Samstag, 29. August 2020

jede ein Tempel

Predigt am 12. Sonntag nach Trinitatis, 30.8.2020,
über 1.Korinther 3,9-17:

 
Wir sind Gottes Mitarbeiter,
ihr seid Gottes Ackerland,
Gottes Gebäude.
Durch Gottes Gnade, die mir zuteil wurde,
habe ich als erfahrener Baumeister das Fundament gelegt,
doch ein anderer baut darauf auf.
Jeder aber soll zusehen, wie er darauf aufbaut.
Denn niemand kann ein anderes Fundament legen als das, was gelegt ist,
das ist Jesus Christus.
Wenn aber jemand auf dem Fundament aufbaut
mit Gold, Silber, Edelsteinen, Holz, Stroh oder Schilf,
wird eines jeden Werk sichtbar werden,
denn der Jüngste Tag wird es offenbaren,
weil es durchs Feuer aufgedeckt wird.
Und wie eines jeden Werk beschaffen ist,
wird das Feuer erweisen.
Wenn jemandes Werk, das er aufgebaut hat, bleibt,
wird er Lohn empfangen.
Wenn jemandes Werk verbrennt,
wird er Schaden nehmen,
er wird aber gerettet werden,
doch wie durchs Feuer hindurch.
Wisst ihr nicht, dass ihr der Tempel Gottes seid
und der Geist Gottes in euch wohnt?
Wenn jemand den Tempel Gottes zerstört,
wird Gott ihn vernichtend strafen.
Denn der Tempel Gottes ist heilig:
der seid ihr.
 
 
Liebe Schwestern und Brüder,
 
„eigener Herd ist Goldes wert”,
sagt ein Sprichtwort.
Und es stimmt:
Wohl jede und jeder strebt danach,
wenn irgend möglich im eigenen Haus zu leben.
Entweder in dem, das man von den Eltern geerbt hat,
oder in dem, das man sich selbst gebaut
oder das man gekauft hat.
 
Der wichtigste Grund für das Streben nach einem Eigenheim ist wohl,
dass man darin sein eigener Herr ist.
Man kann es so gestalten und einrichten,
wie es einem gefällt.
Und man tut es auch.
Unsere Wohnung und ihre Einrichtung
sind wie eine zweite Haut:
Sie zeigen, wer wir sind
und als wer wir erscheinen wollen,
wie viel wir verdienen,
was uns wichtig ist
und was uns gefällt.
 
Kein Wunder, dass Paulus das Haus als Beispiel
für ein christliches Leben wählt.
Das Leben als Christin, als Christ ist wie ein Haus:
Wie man sein Leben führt und gestaltet, zeigt,
was einem wichtig ist.
 
Doch beim Hausbau wie beim Leben
kommt es nicht zuerst auf die Tapete an.
Es kommt auf das Fundament an.
Soll ein Haus ein Leben lang halten,
soll es Blitz und Donner, Sturm und Hochwasser standhalten,
muss es fest gegründet sein.
So ist es auch mit dem Leben.
 
Das Fundament, auf dem ein christliches Leben ruht,
ist nicht die Meinung irgendeines Pastors,
nicht der Brauch der Altvorderen
und auch keine religiöse Bewegung oder Modeerscheinung.
Es ist Christus selbst.
Darum war es Martin Luther und den anderen Reformatoren so wichtig,  
die Bibel ins Deutsche zu übersetzen.
Jede Christin, jeder Christ sollte in der Lage sein,
die Arbeit ihres religiösen Baumeisters
zu überprüfen und zu hinterfragen,
damit der Glaube auf einer festen, verlässlichen Basis aufsetzt.
 
Auf diesem Fundament errichtet man sein Lebensgebäude.
Ob es aus Gold und Silber oder aus Stroh und Schilf besteht,
ist dabei keine Frage des Vermögens oder des Einkommens.
Der „Wert” eines Lebens -
wenn man denn bei einem Leben überhaupt von Wert
sprechen darf und sprechen sollte -
der „Wert” eines Lebens als Christin oder Christ
bemisst sich nicht am Einkommen, am Besitz,
an Leistung oder Erfolg,
sondern an dem,
was man für seine Mitmenschen getan hat.
 
Was und wieviel das war,
darüber kann niemand urteilen außer man selbst.
Nur ich weiß, was ich getan und was ich unterlassen habe.
Nur ich weiß, wann meine linke Hand nicht wusste, was meine rechte tat (Matthäus 6,3),
und wann ich meine Hand und mein Herz verschlossen hielt.
Nur ich weiß das. Und Gott.
 
Und eines Tages,
so stellt es Paulus
und so stellten seine Zeitgenossen es sich vor,
eines Tages wird abgerechnet.
Paulus benutzt dafür ein Bild aus dem Goldschmiedehandwerk:
Die Feuerprobe.
Im Feuer reinigt der Goldschmied die Edelmetalle,
trennt das Gold oder Silber von allen Verunreinigungen.
Dem Feuer, so Paulus, wird auch unser Lebensgebäude ausgesetzt.
Dann wird sich zeigen, ob es standhält oder nicht.
 
Aus diesem Bild der Feuerprobe
entstand die Vorstellung vom Fegefeuer.
in dem die Seele brennen muss,
bis sich alles Schlechte und Falsche von ihr gelöst hat.
Diese Vorstellung flößte den Menschen des Mittelalters
eine so schreckliche Furcht ein,
dass sie Haus und Hof verkauften,
um sich und ihre Lieben durch einen Ablass
vor dem Fegefeuer zu retten.
Bis Martin Luther kam
und diesem Spuk mit seinen 95 Thesen ein Ende machte.
 
Doch bis heute hält sich in den Köpfen hartnäckig die Vorstellung,
wir müssten eines Tages vor unseren Schöpfer treten
und ihm über unser Leben Rechenschaft ablegen.
An dieser Vorstellung ist richtig,
dass wir unser Leben unter Gottes Augen führen.
Wir wissen, dass Gott sieht, was wir tun.
Wir wissen um Gottes Gebote und um seinen guten Willen für uns.
Und wir wissen auch,
wie oft wir Gottes gutem Willen widersprechen,
wie oft wir Gottes Geboten nicht Folge leisten,
wie oft wir Gott enttäuschen.
 
Doch dafür droht uns keine Strafe,
weder jetzt, noch an einem Jüngsten Tag.
Gott hat uns doch bereits alles vergeben.
In seinem Sohn hat er unsere Unfähigkeit zum Tun des Guten
und zum Halten der Gebote ans Kreuz getragen,
damit wir, um im Bild des Paulus zu bleiben,
nicht mit eingezogenem Kopf
in unserer Stroh- oder Schilfhütte hocken müssen,
voller Angst vor Regen, Sturm oder Feuer.
 
Vielmehr können wir heute werden,
was wir in Gottes Augen bereits sind:
Der Tempel Gottes.
Das wunderbarste, wertvollste Gebäude, das es gibt.
Kein Schloss, kein Palast,
und sei er aus Gold und Edelsteinen erbaut,
reicht da heran.
 
Wir SIND der Tempel Gottes,
jede und jeder Einzelne von uns.
Wir sind es nicht,
weil wir so schön sind, so schlau sind, so gut und fromm
- denn das sind wir nicht -,
sondern weil Gottes Geist in uns wohnt.
Gottes Geist, der bei unser Taufe bei uns eingezogen ist,
macht uns wertvoll, einzigartig und schön.
 
Und weil Gottes Geist in uns wohnt,
müssen wir auch keine Angst haben,
dass Gott uns verurteilt.
Wie könnte er?
Er erachtet uns doch für wert und würdig,
seinen Geist zu beherbergen!
 
Wir alle,
jede und jeder Einzelne von uns,
sind der Tempel Gottes.
Dadurch geschieht etwas Wunderbares:
Wir kommen im Namen Gottes zusammen
und bilden damit
den Tempel im Quadrat:  
Die Gemeinde.
Deshalb sagt Jesus:
„Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind,
da bin ich mitten unter ihnen” (Matthäus 18,20).
 
Wo so viel Heiligkeit zusammenkommt -
wohlgemerkt: nicht unsere Heiligkeit, Reinheit oder Frömmigkeit,
sondern der Heilige Geist,
den wir in und mit uns tragen  
und der hier unter uns ist -,
da muss Gott zum Greifen nah unter uns sein.
Da beflügelt uns sein Geist,
aus den vielen Häusern, die wir sind,
EIN großes Haus zu bauen:
Die Gemeinde.
 
Die Gemeinde, die erfüllt ist vom Heiligen Geist,
weil sie aus begeisteten Menschen besteht,
bei denen der Geist wie ein Funke  
von der einen auf den anderen überspringt,
bis ein Feuer entsteht,
das nichts und niemanden verbrennt,
sondern das die Seelen erleuchtet
und die Herzen erwärmt -
unsere,
und die Herzen derer, die es sehen.
 
Amen.

Samstag, 22. August 2020

herabsehen und hinaufsehen

Predigt am 11. Sonntag nach Trinitatis, 23.8.2020,
über Lukas 18,9-14:

 
Jesus erzählte einigen, die von sich selbst überzeugt waren, gerecht zu sein,  
und auf die anderen herabsahen, dieses Gleichnis:
 
Es stiegen einmal zwei zum Tempel hinauf, um zu beten;  
der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner.
Der Pharisäer stand aufrecht da und betete bei sich selbst so:
„Gott, ich danke dir,
dass ich nicht wie der Rest der Menschheit bin,
Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder wie dieser Zöllner:
Ich faste zweimal in der Woche,
ich gebe den Zehnten von meinen gesamten Einkünften”.
Der Zöllner aber hielt sich auf Distanz
und wollte auch nicht seine Augen aufheben zum Himmel,
sondern schlug sich an die Brust und sprach:
„Gott, lass dich mit mir Sünder versöhnen!”
Ich sage euch:
Dieser kam gerechtfertigt hinab in sein Haus, statt jenem.
Denn jeder, der sich selbst erhöht, wird erniedrigt,
aber wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht.
 
 
Liebe Schwestern und Brüder,
 
beim Hören des Gleichnisses vom Pharisäer und Zöllner
lehnt man sich innerlich zurück und denkt sich:
„Wie gut, dass ich nicht so bin wie dieser Pharisäer …”
Und  indem man so denkt, wird einem plötzlich bewusst,
dass man in eine Falle getappt ist.
Man hat nicht anders gehandelt als dieser Phariser,
der im Gleichnis so schlecht wegkommt.
 
Erzählt Jesus deshalb dieses Gleichnis,
um uns in eine Falle zu locken,
damit wir uns ertappt fühlen
und uns zerknirscht eingestehen,
dass wir nicht besser sind als der Pharisäer?
 
Aber Jesus erzählt dieses Gleichnis ja gar nicht uns,
sondern „einigen, die von sich selbst überzeugt waren, gerecht zu sein,  
und auf die anderen herabsahen”,
wie es in der Einleitung heißt.
 
Das Gleichnis ist nicht für uns bestimmt,
sondern für die, die sich selbst für fromm und gerecht halten
und auf andere, die nicht so sind, herabsehen.
Das Gleichnis geht uns also eigentlich gar nichts an.
Man  könnte sich also ganz entspannt zurücklehnen und ---
NICHT wie der Pharisäer denken:
„Wie gut, dass ich nicht so bin” -,
sondern einfach mal abwarten,
was passiert und wie die Sache ausgeht,
nämlich: schlecht für den Pharisäer.
 
Jesus erzählt ein Gleichnis,
das nicht für uns bestimmt ist.
Warum überliefert Lukas es dann in seinem Evangelium,
und warum denken wir heute darüber nach?
Was geht uns ein selbstgerechter Frommer an,
wenn wir nicht so sind wie er?
 
Irgendetwas hat das Gleichnis vielleicht doch  
mit uns und unserem Leben zu tun.
Irgendeinen Grund muss es doch geben,  
dass Jesus dieses Gleichnis erzählt
und Lukas es in seinem Evangelium aufgeschrieben hat -
einen, der uns direkt betrifft.
 
Ein naheliegender Gedanke ist,
dass dieses Gleichnis uns einen Spiegel vorhält:
Wir sind zwar nicht so wie dieser Pharisäer,
aber wir KÖNNEN so sein -
wir haben ja beim Hören gemerkt,
wie leicht man in diese Haltung des selbstgerechten Zurücklehnens verfällt,
die auf den, der da kritisiert wird, herabsieht.
 
Gewiss, eine Frömmigkeit,  
die so von sich überzeugt ist wie der Pharisäer im Gleichnis,
mag ärgerlich sein.
Aber sie schadet doch niemandem!?
Was der Pharisäer denkt, ist schließlich seine Sache.
Was das Tun angeht, da ist er jedenfalls vorbildlich:
Er gibt 10% seines Einkommens für gute Zwecke -
wer von uns tut das schon?
Er ist ein religiöser Mensch,
der seine Glaubenspflichten ernst nimmt und erfüllt,
der  sich von schlechten Menschen fernhält.
Von solchen Leuten könnte es ruhig mehr geben,
und von mir aus dürfen sie sich dann auch gern etwas darauf einbilden,
dass sie so vorbildlich leben.
 
Aber Jesus lobt nicht den Pharisäer,
sondern den Zöllner.
Habe ich etwas übersehen?
Sehe ich hier etwas falsch?
Ach ja! Ich habe den Zöllner ganz vergessen.
Er ist sozusagen der Gegenspieler des Pharisäers:
ein durch und durch schlechter und verkommener Mensch.
Einer, mit dem anständige Leute nichts zu tun haben.
Einer, der allen Grund hat, sich zu schämen
und sich an die Brust zu schlagen.
Aber ER wird gerecht gesprochen - der Pharisäer nicht.
 
Sollte das die Botschaft dieses Gleichnisses sein,
dass wir, wie der Zöllner, mit gesenktem Kopf herumlaufen sollen,
weil wir allzumal Sünderinnen und Sünder sind?
Sollten wir uns denn immerzu schämen dafür,
dass wir so schlechte Menschen sind?
Sollte denn das Gute, das wir tun, gar nicht zählen?
Darf man nicht mal ein bisschen stolz auf sich sein
und auch dankbar dafür, dass man auf der guten Seite steht?
 
Wir sind weder Pharisäer noch Zöllner.
Wir stehen irgendwo zwischen beiden -
ein bisschen fromm,  
und auch ein bisschen zweifelnd.
Bemüht, das Gute zu tun,  
und manchmal auch sehr nachlässig darin,

oder jedenfalls nicht sehr erfolgreich.
 
Als gläubiger Mensch ist man sich oft nicht sicher,
ob man „genug” glaubt,  
und ob man es auf die rechte Weise tut.
Der Grund dafür liegt darin,
dass Glaube eine persönliche Sache ist.
Glaube ist etwas sehr Intimes.
Und wie das so ist mit intimen Dingen:
Darüber spricht man nicht,
schon gar nicht mit anderen.
Deshalb gibt es diese Unsicherheit mit dem Glauben,
ob man alles richtig macht
und ob man genug glaubt.
Wenn dann jemand, wie dieser Pharisäer, auftritt,
der ganz genau weiß, wie Glauben geht,
was dabei richtig ist und was falsch,
kann man sich schon mal klein und armselig vorkommen,
so im Abseits wie der Zöllner,
der sich nicht aufzublicken traut.
 
Ich glaube,
genau diese Erfahrung möchte Jesus mit seinem Gleichnis beschreiben:
Das Gefühl, den Frommen gegenüber -
denen, die genau wissen, was und wie man zu glauben hat -
nicht ebenbürtig zu sein.
Wer sich in seinem Glauben unsicher fühlt,
traut sich dann oft auch nicht,
mit seinem scheinbar kleinen Glauben Gott unter die Augen zu treten.
 
Indem Jesus dem Pharisäer ausgerechnet den Zöllner gegenüberstellt -
das Gegenteil eines frommen und gottesfürchtigen Menschen -
und von ihm sagt, dass Gott ihm vergeben hat,
will er uns diese Angst nehmen,
unser Glaube sei zu klein, sei nicht ausreichend,
um damit Gott unter die Augen treten zu können.
 
Jesus möchte denen,
die an ihrer Gerechtigkeit und ihrem Glauben zweifeln,
etwas vom Selbstbewusstsein des Pharisäers abgeben.
Wir dürfen Gott gerade und aufrecht gegenübertreten,
denn wir sind Gott recht mit unserem kleinen Glauben
und mit unseren großen Zweifeln.
 
Unser Glaube ist nicht zu wenig,
er ist Gott recht so, wie er ist.
Wenn wir Gott um Vergebung bitten
und auf seine Liebe und Barmherzigkeit hoffen,
wird Gott uns erhören,
wie er auch den Zöllner erhört hat.
 
Amen.
 

Mittwoch, 12. August 2020

rück mal ein bisschen

Predigt am 10. Sonntag nach Trinitatis, 16.8.2020, über Römer 11,25-35:
 
Paulus schreibt:
Liebe Geschwister,
mir liegt sehr daran, dass ihr dieses Geheimnis versteht,
damit ihr nicht auf euer eigenes Wissen baut,
dass nämlich Israel teilweise Verstockung widerfahren ist,
bis die Vollzahl der Heiden dazugekommen ist
und so ganz Israel gerettet werden wird,
wie geschrieben steht (Jesaja 59,20f):
    „Aus Zion wird der Retter kommen.
    Abwenden wird er die Gottlosigkeit von Jakob,
    und das wird mein Bund für sie sein,
    
wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde”.
Dem Evangelium nach sind sie zwar Feinde um euretwillen,
aber der Erwählung nach sind sie Geliebte um der Vorväter willen.
Denn die Gaben und die Erwählung Gottes sind unwiderruflich.
Wie ja auch ihr einst Gott ungehorsam wart,
jetzt aber Erbarmen gefunden habt durch ihren Ungehorsam,
so sind diese jetzt ungehorsam geworden,
sodass ihr Erbarmen finden konntet,
damit auch sie jetzt Erbarmen finden.
Denn Gott hat alle in den Ungehorsam eingeschlossen,
um sich aller zu erbarmen.
 
 
Liebe Schwestern und Brüder,
 
den allwissenden Erzähler gibt es nur im Roman.
Nur der Autor eines Buches kennt jeden einzelnen Charakter,
seine Geschichte, seine Gefühle, seine Ziele,
und weiß als einziger, ob die Geschichte am Ende gut ausgeht oder nicht.
Als Leser:in folgt man gespannt den Wendungen des Romans,
und erst am Ende ist man so klug wie sein:e Autor:in.
Man würde manchmal gern vorher wissen,
wie eine Sache ausgeht.
Man würde manchmal auch gern wissen,
was andere gerade denken, was sie vorhaben.
Aber im wirklichen Leben kennt man immer nur eine - seine - Seite.
Was die oder der andere denkt -
welche Beweggründe sie hat, was sie fühlt, was sie will -
darüber kann man bestenfalls Vermutungen anstellen.
Und wer im Zweifel oder im Streitfall recht hatte,
das zeigt sich immer erst ganz am Ende.
 
Die Bibel ist kein Roman,
auch wenn sie ein sehr dickes Buch ist.
Es gibt in ihr keinen allwissenden Erzähler,
der die Motive und Ziele aller seiner Figuren kennt.
Darin ist die Bibel mit unserer Wirklichkeit verwandt,
auch wenn man meinen könnte,
Glaube und Wirklichkeit würden sich ausschließen.
In der Bibel _kann_ es keinen allwissenden Erzähler geben,
weil Gott über und hinter allen Erzählungen der Bibel steht.
Gott allein ist allwissend.
Aber Gott lässt sich nicht in die Karten sehen -
auch wenn man zu gern mal spicken würde,
welche Trümpfe er so in der Hand hält.
Man sieht nur die Karten, die schon ausgespielt sind.
Von ihnen versucht man zu schließen,
welche Karten noch im Spiel sind,
und welches Blatt die anderen haben:
ob sie gute Karten haben oder schlechte.
 
II
Paulus, der ehemalige Pharisäer,
fragt sich in seinem Brief an die Gemeinde in Rom,
warum seine jüdischen Glaubensgeschwister
im gekreuzigten und auferstanden Jesus von Nazaret
nicht den Messias, den Christus, erkennen wollen,
den er in ihm erkannt hat.
Damit greift er eine Frage auf,
die auch die römischen Christen bewegt
und die seitdem immer wieder aufgeworfen wurde:
Wenn die Menschen jüdischen Glaubens auf den Messias warten,
warum erkennen sie dann Jesus nicht als Messias an?
 
Über die Jahrhunderte hinweg war dies einer der Gründe
für die erbarmungslose und unerbittliche Verfolgung,
Ausgrenzung und Stigmatisierung der Menschen jüdischen Glaubens.
Aber schon Paulus geht einen anderen Weg bei der Lösung dieser Frage.
Er wirft es seinen Glaubensgenossen nicht vor,
dass sie Jesus nicht als Messias anerkennen,
sondern stellt es als Tatsache fest - wenn auch nicht ohne Bedauern.
Es ist für ihn undenkbar,
dass seine Glaubensgenossen den Messias nicht erkennen würden.
Es muss daher - sozusagen von höchster Stelle - verhindert worden sein,
dass Jesus von ihnen erkannt wurde.
 
Aber zugleich ist es undenkbar,
dass Gott nicht wollte, dass sein Volk den Messias erkennt.
Israel ist Gottes erwähltes Volk,
daran gibt es keinen Zweifel,
„denn die Gaben und die Erwählung Gottes sind unwiderruflich”.
Anders wäre Glaube auch gar nicht möglich.
 
Wenn Gott jederzeit seine Meinung ändern
und sein Versprechen brechen würde,
wie sollte man dann sicher sein,
dass man zu Gott gehört?
 
Für Paulus kehrt sich damit die Frage um:
Nicht warum seine Glaubensgenossen nicht an Jesus glauben,
ist die Frage, sondern was das für die bedeutet,
die an Jesus glauben.
 
Christus ist gekommen und hat,
davon ist Paulus überzeugt,
einen neuen Zugang zu Gott eröffnet,
der besonders denen gilt,
die Gott bisher nicht kannten.
Dadurch entstehen zwei Gruppen:
Hier die Schar der Christen,
die sich dem neuen Weg anschließen,
wie Paulus ihn verkündigt.
Dort die Menschen jüdischen Glaubens,
die an den Überlieferungen ihrer Mütter und Väter
und am Gesetz des Mose festhalten,
an Gebot und Beschneidung.
Beide sind „Volk Gottes”,
beiden gelten Gottes Verheißungen -
den Menschen jüdischen Glaubens von Anfang an,
und den Christ:innen jetzt auch.
 
III
Wenn es zwei Gruppen gibt,
die miteinander im Wettbewerb stehen
um Gottes Gunst und Erbarmen,
erhebt sich die Frage:
Wer von beiden hat recht?
Wer gehört zum Volk Gottes:
„Wir” oder „die”?
 
Die Frage ist einfach zu entscheiden:
Weil die Gaben und die Erwählung Gottes unwiderruflich sind,
kann die Antwort nur lauten: beide.
 
Offenbar gibt es zwei Wege, zwei Möglichkeiten,
Gottes Kind zu werden:
durch den jüdischen Glauben und durch den christlichen.
Es gibt zwei Wege,
aber man kann sich nicht aussuchen,
welchen man gehen will,
weil man sich den Glauben nicht aussuchen kann.
Man kann nicht von jetzt auf gleich entscheiden:
Ich glaube, dass Jesus der Christus, der Messias ist.
Auch, wenn manche:r das im Rückblick so empfindet:
Dass wir glauben, ist nicht unsere Tat, nicht unsere Entscheidung.
Dass wir an Jesus als den Christus glauben, ist ein Geschenk.
Paulus nennt es: „Gottes Erbarmen”.
Der Glaube an Jesus kann einem nicht einleuchten,
man kann nicht davon überzeugt werden.
Er fällt einem sozusagen in den Schoß - oder nicht.
Nicht zu glauben ist der „Ungehorsam”,
von dem Paulus spricht.
 
„Ungehorsam” Klingt so, als habe man nicht gewollt,
als sei es die eigene Schuld gewesen,
dass man nicht glauben konnte, nicht geglaubt hat.
Aber so, wie Paulus es darstellt,
ist der Ungehorsam vielmehr eine Unfähigkeit:
Man kann nicht an Jesus als den Christus glauben,
wenn Gott es nicht will.
Paulus nennt es „Verstockung”,
wie Gott einst den Pharao verstockte,
damit er das Volk Israel nicht aus Ägypten ziehen ließ.
 
IV
Gott verstockt Menschen,
damit sie nicht an Jesus glauben -
kann man, darf man so von Gott denken und sprechen,
wie Paulus es tut?
 
Darf man Gott so beschreiben,
dass er scheinbar willkürlich der einen den Glauben schenkt
und ihn der anderen verweigert?
 
Paulus kann nicht wissen,
wie Gott ist und was Gott will.
Er kann nur anhand dessen, was er sieht und erlebt,
vermuten, was Gottes Wille sein könnte.
Paulus vermutet einen tieferen Sinn dahinter,
dass die „Heiden” zum Glauben an Christus finden,
seine jüdischen Glaubensgeschwister aber nicht.
Und er findet die Erklärung,
dass die Menschen jüdischen Glaubens sozusagen
ein wenig beiseite rücken und Platz machen mussten,
damit die, die bisher nicht zum Volk Gottes gehörten, dazukommen konnten.
Sie mussten „ungehorsam” werden, wie Paulus es nennt,
weil in Gottes Haus zwar viele Wohnungen sind,
wir aber die Tür nicht gefunden hätten,
wenn unsere jüdischen Glaubensgeschwister
nicht für uns Platz gemacht hätten.
Ohne ihre Hilfe wären wir an der offenen Tür vorbeigelaufen.
Was von außen als Ablehung und Unwille, als „Ungehorsam”, erscheint,
ist also in Wahrheit ein Entgegenkommen.
Ein unfreiwilliges Entgegenkommen,
denn die Menschen jüdischen Glaubens wussten nichts davon,
dass sie für die „Heiden” Platz gemacht hatten.
Sie konnten es nicht wissen.
Wenn man selbst nicht der allwissende Erzähler ist,
bleiben einem die wahren Gründe bis zum Ende verborgen.
 
V
Paulus stellt Vermutungen an -
auch er ist nicht allwissend.
Ob seine Vermutungen uns überzeugen können?
Es klingt nicht wirklich logisch, was er sagt,
es ist mehr ein Bild, das Paulus zeichnet:
Das Bild eines Hauses,
das eigentlich genug Platz hat,
aber dessen Eingang nicht zu finden ist,
wenn andere, die schon drin sind,
nicht ein wenig beiseite rücken.
 
Das Bild vom „Platz machen” ist ein schönes Bild.
Es gilt auch uns:
Es könnte ja sein,
dass auch wir manchmal Plätze besetzen,
und dadurch verhindern, dass andere dazukommen können.
Wenn wir ein bisschen rücken würden,
würden andere vielleicht entdecken,
dass auch für sie noch Platz in der Gemeinde,
ein Platz im Gottesdienst ist.
 
Man macht sich nicht nur körperlich breit.
Man nimmt auch Raum ein mit seinem:
„Das muss so-und-so gemacht werden!” oder
„das haben wir immer so gemacht!”.
Man nimmt anderen den Raum,
wenn man Aufgaben oder Verantwortung
nicht abgeben oder teilen kann.
Man nimmt anderen Raum,
wenn sie erst so sein, denken und leben müssen
wie man selbst es für richtig hält,
bevor man ihnen einen Raum bei sich zugesteht.
 
Vielleicht ist am Ende die Frage gar nicht so entscheidend,
warum es zwei Wege zu Gott gibt:
den des jüdischen und den des christlichen Glaubens -
und ob es vielleicht noch mehr Wege geben könnte.
Entscheidend ist, ob man Gottes Liebe und Erwählung,
wenn man sie gefunden und für sich angenommen hat,
mit anderen teilen kann,
die nicht so glauben, denken und sind, wie man selbst,
oder ob man sie eifersüchtig nur für sich allein haben will.
Entscheidend ist, ob man anderen zuliebe
im Glauben und im Leben ein bisschen zur Seite rücken kann.
 
In Gottes Haus sind viele Wohnungen.
Aber wie das so ist in Mehrfamilienhäusern:
Nicht immer kommen Nachbarn gut miteinander aus.
Darum schärft Paulus uns ein,
dass _alle_ ungehorsam waren.
Niemand kann von sich behaupten,
er oder sie hätte Gottes Barmherzigkeit verdient,
oder würde sie mehr verdienen als andere.
Darum sollten wir Gott dankbar sein,
dass er uns zu sich eingeladen hat,
und nicht scheel dreinschauen,
wenn er Leute einlädt,
denen wir es nicht gönnen
oder die wir nicht dabei haben möchten.
Wir sollten vielmehr froh sein,
dass Gottes Haus und Gottes Herz so groß sind.
Da ist für jede und jeden Platz -
auch für uns!

Samstag, 25. Juli 2020

einfühlen

Predigt am 7. Sonntag nach Trinitatis, 26. Juli 2020, über Hebräer 13,1-3:

Die Liebe zu denen, die euch vertraut sind, bleibe!
Die Liebe zu denen, die euch fremd sind, aber vergesst nicht - 
so haben manche, ohne es zu wissen, Engel beherbergt.
Denkt an die Gefangenen, weil auch ihr Gefangene seid; 
denkt an die Misshandelten, weil auch ihr Verletzliche seid.


Liebe Schwestern und Brüder,

„was du nicht willst, das man dir tu,
das füg auch keinem andern zu!"

Mit diesem Merkvers bin ich aufgewachsen - Sie vielleicht auch.
Bei allen Regeln, die man für das Leben so braucht,
ist diese eine der einfachsten und grundlegendsten -
aber auch am schwersten zu befolgen.

Andere Regeln sind leichter umzusetzen.
Von den 10 Geboten z.B. das 7. Gebot: „Du sollst nicht stehlen”:
Da weiß man gleich, woran man ist: Fremdes Eigentum ist tabu.
Bei „Was du nicht willst, was man dir tu …” muss man erst überlegen.
Denn was man anderen antut, spürt man selbst ja nicht -
bis es einmal auf einen selbst zurückschlägt.

Wenn man z.B. als der Stärkere andere herumschubst und herumkommandiert,
spürt man selbst nicht, wie sich das anfühlt,
herumgeschubst und herumkommandiert zu werden.
Es muss erst ein Stärkerer kommen, der mit einem dasselbe tut,
bis man begreift, wie unangenehm und erniedrigend das ist.

Wer diese Regel befolgen will,
muss sich also in andere hineinversetzen
und sich vorstellen können, wie sich das anfühlt,
was man anderen so antut -
z.B. hinter dem Rücken über jemanden reden,
oder einem anderen sagen und zeigen:
Du gehörst nicht hierher, du gehörst nicht dazu.
Wer das selbst nie erlebt hat,
wer immer nur Täter war, nie Opfer,
der kommt gar nicht auf die Idee, darüber nachzudenken.

II
Es versteht sich nicht von selbst,
dass man darüber nachdenkt,
was sein Handeln bei anderen anrichtet und auslöst.
Weil es nicht selbstverständlich ist,
hat Jesus die Faustregel umgedreht:
Statt darüber nachzudenken, wie andere sich fühlen,
geht man bei der „Goldenen Regel” von sich selbst aus:
„Alles, was ihr wollt, das euch die Leute tun sollen,
das tut ihnen auch!”
, sagt Jesus (Matthäus 7,12).
Die Goldene Regel setzt bei uns und unseren Bedürfnissen an.
Ich weiß ja schließlich, was ich will und brauche.
Ich möchte z.B. respektvoll behandelt werden -
dann, sagt Jesus, begegne auch anderen Menschen mit Respekt.
Ich möchte, dass man mir die Wahrheit sagt -
dann, sagt Jesus, sag auch du die Wahrheit.

Wer die Goldene Regel beherzigen möchte,
macht die Entdeckung,
dass die eigenen Bedürfnisse auch die aller anderen sind.
Ich habe Hunger - andere Menschen auch.
Ich möchte meine Ruhe - die wollen andere auch.
Ich möchte Sicherheit - die suchen andere auch.
Ich suche Zuneigung, Freundschaft, Vergebung - die brauchen andere auch.

Trotzdem ist es nicht leicht, die Goldene Regel zu befolgen.
Denn oft weiß man nicht, was man eigentlich will.
Und meistens erscheint einem das, was man braucht,
als so selbstverständlich, dass man nicht darüber nachdenkt.
In unserer Gesellschaft, in der so vieles im Überfluss vorhanden ist
und so viele Menschen reichlich von allem haben,
braucht man auch nicht darüber nachzudenken.
Wenn man Hunger hat, geht man an den Kühlschrank.
Ist der Kühlschrank leer, geht man einkaufen.
Erst, wenn das nicht mehr geht -
weil man wegen des Corona-Virus nicht aus dem Haus kann
oder weil man kein Geld zum Einkaufen hat -
merkt man, was einem fehlt.
Wenn man es nicht haben kann,
wird einem bewusst, was man will oder braucht.

So setzt also auch die Goldene Regel das Nachdenken voraus:
Ein Nachdenken über das, was uns selbstverständlich erscheint,
was aber nicht selbstverständlich ist.

III
Die Regeln, die der Hebräerbrief aufstellt, beschreiben einen dritten Weg:
Sie erinnern an Erfahrungen, die man gemacht hat
oder sprechen von Erfahrungen, die man machen könnte. 
Diese Erfahrungen sollen dazu anregen, nach dem Willen Jesu zu handeln,
nämlich: Den Nächsten, die Nächste zu lieben wie sich selbst.

„Die Liebe zu denen, die euch vertraut sind, bleibe!”
Dass man Eltern oder Geschwister, Partner oder Partnerin, 
Kinder oder Enkel, Freundinnen oder Freunde gern hat,
ist zwar nicht die Regel.
Aber wenn es gut ging und gut geht,
macht man die Erfahrung, von Menschen umgeben zu sein,
die man lieb hat.
Diese Erfahrung, die hoffentlich jede:r von uns machen durfte,
wendet der Hebräerbrief auf die Fremden an:
„Die Liebe zu denen, die euch fremd sind, vergesst nicht”.
Wer seine Nächsten liebt, soll auch die Fremden lieben.
Aber warum sollte man fremde Menschen genauso behandeln 
wie die, die einem nahe stehen?
Weil, sagt der Hebräerbrief, uns in diesen Fremden ein Engel begegnen könnte.

Nun ist es sicher nicht so,
dass Gottes Engel inkognito umherstreifen,
um unsere Gastfreundschaft zu überprüfen.
Liest man in der Bibel von Gottes Boten,
dann wird dort berichtet,
dass Gott sie mit einer Botschaft zu den Menschen schickt.
Durch die Menschen, die uns fremd sind,
könnte Gott uns also eine Botschaft schicken.
Sie könnten uns lehren, Dinge und uns selbst
anders und auf neue Weise zu sehen -
etwas, was Menschen, die uns vertraut sind, uns nicht lehren können.

IV
„Denkt an die Gefangenen, weil auch ihr Gefangene seid”.
Vielleicht stimmt es doch nicht,
dass der Hebräerbrief uns an unsere Erfahrungen erinnert.
Denn im Gefängnis waren doch hoffentlich die Wenigsten von uns!
Im Griechischen steht dort, wo wir „Gefangene” lesen,
das Wort „Gebundene”.
Gebundene sind wir alle, im Guten wie im Bösen.
Im Guten sind wir an Menschen gebunden, die wir lieben,
oder an ein Versprechen, das wir jemandem gaben.
Im Bösen sind wir gebunden an die Verhältnisse, in denen wir uns befinden,
an eine Angewohnheit, die wir nicht abstellen können,
an eine Sucht wie den Alkohol.
Wir erleben uns gebunden durch Ängste und Sorgen,
durch familiäre oder berufliche Zwänge.
Auch wenn wir nicht im Gefängnis waren,
wissen wir, was es bedeutet, gefangen zu sein -
und dass man sich aus dieser Gefangenschaft selbst oft nicht befreien kann,
sondern die Hilfe anderer dazu braucht.

„Denkt an die Misshandelten, weil auch ihr Verletzliche seid.”
Zum Schluss erinnert der Hebräerbrief an die eigene Verletzlichkeit.
Wer kennt sie nicht, die Angst vor dem Zahnarzt?
Es ist die Angst vor dem Schmerz, den man im Gesicht besonders empfindet.

Die Erfahrung des Schmerzes vermeidet man, wo man kann,
und man erinnert sich auch nicht gern daran,
wie schlimm die Kopfschmerzen waren,
wie weh der umgeknickte Fuß oder das aufgeschürfte Knie getan haben,
wie schmerzhaft der Verlust des geliebten Menschen war.
Aber der Hebräerbrief möchte, dass wir uns daran erinnern.
Denn zum Mitleid ist nur fähig, wer das Leid nicht verdrängt.
Mitleid aber ist die Voraussetzung der Nächstenliebe.
Nur wer Mitleid empfinden kann, ist in der Lage,
die Goldene Regel zu befolgen, die Jesus aufgestellt hat.

V
Auch der dritte Weg, den der Hebräerbief beschreibt,
erspart uns nicht das Nachdenken und das Einfühlen in den anderen Menschen.
Es ist das Kennzeichen der Nächstenliebe, die Jesus von uns fordert,
dass wir nicht nur über uns nachdenken,
sondern uns auch in unsere Mitmenschen hineinversetzen.

Natürlich kann man nicht alle Menschen, 
die man kennt oder denen man begegnet,
in sein Herz, seine Gedanken und seine Gebete einschließen.
Deshalb lautet das Gebot der Nächstenliebe:
„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst”.
Das könnte eine Richtschnur sein:
In dem Maße, in dem ich über mich selbst nachdenke und mir Sorgen mache,
kann ich über meine Mitmenschen nachdenken und mich um sie sorgen.
Es hat den guten Nebeneffekt,
dass die eigenen Sorgen und Probleme um so kleiner werden,
je mehr man sich um andere sorgt.
Und es hat die Verheißung,
dass uns in einem anderen Menschen ein Bote Gottes begegnet,
der eine wichtige Botschaft für uns hat.
Das muss kein Ruf zur Umkehr sein wie bei Bileam (4.Mose 22),
kein Hinweis auf Fehler und Versäumnisse.
Es kann auch sein, dass mir der andere sagt:
Du bist ein guter Mensch.
Du bist gut so, wie du bist.
Und du wirst geliebt.

Und das kann einem ja eigentlich nicht oft genug gesagt werden.

Amen.

Dienstag, 14. Juli 2020

Erwählung

Predigt am 6. Sonntag nach Trinitatis, 19.7.2020, über Deuteronomium 7,6-12:

Du bist ein heiliges Volk für den Herrn, deinen Gott.
Dich erwählte der Herr, dein Gott, ein Volk zu sein,
das er sich aus allen Völkern der Erde erwarb.
Nicht, weil ihr zahlreicher wärt als alle Völker,
hat der Herr euch geliebt und euch erwählt -
denn ihr seid das kleinste aller Völker -,
sondern weil der Herr euch liebt,
und weil er sich an den Schwur hält,
den er euren Vorfahren leistete.
Der Herr hat euch herausgeführt mit starker Hand
und euch losgekauft aus dem Sklavenhaus,
aus der Hand Pharaos, des Königs von Ägypten.
Und du sollst erkennen, dass der Herr, dein Gott, Gott ist.
Der treue Gott bewahrt den Bund und die unverbrüchliche Liebe
denen, die ihn lieben und seine Gebote halten,
bis in die tausendste Generation.
Aber denen, die ihn hassen, vergilt er persönlich,
indem er sie vernichtet.
Er zögert nicht, dem, der ihn hasst, persönlich zu vergelten.

Du sollst dich nach dem Gebot, den Vorschriften und den Rechtsordnungen, die ich dir heute gebiete, richten, dass du danach handelst.
Es soll geschehen:
Dafür, dass ihr diesen Rechtsordnungen genau gehorcht
und euch nach ihnen richtet und danach handelt,
wird auch der Herr, dein Gott, dir gegenüber
den Bund und die unverbrüchliche Liebe bewahren,
die er deinen Vorfahren geschworen hat.


Liebe Schwestern und Brüder,

„Nicht, weil ihr zahlreicher wärt als alle Völker,
hat der Herr euch geliebt und euch erwählt -
denn ihr seid das kleinste aller Völker -,
sondern weil der Herr euch liebt,
und weil er sich an den Schwur hält,
den er euren Vorfahren leistete.“

Was kann schöner sein als das: geliebt zu werden?
Der Sinn des Lebens ist nicht, allein für sich zu sein
und „sein Ding“ zu machen.
Der Sinn des Lebens besteht darin,
einen anderen Menschen zu finden,
eine Partnerin oder einen Partner,
kurz: Liebe zu finden, sie zu erleben
und daraus zu leben in ihrer Vielfalt und Fülle,
und sie weiterzugeben.
Zu den schönsten Momenten im Leben gehört deshalb,
wenn man erwählt wird.
Wenn sich jemand in eine:n verliebt,
ist das Glück vollkommen.

Doch so wunderbar und vollkommen die Liebe ist:
sie erträgt keine Konkurrenz.
Liebe will Ausschließlichkeit.
Sind zwei Menschen ein Paar geworden,
wird die eine oder der andere zuweilen neidisch auf andere,
die Zeit mit der Partnerin oder dem Partner verbringen
und in seiner oder ihrer Nähe sind,
während man selbst nicht bei ihr oder ihm sein kann:
auf Schwiegereltern und Geschwister,
auf Freundinnen und Freunde,
Kolleginnen und Kollegen.
Zuweilen wird man sogar auf die eigenen Kinder neidisch,
wenn sie die Partnerin oder den Partner mit Beschlag belegen,
während man selbst ihr oder ihm nahe sein möchte.

II
„Nicht, weil ihr zahlreicher wärt als alle Völker,
hat der Herr euch geliebt und euch erwählt -
denn ihr seid das kleinste aller Völker -,
sondern weil der Herr euch liebt,
und weil er sich an den Schwur hält,
den er euren Vorfahren leistete.“

Gott hat sich verliebt, vor langer, langer Zeit.
In einen Menschen, einen heimatlosen Flüchtling,
der als Fremder in einem Land lebte,
indem er zeitlebens ein nur geduldeter Gast blieb.
Seine Nachfahren, vor dem Hunger nach Ägypten geflohen und dort versklavt,
kehrten nach ihrer Befreiung aus der Sklaverei
in das Land ihrer Vorfahren zurück.
Sie nahmen es ein.
Sie holten sich zurück, was ihren Vorfahren einst gehört hatte,
und sie eroberten neue Gebiete dazu.
Aber nicht lange gehörte ihnen dieses Land.
In vielen Kriegen wurden sie größeren und mächtigeren Völkern untertan,
schließlich aus ihrer Heimat deportiert
und in alle Winde zerstreut.
Als Fremde blieben sie fremd in den Ländern,
in denen sie lebten,
wurden misstrauisch beobachtet, verdächtigt und verfolgt,
und so ist es bis heute.
Selbst das alle menschliche Vorstellungskraft sprengende Grauen des Holocaust hat daran nichts geändert.
Der Antisemitismus, der nie wirklich überwunden worden war,
macht sich wieder breit,
als hätte es den Holocaust nie gegeben.
Aber trotz dieser und aller anderen schrecklichen Grausamkeiten,
die man diesen Menschen antat,
hat sich auch daran nichts geändert:
Gott liebt sein Volk Israel.
Bis heute ist es sein erwähltes Volk
und wird es in alle Zukunft sein.
Nicht wegen einer besonderen Eigenart,
die manche einer sogenannten „Rasse“ zuschreiben wollen.
Nicht wegen besonderer Leistungen,
einer herausragenden Frömmigkeit,
eines innigeren Glaubens.
Sondern weil Gott diese Menschen liebt
und weil er einst Abraham ein Versprechen gab,
das er nie gebrochen hat und niemals brechen wird.

III
Viele haben dem Volk Israel diese besondere Beziehung zu Gott geneidet.
Die Kirche war über viele Jahrhunderte sogar der Meinung,
Gottes Liebe sei von seinem Volk Israel
auf die Kirche übergegangen,
und die Christen seien das „wahre Israel“.
Aber von Gott erwählt zu sein bedeutet nicht,
dass wir entscheiden - oder sonst irgend jemand -,
wer zu Gottes Volk gehört, und wer nicht.
Allein Gott entscheidet das.
Es gibt auch keine genetischen oder sonstwie vererbbaren Merkmale,
die einen Menschen zum Teil des Volkes Gottes machen.
Jüdin oder Jude ist man nicht durch Abstammung,
sondern durch das Bekenntnis zum jüdischen Glauben -
so, wie man Christin oder Christ wird durch das Bekenntnis zu Christus bei der Taufe.
Und ebensowenig, wie Menschen bestimmen,
wer zu Gott gehört und wer nicht,
können sie die Verheißungen Gottes ändern.
„Was Gott aus Gnade geschenkt hat,
das nimmt er nicht zurück.
Und wen er einmal berufen hat, der bleibt es.“ (Römer 11,29).
Das „Neue Testament“ oder der „Neue Bund“,
wie wir beim Abendmahl sagen,
hat den Bund Gottes mit seinem Volk Israel nicht abgelöst oder überflüssig gemacht, im Gegenteil:
Ohne den Alten Bund gäbe es keinen Neuen,
ohne die Verheißungen des Alten Testaments hätten die Worte des Neuen keinen Boden und kein Fundament.

IV
Liebe will Ausschließlichkeit.
Sie erträgt keine Konkurrenz.
Gottes Liebe aber ist größer,
viel größer als unsere oft so engen Herzen.
Gottes Liebe umfasst nicht nur sein Volk Israel
und uns, die wir als Glaubende dazugekommen sind.
Gottes Liebe erträgt es auch,
dass es so viele unterschiedliche Formen des Glaubens gibt.

Aber es muss doch irgendwo eine Grenze geben!
Es können doch nicht alle erwählt,
es können doch nicht alle gleich viel wert sein!
Wie kann ich mir sonst sicher sein,
dass Gott mich meint, mich liebt,
wenn alle anderen genauso gemeint,
genauso geliebt sind wie ich?

Zunächst einmal gilt es auszuhalten,
dass Gott erwählt, nicht wir.
Wie wir Freiheit für uns in Anspruch nehmen
und in unseren Entscheidungen nicht eingeschränkt werden wollen,
so entscheidet Gott frei,
ohne auf unsere Wünsche oder Interessen Rücksicht zu nehmen.
Aus allen möglichen Völkern und Menschen hat Gott sich für Abraham entschieden.
Ihn hat er erwählt, Stammvater eines Volkes zu werden,
das so zahlreich wie die Sterne ist (Genesis 15,5).
Zahleich wie die Sterne sind nicht Abrahams leibliche Nachkommen - die sind zählbar.
Zahlreich wie die Sterne sind alle,
die, wie Abraham, Gott und seinem Versprechen glauben.
Denn sie umfassen alle, die Gott geglaubt haben,
alle, die jetzt glauben
und alle, die noch glauben werden.
Erwählung bedeutet also,
an Gott glauben zu können.
Wer diese Fähigkeit in sich entdeckt,
wer sagen kann:
Ich glaube an Gott,
und wer daraus mehr ableitet als ein gutes Gefühl,
nämlich: sein Leben in der Verantwortung vor Gott zu führen,
die oder der ist erwählt.
Denn dass man glauben kann,
ist ein Zeichen dafür,
dass Gott mich liebt und möchte,
dass ich, wie die anderen Glaubenden,
zu seinem Volk gehöre.

V
Das Volk Israel wurde und wird um seine Erwählung beneidet.
Dabei ist Erwählung nicht unbedingt etwas,
auf das man neidisch sein muss.
Erwählung bedeutet nämlich Verantwortung.
Wer von Gott erwählt wurde,
muss sich vor Gott verantworten.
Gott fragt ihn oder sie:
Was machst du mit deinem Leben?
Wie gehst du um mit der Schöpfung,
der Welt, die ich dir anvertraut habe?
Wie gehst du um mit deinen Mitmenschen,
die ich ebenso liebe wie dich?
Warum lässt du zu, dass sie leiden?
Warum lässt du zu, dass Menschen verhungern
oder auf der Flucht vor dem Hunger im Mittelmeer ertrinken?
Du weißt doch, was gut ist und was ich von dir erwarte (Micha 6,8)!

Erwählung bedeutet, sich das sagen und gesagt sein zu lassen,
sich das immer wieder aufs Neue von Gott fragen zu lassen.
Das Volk Israel hat diese Bürde der Erwählung,
die Last des Gesetzes,
über Jahrtausende geduldig getragen.
Als Jesus kam, hat er dieses Gesetz nicht nur bestätigt,
er hat die Last des Gesetzes sogar noch schwerer gemacht -
so schwer, dass man sie nicht mehr tragen konnte.
Damit nahm er uns die Illusion,
wir könnten das Gesetz erfüllen,
könnten die Last des Gesetzes eines Tages ablegen,
weil wir es abgearbeitet hätten,
und müssten uns dann diese drängenden Fragen Gottes nicht mehr stellen lassen.

Die Verantwortung für unser Leben,
für unsere Mitmenschen und unsere Welt werden wir also nicht los.
Dafür hat Jesus uns gezeigt,
dass die Last der Verantwortung nicht so schwer ist, wie wir meinen.
Die Last ist leicht,
weil Jesus sie für uns sozusagen auf seine Schultern nimmt,
indem er uns die Kraft seiner Liebe gibt.
Als von Gott Geliebte und Erwählte verfügen wir über die Liebe,
die nicht weniger wird, sondern sich vermehrt,
je mehr wir sie verschenken.
Deshalb besteht der Sinn des Lebens nicht nur darin,
einen Menschen zu lieben,
sondern alle.
Denn je mehr Liebe man verschenkt,
desto größer wird sie.
Und je mehr Menschen wir einladen
und einbeziehen in Gottes Bund,
desto sicherer und gewisser werden wir Gottes Liebe zu uns
und unserer Erwählung.

Amen.

Montag, 13. Juli 2020

#BLM

Predigt über Römer 12,17-21, gehalten am 5. Sonntag nach Trinitatis, 12.7.2020 in Petrus auf dem Dreesch, Text vom 4. Sonntag nach Trinitatis

Vergeltet keinem Menschen Böses mit Bösem.
Seid bedacht auf Gutes gegenüber jedem Menschen.
Wenn möglich, soweit es euch betrifft, lebt mit jedem Menschen in Frieden.
Rächt euch nicht selbst, ihr Lieben,
sondern gebt Raum dem Zorn Gottes.
Denn es steht geschrieben (Dtn 32,35):
„Die Rache ist mein, ich will vergelten”,
spricht der Herr.
Vielmehr (Spr 25,21-22): „Jedesmal, wenn deinen Feind hungert, speise ihn.
Jedesmal, wenn ihn dürstet, lass ihn trinken.
Denn indem du das tust,
wirst du brennende Kohlen auf seinem Haupt aufhäufen.”
Werde nicht vom Bösen besiegt,
sondern siege durch das Gute über das Böse.


Liebe Schwestern und Brüder,

Kirche und Politik - geht das zusammen?

Einerseits gibt es eine große Volkspartei,
die das Christliche im Namen führt.
Einerseits hat jede im Bundestag vertretene Partei einen Arbeitskreis,
in dem Christinnen und Christen aus ihrer Sicht
die politischen Fragen und Probleme diskutieren.

Andererseits hat die politische Auseinandersetzung im Gottesdienst nichts zu suchen.
Gott ist nicht parteiisch, was politische Positionen angeht.
Gott ist nicht „Rechts” oder „Links” oder in der vielbeschworenen „Mitte”.
Gott ist aber sehr wohl parteiisch,
was die Schwachen, die Fremden und die Ausgegrenzten angeht.
Er stellt sich auf ihre Seite,
und dort möchte er auch uns stehen sehen.
So heißt es zum Beispiel beim Propheten Jesaja (Jesaja 1,17):
„Lernt Gutes tun,
trachtet nach Recht,
helft den Unterdrückten,
schafft den Waisen Recht,
führt der Witwen Sache!”
Gott ist also parteiisch, aber nicht politisch.

Aber ist es möglich, parteiisch zu sein, ohne politisch zu sein?
Das Wort „Politik” kommt aus dem Griechischen.
Die Griechen haben sowohl das Wort als auch die Sache erfunden.
„Pólis”, das Wort, das der „Politik” zugrundeliegt,
bedeutet im Griechischen „Stadt” oder „Gemeinwesen”.
Politik ist alles, was das Miteinander in der Stadt oder im Staat regelt.
Auch die Kirchengemeinde ist ein Gemeinwesen,
und die Kirche als Zusammenschluss vieler Gemeinden auch.
Auch hier muss vieles geregelt werden.
Auch hier wird „Politik” betrieben
im Ausgleich unterschiedlicher Interessen
wie im Ringen um Entscheidungen
und um die Macht, seine Interessen und Entscheidungen durchzusetzen.

II
Paulus schreibt an die Christen in Rom zur Zeit des berühmt-berüchtigten Kaisers Nero.
Damals ist die christliche Gemeinde noch eine kleine, unbedeutende Gruppe in der Stadt,
eine Art kleiner Verein.
Trotzdem wird diese kleine Gruppe vom römischen Staat beobachtet.
Denn die Christen benehmen sich auffällig:
Frauen dürfen in ihren Versammlungen reden
und sogar Leitungsämter übernehmen.
Auffallend viele Arme und Sklaven laufen ihnen zu,
besonders Witwen, worüber man sich auf der Straße lustig macht.
Die Besitzer der Sklaven beobachten,
dass ihre Sklaven von den Treffen der Christen
mit gefährlichen Ideen zurückkommen:
Sie behaupten, ihre Herren hätten keine wahre Macht über sie,
und dass sie jetzt einen neuen Herren hätten.
Man kann ihnen mit der Peitsche einbläuen, wer ihr wahrer Herr ist,
aber die neuen Ideen kann man ihnen damit nicht austreiben.

Bald sehen sich die Christen in Rom offenen Anfeindungen ausgesetzt.
Sie erleben Diskriminierung und körperliche Gewalt.
Und wenn wegen eines Problems mit der Wasser- oder Getreideversorgung
oder wegen einer Epidemie ein Schuldiger gesucht wird,
macht man die Christen zu Sündenböcken.
Diese für die Christen bedrängende und oft lebensbedrohliche Situation
steht Paulus vor Augen, als er ihnen seine Ratschläge schickt.
Er mahnt die römischen Christen zur Zurückhaltung.
Er bittet sie, die Verfolgung zu ertragen
und den Verfolgern gegenüber nicht bitter zu werden -
im Gegenteil, ihnen zu helfen.
Das ist viel verlangt, wenn die Verfolger nicht nur Beamte des Staates sind,
sondern die eigenen Nachbarn, Menschen aus dem Viertel, die man kennt.

III
In einer ähnlichen Situation wie die römischen Christen,
an die Paulus seinen Brief schreibt,
befanden sich die amerikanischen Bürger afrikanischer Abstammung
in den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts.
Genauer gesagt befanden sie sich in dieser Situation,
seit sie als Sklaven aus Afrika verschleppt worden waren,
und sie befinden sich im Grunde bis heute in dieser Situation.
Aber in den 50er und 60er Jahren brach etwas auf.
Die systematische Unterdrückung und Benachteiligung der Schwarzen,
der alltägliche Rassismus wurde angeprangert,
und Schwarze forderten die gleichen Bürgerrechte für sich,
die ihnen von der Verfassung garantiert,
von denen, die die Macht hatten, aber verweigert wurden.
In den Demonstrationen und Protesten dieser Zeit
trat ein evangelischer Pastor auf,
der, ähnlich wie Paulus, die Protestierenden zum Verzicht auf Gewalt und Rache aufrief.
Martin Luther King mahnte zur Zurückhaltung,
bat sie, die Gewalt, die ihnen von der Polizei angetan wurde,
nicht mit Gewalt zu beantworten, sondern zu ertragen.

Aber er forderte die Protestierenden nicht dazu auf,
die Proteste aufzugeben und sich in ihr Schicksal zu fügen -
im Gegenteil: Er selbst ging bei den Protestmärschen in der ersten Reihe.
Er selbst forderte die Gleichberechtigung
und beteiligte sich am gewaltlosen Kampf um gleiche Rechte
in Demonstrationen, Streiks und Aktionen des zivilen Ungehorsams.
Er hielt sich genau an das, was Paulus den römischen Christen riet:
„Vergeltet nicht Böses mit Bösem”.
Aber er hielt nicht den Mund.
Er forderte das Recht, mitwirken zu dürfen bei der Gestaltung des Gemeinwesens
im Ausgleich unterschiedlicher Interessen
wie im Ringen um Entscheidungen
und um die Macht, seine Interessen und Entscheidungen durchzusetzen.
So wurde der Widerstand der Schwarzen politisch.

IV
Davon ist bei Paulus nichts zu spüren.
Paulus stachelt die römischen Christen nicht zum Widerstand auf,
sondern mahnt sie zur Unterordnung unter die Obrigkeit (Römer 13).
Allein, jede Unterordnung hat Grenzen.
Paulus ermutigt die Sklaven nicht dazu, ihre Herren zu verlassen (1.Kor 7,20-21).
Aber er macht ihnen deutlich, dass diese Herren keine Macht über sie haben,
weil Christus ihr neuer Herr ist (1.Kor 7,22-23).
Ein Herr, der nicht demütigt, sondern aufrichtet.
Ein Herr, der Gehorsam verlangt,
aber keinen Kadavergehorsam,
sondern getreuliches Befolgen der Barmherzigkeit
in der Freiheit der Liebe zum Nächsten und zu Gott.

Wer diesem Herrn dienen will,
kommt notwendigerweise in Konflikt mit den Herren dieser Welt.
Jedenfalls dann, wenn die Herren dieser Welt eine solche Haltung nicht dulden.
So wird der Glaube politisch - nicht, weil er die Auseinandersetzung sucht,
sondern weil er mit Anfeindung und Gegnerschaft rechnen muss,
sobald er die Partei Gottes bezieht:
Die Parteilichkeit für die Schwachen, die Fremden und die Ausgegrenzten.

V
Die Zeiten des römischen Kaisers Nero sind lange vorbei.
Wir leben in einem Gemeinwesen,
das unsere Glaubensfreiheit garantiert
und sie sogar für uns durchsetzt, wenn es sein muss.
Also könnten wir uns als Christinnen und Christen heute aus der Politik zurückziehen
und uns zurückhaltend und still um unsere Dinge kümmern.

Aber wir leben als christliche Gemeinde in einem Gemeinwesen
und haben Teil an seinen kleinen und großen Problemen.
Auch uns beschäftigt die Frage nach der gerechten Verteilung
von Besitz und Bildungschancen,
von Arbeit, Wohlstand und Glück.
Auch wir stehen vor der Frage der Gleichbehandlung,
vor der Frage, wie wir uns Menschen gegenüber verhalten,
die zu unseren Gemeinden von außen dazukommen -
aus einer anderen Stadt oder einem anderen Land.
Täglich werden wir Zeugen von Diskriminierung,
von Hass und Gewalt gegenüber Schwächeren,
gegenüber Menschen, die anders denken oder anders aussehen,
anders lieben oder anders leben als die Mehrheit.

Und wir können dabei nicht vergessen,
welchen Auftrag Gott uns ihnen gegenüber gegeben hat:
„Lernt Gutes tun,
trachtet nach Recht,
helft den Unterdrückten,
schafft den Waisen Recht,
führt der Witwen Sache!”

Deshalb ist es unsere Aufgabe, an ihrer Seite zu stehen,
weil Gott an ihrer Seite steht.
Es ist unsere Aufgabe, der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten
und selbst in diesen Spiegel zu sehen:
Den Spiegel der göttlichen Gebote und der göttlichen Liebe.
Darum ist Kirche politisch.
Gegen das Böse und die Bosheit in unserer Gesellschaft und in unserer Welt
soll und will sie immer wieder das Gute und die Güte aufrichten.
Sie wird dadurch das Böse nicht besiegen.
Aber sie kann ihm eine Grenze setzen,
und sie kann Menschen vor dem Bösen retten.

Samstag, 27. Juni 2020

Treue

Predigt am 3. Sonntag nach Trinitatis, 28. Juni 2020, über Micha 7,18-20:

Welcher Gott ist wie du?
Der du Schuld vergibst
und hinwegsiehst über die Sünde,
dem Rest deines Erbteils zugute.

Er hält nicht für immer an seinem Zorn fest,
denn sein Wesen ist unverbrüchliche Liebe.
Er wird sich wieder über uns erbarmen,
unsere Schuld zertreten,
und du wirst ihre Sünden in den Tiefen des Meeres versenken.

Er erweist Jakob Treue,
Abraham unverbrüchliche Liebe,
wie er unseren Vätern schwor
vor undenklichen Zeiten.


Liebe Schwestern und Brüder,

Treue ist ein großes Wort,
ein wichtiges Wort.
Eine Beziehung wäre nichts ohne sie.
Wenn man eine Beziehung eingeht,
ist sie deren selbstverständliche, unausgesprochene Voraussetzung.
Dabei geht es bei Treue nicht allein darum,
keine anderen Beziehungen einzugehen.
Es geht bei Treue auch um Vertrauen und Verlässlichkeit.
Um das Durchhalten und Durchtragen der Beziehung über Durststrecken,
über Zeiten des Missverständnisses und des Streits,
des Gefühls, zu kurz zu kommen,
mehr zu geben als zu bekommen.
Nicht immer lässt sich diese Treue durchhalten.
Bevor es zum Treuebruch kommt,
ist etwas anderes zerbrochen oder abhanden gekommen:
Die Liebe.

Treue in einer Beziehung
gibt es nur zwischen wirklichen Partnern,
die sich auf Augenhöhe begegnen.
Ist einer von beiden schwächer,
wird er abhängig vom anderen.
Das ist keine Treue,
wenn sie auf Ungleichheit und Unfreiheit basiert.

Auch der Stärkere kann nicht wirklich treu sein,
weil Treue ein Geschenk ist,
das aus dem Verzicht auf Stärke,
auf eigenen Vorteil und Gegenleistung erwächst.

II
Gott ist seinem Volk Israel treu.
Schon Abraham begegnete er wie einem Freund (Genesis 18,1-15),
von gleich zu gleich.
Gott ist in eine Beziehung zu Abraham getreten
und erneuerte diese Beziehung in jeder Generation,
mit Isaak, mit Jakob,
bis zum Bundesschluss am Sinai.
Dort erhielt Mose von Gott die Tafeln mit den Geboten.
Dort begegnete Gott seinem Volk als Partner eines Bundes,
von gleich zu gleich.
Aber das Volk Israel suchte sich andere Partner.
Von Gott hatte es nach der Befreiung aus Ägypten
und der Ankunft im Gelobten Land offenbar nichts mehr zu erwarten und zu erhoffen.
Andere Partner waren verlockender:
Großmächte, mit denen man politische Bündnisse eingehen konnte.
Fremde Götter, die man mit Geschenken bestechen
und für die eigenen Zwecke einspannen konnte.
So kam es, dass die Zahl der Gläubigen dezimiert wurde,
bis nur noch ein kläglicher Rest übrig geblieben war.

III
Wie konnte es geschehen,
dass das biblische Volk Israel die Beziehung zu Gott vergaß
und ihm untreu wurde?
Wie kann es geschehen,
dass eine große Liebe,
die ewig währen sollte und sich auch so anfühlte,
abhanden kommt oder zerbricht?

Liebe ist ein Gefühl des Ergriffenseins von einem anderen
und der Exstase.
Sie ist, wenn sie einen ergreift,
wie ein Rausch, der alles andere verdrängt.
Das ist die eine Seite der Liebe.

Die andere Seite der Liebe ist das Bewusstsein der Verbindlichkeit
und der Verantwortung für etwas Wunderbares und Kostbares.
Es ist das Wissen, beschenkt worden zu sein,
ohne es zu verdienen.

Der Rausch, die Exstase sind kein Dauerzustand.
Sie sind besonderen Momenten vorbehalten.
Das Wissen, mit dem anderen Menschen ein unverdientes Geschenk erhalten zu haben,
begleitet uns, wenn es gut geht, ein Leben lang.

IV
Über ein Geschenk hat man keine Macht.
Man kann ein Geschenk nicht einfordern.
Es kommt nicht, wann man selbst es will oder braucht,
sondern wenn der andere zum Geben bereit ist.

Jetzt verstehen wir, was mit „Sünde” gemeint ist:
Sünde ist der Wunsch, jederzeit ein Geschenk zu erhalten.
Jeder Tag soll Geburtstag, soll Weihnachten sein.
Man will nicht auf das Geschenk warten müssen,
sondern es haben, wenn einem danach ist.

Weil Gott ihnen nicht alle Steine aus dem Weg räumt,
ihnen nicht alles Leid erspart,
nicht jeden Wunsch erfüllt,
wenden sich die biblischen Israeliten von ihm ab
hin zu den Götzen, die sie manipulieren konnten.

Bis heute führt die oft leidvolle Erfahrung
der Unbestechlichkeit und Freiheit Gottes dazu,
dass Menschen sich enttäuscht von ihm abwenden.

Auch von Partnern, die nicht so sind, wie man will,
die nicht das tun, was man von ihnen erwartet oder verlangt,
wendet man sich manchmal ab.
Aber das ist keine Partnerschaft.
Echte Partnerschaft ist eine Beziehung zwischen Gleichen.
Echte Partnerschaft achtet die Freiheit und Andersartigkeit des anderen.

V
Wie aber lernt man,
die Freiheit und das Anderssein des anderen zu achten?
Durch die Erfahrung unverbrüchlicher Liebe.

Liebe, die außer sich geraten lässt,
fragt nicht nach dem Wert oder dem Lohn.
Sie liebt den anderen um seiner selbst willen.

Und Liebe, die ausdauernd ist und verantwortungsvoll,
erträgt das Anderssein des anderen,
weil sie im Anderen nicht das Eigene sucht,
sondern ihn sein lässt, wie er ist.

Auf diese Weise,
mit dieser unverbrüchlichen Liebe,
liebt Gott uns.
Gottes unverbrüchliche Liebe hält an uns fest,
Gott ist treu,
auch wenn wir Gott und unseren Mitmenschen wieder und wieder untreu werden.
Gott sieht uns mit den Augen der Liebenden.
In den Augen der Liebenden
ist jede und jeder Einzelne von uns
ein wunderbares, einzigartiges und unverdientes Geschenk.
Und nicht nur wir hier:
Jeder Mensch auf Gottes Erde.
Auch der, der ganz anders ist als wir.
Auch unsere politischen oder persönlichen Feinde und Gegner.
Auch die oder der, denen wir Pest und Cholera an den Hals wünschen
- gerade die, und gerade der.

Gott, der unverbrüchlich Liebende,
öffnet uns die Augen dafür,
wie sehr wir von Gott geliebt
und deshalb liebenswert sind,
wunderbar und schön.

Gott, der unverbrüchlich Liebende,
öffnet unsere Herzen für die Wahrheit,
dass das für jeden anderen Menschen auch gilt,
und dass es für uns nur gelten kann,
wenn wir die anderen auch gelten lassen.

Amen.