner ungeheuren Kraft ist.

Auch Jesus hat Geheimnisse:
Dass er der Messias, der Christus, ist,
dürfen seine Jünger niemandem verraten.
Seine Gleichnisse sind Geschichten,
die nur die Eingeweihten verstehen.
Und bei vielen Heilungen verlangt er von den Geheilten,
dass sie niemandem sagen, wer sie gesund gemacht hat
(sie tun es natürlich trotzdem).

Am interessantesten ist in dieser Hinsicht aber die Auferstehung:
Die Frauen, die das offene Grab finden
und den Engel darin treffen, der ihnen die Osterbotschaft bringt,
sind so erschrocken, dass sie niemandem etwas sagen,
wie es im Evangelium heißt.
Trotzdem macht die Nachricht schnell die Runde -
wenn das nicht so gewesen wäre, wären wir jetzt nicht hier.

Es gibt viele Stellen in den Evangelien
wie die Heilungsgeschichten oder die Auferstehungsberichte,
in denen etwas, das geheim bleiben soll,
erst recht ausgeplaudert und verbreitet wird.

Aber im Gegensatz zu jemandem,
der eines unserer Geheimnisse verraten würde,
ist auf die Verräter in den Evangelien niemand böse - im Gegenteil:
Es scheint, als sollte das Geheimnis verraten werden;
als wäre es nur deshalb mit dem Siegel der Verschwiegenheit versehen worden,
um so erst recht ausgeplaudert zu werden.


III. Der Predigttext geht noch einen Schritt weiter.
Hier heißt es:
„Betet zugleich auch für uns,
dass Gott uns eine Tür für das Wort auftue
und wir das Geheimnis Christi sagen können,
damit ich es offenbar mache, wie ich es sagen muss.“

Paulus, von dem hier die Rede ist,
plaudert das Geheimnis Christi aus!
Und nicht nur das: Er bittet die Gemeinde,
für ihn zu beten, damit er es tut!
Er macht die Gemeinde zu Komplizen seines Geheimnisverrates!
Und das ganz offen, ohne jede Geheimniskrämerei.

Was aber ist eigentlich dieses Geheimnis Christi?
Es ist, kurz gesagt, das Wissen darum,
dass Jesus für uns gestorben ist,
mit seinem Tod unsere Schuld auf sich genommen
und uns mit seiner Auferstehung ein neues Leben geschenkt hat.

Aber das ist doch kein Geheimnis!
Das weiß doch jedes Kind,
das in den Kindergottesdienst oder in die Christenlehre geht!
Und das darf, nein, das soll jede und jeder wissen:
„Geht hin und macht zu Jüngern alle Völker“,
sagt Jesus am Ende des Matthäusevangeliums.
Er gibt uns den Auftrag, allen davon zu erzählen,
die diese Botschaft hören wollen.

Aber genau da liegt der Hund begraben:
Es kann zwar jede das Geheimnis Christi erfahren -
es soll sogar jede erfahren -
aber die wenigsten interessieren sich dafür
oder hören überhaupt zu.
Und unter denen, die zuhören,
schütteln viele den Kopf und sagen,
dass das doch alles nicht stimmen könne
und nicht glaubhaft sei.

Das Wort vom Geheimnis Christi findet keine Tür,
findet keinen Einlass und erreicht die Menschen nicht,
für die es bestimmt ist.
Und so geht es uns ja auch oft mit Worten der Bibel:
Man hört sie, aber sie rauschen an einem vorbei.
Die Tür ist nicht offen, die Worte erreichen einen nicht.


IV. Offenbar kann man das nicht machen.
Offenbar hilft eine interessante Predigt,
eine freundliche oder mit Salz gewürzte Rede nicht,
dass dem Wort eine Tür geöffnet wird:
dass es die Zuhörerin erreicht.

Dass eine Botschaft, eine Rede, eine Predigt die Zuhörer erreicht,
kann man nicht „machen“, schon gar nicht erzwingen.
Jede Mutter, jeder Vater kann ein Lied davon singen.
Aber auch jede, die einmal ein wichtiges Anliegen jemandem mitteilen wollte,
der nicht zum Zuhören bereit war.

Damit jemanden eine Botschaft erreicht,
muss er innerlich dazu bereit sein.
Man kann natürlich etwas hundertmal sagen,
hundertmal abschreiben lassen.
Aber dass es ankommt, darüber entscheidet die Hörerin allein.

Deshalb verfällt Paulus auf das Gebet.
Nicht, weil er so verzweifelt ist,
dass er darin die letzte Chance sieht, nach dem Motto:
wenn nichts mehr hilft, hilft vielleicht noch beten.
Sondern weil das Gebet tatsächlich die Art und Weise ist,
wie man die innerliche Bereitschaft zum Zuhören erlangt.

Beten, wie Paulus es meint, bedeutet nicht, viele Worte zu machen.
Es ist vielmehr eine besondere Art der Konzentration:
Man konzentriert sich auf das Wort Gottes
und öffnet ihm so eine Tür,
durch die es einen erreichen und berühren kann.

Wenn in einem Gottesdienst aus der Bibel vorgelesen
oder über einen Text der Bibel gepredigt wird,
dann arbeiten nicht nur die Lektorin, die liest,
oder die Pfarrerin, die predigt.
Die ganze Gemeinde arbeitet,
indem sie darum betet, dass sich dem Wort eine Tür öffnet.

Das Hören der Lesung oder der Predigt ist genauso wichtig
- und auch genauso anstrengend -
wie das Lesen und Predigen selbst.
Und ohne das konzentrierte, betende Zuhören der Gemeinde
können Lesung oder Predigt nichts und niemanden erreichen.
Darum macht Paulus die Gemeinde zu Komplizen seines Geheimnisverrates:
Ohne sie geht es nicht.
Ohne die Gemeinde kann das Geheimnis Christi nicht weitergesagt werden.
Es bleibt im Geheimnis verborgen.


V. Können Sie ein Geheimnis für sich behalten?
Es gibt Geheimnisse, die müssen wir für uns behalten,
auch wenn wir darauf brennen, sie weiterzuerzählen.
Es gibt Geheimnisse, die sind unglaublich wertvoll,
weil sie uns jemand anvertraut hat, der uns vertraut,
oder weil sie uns die Freiheit schenken, die wir zum Leben brauchen.

Und es gibt Geheimnisse, die wollen und müssen verbreitet werden.
Aber nicht, indem man sie auf Facebook veröffentlicht,
in den Schaukasten hängt oder auf sein T-Shirt druckt.
Sondern indem man betet.

Das Geheimnis Christi verbreitet sich nicht durch Reklame,
coole Sprüche oder raffinierte Formulierungen,
sondern durchs Beten.
Das ist nicht nur Sache der offiziellen kirchlichen Mitarbeiterinnen.
Jede und jeder ist daran beteiligt.
Jede und jeder trägt dazu bei,
dem Wort eine Tür aufzutun
durch Schweigen und Hören: durchs Gebet.

Amen.

Samstag, 21. April 2018

unterscheiden

Predigt am Sonntag Jubilate, 22. April 2018, über 2.Korinther 4,16-18:

Darum werden wir nicht müde, sondern,
wenn auch unser äußerer Mensch zugrunde geht,
wird unser innerer doch täglich erneuert.
Denn die leichte Last unserer gegenwärtigen Probleme
wirkt für uns eine übermäßige Fülle ewiger Herrlichkeit,
die wir nicht achten auf das Sichtbare,
sondern auf das, was man nicht sehen kann.
Denn das Sichtbare ist vergänglich,
was man aber nicht sehen kann, ist ewig.


Liebe Schwestern und Brüder,

glauben heißt: zu unterscheiden
zwischen außen und innen,
Bedrängnis und Weite,
sichtbar und unsichtbar,
vergänglich und ewig.

I. Es sind besondere Unterschiede, um die es hier geht.
Keine, die man messen, wiegen oder zählen kann.

Es sind sogar Unterscheidungen,
die wir eigentlich gar nicht treffen können.
Wie sollte man zwischen äußerem und innerem Menschen unterscheiden,
wir können doch nicht in uns hineinsehen.
Allenfalls kann man in sich hineinhorchen
oder spüren, wie man sich fühlt -
aber beides will gelernt und geübt sein,
und dann ist man sich trotzdem nicht immer sicher über seine Gefühle.

Wie soll man Belastungen unterscheiden?
Ein kleines Kind wird eine Wasserflasche als schwer empfinden,
während seine Mutter einen ganzen Wasserkasten schleppt.
Trotzdem ist die Flasche für das Kind schwer,
und sie wird es wieder für einen alten Menschen sein.
Kopfschmerzen können für die eine unerträglich sein;
eine andere hält sie aus.
Man kann nicht wissen, ob beide die selben Schmerzen haben,
ob die Kopfschmerzen unterschiedlich stark sind,
oder ob beide Schmerzen unterschiedlich empfinden.

Vom Unsichtbaren können wir gar nichts wissen,
denn es entzieht sich unserer Beobachtung,
ebenso wie das Ewige.
Wir sagen zwar, die Berge seien "ewig".
Aber wir wissen, dass auch sie entstehen und vergehen -
nur so langsam, dass sie sich in unserer
vergleichsweise kurzen Lebensspanne
so gut wie gar nicht verändern.

Woher weiß Paulus dann von unserem "inneren Menschen"?
Wie kann Paulus behaupten, dass unsere Probleme leicht sind,
wenn er sie doch gar nicht kennt?
Und wie kann Paulus vom Unsichtbaren sprechen,
wenn man es doch nun einmal nicht sehen kann?


II. Am Anfang ist das Wort.
Damit etwas unterschieden werden kann,
muss es benannt und bewertet werden.

Ein Säugling nimmt bereits Unterschiede wahr:
hell-dunkel, warm-kalt, bei Mama-allein, satt-hungrig,
aber er kann sie nicht benennen.
Aber bewerten kann er sie schon:
durch Lächeln oder durch Tränen zeigt er,
was ihm gefällt und was nicht.
Bevor wir unterscheiden können, können wir bewerten:
wir wissen, was für uns gut ist und was nicht.

Es gibt in uns eine Instanz, das "Ich",
das genau weiß, was es braucht und was es will,
wovor es Angst hat und wovon es träumt.
Das ist der "innere Mensch", von dem Paulus spricht.
Aber sobald wir als Kinder lernen, dazu "Ich" zu sagen,
begegnen wir anderen Ichs, die uns sagen,
was wir brauchen, was wir wollen sollen;
die uns sagen, dass wir keine Angst zu haben brauchen,
obwohl wir spüren, wie die Angst uns lähmt,
und die wissen, was wir wünschen,
bevor wir uns das überhaupt selbst fragen konnten.

Da wird man unsicher und weiß nicht mehr:
bin das ich oder ist es ein*e andere?
Am Ende misstraut man dem eigenen Ich
und hört auf die anderen, die einem sagen,
was man tun und wollen und fühlen soll.


III. Andere befinden auch darüber,
wie schwer unsere Probleme sind:
"Das ist doch ganz leicht!", wird dem Kind gesagt,
das die Aufgabe nicht lösen kann.
Damit wird die Aufgabe nicht lösbarer,
aber das Kind weiß nun,
dass es offenbar dümmer ist als andere.

"Das wird schon wieder", wird der Teenagerin gesagt,
die zum ersten Mal von einem Freund verlassen wurde.
Und natürlich wird es wieder, weiß der Erwachsene,
der schon viele Trennungen hinter sich hat.
Aber woher soll es die Teenagerin wissen,
und warum sollte sie dem Erwachsenen glauben,
wenn der Schmerz doch so groß ist.

"Das ist doch noch gar nichts!
Da sollten Sie mal meine Wunde sehen",
sagte der Patient im Krankenhausbett nebenan,
und man schämt sich fast,
dass man auch Scherzen hat und Angst.

Paulus ist da keine Ausnahme,
wenn er von der leichten Last unserer gegenwärtigen Probleme spricht.
Aber er redet auch wie ein Bergführer,
der schon etliche Male auf dem Gipfel war und weiß:
von hier sind es nur noch wenige Meter,
auch wenn der Anstieg mörderisch steil ist.

Es hängt also davon ab,
ob wir Paulus vertrauen;
ob wir glauben, dass er Ahnung hat
und weiß, wovon er spricht.

Aber woher sollte Paulus etwas von "ewiger Herrlichkeit" wissen,
er ist - oder besser gesagt: war - doch ein Mensch wie wir!

Woher weiß Paulus etwas von dem,
wovon man eigentlich nichts wissen kann?
Paulus war ein Pharisäer, heute würde man sagen:
Er war bibelfest.
Paulus hatte es aus der Schrift.
Die Schrift des ersten oder, wie wir sagen, Alten Testaments,
die Bibel des Paulus, die Bibel Jesu und der ersten Christen
erzählt von den Unterschieden zwischen außen und innen,
zwischen Bedrängtsein und Weite,
sichtbar und unsichtbar,
vergänglich und ewig.

Die Schrift ist kein wissenschaftlicher Untersuchungsbericht,
kein Protokoll oder Tatsachenbericht,
denen unser kritischer Geist Vertrauen schenken könnte.
Es sind Geschichten, aus denen die Schrift besteht.
Es sind keine Geschichten wie die, die sich jemand ausdenkt.
Diesen Geschichten haben Menschen sei mehreren tausend Jahren vertraut.
Nicht ihr Alter macht sie vertrauenswürdig,
sondern dass sie sich bewährt haben.

Wir können von Gott nichts wissen.
Das liegt in der Natur der Sache:
Würden wir Gott erkennen,
wäre das, was wir da zu erkennen meinen, nicht Gott.
Wir "haben" Gott nur in Geschichten,
und Geschichten sind Worte.
Worte, die benennen, dass es Gott gibt. Ewigkeit.
Eine unsichtbare Welt,
die wirklicher ist als die Wirklichkeit, die uns umgibt.
Es sind Worte, die den Unterschied machen.


IV. Aber wenn es bloß Worte sind,
wo ist der Beweis, dass sie wahr sind,
dass man ihnen vertrauen kann?

Es wird Sie vielleicht überraschen zu hören,
dass man diesen Worten nicht glauben muss.
Jedenfalls nicht glauben in dem Sinne des für-wahr-Haltens.
Sie brauchen kein einziges Wort der Bibel zu glauben
und können trotzdem ein gläubiger Mensch sein.
Sie glauben ja auch nicht an die Zahlen
und können trotzdem mit ihnen rechnen -
und bekommen sogar ein Ergebnis,
möglicherweise sogar ein richtiges,
wenn Sie richtig gerechnet haben.

Wie an Zahlen und Rechenoperationen
muss man auch an die Worte der Bibel nicht glauben,
wenn man sie anwenden will.
Die Worte der Bibel wendet man an,
wenn man mit ihnen Unterscheidungen trifft.
Unterscheidungen, die uns helfen, etwas zu verstehen,
wodurch unser Leben etwas leichter,
etwas erträglicher werden kann:

Der Beobachtung, dass unser äußerer Mensch verfällt,
dass wir krank werden und alt werden,
setzt Paulus den inneren Menschen entgegen,
auf den es eigentlich ankommt.
Der innere Mensch ist frei,
auch wenn der äußere ans Bett oder den Rollstuhl gefesselt
oder dem Diktat der Mode unterworfen ist.
Der innere Mensch kann jeden Tag neu werden,
jeden Tag anders entscheiden und handeln.

Der Erfahrung, dass wir mit Problemen zu kämpfen haben,
setzt Paulus die Aussicht auf eine Freiheit und Weite entgegen,
sozusagen ein Gipfelerlebnis.
Die gewaltige, wunderbare Aussicht lässt die Probleme schrumpfen,
und auf einmal erscheinen sie als eine Mühe, die sich lohnt,
des Gipfels wegen.

Und der leidvollen Erfahrung,
dass alles um uns vergeht,
dass nichts bleibt, wie es war
und dass wir Menschen gehen lassen müssen, die wir lieben,
setzt Paulus das Unsichtbare entgegen,
das die eigentliche Wirklichkeit ist.
Über unseren inneren Menschen, über unser Ich,
sind wir mit dieser Wirklichkeit verbunden
und haben Anteil daran.


V. Glauben bedeutet, zu unterscheiden,
und Unterscheiden bedeutet,
die Unterscheidungen, die die Bibel vornimmt, anzuwenden.
Man muss nicht daran glauben,
denn Glaube heißt nicht, dass man etwas für wahr halten muss.
Glaube ist eine Methode wie das Multiplizieren.
Dass wir mit dem Glauben "richtig" gerechnet haben,
merken wir daran,
dass wir vertrauen können;
dass wir Hoffnung haben für uns und für die Welt;
dass wir unseren Mitmenschen mit Freundlichkeit und Respekt begegnen können.

Glauben ist ganz leicht.
Man muss es nur üben.
Amen.

Freitag, 20. April 2018

Möglichkeiten

Predigt zur Jubelkonfirmation am 21.4.2018 in Dillstädt über Psalm 34,13.15


Liebe Jubilarinnen und Jubilare,
liebe Gemeinde,

erinnern Sie sich noch an die Predigt zu Ihrer Konfirmation, damals vor 50, 60, 65 oder gar 70 Jahren?
Es ist keine ernst gemeinte Frage:
Ich kann mich jedenfalls nicht mehr an die Predigt zu meiner Konfirmation erinnern, obwohl die bei mir "erst" 38 Jahre her ist. Ich glaube, man hätte mich direkt nach dem Konfirmationsgottesdienst fragen können; da hätte ich schon nicht mehr gewusst, was der Pfarrer gepredigt hat. Das lag sicherlich daran, dass Jungs im Konfirmandenalter keine besonders guten Zuhörer sind; dass ich furchtbar aufgeregt war und dass die Predigt das letzte Hindernis vor der Einsegnung und dem Abendmahl war, auf die es doch eigentlich und überhaupt ankam.

Dabei hat mein Pfarrer sich bestimmt große Mühe mit seiner Predigt gemacht, um uns Konfirmandinnen und Konfirmanden etwas Gutes mit auf den Weg zu geben, so, wie ich das mit meinen Konfirmandinnen und Konfirmanden heute immer noch halte. Und so hat es der Pfarrer, der Sie vor 50, 60, 65 oder 70 Jahren einsegnete, auch getan.
Auch er wollte Ihnen damals in der Predigt etwas sagen, was Sie auf den Weg des Glaubens bringen und auf diesem Weg halten sollte. Nur wissen Sie wahrscheinlich genauso wenig wie ich, was das war.


I. Als Sie damals konfirmiert wurden, war Konfirmation noch etwas Selbstverständliches. 1948 war es auf jeden Fall noch so.
In den 50er Jahren fand dann der harte Konflikt zwischen dem Sozialistischen Staat und der Kirche statt, den Sie als Jugendliche auch zu spüren bekamen:
Sie - oder Ihre Eltern - sollten sich zwischen Jugendweihe und Konfirmation entscheiden.
Erst in den 60er Jahren, als sich das Verhältnis zwischen Staat und Kirche entspannte, wurde es üblich, beides zu tun: Am Brauch der Konfirmation festzuhalten und seine Pflicht als Staatsbürger zu erfüllen und zur Jugendweihe zu gehen.

Eine schwere Entscheidung, die Ihnen damals abverlangt wurde! Auf der einen Seite wurde es von Eltern, die im Staatsdienst beschäftigt waren, erwartet, dass ihre Kinder zur Jugendweihe gingen.
Auf der anderen Seite erfuhren Christinnen und Christen, die sich offen zu ihrem Glauben bekannten oder von denen man wusste, dass sie Kinder kirchlicher Mitarbeiter oder selbst kirchlich engagiert waren, Demütigungen und Schikanen durch den Staat.


II. Ihrem Sinn nach ist die Konfirmation eine Entscheidung. Ihr Name kommt aus dem Lateinischen und bedeutet "Bekräftigung": Mit der Konfirmation wird von den Konfirmandinnen und Konfirmanden bekräftigt, was ihre Eltern durch die Taufe ihrer Kinder für sie entschieden: Dass sie Christinnen und Christen sein sollten.

Aber was bedeutet es, eine Christin, ein Christ zu sein? Das kann einem niemand so genau sagen. Der Konfirmandenunterricht gab damals nicht allzu viel dazu her - man lernte vor allem auswendig.
Was Christsein bedeutet, das ändert sich auch um Laufe der Geschichte. Und auch in Ihrem eigenen Leben haben Sie vielleicht Veränderungen bemerkt, hat es sich für Sie unterschiedlich angefühlt, Christin oder Christ zu sein.

Wenn man wissen will, wie etwas funktioniert, sieht man in der Bedienungsanleitung nach. Wenn man also wissen will, was Christsein bedeutet, schaut man am besten in die Bedienungsanleitung für das Christsein: in die Bibel. Dort findet man z.B. im 34. Psalm, den wir eingangs gebetet haben, die beiden Verse:
"Wer möchte gern gut leben
und schöne Tage sehen? 
Lass ab vom Bösen und tu Gutes;
suche Frieden und jage ihm nach!"

III. Wie, sollte es so einfach sein? Nichts Böses tun, sich um Gutes und um Frieden bemühen? Das ist ja viel weniger als die 10 Gebote, die man als Konfirmandin oder Konfirmand auswendig lernen musste!

Aber nicht alles, was leicht aussieht, ist auch leicht. Das hat man selbst erfahren, als man Radfahren lernte, Schwimmen, oder als man den Führerschein machte. Jede*r, die ein Instrument oder eine Sportart beherrscht, weiß: Damit es so leicht und unbeschwert aussieht, dass andere denken: Das ist ja einfach, das kann ich auch!, muss man üben, üben, üben.

Auch das Christsein sieht von außen leicht aus, ist es aber nicht. Gerade der Glaube verlangt besonderen Einsatz. Ich spreche jetzt nicht vom Gottesdienstbesuch. Nein, das Leben in Gemeinschaft, das Leben in einer Gemeinde verlangt diesen besonderen Einsatz. Das Leben in Gemeinschaft bedeutet, aufeinander zu achten, füreinander da zu sein und zu helfen, wenn Hilfe nötig ist. So haben Sie es selbst erlebt, so haben Sie sich selbst verhalten. Und dabei haben Sie erfahren, dass Gemeinschaft auch sehr anstrengend sein kann.

So ist es auch mit den beiden Versen aus dem Psalm:
"Lass ab vom Bösen und tu Gutes;
suche Frieden und jage ihm nach!"
Sie erweisen sich als unglaublich schwer, wenn man versucht, sie zu beherzigen.


IV. Mit diesen beiden Versen verhält es sichwie beim Erlernen eine Musikinstrumentes, eines Handwerkes oder einer Sportart: Je öfter man übt, desto besser wird man. Je öfter man übt, desto deutlicher sieht man aber auch,
was man alles noch nicht kann. Wo ein Außenstehender sagt: Das passt, das ist gut, denkt man: Das passt überhaupt noch nicht, das ist noch gar nicht gut,
das muss noch viel besser werden!
"Lass ab vom Bösen und tu Gutes;
suche Frieden und jage ihm nach!"
Diese beiden Sätzchen, so unschuldig und leicht sie daherkommen, können richtig gemein sein, wenn man versucht, sich an sie zu halten. Denn wenn man sie sich zum Vorbild nimmt, merkt man überhaupt erst, wie oft man etwas Böses tat, statt Gutes zu tun, und wem alles man unrecht tat; es wird einem bewusst, wie oft man nicht dem Frieden nachgejagt, sondern Unfrieden gestiftet hat.

Die beiden kleinen, unscheinbaren Psalmverse halten uns den Spiegel vor und zeigen uns, dass wir nicht so gut sind, wie wir dachten oder gerne wären. Aber das ist gar nicht ihre Aufgabe. Diese beiden Verse sind nicht dazu da, uns ein schlechtes Gewissen zu machen - gerade heute nicht, an diesem Festtag. Sie wollen uns vielmehr daran erinnern, dass wir immer noch eine zweite Möglichkeit haben, dass es immer auch noch einmal anders geht:
Statt dem anderen seine Bosheit, seine Gemeinheit heimzuzahlen; statt sich über andere zu ärgern; statt neidisch zu sein auf das, was andere haben oder sind, kann man sie sozusagen rechts überholen, indem man sie überrascht und etwas ganz anderes: indem man Gutes tut.

Der Glaube glaubt an das Gute in allen Menschen: an die Liebe.
Der Glaube glaubt an die Möglichkeit, wo es scheinbar keine Möglichkeit mehr gibt: an die Hoffnung.
Der Glaube eröffnet uns eine neue Welt und ein neues Leben, wenn wir am Ende zu sein scheinen.


V. In der Bedienungsanleitung für das Christsein, in der Bibel, stehen viele Sätze wie die beiden Verse des Psalms. Sätze, die uns daran erinnern, welche Möglichkeiten unser Leben hat, selbst dann, wenn wir meinen, wir hätten keine mehr.
Und es stehen darin Sätze wie der, den wir in der Lesung hörten:
"Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen
durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist."
(Römer 5,5)

Es sind Sätze, die uns daran erinnern, dass wir schon alles haben, was wir zum Glück brauchen: Wir sind über alles Geliebte und besitzen Liebe in einer solchen Fülle, dass wir sie niemals aufbrauchen, sie niemals verlieren können.

Aus dieser Liebe Gottes leben wir;
aus dieser Liebe schöpfen wir,
wenn wir anderen Menschen freundlich begegnen;
in dieser Liebe sind wir geborgen
heute, morgen und alle Zeit.
Amen.

Samstag, 14. April 2018

All animals are equal …


Predigt am Sonntag Miserikordias Domini, 15. April 2018, über 1.Petrus 5,1-4:

Die Ältesten unter euch ermahne ich,
der Mitälteste und Zeuge der Leiden Christi,
der ich auch teilhabe an der Herrlichkeit, die offenbart werden soll:
Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist;
achtet auf sie, nicht gezwungen, sondern freiwillig, wie es Gott gefällt;
nicht um schändlichen Gewinns willen, sondern von Herzensgrund;
nicht als Herren über die Gemeinde, sondern als Vorbilder der Herde.
So werdet ihr, wenn erscheinen wird der Erzhirte,
die unvergängliche Krone der Herrlichkeit empfangen.


Liebe Schwestern und Brüder,
oder sollte ich sagen:
meine lieben Schäflein?

schön, wenn man mal nicht gemeint ist!
Wie oft wird man in Predigttexten erwähnt und aufgefordert,
etwas zu tun oder zu lassen.
Als Christ*in wird man in einer Predigt ständig angesprochen und herausgefordert.
Da macht auch der heutige Predigttext keine Ausnahme.
Aber er richtet sich ausdrücklich nicht an die ganze Gemeinde,
sondern nur an die "Ältesten", die Presbyter.
Damit sind nicht, wie man jetzt denken würde, die Kirchenältesten gemeint.
Die "Presbyter" wurden im Laufe der Kirchengeschichte zu den "Priestern".
Angesprochen sind die Pfarrerinnen und Pfarrer,
die Hirtinnen und Hirten der Gemeinde -
in diesem Falle also: ich.
Sie könnten sich theoretisch entspannt zurücklehnen,
während ich mir die Worte des Predigttextes sagen lassen
und sie vor allem beherzigen muss.


I. Bei genauerem Hinsehen - d.h., wenn man sich das griechische Original anschaut -
entdeckt man nicht nur die Priester in diesem kurzen Text.
Auch andere kirchliche Ämter finden sich da erwähnt.
Dort, wo es im Deutschen heißt: "Achtet auf die Herde Gottes,
die euch anbefohlen ist", steht im Griechischen 'episkopeo',
und in diesem Wort steckt der Episkopus, der Bischof.
Dann ist da noch die Rede vom Erz- oder Oberhirten -
da ist es nur noch ein kleiner Schritt zum Erzbischof.

Die Kirche hat eine ganze Reihe von Ämtern hervorgebracht
und eine Hierarchie von Hirten.
Auch die Bischöfe sind ja Hirten:
der Bischofsstab ist dem Hirtenstab abgeschaut.
Jede Gemeinde hat - zumindest theoretisch - ihre Pfarrer*in, ihre Hirt*in,
und die hat eine Oberhirt*in, die Superintendent*in,
und die wiederum eine Ober-oberhirt*in über sich, die Bischöf*in.
In der katholischen Kirche gibt es dann noch die Kardinäle und den Papst,
die Ober-ober-oberhirten,
die man nicht mit dem Erzhirten des Predigttextes verwechseln darf,
denn das ist ja Jesus.

Braucht es so viele Hirt*innen, um eine Gemeinde zu leiten?
Braucht eine Gemeinde überhaupt eine Hirt*in?

Eine Schafherde kann offenbar nicht ohne Hirt*in sein.
Auch Jesus erzählt in seinen Gleichnissen vom Guten Hirten,
der 99 Schafe zurücklässt, um das verlorene Schaf zu suchen.
Schafe können sich verlaufen.
Sie müssen auf die Weide geführt und vor Räubern beschützt werden.


II. Als Schaf hat man es gut.
Ein Hirte sorgt dafür, dass man zu fressen hat.
Er kümmert sich, wenn ein Schaf krank wird und hält die Herde zusammen.
Er schlichtet, wenn es unter den Schafen Streit gibt
und sorgt dafür, dass jedes hat, was es zum Leben braucht.

Wer von uns hat es nicht gern, versorgt zu werden?
Morgens einen Kaffee ans Bett zu bekommen,
die Wäsche gewaschen und gebügelt bereitgelegt zu finden,
während das Frühstück schon auf einen wartet?
So lässt es sich leben.

Über die Jahrhunderte waren Frauen als Hausfrauen
die guten Hirtinnen ihrer Familien,
die in dieser Weise für ihren Ehemann und ihre Kinder sorgten.
Die Ehefrauen waren die Hirtinnen ihrer Familie,
aber der Mann war der Oberhirte.
Er war nicht so sehr Versorger, wie die Frau,
sondern ein Bestimmer, der sagte, wo's langgeht.
Erst Mitte des letzten Jahrhunderts begann sich dieses Rollenverteilung grundsätzlich zu ändern,
aber verschwunden ist sie längst noch nicht.
In Gegenteil: Immer wieder gibt es vor allem Männer,
die behaupten, diese Aufteilung sei gottgewollt
und so müsse es eben sein und überall wieder werden.

Es gibt also zwei Arten von Hirten,
oder zwei unterschiedliche Weisen, Hirte zu sein:
Die eine ist das tätige Kümmern um die Bedürfnisse der Herde,
das stets in Arbeit ausartet:
Schafe müssen im Auge behalten, zur Weide geführt, gesucht, gefunden,
aus Dornen befreit, geschoren, geimpft und behandelt werden, wenn sie krank sind.

Die andere Weise, Hirte zu sein, hat etwas vom Befehlshaber.
Der Befehlshaber bestimmt, wo es langgeht, was zu tun ist.
Da braucht es Ausführende wie z.B. die Hütehunde,
um die Befehle des Hirten umzusetzen.
Der Befehlshaber fasst meist nicht mit an.
Er gibt ja die Befehle und hat damit mehr als genug zu tun.


III. Das Bild vom Hirten, der die Herde behütet, ist ein schönes Bild.
In vielen Kirchen findet man Christus als guten Hirten dargestellt,
der das verlorene Schaf auf den Schultern trägt.
Die ersten Christ*innen, die sich in den Katakomben trafen,
stellten Jesus nicht als Gekreuzigten dar,
sondern als jungen Mann mit einem Schaf auf den Schultern:
als guten Hirten.
Frühchristliche Darstellung des Guten Hirten aus der Katakombe von Domitilla/Domatilla
(Krypta von Lucina, 200-300 n. Chr.)
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Verlorenes_Schaf#/media/File:Good_Shepherd_04.jpg
Das Bild vom Hirten bekommt einen ersten Kratzer,
wenn man sich die beiden Weisen, Hirte zu sein, vergegenwärtigt.
Ein Hirte, der sich kümmert,
der tatkräftig die Bedürfnisse der Herde stillt, ist uns recht.
Einen Hirten, der nur Befehle gibt, kann man nicht brauchen,
weil man sich letztlich doch wieder selbst um alles kümmern muss.
Es muss schon ein "guter" Hirte sein,
einer, der sich nicht zu schade ist, mit anzupacken
und notfalls sogar bereit ist, sein Leben zu opfern für die Schafe.

Man darf das schöne Bild vom Hirten nur nicht zu genau ansehen.
Wenn man das nämlich tut, kann einem ganz schön mulmig werden.
Denn ein Hirte hütet die Herde ja nicht zum Vergnügen der Schafe,
aus lauter Spaß an der Freud, aus reiner Tierliebe,
sondern weil er etwas mit den Schafen vorhat.
Und das ist nichts Gutes - für die Schafe jedenfalls nicht.

Hirten und Schafe sind auch nicht gleich,
sondern sitzen sozusagen an verschiedenen Seiten des Tisches.
Die Hirten sitzen vor den Tellern, und die Schafe liegen drauf.
Schafe werden geschoren und --- geschlachtet.
Unter diesen Umständen möchte man lieber nicht auf Seiten der Schafe sein!


IV. Wo zwei oder drei zusammenkommen, entsteht eine Herde.
Eine solche Herde sucht sich bald einen Hirten.
Wer gestern noch ein ganz normales Schäfchen war,
wird auf einmal zum Oberschaf,
das plötzlich auf zwei Beinen geht,
mit einem Schäferhund an der Leine.

Am Anfang sind noch alle gleich.
Mit einem Mal sind einige gleicher als die anderen,
bestimmen, wo es langgeht und wer was zu tun hat.
Und manchmal, da geht es einer aus der Herde an die Wolle,
manchmal landet einer im Topf - im wörtlichen oder übertragenen Sinne.

Aber wenn es sich so verhält -
wenn immer wieder einige Schafe,
sobald sie zu Oberschafen geworden sind,
den Wolf in sich entdecken -
warum suchen wir uns dann immer wieder Hirten?

Ich fürchte, unsere Bequemlichkeit ist schuld.
Es ist so viel einfacher, sich bedienen zu lassen,
als selbst zu dienen.
Es ist so viel leichter, einem Führer zu folgen,
als selbst über den richtigen Weg nachzudenken.

Schafe, die bereit wären, zu dienen und zu denken,
bräuchten keinen Hirten.
Den Schafen wurde eingeredet, dass sie nicht ohne Hirten sein können,
weil man ihnen an die Wolle wollte.
Aber Schafe, wenn sie zusammenhalten,
können ganz gut für sich selbst sorgen
und es notfalls sogar mit einem Wolf aufnehmen.


V. Die ersten Christinnen und Christen kannten keine Hierarchien.
Jesus sagte:
Wer der Erste unter euch sein will,
soll euer aller Diener sein.
Diesen Satz haben die Mächtigen später persifliert.
Friedrich der Große, der "alte Fritz",
nannte sich den "ersten Diener seines Staates".
Die Wölfe lernten, Kreide zu fressen
und sich die Pfoten weiß anzumalen.

Was der Predigttext über den Hirtendienst sagt
- dass er freiwillig geschehen soll,
unentgeltlich und durch vorbildliches Verhalten
statt durch Befehl und Gehorsam -,
das gilt nicht nur für die, die Hirten sind.
Wenn alle Schäflein das beherzigen würden,
bräuchte es keine Hirten mehr.
Besser gesagt: Alle Schafe wären zugleich auch Hirten.
Die Schafe würden sich gegenseitig hüten.
So nennt sich der Verfasser des 1.Petrusbriefes "Mitältester"
und ausdrücklich nicht "Oberältester".
Da bekommt man den Verdacht,
es könnten vielleicht doch nicht nur die Presbyter, die Priester, angeredet sein,
sondern alle in der Gemeinde,
die alt genug sind, Verantwortung zu übernehmen und zu tragen.

Eigentlich braucht es keinen Hirten.
Denn wir haben ja einen Hirten.
Einen guten Hirten, der sein Leben für uns gab,
Den einzigen Hirten, der sein Hirtenamt niemals missbraucht hat.
Mit Jesus als Hirten kommt eine Gemeinde gut zurecht.
Die Schafe müssen nur seinem Vorbild folgen
und für ihre Mitschafe Verantwortung übernehmen.

Kain fragt scheinheilig:
"Soll ich meines Bruders Hüter sein?",
nachdem er seinen Bruder Abel erschlagen hat.
Aber natürlich lautet die Antwort: Ja!
Ja, wir sind Hüter*innen unserer Schwestern und Brüder.
Wir sind alle Hirt*innen.
Und wir sind zugleich die Schäflein des einen guten Hirten Jesus Christus.
Amen.

Freitag, 6. April 2018

Den Rettungsring ergreifen

Predigt am Sonntag Quasimodogeniti, 8. April 2018, über Kolosser 2,12-14


Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im Kolosserbrief im zweiten Kapitel.
Ich lese zunächst einen Vers vor und dann im Laufe der Predigt die weiteren Verse:
„Ihr seid mit Christus zusammen begraben in der Taufe,
in der ihr auch mit auferstanden seid
durch den Glauben an das Eingreifen Gottes,
der ihn von den Toten auferweckte.“


Liebe Schwestern und Brüder,

an die eigene Taufe erinnert man sich i.d.R. nicht.
Die meisten von uns wurden als Kinder,
als Säuglinge sogar, getauft.
Wir konnten unsere Taufe nicht bewusst erleben.

Deshalb wissen wir auch nicht mehr,
was das für ein Gefühl war, als,
während wir von unserer Patin oder unserem Paten
über das Taufbecken gehalten wurden,
plötzlich von hinten eine Hand
kaltes Wasser über unseren Kopf schöpfte,
einmal, zweimal, dreimal.

Aber soviel ist sicher:
Es war bestimmt kein angenehmes Gefühl.
Viele Kinder schreien bei der Taufe – zu recht:
Wer sollte nicht schreien, wenn er so erschreckt wird!
Selbst als Erwachsene schreit man laut auf,
wenn man unerwartet nassgespritzt wird.
Vor allem, wenn das Wasser auch noch kalt ist!


I. Die Taufe, ein gewaltiger Schock!
So war das von den Eltern nicht gemeint.
Die Taufe sollte eigentlich das Willkommensfest für das neue Familienmitglied sein.
Allerdings passt der Schock der Taufe zu dem,
was der Kolosserbrief über die Taufe sagt:
Dass wir in der Taufe mit Christus zusammen begraben werden.

Ein solcher Satz ist schockierend.
Und ein Begräbnis ist das letzte,
woran man bei einer Taufe denken möchte.
Wie soll man sich das überhaupt vorstellen,
und wie soll das gehen,
das „in der Taufe begraben Werden“?

Was die Taufe heute nicht mehr vermittelt
und woran sie lediglich durch den Schock erinnert,
den man erfährt,
wenn man plötzlich Wasser auf seinem Kopf spürt,
ist das Untergetauchtwerden.

Man kennt das aus dem Schwimmbad:
Unerwartet wird man unter Wasser geduckt
und vielleicht sogar festgehalten.
Man schluckt jede Menge Wasser.
Man möchte an die Oberfläche, kann aber nicht.
Man empfindet Panik, vielleicht sogar Todesangst.


II. Genau darauf kam es früher bei der Taufe an:
Das Untertauchen sollte den Tod symbolisieren.
Und es war noch mehr:
Es war der Tod.
Der Tod des Menschen, wie er vor der Taufe war.

Aber warum sollte ein Mensch sterben müssen,
und das bei einem Ritual,
das gerade am Anfang des Lebens stattfindet?

Im Kolosserbrief heißt es dazu weiter:
„Auch euch hat Gott mit Christus zum Leben erweckt.
Ihr wart tot durch die Übertretungen
und die Unbeschnittenheit eures Leibes.
Jetzt hat er uns alle Übertretungen vergeben.“
Bestimmt kennen Sie den Spruch:
„Der (oder die) ist für mich gestorben“.
Vielleicht haben Sie das selbst schon mal über jemanden gesagt.
Vielleicht haben Sie es jemanden über Sie sagen hören müssen.

„Der (oder die) ist für mich gestorben“ -
das ist der Tod mitten im Leben, der Beziehungstod:
Mit einem Menschen, der für mich gestorben ist,
will man nichts mehr zu tun haben.
Man will sie oder ihn nicht mehr sehen,
nicht mehr sprechen, nichts mehr erleben.
Man erwartet nicht mehr,
dass er oder sie sich noch ändern kann,
und man gibt ihr oder ihm auch keine Chance mehr dazu.


III. Was man getan hat,
bestimmt in gewisser Weise über das Leben.

Es sind nicht nur die Entscheidungen,
die das Leben formen und beeinflussen.
Auch, wie man sich gegenüber anderen verhalten hat,
bestimmt darüber, wer und wie man ist.
Hartnäckiger als an eine berufliche Leistung
erinnert man sich an eine Peinlichkeit,
einen Fehler, ein Versagen, eine Gemeinheit.
Selbst wenn viele Jahre darüber hingehen,
kann man es nicht vergessen -
und der oder die, der man es antat, vergisst es auch nicht.
Es steht zwischen uns.
Wie einen Schuldschein kann es der andere jederzeit hervorholen
und einem unter die Nase halten.
Man wird es nicht los.
Es legt einen fest.
Man wird festgelegt auf das,
was man einmal getan hat
und gern ungeschehen machen würde,
wenn man nur könnte.
Man wird festgelegt auf den Menschen,
der man einmal war und nun eigentlich nicht mehr ist
- aber in den Augen des anderen
kann man keine andere, kein anderer mehr werden.

Doch dann geschieht etwas, das diesen Schuldschein,
der zwischen uns und anderen steht, wegnimmt:
„Gott hat den Schuldschein ausgestrichen,
der mit seinen Forderungen gegen uns gerichtet war,
und ihn vernichtet, indem er ihn ans Kreuz nagelte.“
Wenn man etwas irgendwo anpinnt oder annagelt,
dann tut man das, damit es gut gesehen werden kann.
Wie zum Beispiel die Kreuzesinschrift,
die den Grund für den Tod Jesu angibt: INRI -
„Jesus von Nazaret, König der Juden“.

Kann man wirklich wollen,
dass die eigene Schuld,
die man lieber verheimlicht,
weil sie belastend und peinlich ist,
öffentlich gemacht wird?
Soll jede und jeder wissen,
was man getan hat,
was für ein Mensch man ist?


IV. Schuld gedeiht in Heimlichkeit und Verschweigen.
Vergebung sucht und braucht die Öffentlichkeit.
Sie braucht zumindest ein Gegenüber:
Das Gegenüber dessen, dem man sein Herz ausschüttet.
Ohne das Aussprechen, ohne Bekenntnis der Schuld ist Vergebung nicht möglich.

Aber nicht immer gelingt das.
Meistens fehlt einem der Mut,
sich und anderen Schuld einzugestehen.
Manchmal fehlt auch das Vertrauen zu einer Person,
der man sie bekennen könnte.
Oder es fehlt die Gelegenheit zur Beichte,
es fehlt die Person selbst,
die bereit wäre, eine Beichte anzuhören und abzunehmen.

In einem solchen Fall darf man trotzdem darauf vertrauen,
dass die Schuld ausgestrichen ist.
Wohl nicht für die oder den,
an dem man schuldig wurde.
Aber für Gott.
Gott ist bereit, den Schuldschein zu zerreißen.
Gott legt nicht auf das fest, was man tat.
Gott behaftet einen nicht auf dem, die oder der man ist.
Gott sieht nicht unsere Vergangenheit, sondern unsere Zukunft:
Gott sieht uns wie unbeschriebene Blätter an.
Wir erhalten die Chance, andere zu werden,
anders zu handeln.
Und nicht nur diese eine Chance,
sondern so viele, wie wir brauchen.

Das meint der Kolosserbrief,
wenn er von Auferstehung spricht:
Die Möglichkeit eines neuen Lebens jetzt und hier.
Diese Möglichkeit ist uns eröffnet,
weil Christus als erster auferstanden ist.
Er lebt bereits in einem neuen Leben.
Weil wir durch die Taufe zu Christus gehören,
können wir das auch – im doppelten Sinne von „können“:
Wir schaffen es, über unseren Schatten zu springen,
und wir dürfen auch hinter uns lassen,
worauf andere uns nach wie vor festlegen wollen.

Jetzt verstehen wir vielleicht besser,
warum der Glaube an die Auferstehung so wichtig,
ja entscheidend ist:
Gibt es keine Auferstehung,
dann gibt es auch für uns keine Chance auf ein neues Leben.
Wir könnten uns nicht ändern,
wir würden auf das festgenagelt,
was wir taten, wer wir waren.
Wir wären für andere gestorben
und würden jeden Tag ein bisschen mehr sterben.

V. 
„Ihr seid mit Christus zusammen begraben in der Taufe,
in der ihr auch mit auferstanden seid
durch den Glauben an das Eingreifen Gottes,
der ihn von den Toten auferweckte.“
Die Taufe ist eine großartige, eine wunderbare Sache:
Sie eröffnet neues Leben.
Und das nicht nur einmal,
sondern immer dann, wenn man will und es braucht.
Alles, was man dazu tun muss, ist,
sich an die Tatsache der Taufe zu erinnern und sie
- nein, nicht zu be-greifen,
sondern zu er-greifen, wie einen Rettungsring.

Das geht aber meist nicht ohne die unangenehme,
zuweilen beängstigende Erfahrung,
dass man gerade am Schwimmen ist
und den Boden unter den Füßen verloren hat.
Denn oft sucht man erst dann,
wenn kein Land mehr in Sicht ist,
nach einem Rettungsring.
Aber keine Sorge:
Der Rettungsring ist da, die ganze Zeit.
Er muss uns nicht erst zugeworfen werden.
Wir stecken mitten drin, ohne es zu merken:
In unserer Taufe.
Amen.