Freitag, 27. April 2012

Wie neu geboren


Predigt am 3.Sonntag nach Ostern, Jubilate, 29. April 2012, über 2.Korinther 4,16-18:

Darum sind wir nicht mutlos,
sondern wenn auch unser Äußeres zugrundegeht,
wird doch unser Innerstes Tag für Tag erneuert.
Die gegenwärtige leichte Belastung durch unsere Leiden und Nöte
bewirkt nämlich für uns,
die wir uns nicht auf das Sichtbare,
sondern auf das Unsichtbare ausrichten, 
eine überwältigende, ewige Fülle der Herrlichkeit.
Denn das Sichtbare vergeht,
das Unsichtbare aber bleibt ewig.
(Eigene Übersetzung)

Liebe Gemeinde,

Ich bin so knallvergnügt erwacht.
Ich klatsche meine Hüften.
Das Wasser lockt. Die Seife lacht.
Es dürstet mich nach Lüften.

Ein schmuckes Laken macht einen Knicks
Und gratuliert mir zum Baden.
Zwei schwarze Schuhe in blankem Wichs
Betiteln mich "Euer Gnaden".

Aus meiner tiefsten Seele zieht
Mit Nasenflügelbeben
Ein ungeheurer Appetit
Nach Frühstück und nach Leben.

(Joachim Ringelnatz) [1]
I
Wann sind Sie das letzte Mal so knallvergnügt erwacht?
Wann haben Sie sich vor Freude und Tatendurst die Hüften geklatscht,
ohne bei "Hüfte" gleich an Speckröllchen und "Hüftgold" zu denken?
Wann haben Sie zuletzt ungeheuren Appetit nach Leben verspürt?

Wer am Morgen so gut gelaunt ist wie Joachim Ringelnatz,
der dieses Gedicht geschrieben hat,
macht sich unbeliebt.
Besonders an einem Montagmorgen -
der kommende Montag bildet als "Rolltag"
da allerdings eine Ausnahme.

Zum guten Morgen-Ton gehört eine miesepetrige Stimmung,
weil man früh aufstehen und zur Arbeit muss;
gehört das Schimpfen über den Berufsverkehr
oder den überfüllten Bus,
das Lästern über Chef und Kollegin,
die man gleich wieder einen halben Tag lang ertragen muss.

Zum guten Morgen-Ton gehört für Kinder und Jugendliche
die Unlust auf die Schule,
für Senioren das Jammern über Schlaflosigkeit in der Nacht,
über Schmerzen und Beschwerden beim Aufstehen.
Niemand aber würde es wagen,
von seiner guten Morgenlaune zu erzählen -
man würde es sich mit allen verderben
oder als weltfremder Spinner dastehen.

Aber - Hand auf's Herz:
Eigentlich spricht Ringelnatz mit seinem Gedicht
einen Wunschtraum aus, den viele teilen können:
Dass man den Morgen nicht fürchten muss,
weil man schon vorher weiß, was er an Beschwerden, Ärger,
Langeweile oder Belastungen bringt,
sondern den neuen Tag fröhlich begrüßen kann.
Dass man gut gelaunt und hüftenklatschend aus dem Bett springt
und sich ungeduldig darauf freut,
was dieser Tag an Überraschungen parat hält.
Kinder erleben das manchmal am Wochenende,
oder in den großen Ferien.
Aber für Erwachsene hat diese Erfahrung Seltenheitswert.
Manche machen sie noch, wenn sie frisch verliebt sind,
am Geburtstag, oder beim Aufbruch zum lang ersehnten Urlaub.
Die meisten aber erleben das Aufstehen als ein Muss,
als einen Zwang oder eine Qual,
und selbst wenn sie sich doch ein bisschen darüber freuen,
würden sie das niemals zugeben.

II
Warum fällt es so schwer, knallvergnügt zu erwachen
und sich hüftenklatschend in den neuen Tag zu werfen?
Was lähmt uns, was zieht uns so herunter,
dass wir bleischwer und missmutig den Tag in Angriff nehmen
wie eine quälende, ungeliebte Arbeit, der man nicht entgehen,
eine lästige Pflicht, der man sich nicht entziehen kann?

Es wird wohl die Erfahrung zu vieler bleierner Tage sein,
die man im Laufe des Lebens angesammelt hat.
Es wird das berufliche Einerlei sein,
das einem wenig Abwechslung bietet:
wenig Erfüllung durch die Arbeit,
fehlende Anerkennung durch Vorgesetzte oder Kollegen,
keine Perspektiven und Entwicklungsmöglichkeiten.
Es werden die Sorgen und Probleme,
die Schmerzen und Schwierigkeiten sein,
die sich pünktlich mit dem Aufwachen wieder zurückmelden,
nachdem der Schlaf sie für ein paar Stunden ausgeblendet hatte.

Es wird die Last und Verantwortung dieses neuen Tages sein,
der wieder nur ein Alltag ist,
die man nicht los wird, die einem niemand abnimmt,
sondern die man wieder selber schultern muss,
um sie auch durch diesen Tag zu schleppen
wie Sysiphos, ohne irgendwo anzukommen,
ohne Aussicht, die Last der Verantwortung
irgendwann absetzen und los werden zu können.

Dieses Wissen, das man schon beim Aufwachen hat,
dass jeder neue Tag doch wieder nur ein gebrauchter ist, ein Alltag,
das nimmt einem die Freude am Aufstehen,
das lässt einen neidisch und missmutig auf all jene schauen,
die pfeifend oder summend, mit einem Strahlen im Gesicht
ihren Tag beginnen.
Warum können wir das nicht?

III
"Darum sind wir nicht mutlos,
sondern wenn auch unser Äußeres zugrundegeht,
wird doch unser Innerstes Tag für Tag erneuert",
schreibt Paulus.
Er kennt das Geheimnis innerer Erneuerung.
Er weiß, wie man jeden neuen Tag als Geschenk erlebt,
auf das man sich knallvergnügt freuen,
dem man hüftenklatschend entgegenfiebern kann.

Wenn es einem wirklich mal gut geht,
dann sagt man manchmal,
man fühle sich "wie neu geboren".
So muss man sich wahrscheinlich die innere Erneuerung vorstellen,
von der Paulus spricht.
Dieses Gefühl setzt uns auf die Spur,
die Paulus für uns gelegt hat: auf die Spur der Auferstehung.
Paulus macht das an anderer Stelle deutlich,
im 6. Kapitel des Römerbriefes.
Da spricht er davon,
dass die Taufe uns mit dem Tod Jesu am Kreuz verbindet.
Früher, als man bei der Taufe noch ganz untergetaucht wurde,
ist das deutlicher zu spüren gewesen als heute,
wo die Täuflinge nur noch mit Wasser berührt werden:
Das Untertauchen ist ein symbolisches Ertrinken.
Der Mensch, wie er war, stirbt
und ein neuer Mensch steht aus dem Taufbecken auf.
Paulus sagt das so:
"Wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Jesus Christus getauft sind,
die sind in seinen Tod getauft?
So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod,
damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten,
auch wir in einem neuen Leben wandeln sollen."

Die Auferstehung Jesu, die wir an Ostern gefeiert haben,
ist kein Märchen aus alten Zeiten.
Sie hat mit uns und mit unserem Leben hier und heute zu tun.
Deshalb feiern wir Sonntag für Sonntag Gottesdienst:
Sonntag ist der Tag der Auferstehung,
jede Woche erinnern wir uns daran.

IV
Wie kann die Auferstehung Jesu
etwas mit unserem Leben zu tun haben?
Auferstehung - die geschieht, wenn überhaupt,
nach dem Tod; sie ist eine Hoffnung, die wir haben,
dass mit dem Tod nicht alles aus ist, mehr nicht.
Mit unserem Alltag hat das nichts zu tun.
Und schon gar nicht hat sie die Kraft,
uns ein vergnügtes Erwachen zu bescheren.

Paulus ist da anderer Meinung, wenn er schreibt:
"Die gegenwärtige leichte Belastung durch unsere Leiden und Nöte
bewirkt nämlich für uns,
die wir uns nicht auf das Sichtbare,
sondern auf das Unsichtbare ausrichten, 
eine überwältigende, ewige Fülle der Herrlichkeit."

Auch Paulus kennt Leiden und Nöte.
Aber sie belasten ihn nur leicht.
Nicht, weil er sie nicht ernst nähme
oder ihm bisher nichts Schlimmes zugestoßen wäre -
das Gegenteil ist der Fall.
Sondern weil er etwas anderes hat,
das ihn so erfüllt, das so viel Gewicht hat,
dass Leiden und Nöte dagegen tatsächlich nicht ins Gewicht fallen.

Wir kennen das.
Was nimmt eine schwangere Frau auf sich
mit den anstrengenden Wochen und Monaten der Schwangerschaft,
mit den Schmerzen der Geburt.
Die Aussicht auf das Kind, das überwältigende Glück, wenn es da ist,
lassen alle Schmerzen vergessen.
Wie neu geboren ...
Und trotzdem sind die Belastungen durch die Schwangerschaft da,
trotzdem sind die Schmerzen da.
Und sie sind sehr real; eine Frau muss sie aushalten.
Durch die Aussicht auf das Kind werden die Schmerzen
zwar nicht erträglich, aber tragbar.
Das erwartete Kind hat mehr Gewicht
als die Last der Schwangerschaft und der Geburt.

V
So ist es mit der Auferstehung.
Und zwar nicht die Auferstehung am Ende der Zeiten,
die Auferstehung der Toten.
Sondern die Auferstehung aus der Taufe,
die uns mit Jesus verbindet
und die wir Sonntag für Sonntag feiern.
Die tägliche Auferstehung.
Jeden Tag werden wir neu - nicht äußerlich, da altern wir,
aber innerlich.
Wir werden neu geboren,
weil das neue Leben der Auferstehung
mit der Auferstehung Jesu schon angebrochen ist.
Für uns ist es nur eine Möglichkeit, aber eine sehr reale.
Wir wissen schon jetzt, wer wir einmal sein werden.
Wir wissen schon jetzt, dass unser Leben gut geht.
Dass wir es geschafft haben werden
und dass nichts schief gehen kann - egal, was kommt.
Die Auferstehung wartet auf uns;
sie ist mit Jesu Auferstehung schon Wirklichkeit
und steht als große, offene Tür am Ende unseres Lebens.
Wir werden nicht in ein schwarzes Loch fallen,
sondern in ein unbeschreibliches Licht gehen.
Dieses Licht überstrahlt alle Dunkelheiten.
Natürlich werden wir weiterhin Fehler machen.
Natürlich werden wir weiterhin leiden,
Angst empfinden und Schmerz und Trauer.
Aber das alles wird unserem Leben nichts anhaben können,
all das wird uns und unser Leben nicht zerstören. [2]

Unser Leben hat ein Happy End.
Und jeder Tag unseres Lebens hat ein Happy End.
An jedem Morgen erleben wir die Auferstehung beim Aufstehen,
weil wir das, was gestern war, hinter uns lassen können
und es an diesem Morgen neu und anders versuchen können.
Wir können und dürfen heute andere Menschen sein,
als wir gestern waren,
können und dürfen anders von uns und anderen denken,
uns und andere mit neuen Augen sehen.
Wir können, dürfen und sollen uns wie neu geboren fühlen.
So wird jeder neue Tag zum Sonntag,
zu einem Tag, der Schönes, Erlebnisse,
Abenteuer und Freude für uns bereit hält,
auch wenn es kein Geburtstag und Urlaubstag,
sondern nur ein Alltag ist.

Wir lassen uns keine gebrauchten Tage mehr andrehen! [3]
Wir fühlen uns wie neu geboren,
jeden Tag steigt unser Appetit
aufs Leben.
Amen.

____________
Anmerkungen:

[1] Joachim Ringelnatz, Und auf einmal steht es neben dir. Gesammelte Gedichte, Berlin 1950, S. 405.
[2] Die Idee für die Predigt verdanke ich dem Kommentar von Rudolf Bultmann zur Stelle, in:
Rudolf Bultmann, Der zweite Brief an die Korinther, KEK Sonderband, Göttingen 1976, 112ff.
Besonders: Das Leben "i s t  also nur im Prozeß, im Werden - wenn dieses nicht fälschlich als 'Entwicklung' nach Analogie des pflanzlich-animalischen Lebens verstanden wird. Nämlich nicht als ein stetes Weiterkommen auf Grund des schon Erreichten, sondern aus dem stets unsichtbar Zukünftigen. ... Es ist das Stets-Neuwerden im Bestehen der Begegnungen des Schicksals, das diesen Voraus-Sein ... vermöge der Kraft, sie zu verstehen ..." (a.a.O., S. 128).
[3] Die Redewendung "einen gebrauchten Tag angedreht bekommen" stammt von Ulla Meinecke, aus ihrem Lied "Beiß rein". Der Refrain des Liedes lautet:
"ein neuer Tag, 'ne Chance wie ein neues Schulheft 
auf dem nur ihr Name draufsteht 
- doch wenn sie abends sauer in ihr Bett geht, denkt sie 
'ausgerechnet mir haben sie wieder'n gebrauchten Tag angedreht' "

Sonntag, 15. April 2012

Désinvolture - Konfirmationspredigt


Predigt zur Konfirmation am Sonntag Quasimodogeniti, 15. April 2012 in der Klosterkirche Riddagshausen über Matthäus 12,1–8.

Liebe Konfirmandinnen, liebe Konfirmanden,

I
Ihr habt schon viele Geschenke bekommen und bekommt heute noch mehr, auf die Ihr Euch wahrscheinlich schon freut. Ich möchte Euch heute auch etwas schenken. Ich habe aber kein Päckchen dabei und leider auch keinen Briefumschlag, sondern nur diese Zettel hier. Was ich Euch schenken möchte, ist deshalb ein Wort. Ein Wort, das Ihr wahrscheinlich noch nicht kennt und das selbst Eure Eltern und Familien noch nicht gehört haben könnten.

Ich kann mir vorstellen, dass die Aussicht, ein Wort geschenkt zu bekommen, nicht besonders prickelnd ist. Ich wäre wahrscheinlich auch enttäuscht, wenn mir jemand zum Geburtstag sagen würde: “Guck mal, ich hab’ dir ein Wort mitgebracht, das will ich dir schenken - freust du dich?” Und dann ist es vielleicht sogar ein Wort, das ich schon kenne, und ich kann’s nicht umtauschen ...

Andererseits kann ein richtiges Wort zur richtigen Zeit richtig gut tun und ungeheuer viel bewirken. Fragt mal Eure Eltern in einer stillen Stunde, wie das war, als sie sich verliebt haben. Oder wer wem den Heiratsantrag gemacht hat, wie er das angestellt, und was er dabei gesagt hat.

Aber man muss ja gar nicht über solche für Euch und Eure Eltern vielleicht zu persönlichen Dinge sprechen. Euer Name ist zum Beispiel so ein mächtiges Wort. Er gehört zu Euch, Ihr seid damit ansprechbar. Und eines Tages wird jemand, den Ihr liebt, ihn auf ganz einzigartige, einmalige Weise sagen. So, wie Eure Eltern das jetzt schon tun - auch, wenn Ihr’s meistens nicht bemerkt, weil es jeden Tag gefühlte hundert Mal passiert und nicht immer nur im freundlichen Ton. Die Art, wie Eure Eltern Euren Namen aussprechen, werdet Ihr nie vergessen. Der Klang Eures Namens aus dem Mund Eurer Mutter, Eures Vaters wird Euch begleiten, auch, wenn Ihr einmal von zuhause ausgezogen seid.

Mächtige Worte sind auch Lob und Kritik. Man kann einen Menschen mit Worten aufbauen, indem man ihm zeigt, wie stolz man auf ihn ist, wie gern man ihn hat; indem man wahrnimmt, was er leistet, und seine Arbeit schätzt.

Und man kann einen Menschen klein machen und zerstören, indem man ständig etwas an ihm auszusetzen hat, indem man ihn herunterputzt, abwertet, verächtlich macht und sich weigert, ihn und das, was er getan hat, anzuerkennen.

II
Das Wort, das ich Euch heute schenken möchte, wird Euch jetzt noch nicht viel nützen - allenfalls kann man damit angeben, dass man ein Wort kennt, das die meisten noch nie gehört haben. Aber ich hoffe, dass es in Zukunft für Euch wichtig wird.

Das Wort heißt Désinvolture [1].

Es stammt aus dem Französischen, wie man hört. Seine Bedeutung erhielt es von dem Schriftsteller Ernst Jünger [2] - ein ziemlich umstrittener Schriftsteller der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts. Das sagt Euch jetzt nichts, und es ist auch nicht wichtig. Aber mit “Coolness” und “Coolsein” könnt Ihr etwas anfangen. Désinvolture ist so etwas ähnliches. Was genau es ist, erklärt eine Geschichte aus dem Matthäusevangelium, die ich Euch vorlesen möchte:

Jesus ging am Sabbat durch ein Kornfeld. Seine Jünger waren hungrig und fingen an, Körner aus den Ähren zu puhlen und zu essen. Als das die Pharisäer sahen, sprachen sie zu ihm: Sieh mal, was deine Jünger tun! Das ist am Sabbat nicht erlaubt! Er aber sprach zu ihnen: Habt ihr nicht in der Bibel gelesen, was David tat, als er und seine Gefährten Hunger hatten? Wie er in das Haus Gottes ging und wie sie die Schaubrote aßen, die doch weder er noch seine Gefährten essen durften, sondern nur die Priester? Wenn ihr aber wüsstet, was das heißt (Hosea 6,6): “Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer”, dann hättet ihr die Unschuldigen nicht verurteilt.

Was soll an dieser Geschichte cool sein? Der Landwirt, dem das Kornfeld gehörte, wird es ziemlich uncool gefunden haben, dass Jesus und seine Jünger ihm das Getreide zertrampelten. Aber es ist schon beeindruckend, wie Jesus seine Jünger verteidigt, die sich nicht an die Regel gehalten haben, dass man am Sabbat nicht arbeiten darf. Das Gebot, den Sabbat zu halten, steht in der Bibel. Jesus aber setzt sich über dieses Gebot hinweg, er bricht es, weil seine Jünger Hunger haben. Satt werden ist wichtiger als Sabbat halten. Jesus tut das auch nicht heimlich, sondern vor den Augen der Pharisäer, vor Leuten, die es mit dem Gesetz sehr genau nehmen und die später mit für seine Verurteilung und Kreuzigung sorgen. Ich finde das schon ziemlich cool.

III
Ich hoffe, damit mache ich mich nicht bei Euren Eltern unbeliebt. Denn ich sage ja irgendwie: Es ist cool, Regeln zu brechen. Aber das habt Ihr sicher schon selbst herausgefunden. In Eurem Alter beginnt man, auszutesten, wie weit man gehen kann, und wo die Grenze ist. Was passiert, wenn ich, statt wie vereinbart um Zehn, erst um Elf Uhr nachts nach Hause komme? Kann ich auf diese Weise vielleicht ein bisschen Zeit schinden, oder fange ich mir Ärger - und ein Ausgehverbot - ein? Auch im Freundeskreis ist es cool, Grenzen zu überschreiten - heimlich eine Zigarette zu rauchen, oder an der Ampel nicht auf Grün zu warten, sondern bei Rot zu gehen, wenn die Straße frei ist.

Aber spätestens hier merkt man, dass Coolsein nicht gleich Coolsein ist. Es gibt auch eine ziemlich dumme und gefährliche Coolness - dann nämlich, wenn man nicht weiß, was man tut, wenn man die Folgen nicht bedenkt, wenn man sich selbst überschätzt und Regeln bricht, ohne zu wissen, warum. Die tödlichen Unfälle an Bahnübergängen sind ein Beispiel dafür, dass man sich manchmal besser an Regeln und Verbote hält, wenn einem sein Leben lieb ist.

Aber wie erkennt man die Grenze? Woher soll man wissen, welche Regeln man brechen darf, ja, vielleicht sogar brechen muss, und welche man besser einhält? Jesus hat einen Maßstab dafür gegeben: “Wenn ihr aber wüsstet, was das heißt: Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer”.

IV
Der Maßstab für das Brechen von Regeln ist die Barmherzigkeit. Auch so ein komisches, unbekanntes Wort wie Désinvolture. Aus Barmherzigkeit darf man, muss man manchmal Regeln brechen. Ein Krankenwagen zum Beispiel, der einen Patienten mit Blaulicht ins Krankenhaus bringt, braucht sich nicht an rote Ampeln zu halten und darf sich die Vorfahrt nehmen - was sonst streng verboten ist -, um der Barmherzigkeit willen: Um ein Menschenleben zu retten. Die Jünger Jesu durften am Sabbat “arbeiten”, weil sie Hunger hatten; Jesus hatte Mitleid mit ihnen. Jesus hat Menschen am Sabbat geheilt - aus Barmherzigkeit.

Hinter dem altertümlichen Wort “Barmherzigkeit” steckt - die Liebe. Denn das Wort “Barmherzig” kommt vom warmen Herzen - ein Herz, das von der Liebe warm ist, oder sogar vor Liebe glüht. Der Liebe wegen darf man Regeln brechen.

Liebe? Aber die ist doch sowas von uncool! Liebe und Coolness haben doch nichts miteinander zu tun! Wenn man mit Liebe nur Schlagermusik und die Herz-Schmerz-Filme aus dem Vorabendprogramm verbindet, dann habt Ihr recht: Die sind ziemlich uncool. Aber Ihr werdet bald entdecken - wenn Ihr’s
nicht schon längst herausgefunden habt -, dass Liebe etwas sehr Cooles sein kann.

Richtig cool wird die Liebe nicht nur dann, wenn man sich in einen anderen Menschen unsterblich verliebt. Cool ist die Liebe auch in Form der Barmherzigkeit, wenn sie Menschen gilt, die andere für uncool halten. Wenn man sich stark macht für Schwächere; wenn man auf Außenseiter zugeht und sie nicht in der Ecke stehen lässt, oder wenn man Regeln bricht, um anderen zu helfen. Damals, im sogenannten “Dritten Reich”, wäre solche Coolness bitter nötig gewesen. Da hätte es Menschen jüdischen Glaubens geholfen, wenn sich ihre Nachbarn und Freunde hinter sie gestellt hätten. Aber es waren nicht viele so cool sich zu trauen, barmherzig zu sein; sich an die Seite derer zu stellen, die von anderen ausgegrenzt und zu “Untermenschen” erklärt wurden; Regeln zu brechen, um Menschenleben zu retten.

V
Désinvolture ist keine Sache für einen allein. Wer nur für sich selbst cool sein will oder von anderen für cool gehalten werden will, der ist kalt, aber nicht cool. Wahre Désinvolture erfordert Barmherzigkeit und Mut. Es geht nämlich nicht darum, einfach nur Regeln zu brechen. Es geht darum, wann und wie man sie bricht. Und für wen.

Regeln sind notwendig. Es ist gut, dass es sie gibt. Sie sollten nicht ohne Not gebrochen werden, denn sie haben meistens einen guten Sinn; oft sind sie sogar lebenswichtig.
Wenn man aber Opfer bringen muss, um sie einzuhalten, darf und sollte man allerdings fragen, ob diese Regeln wirklich so sein müssen, wie sie sind.
Und wenn andere durch diese Regeln zu Opfern werden, dann sollte man den Mut, die Unverfrorenheit, die Chuzpe, die - Désinvolture besitzen, sie zu brechen, um den Opfern zu helfen.

Coolness ist eine tolle Sache. Aber wenn man sie trägt wie ein Kleidungsstück, wenn man meint, es sei cool, kaltherzig anderen gegenüber zu sein, irrt man sich. Das ist nicht cool, das ist nur gemein. Wahre Coolness, wahre Désinvolture wendet sich barmherzig den Mitmenschen zu ohne Angst, sich dabei einen Zacken aus der Krone zu brechen. Jesus konnte das. Er war eben richtig cool.

Ich wünsche Euch, dass Ihr Freude daran habt, Eure Grenzen kennen zu lernen und auszuprobieren, und dass Ihr die Désinvolture besitzt, die Jesus hatte, weil Ihr den Unterschied kennt. Den Unterschied zwischen Kälte und Coolness, der darin besteht, dass Gott Wohlgefallen hat an Barmherzigkeit und nicht am Opfer.
Amen.

____________
Anmerkungen:

[1] Die in der Predigt vorgenommene Füllung des Begriffs Désinvolture verdankt sich dem - im übrigen sehr empfehlenswerten - Essay von Alexander Pschera, 800 Millionen. Apologie der Sozialen Medien, Berlin (Matthes & Seitz) 2011, ISBN 978-3-88221-578-6. Dort schreibt er: "Das Netz ist eine Vorschule des Désinvolture und zugleich eine Vorschule einer neuen Form demokratischer Macht" (a.a.O., S. 62) und: "Einem Blick der Tapferkeit, der das Neue und Unübersichtliche auf sich nimmt, gibt sich das soziale Netz als Erweiterung unserer Möglichkeiten zu erkennen. Denn es öffnet spontane Zugänge zu einem noch nicht machtpolitisch verschlüsselten Leben. (...) Daher ist es nachvollziehbar, dass die unverschämte Unverbindlichkeit der sozialen Medien Widerstand erzeugt in einer theatralischen Gesellschaft, die mehr um ihre Rollen als um ihre Identität bemüht ist." (ebd., S. 63).

[2] Diese Information und eine ganz wesentliche Anregung zu meiner Predigt verdanke ich dem wunderbaren, überaus gelehrten und mit zahlreichen weiterführenden Literaturhinweisen gespickten Vortrag von Dirck Linck, Désinvolture und Coolness. Über Ernst Jünger, Hipsters und Hans Imhoff, den »Frosch«, Vortrag auf der Jahreskonferenz des Sonderforschungsbereichs »Ästhetische Erfahrung im Zeichen der Entgrenzung der Künste (SFB 626), die vom 3. bis zum 5. November 2006 im Hamburger Bahnhof in Berlin zum Thema »Bewegte Erfahrungen« stattgefunden hat. Zuerst abgedruckt in Kultur & Gespenster, Ausgabe 3, Winter 2007. Netzveröffentlichung unter http://druckversion.studien-von-zeitfragen.net/Desinvolture.pap.pdf . 
Dort findet sich auch eine wunderbare Anekdote über Jünger, die ich hier gern noch zitieren möchte: "Als Ernst Jünger in den 60er Jahren die Villa Massimo besucht und vor den deutschen Jungschriftstellern sein schönes goldenes Feuerzeug herzeigt, da klauen sie ihm das. Désinvolture." (A.a.O., S. 19)

Samstag, 7. April 2012

Auferstehung - es lebe die Revolution! - Osterpredigt



Predigt am Ostersonntag, 8. April 2012, über 1.Samuel 2,1-2.6-8a:

Mein Herz ist fröhlich in dem Herrn,
mein Haupt ist erhöht in dem Herrn.
Mein Mund hat sich weit aufgetan wider meine Feinde,
denn ich freue mich deines Heils.
Es ist niemand heilig wie der Herr,
außer dir ist keiner,
und ist kein Fels, wie unser Gott ist.
Der Herr tötet und macht lebendig,
führt hinab zu den Toten und wieder herauf.
Der Herr macht arm und macht reich;
er erniedrigt und erhöht.
Er hebt den Dürftigen aus dem Staub
und erhöht den Armen aus der Asche,
dass er ihn setzte unter die Fürsten
und den Thron der Ehre erben lasse.


Liebe Gemeinde,

vom Tellerwäscher zum Millionär -
das ist der amerikanische Traum.
Die Aussicht, im Land der unbegrenzten Möglichkeiten
eine Möglichkeit zu finden, der Armut,
der Perspektivlosigkeit zu entkommen,
hat Scharen von Auswanderern angezogen.
Für viele von ihnen ist der amerikanische Traum wahr geworden.
Nicht jeder wurde ein Rockefeller,
doch die meisten Auswanderer konnten für sich
oder spätestens für ihre Kinder Dinge erreichen,
die ihnen in ihrer Heimat verwehrt gewesen wären:
Bildung. Land, das ihnen gehörte, und von dem sie leben konnten.
Die Möglichkeit zum gesellschaftlichen Aufstieg,
bis hin zum Amt des Präsidenten.

Der amerikanische Traum klingt
wie eine moderne Form des Lobgesangs,
den wir zu Beginn des Gottesdienstes gebetet haben:
"Er hebt den Dürftigen aus dem Staub
und erhöht den Armen aus der Asche,
dass er ihn setzte unter die Fürsten
und den Thron der Ehre erben lasse."
Wer einen solchen Aufstieg erlebt hat,
den Aufstieg aus der Gosse,
aus armen, unwürdigen Verhältnissen bis nach ganz oben,
für den mag sich das wie Auferstehung anfühlen.

I
Hanna, aus deren Mund dieser Lobgesang stammt,
hat einen solchen Aufstieg,
eine Auferstehung aus Niedrigkeit und Wertlosigkeit erlebt.
Sie kam zwar nicht aus der Gosse,
sondern lebte in geeordneten Verhältnissen,
ihr Mann war wohl sogar einigermaßen wohlhabend.
Aber sie war gesellschaftlich ein Niemand.
Denn sie hatte keine Kinder.

Frauen hatten zur Zeit der Bibel
und noch über Jahrhunderte, Jahrtausende danach
keine Rechte, keine Möglichkeit des gesellschaftlichen Aufstiegs,
keine Chance, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen,
es selbst zu gestalten - sieht man von wenigen Ausnahmen ab.
Frauen schrieben selten Geschichte.
Was zu sagen war, das wurde von Männern gesagt und aufgeschrieben.
Auch die Bibel gibt überwiegend die männliche Perspektive wieder.
Die Rolle der Frau wurde in dieser Sicht der Männer
als die der Hausfrau und Mutter definiert.

Hanna aber füllt diese Rolle nicht aus.
Sie kann es nicht: Sie hat keine Kinder.
Ihre Kinderlosigkeit macht sie zur Außenseiterin,
zu einem gesellschaftlichen Niemand.
In ihrem Kummer, ihrer Verzweiflung wendet sie sich an Gott
und verspricht ihm, sollte sie schwanger werden,
ihren Sohn Gott zu weihen:
Er soll als Prophet im Tempel leben,
er soll sozusagen Mönch werden.

Hannas Wunsch nach einem Kind erfüllt sich.
Sie wird schwanger und bringt einen Sohn zur Welt,
Samuel nennt sie ihn, "von Gott erbeten".
Und sie hält ihr Versprechen:
Als ihr Sohn alt genug ist, bringt sie ihn zum Tempel,
damit er dort für immer bei Gott bleibt.
Dort, im Tempel, singt sie das Lied von Gott,
der arm macht und reich,
erniedrigt und erhöht,
das wir eingangs gebetet haben.

II
Wie sehr manche Menschen sich ein Kind wünschen
und darin die Erfüllung ihres Lebens erfahren,
kann man sich vorstellen.
Und man kann sich auch vorstellen,
wie es sich anfühlen muss,
wenn man etwas nicht hat, das andere haben;
wie man sich ausgegrenzt, gebrandmarkt fühlt.
Man meint, fehlerhaft, mangelhaft zu sein,
weil man nicht so ist wie alle anderen;
und die anderen meinen das meistens auch.

Hannas Geschichte könnte auch in unserer Zeit spielen.
Aber was an dieser Geschichte schwer fällt,
ist, dass Hanna ihr Kind, das sie sich so sehr ersehnte,
wieder hergibt und es sozusagen Gott schenkt.
Nach unseren heutigen moralischen Maßstäben
müsste man fragen, was Hanna ihrem Kind damit antut,
wenn sie es weggibt;
man müsste fragen, ob Hanna gar nichts an ihrem Kind liegt.
Doch unsere modernen Fragen sind Fragen,
die dieser Geschichte, die der Zeit, in der Hanna lebte, fremd sind.

Die Geschichte wird ja nicht ihres Kinderwunsches wegen,
sondern wegen des Lobgesangs der Hanna erzählt.
Um ihren Sohn Samuel geht es dann auch,
viel ausführlicher als um seine Mutter.
Aber jetzt hat zunächst einmal Hanna das Wort.
Das ist ähnlich wie später im Neuen Testament,
wo es am Anfang des Lukasevangeliums
auch zunächst nicht um den Sohn, Jesus,
sondern um seine Mutter Maria geht,
die ein ähnliches Loblied wie Hanna singt, das Magnificat,
um danach völlig hinter ihrem Sohn zu verschwinden.
Auch das Lied der Maria singt davon,
dass Gott die Mächtigen vom Thron stürzt
und die Niedrigen erhebt,
die Hungrigen mit Gütern füllt
und die Reichen leer ausgehen lässt.

III
Beide Frauen, Hanna und Maria,
singen revolutionäre Lieder,
nachdem sie Gottes Eingreifen in ihrem Leben,
nachdem sie einen gesellschaftlichen Aufstieg,
so etwas wie eine Auferstehung erfahren haben.
Sie singen von der Umkehrung der Verhältnisse -
Arme werden reich, Reiche werden arm,
Mächtige verlieren ihre Macht,
die jetzt die vorher Ohnmächtigen erhalten.
Es lebe die Revolution!
Wer hätte gedacht, dass im Christentum
solch revolutionäres Potential steckt.
Und wer hätte gedacht, dass es Frauen sind
- Frauen, die in der Gesellschaft der Männer
kein Recht, keine Stimme, nichts zu sagen haben -,
die diese Revolution in ihrem Lied besingen?

Auch die Auferstehung ist eine Revolution, eine Umwälzung.
Zunächst im wörtlichen Sinne:
Der Stein, der vor dem Grab Jesu lag, ist weggewälzt.
Ein offenes Grab - entweder gruselt's einen
bei dem Gedanken daran,
oder man erregt sich über dieses Ärgernis.
Aber das Grab ist leer.
Und das ist das eigentlich Revolutionäre.
Bis heute wird die Botschaft von der Auferstehung
zwar als befreiend empfunden -
nach der Trauer, der düsteren Stimmung des Karfreitags
kann man endlich wieder lachen und fröhlich sein.
Aber dass tatsächlich jemand, der tot war,
auferstanden und auf neue Weise lebendig geworden ist -
das ist doch wohl ein bisschen zu viel verlangt.

Genau dieses "Zuviel": Das ist das Revolutionäre.
Dass man sich nicht damit zufrieden gibt,
dass Jesus ein guter Mensch war,
der vielen geholfen und der bedenkenswerte Dinge gesagt hat,
der als gewaltloser Friedensbewegter ans Kreuz geschlagen wurde
und gestorben ist.
Sondern darauf besteht, dass Jesus lebt
- und mit ihm seine Tat und seine Botschaft.

IV
Seine Tat, das war,
stellvertretend für alle, die von anderen zu Opfern gemacht werden,
die Opferrolle anzunehmen
und sie bis zum bitteren und endgültigen Ende durchzuhalten,
bis zu seinem Tod am Kreuz.
Er hat sich selbst geopfert
und damit alle anderen Opfer überflüssig gemacht.
Wir brauchen uns nicht mehr zu opfern
- weder müssen wir uns für einen anderen Menschen aufopfern,
noch für eine Überzeugung, eine Ideologie, einen Staat.

Und wir brauchen niemanden mehr zu opfern
- ja, wir dürfen niemanden mehr opfern.
Wer das Geschehen von Karfreitag wirklich verstanden hat,
der will nicht, dass jemals wieder Menschen geopfert werden,
der findet es unerträglich,
dass es überall auf der Welt weiterhin im Stunden-
ja, im Minutentakt geschieht.

Die Botschaft, die Jesus verbreitet hat
- nicht so sehr mit Worten, sondern mit seinem Leben -,
war die unbedingte Solidarität mit allen,
die zu Opfern werden.
Die Hinwendung, besonders zu denen aus der Gosse,
zu Prostituierten, Kranken,
Kollaborateuren, äußerlich Entstellten und - Frauen.
Jesus hat das Reich Gottes unters Volk gebracht.
Er hat den Traum von einer gerechten Welt mit allen geteilt.
Das war revolutionär,
und das ist es bis heute.

Der amerikanische Traum sieht dem Traum vom Reich Gottes verblüffend ähnlich:
Jede und jeder soll die Chance haben,
etwas aus sich zu machen,
aus der Gosse aufzusteigen bis nach ganz oben.
Das ist die Freiheit, die viele meinen.
Aber es ist die Freiheit des Individuums,
die Freiheit von Einzelnen.
Je radikaler man sich diese Freiheit denkt,
desto einsamer wird man dabei.
Denn wenn man seinen Lebenstraum wirklich konsequent verwirklichen will,
verliert man mehr und mehr Menschen,
die diesen Weg nicht mitgehen können
oder die auf diesem Weg nur stören.
Am Ende ist man ganz oben, aber auch ganz allein.

Der Traum vom Reich Gottes,
den Jesus träumte
und seinen Zuhörerinnen und Zuhörern ans Herz legte,
war ein Traum von Gerechtigkeit für alle Menschen.
Keine verordnete Gerechtigkeit
wie in den totalitären Regimen unserer Zeit,
die Menschen zum besseren Leben zwingen wollten
mit Gewalt und dem Entzug ihrer Freiheit.
Sondern eine Gerechtigkeit,
die aus der Liebe zu den Opfern kommt,
aus Solidarität mit denen, die ganz unten sind.
Jesus hat seinen Jüngern die Füße gewaschen,
um uns damit ein Beispiel zu geben,
wo unser Platz ist.

V
Jesus hat in Wort und Tat
den Menschen die revolutionäre Idee
vom Reich Gottes ins Herz gepflanzt.
Durch seine Auferstehung ist es nicht bei der Idee geblieben.
Der Same, den er damals eingepflanzt hat, wächst
und ist ein riesiger Baum geworden,
unter dem die komischsten Vögel Schatten finden.
Das kleine Stückchen Sauerteig,
das Jesus damals unter die Leute warf,
ist nicht von ihren Füßen zertreten worden,
sondern hat eine ungeheure Gärung entfaltet,
die bis heute Menschen in Bewegung hält.

All das wäre nicht geschehen,
wenn Jesus nicht auferstanden wäre.
Jesus, sein Leben, seine Ideen wären längst vergessen.
Weil er lebt, lebt auch die Hoffnung auf das Reich Gottes.
Weil er lebt, ereignet sich tagtäglich die Revolution
der Auferstehung,
in der Arme reich werden
und Erniedrigte ihre Chance erhalten,
in der totgesagte länger leben, als gedacht,
und Schwachheit zur Stärke wird.

Weil Jesus lebt,
ist das alles nicht nur ein schöner Traum,
sondern eine Wirklichkeit,
die unser Leben auf den Kopf stellt -
so sehr, dass am Ende der Tod nicht mehr weiß,
wo oben und unten ist.

Am Ende wird die Wirklichkeit greifbar.
Wenn wir scheinbar den Halt verlieren
und aus dem Leben fallen,
wachen wir erst richtig auf zum wahren Leben.
Das ist Auferstehung.
Das ist Revolution.
Darum: Es lebe die Revolution!
Amen

Samstag, 31. März 2012

Schämen wir uns!


Predigt am 6. Sonntag der Passionszeit, Palmarum, 1. April 2012,
über Jesaja 50,4-9:

Gott, der Herr, hat mir eine Zunge gegeben,
wie Schüler sie haben,
damit ich zur rechten Zeit ein Wort für die Erschöpften weiß.
Er weckt mich am Morgen.
Am Morgen weckt er mir das Ohr,
damit ich höre wie ein Schüler.
Gott, der Herr, hat mir das Ohr geöffnet.
Ich wehre mich nicht dagegen, ich weiche nicht zurück.
Meinen Rücken hielt ich den Schlägern hin,
und mein Kinn denen, die mich am Bart zogen.
Ich verbarg mein Gesicht nicht, wenn ich rot wurde
und nicht, wenn ich bespuckt wurde.
Denn Gott, der Herr, steht mir bei.
Darum werde ich nicht rot vor Scham,
darum habe ich mein Gesicht hart wie einen Stein gemacht,
und ich weiß, dass ich mich nicht schämen muss.
Da kommt schon mein Anwalt!
Wer will mit mir einen Rechtsstreit ausfechten?
Lasst uns gemeinsam vor den Richter treten!
Wer ist mein Prozessgegner? Der soll nur herkommen!
Du wirst schon sehen, Gott wird mir helfen!
Wer ist der, der mich schuldig sprechen will?
Du wirst schon sehen, alle werden aufgerieben,
wie ein Kleidungsstück löchrig wird;
die Motte wird sie auffressen!
(Eigene Übersetzung)


Liebe Gemeinde,

sind Sie heute schon in den April geschickt worden?
An diesem einen Tag im Jahr darf man ungestraft andere hereinlegen.
Das muss man ausnutzen!
Jemanden möglichst gekonnt an der Nase herumzuführen,
ist eine echte Herausforderung.
Wenn der Betrug gelang,
kann man triumphierend "April, April!" rufen
und den entgeisterten Blick des Genasführten genießen,
vielleicht wird er sogar rot vor Scham!
Ein harmloser Scherz.
Aber nicht jeder, der so vorgeführt wurde,
kann darüber lachen.

Der 1. April ist der Tag,
an dem man sozusagen offiziell andere veräppeln darf.
Aber es passiert viel häufiger als nur am 1. April.
Wenn z.B. ein Lehrling in einem Betrieb neu anfängt,
wird er erst einmal hereingelegt.
Er muss dann vielleicht eine "Kolbenrückholfeder" aus dem Lager holen.
Dort gibt man ihm einen besonders schweren Gegenstand mit,
den er in die Werkstatt schleppt - es ist natürlich der falsche.
Er muss noch einmal los. Er muss den Weg so oft machen,
bis er darauf kommt, dass man ihn zum Besten gehalten hat.
Ein harmloser Scherz.
Aber nicht jeder, der so vorgeführt wurde,
kann darüber lachen.

Bei dem, was man mit dem Erzähler unseres Predigttextes anstellt
- er hat keinen Namen,
nennen wir ihn deshalb den "Gottesknecht",
denn dieser Text aus dem Buch des Profeten Jesaja
ist eins der sog. "Gottesknechtslieder" -
bei dem also, was man mit diesem "Gottesknecht" anstellt,
hört der Spaß allerdings auf:
Verprügeln, am Bart ziehen, ins Gesicht spucken,
jemanden vor anderen bloßstellen und beschämen
ist alles andere als harmlos.
Man will diesen Menschen vorführen,
erniedrigen, beschämen
- er wehrt sich nicht einmal dagegen.
Wird aber auch nicht rot vor Scham,
sondern blickt seinen Gegnern in die Augen.
Er beißt die Zähne, kneift die Lippen zusammen
und macht sein Gesicht hart, hart wie Stein.
Diesen Triumph will er seinen Gegnern nicht gönnen,
dass sie sehen, wie er rot wird,
wie er sich abwendet, damit sie ihn nicht weinen sehen.

II
Was bringt einen dazu, andere hereinzulegen?
Warum macht das Veräppeln anderer so viel Spaß?
Ich führe selbst viel zu gern mal jemanden hinters Licht
und kann mich über einen gelungenen Scherz diebisch freuen.
Es ist ein Glücksgefühl wie beim Kreuzworträtsel,
wenn man eine knifflige Frage geknackt hat:
So fühlt es sich auch an,
wenn man jemanden aus der Reserve locken
und seine Selbstsicherheit knacken kann.

Selber hat man es meist nicht so gern,
hereingelegt zu werden.
Da kann man sogar richtig humorlos werden.
Ein Scherz unter vier Augen oder in der Familie ist harmlos.
Aber wenn man vor versammelter Mannschaft zum Besten gehalten wird,
wenn man sich nicht wehren kann,
dann ist das kein Spaß mehr.
Da fühlt man sich in seiner Schwäche bloßgestellt
und vorgeführt.
Es ist erniedrigend.

Genau das haben seine Gegner mit dem "Gottesknecht" vor:
Sie wollen ihn erniedrigen.
Sie wollen ihn zum Opfer machen,
zu einem Opfer ihrer Überlegenheit,
ihres Rechthabens, ihrer Spottlust, ihrer Macht.

Wenn man's recht bedenkt,
wenn man ehrlich zu sich selbst ist,
steckt darin auch der Grund,
warum wir so gern andere hereinlegen:
Es gibt einem für den Moment ein Gefühl der Überlegenheit,
ein kurzes Gefühl des Triumphes über den anderen.

Das ist der Grund,
warum immer wieder Menschen zu Opfern werden.
Das ist auch der Grund,
warum es vor allem Menschen sind,
die selbst nichts Besonderes sind
- nicht besonders mächtig, nicht besonders klug,
nicht besonders einflussreich, nicht besonders stark -,
die andere zu Opfern machen.
Weil sie über das Opfer triumphieren,
sich stark und überlegen fühlen können,
auch - und gerade - dann, wenn sie es nicht sind.

Deshalb werden immer wieder und andauernd
Menschen zu Opfern gemacht,
damit Schwache einen Moment der Stärke genießen können,
damit Menschen, denen die Gesellschaft keinen Wert beimisst,
sich einen Augenblick mächtig und als Herren fühlen können,
damit Menschen, die Erniedrigung erleben,
sich einmal über andere erheben können.
Aber weil das Gefühl des Triumphes nur von kurzer Dauer ist,
müssen wieder und wieder Menschen erniedrigt,
gedemütigt, beschämt und zu Opfern gemacht werden.
Ein Teufelskreis, der die Verhältnisse stabilisiert.

III
Seine Gegner versuchen,
den "Gottesknecht" zum Opfer zu machen.
Warum gerade ihn?
Was hat er ihnen getan?

"Gott, der Herr, hat mir eine Zunge gegeben,
wie Schüler sie haben,
damit ich zur rechten Zeit ein Wort für die Erschöpften weiß."
Das klingt nicht so,
als würde der "Gottesknecht" jemanden provozieren.
Im Gegenteil: Er will helfen,
besonders denen die erschöpft sind,
die am Ende ihrer Kräfte, die ganz unten sind
- und das sind sicher nicht die feinen, einflussreichen Herren.

Er hilft denen, die am Ende ihrer Kräfte sind,
nicht von oben herab mit guten Ratschlägen,
sondern redet mit ihnen wie ein Schüler.
Wie ein Lehrling, den man eben nach einer "Kolbenrückholfeder" geschickt hat.
Er redet mit denen, die unten sind, von gleich zu gleich.
Er ist wahrscheinlich genauso ratlos,
genauso am Ende wie sie.
Aber genau das ist das Wort zur rechten Zeit:
das Wort, an dem man merkt:
Der will mich nicht belehren,
der will mich nicht bekehren,
sondern der fühlt mit mir, der kann mich verstehen.

Der Gottesknecht begibt sich auf das Niveau der Erschöpften.
Er ist sich nicht zu schade dazu,
sich zu ihnen herabzubeugen,
sie ebenso ernst und wichtig zu nehmen
wie eine Persönlichkeit von hohem Rang,
ihnen zuzuhören, wie ein Schüler dem Lehrer zuhört,
und geduldig auf das rechte Wort zur rechten Zeit zu warten.

Und wahrscheinlich ist es genau das,
was seine Gegner so wütend auf ihn macht.
Der Gottesknecht beachtet die natürliche Hackordnung nicht.
Er hält sich nicht an die gesellschaftlichen Spielregeln
sondern unterläuft sie im wahrsten Sinne des Wortes,
indem er sich denen zuwendet,
die ganz unten sind,
und sie mindestens ebenso wert schätzt und wichtig nimmt
wie die, die ganz oben sind.
Statt andere zu Opfern zu machen,
opfert er sich lieber selbst.

IV
Mit seinem Opfer entlarvt der Gottesknecht unser Tun.
Auch wir machen Menschen zu Opfern.
Wir machen Menschen zu Opfern,
um dadurch unseren eigenen Rang,
unsere gesellschaftliche Stellung zu stabilisieren.
Oder warum ist es so wichtig,
dass unsere Kinder das Gymnasium besuchen?
Warum hat die Hauptschule einen so schlechten Ruf?
Wir müssen uns, unsere Kinder von anderen abheben,
wir, sie müssen besser, klüger, erfolgreicher sein als andere.
Eine Gesellschaft, in der alle gleich viel wert sind,
gleich viel gelten, gleich viel Einfluss haben
- ohne Rücksicht auf ihre Bildung,
ihre gesellschaftliche Stellung,
ihre Herkunft, ihr Einkommen -
eine solche Gesellschaft können wir uns nicht vorstellen.
Und die wollen wir, wenn wir ehrlich sind, auch nicht haben.

Der "Gottesknecht" ist kein Kommunist.
Ihm geht es nicht um Gleichmacherei.
Ihm geht es um Gerechtigkeit.
Gerechtigkeit bedeutet, dass niemand
auf Kosten anderer einen Vorteil ausnutzt,
weil er weiß, was andere nicht wissen,
weil er Beziehungen hat zu denen, die entscheiden,
oder selbst Entscheidungen beeinflussen kann.
Aber so funktioniert unsere Gesellschaft:
Wer einen Vorteil hat, nutzt ihn aus
- er wäre ja schön blöd, wenn er's nicht täte,
und außerdem tun's die anderen ja auch.
So produzieren wir täglich auf's Neue
Ungleichheit und Ungerechtigkeit.
So werden täglich auf's Neue Menschen zu Opfern gemacht.

V
Der "Gottesknecht" beachtet die natürliche Hackordnung nicht.
Ihm geht es um das Recht,
deshalb fordert er seine Gegner auch zu einem Rechtsstreit auf.
Nicht um das Recht als abstrakte Größe,
sondern um Gerechtigkeit.
Gerechtigkeit ist das Anliegen Gottes.
Gott hat ihm das Ohr geöffnet:
er hat ihn empfindlich gemacht gegen Ungerechtigkeit,
jetzt kann er nicht mehr zurück zur alten Ordnung.

Die ersten Christen haben Jesus als den "Gottesknecht" gesehen,
von dem Jesaja erzählt.
Auch Jesus hat sich nicht an die Ordnung gehalten,
sondern sie unterlaufen und sich denen zugewendet,
die ganz unten waren, zu den Zöllnern und Prostituierten.
Seine Gleichnisse handelten von den verhassten Samaritanern,
und seine liebevolle, heilende Zuwendung galt denen,
die von der Gesellschaft ausgeschlossen waren,
den Leprakranken, den Behinderten, den Stigmatisierten.
Als König der Armen und der Bettler ist er in Jerusalem eingezogen,
um sich lieber selbst zu opfern,
als andere zu Opfern zu machen,
und damit seine Zeitgenossen und ihr Tun zu entlarven.

Jesus hat sich geopfert.
Hat sich nicht gewehrt gegen die Schläge,
gegen das Bespucktwerden und Gedemütigtwerden.
Hat aber auch nicht den Blick gesenkt oder abgewandt,
sondern den Tätern ins Gesicht gesehen
und sich nicht geschämt.

So beschämt Jesus uns heute.
Beschämt uns, weil wir ihn genauso wenig aushalten würden,
wie ihn seine Zeitgenossen damals aushalten konnten.
Wir würden ihn genauso zum Opfer machen,
weil wir es nicht schlimm finden
und ganz gut damit leben können,
dass Menschen unter uns zu Opfern gemacht werden.

Heute beginnt die Karwoche.
Wir erinnern uns an das Leid, das Jesus auf sich nahm.
Denken wir auch an das Leid, das wir verursachen,
das Leid, das unserer Gesellschaft verursacht,
indem sie Menschen zu Opfern macht,
von denen sie lebt,
die sie braucht, um zu bestehen.
Ertragen wir den Gedanken an dieses Leid, an diese Opfer,
wenigstens in der Karwoche.
Schämen wir uns.

Donnerstag, 22. März 2012

Der Weg ist das Ziel


Predigt am Sonntag Judika, 25.3.2012, über Numeri 21,4-9:

Die Israeliten zogen weiter, vom Berg Hor auf dem Weg zum Roten Meer, um das Gebiet Edoms zu umgehen. Aber das Volk wurde ungeduldig auf dem Weg. Daher sprachen die Leute zu Gott und zu Mose: "Warum habt ihr uns aus Ägypten hinaufgeführt? Damit wir in der Wüste sterben? Denn es gibt kein Brot und kein Wasser, und wir haben genug von diesem ärmlichen Essen."
Da sandte Gott Giftschlangen unter das Volk, die bissen die Leute, und es starben viele von Israel. Da kam das Volk zu Mose und sprach: "Wir haben uns verfehlt, denn wir haben gegen Gott und gegen dich geredet. Bitte Gott, dass er die Schlangen von uns wegschafft."
Mose bat für das Volk. Da sprach Gott zu Mose: "Mache dir eine Schlange und befestige sie auf einer Signalstange. Jeder, der gebissen wird und sie ansieht, wird leben."
Mose fertigte eine Schlange aus Metall an und befestigte sie auf der Signalstange. Und wenn eine Schlange jemanden biss und er sah die Schlange aus Metall an, blieb er am Leben.
(Eigene Übersetzung)


Liebe Gemeinde,

"Der Weg ist das Ziel!"
Mit diesem Slogan wird man aufgefordert,
auf den Weg zu achten und ihn wertzuschätzen,
selbst wenn er beschwerlich ist,
auch wenn er einen Umweg darstellt.
Denn es geht um den Weg selber
und um das, was auf diesem Weg
zu erfahren, zu erleben, zu lernen ist.

"Der Weg ist das Ziel!"
Wenn unterwegs diese Parole ausgegeben wird,
sollte man allerdings misstrauisch werden.
Vielleicht soll der Hinweis auf den Weg nur davon ablenken,
dass das Ziel der Reise ungewiss ist,
oder der Reiseleiter sich verlaufen hat.

Eine Weile lässt man sich das ja gefallen,
dieses auf-den-Weg-Achten:
Wenn die Verpflegung stimmt,
die Wanderung kurzweilig ist
und die Landschaft einigermaßen abwechslungsreich.
Weiß aber selbst der Reiseleiter nicht mehr weiter,
beginnen Landschaft und Reisegesellschaft zu langweilen,
wird gar die Verpflegung knapp oder ungenießbar,
verliert auch der geduldigste Teilnehmer die Lust am Wandern.

I
Das Volk Israel hat unser Mitgefühl.
Ein Land voller Überfluss war ihnen versprochen worden,
ein Land, darin Milch und Honig fließt.
Aber statt auf direktem Weg dorthin,
führen Gott und Mose sie
kreuz und quer durch die Wüste.
Allmählich werden Zweifel an der Leitungskompetenz des Mose laut;
man fragt sich, welchen Plan Gott verfolgt,
wenn er das Volk so umherirren lässt.

Dazu ist die Verpflegung eintönig,
es gibt irgendetwas Undefinierbares.
"Man hu?", fragten die Israeliten,
als sie es zum ersten Mal sahen, "Was ist das?" (2.Mose 16,15).
Manna, dieses süße Zeugs,
das nach Honigsemmel schmeckt (2.Mose 16,31),
wird seitdem jeden Tag aufgetischt, morgens und abends.
Kein Wunder, dass sich immer mehr Leute
nach den "Fleischtöpfen Ägyptens"
oder wenigstens einem anständigen Wurstbrot sehnen.

Man kann verstehen, dass die Israeliten langsam, aber sicher
ungeduldig und grantig werden
und ihren Unmut gegenüber der Reiseleitung äußern.
Man selber würde es nicht anders machen.
Nur versteht die Leitung leider überhaupt keinen Spaß,
sondern reagiert äußerst heftig:
Mit Giftschlangen bringt Gott die schimpfenden Israeliten
zum Schweigen - im wahrsten Sinne des Wortes.

Eine unerklärliche und völlig überzogene Reaktion des Reiseleiters.
Sicher, die Israeliten könnten dankbarer sein,
dass Gott sie vor der Sklaverei in Ägypten bewahrt
und durch Mose in die Freiheit geführt hat.
Aber Undankbarkeit derart zu bestrafen?
Was ist das überhaupt für eine Freiheit,
die nie aus dem Niemandsland herausführt,
die man nie wirklich zu schmecken bekommt?
Da sind doch offenbar Versprechungen,
unter denen die Reise angetreten wurde,
nicht eingehalten worden,
so dass man mit gutem Recht
sein Rücktrittsrecht geltend machen kann!

Für die Israeliten aber gibt es kein Zurück.
Das wissen sie selbst.
Die Fleischtöpfe Ägyptens sind, wenn überhaupt,
dann nur um den Preis erneuter Versklavung zu erreichen.
Und es reift die Einsicht,
man hätte vor Reiseantritt
besser das Kleingedruckte gelesen,
hätte genauer überlegt,
worauf man sich bei dieser Reise einlässt
und zu welchem Ziel man unterwegs ist.

II
Offenbar ist dies keine Wellness-Veranstaltung,
keine Rundum-Verwöhn-Kur mit Buffet und allem Komfort.
Es ist ein Weg durch die Einsamkeit und Leere der Wüste,
der die Israeliten mit sich selbst konfrontiert
und sie sich fragen lässt,
welches Ziel sie nach der Flucht aus Ägypten
eigentlich gewinnen wollen.
Es ist eine Wanderschaft,
bei der Gott ihnen ganz nahe ist
- so nah wie nie zuvor -,
und gleichzeitig völlig fremd.

Und dennoch ist Gott,
der ihnen die Giftschlangen auf den Hals hetzt,
der selbe, der sie gerettet hat
aus der Sklaverei in Ägypten
vor den Soldaten des Pharao,
vor Hunger und Durst in der Wüste.
Gott, der ihnen vorangeht
in der Wolkensäule am Tag
und in der Feuersäule bei Nacht (2.Mose 13,21-22).
Ein schrecklich lebendiger Gott,
der, offenbar tödlich beleidigt,
sich mit tödlichen Giftschlangen revanchiert.

Hier könnte man stehen bleiben,
den Staub von den Sandalen schütteln
und diesem unverständlichen, ungerechten Gott
samt seinem Diener Mose die Brocken vor die Füße werfen.
Könnte das Nachdenken über diese Geschichte aufgeben,
weil es einfach nicht zu begreifen und zu ertragen ist,
dass Gott, der doch so sehr auf der Seite seines Volkes ist,
der alles tut, um es zu retten und zu beschützen,
es im nächsten Augenblick dem Tod überlässt.

Man könnte diesen unbegreiflichen Gott ignorieren und ablehnen,
wenn - ja, wenn man nicht wüsste,
dass wir uns manchmal selbst unbegreiflich sind.
Auch bei uns liegen Liebe und Hass
manchmal erschreckend nah beieinander:
Über einen Menschen, den man sehr lieb hat,
kann man sich manchmal auch schrecklich ärgern;
so sehr, dass man ihm weh tut.
Eine Liebe, die einzigartig schien, riesengroß und unzerstörbar
kann, wenn sie zerbricht,
Menschen, Beziehungen völlig vergiften.

III
Die Israeliten geraten unter den Bissen der Giftschlangen
ins Nachdenken über Gott und ihre Welt
- etwas, das sie vielleicht schon früher hätten tun sollen.
Dabei wird ihnen klarer,
was sie verloren und was sie gewonnen haben.
Verloren haben sie die "Fleischtöpfe Ägyptens",
ein Leben, das zwar nicht ihr eigenes war,
in dem sie sich aber eingerichtet hatten
und das ihnen manche Annehmlichkeiten bot.
Verloren haben sie auch die Heimat,
in der sie zwar Fremde waren,
nur geduldet als Menschen zweiter Klasse,
wo sie aber immerhin ein Dach über dem Kopf hatten,
ein Zuhause.

Gewonnen haben sie die Freiheit,
aber nicht eine bessere Welt.
Sie sind im Niemandsland;
noch ist gar nicht absehbar,
was werden, wie sich ihre neu gewonnene Freiheit
gestalten wird.

Gewonnen haben sie die Freundschaft Gottes,
der sie von dem, woran ihr Leben bisher hing,
trennt und entfremdet
und der sehr eifersüchtig darüber wacht,
dass sie nicht in den alten Trott zurückfallen;
der schrecklich enttäuscht ist darüber,
wenn die Israeliten ihm nicht vertrauen.

Den Israeliten wird klar,
dass sie sich entscheiden müssen
für ihr altes Leben,
in das sie aber schon nicht mehr zurück können
und eigentlich auch nicht zurück wollen,
oder für das Vertrauen auf die Freundschaft Gottes,
der sie befreit hat und ihnen eine Zukunft verspricht
- allerdings um den Preis,
die Leere und Eintönigkeit der Wüste erst einmal auszuhalten,
den Weg in ein anderes Leben erst einmal auf sich zu nehmen.

IV
Die Israeliten geraten unter den Bissen der Giftschlangen
ins Nachdenken über Gott und ihre Welt.
Und es rettet sie der Blick auf die Schlange,
die Mose an einer langen Stange hochhält,
damit alle sie sehen können.

Was sehen sie da?

Die Schlange erinnert sie daran,
wie wenig greifbar Gott ist,
wie wenig greifbar sie selbst auch sind.
So, wie die Schlange sich windet,
schwanken sie
zwischen Heimweh nach dem Vertrauten und Bequemen
und der Sehnsucht nach Veränderung und Neuem
hin und her.

Die Schlange erinnert an Gottes
und an die eigene Unbegreiflichkeit.
Indem man sie ansieht
und das eigene Schwanken wahrnimmt,
wird man gerettet.
Indem man sich bewusst wird,
was man verliert und gewinnt,
kann man sich entscheiden für das,
was das Leben befördert.

Nicht umsonst wird diese Geschichte in der Passionszeit erzählt.

So, wie Mose die Schlange an einer Stange aufrichtet,
damit alle sie sehen können,
so ist das Kreuz nicht zu übersehen,
an dem Gottes Sohn stirbt.
Und ebenso wie die Schlange
ist auch das Kreuz ein Symbol
für Gottes Unbegreiflichkeit,
der seinen Sohn den Menschen überlässt,
und damit dem sicheren Tod,
und für unsere eigene Unbegreiflichkeit,
weil es um unseretwillen offenbar dieses Opfers bedurfte.

Wir machen immer wieder Menschen zu Opfern,
werden manchmal selbst zu Opfern gemacht.
Vor allem aber opfern wir Menschen
am Kreuz unseres Konsums und unseres Wohlstands.
Damit freie Bürger freie Fahrt haben,
nehmen wir die Verkehrstoten in Kauf.
Damit der Strom reichlich fließt
und wir uns nicht einschränken müssen,
bürden wir unseren Kindeskindern Abfälle auf,
die niemand entsorgen kann.
Damit unsere Wirtschaft wächst
und wir Arbeitsplätze haben,
müssen Menschen in anderen Ländern für Hungerlöhne arbeiten
müssen Erwachsene und Kinder in der Sahelzone verhungern,
die für einen Bruchteil des Geldes,
das wir zur "Rettung der Banken" ausgegeben haben,
gerettet werden könnten.

V
Der Blick auf das Kreuz kann uns retten.
Er kann im wahrsten Sinne des Wortes Leben retten.
Zuerst unser eigenes:
Indem wir uns bewusst werden,
dass Gott uns so sehr liebt,
dass er sich selbst kreuzigen lässt,
damit wir uns nicht opfern müssen.

Und dann das Leben anderer,
indem wir im Blick auf das Kreuz erkennen,
dass wir auf dem falschen Weg sind,
wenn wir zurück zu den Fleischtöpfen Ägyptens wollen.

Der Weg in die Freiheit für alle Menschen
führt durch die Öde und Einsamkeit der Wüste.
Er hält Verzicht und Entbehrungen bereit,
und es ist gar nicht klar,
ob wir jemals das Ziel erreichen,
das uns vor Augen steht:
Frieden und Gerechtigkeit für alle Menschen.
Aber in diesem Fall ist der Weg das Ziel.
Jeder Schritt, den wir auf ihm gehen,
kann die Welt retten
und unsere Rettung sein.
Amen.

Mittwoch, 21. März 2012

Leiden


Heute konnte unser Hund nicht mehr aufstehen. Sooft man ihn dazu animierte, jaulte er vor Schmerz auf, zog die Hinterläufe unter den Leib und machte den Rücken krumm. Alles Locken half nichts, der Schmerz war zu groß.
Es bricht einem das Herz, wenn man Leid mit ansehen muss, zumal beim eigenen Haustier. Wie viel schwerer ist es, wenn ein Mensch leiden muss! Man steht hilflos daneben und würde am liebsten weglaufen, weil es kaum auszuhalten ist, dass man nichts tun kann - und doch kann man gar nichts anderes und gar nichts besseres tun, als da zu bleiben und auszuhalten, was nicht zu ertragen ist.
In solchen Momenten schießt einem die Frage nach dem Warum durch den Kopf. Warum muss dieser Mensch, warum muss dieses Tier, warum müssen wir leiden?
Auf diese oft verzweifelt gestellte Frage gibt es keine Antwort. Es scheint, als verstumme Gott gerade in den Momenten, wo man am dringendsten auf eine Antwort wartet, oder wenigstens ein kleines Zeichen seiner Nähe. Selbst Jesus hat diese Erfahrung machen müssen. Am Kreuz schrie er nach Gott: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" (Matthäus 27,46)
Ja, wo war Gott, als sein Sohn qualvoll am Kreuz starb? Wo ist Gott, wenn Mensch und Kreatur leiden müssen?
Leid ist ein schrecklicher Begleiter des Lebens. Man kann es betäuben, manchmal lindern - los wird man es nicht, und es bleibt niemandem erspart. Man kann es nicht begreifen, man kann es nicht erklären, weil es keinen Sinn hat, wie auch der Tod keinen Sinn hat.
In der Passionszeit setzen wir uns dem Leiden Jesu aus, bis zu seinem schrecklichen Tod am Kreuz, um dem Leiden und dem Tod unseren Glauben, unsere Hoffnung und Liebe entgegen zu halten. In der Passionszeit üben wir den Ernstfall, sozusagen. Wir suchen, wo wir Trost finden können und eine Antwort auf die Frage, wo Gott ist im Leiden. Im Gottesdienst machen wir die Erfahrung: Wir sind nicht allein. Andere fragen wie wir, und gemeinsam geben wir uns Halt, wenn Gewissheiten und Überzeugungen nicht mehr tragen. Das Leiden zerbricht den Glauben in Stücke, aber wenn wir im Gottesdienst die Bruch­stücke unseres Glaubens zusammentragen, entsteht ein Fun­dament, auf dem man aufbauen kann. Dann finden wir den Mut, anderen beizustehen und ihnen tragen zu helfen, was nicht zu ertragen ist. Mit unserem Bruchstück des Glaubens, mit dem, was uns an Hoffnung geblieben ist, und mit unserer Liebe wagen wir es, dem Leid und dem Tod die Stirn zu bieten. Und der Leidende spürt: Ich bin nicht allein.
Jesus war am Kreuz nicht allein. Seine Mutter und sein bester Freund standen bei ihm. Sie standen ihm bei und glaubten für ihn, als er sich von Gott verlassen glaubte. So war Gott bei ihm, bis zuletzt. So ist Gott bei uns: In den Menschen, die uns beistehen und uns mit ihrem Glauben, ihrer Hoffnung, ihrer Liebe festhalten.

Donnerstag, 23. Februar 2012

Die Traurigkeit der Welt - 2.Korinther 7,10


Die Traurigkeit der Welt - Predigt zum Aschermittwoch, 22.2.2012, über 2.Korinther 7,10:

"Die Traurigkeit nach Gottes Willen wirkt zur Seligkeit eine Reue, die niemanden reut; die Traurigkeit der Welt aber wirkt den Tod."


Liebe Gemeinde,

der Dichter Jean Paul war ein Zeitgenosse Johann Wolfgang von Goethes, zu seinen Lebzeiten sogar bekannter und beliebter als der große Geheimrat.
Während Goethe für die Pedelle früherer Zeiten bis hin zu Thilo Sarrazin als *der* deutsche Dichter schlechthin gilt, den man kennen *muss*, ist Jean Paul fast vergessen.
Dabei hat er ein Wort erfunden, das eine große Karriere hinter sich hat, das als Germanismus in viele Fremdsprachen eingewandert ist und das auch Sie sicher kennen, auch wenn Sie noch keine Zeile von Jean Paul gelesen haben sollten.
Das Wort heißt *Weltschmerz*.

Weltschmerz - dieser Begriff beschreibt das Lebensgefühl der Romantik wie kein anderer.
Josef Freiherr von Eichendorff, Clemens Brentano und Heinrich Heine haben es zu dem Wort gemacht,
das heute diese Epoche kennzeichnet
und das eine Haltung zur Welt beschreibt, die auch wir kennen.
Als Jugendliche/r erlebt man "Weltschmerz".
In einem Alter, in dem man besonders empfänglich ist
für romantische Ideen und Gefühle.
Vielleicht denken wir auch an den jungen Werther,
den Sohn des Abtes Jerusalem aus Riddagshausen,
das Vorbild für die Romanfigur Goethes,
dessen Schicksal - auch mit seinem Selbstmord
aus unerwiderter Liebe - bis heute viele Menschen berührt.

Da hätten wir dann auch schon eine Erklärung für diesen eigenartigen Satz des Paulus:
"Die Traurigkeit der Welt wirkt den Tod".
Wer in seiner Traurigkeit, seiner Melancholie so versinkt wie der junge Werther,
für den erscheint der Tod manchmal als einzig möglicher Ausweg.
Insofern ist davor zu warnen, sich dem Weltschmerz hinzugeben, weil man in ihm versinken kann
und dann keinen Ausweg mehr findet.

Weltschmerz - wer ihn empfindet, leidet nicht unbedingt daran,
dass die Welt so ist, wie sie ist.
Aber man kann auch darunter leiden,
dass die Welt so ist, wie sie ist
- das wäre dann ein Weltschmerz im wörtlichen Sinn.
Wenn man die Zeitung aufschlägt,
wenn man die Tagesschau anschaltet,
tut es fast körperlich weh,
wenn man sieht, was Menschen einander antun.
Wie kaltblütig und rücksichtslos über Recht und Gesetz hinweggegangen wird.
Wie stur, gewalttätig und oft über Leichen
Ämter, Ideologien oder fanatische Überzeugungen
verteidigt und zementiert werden.
Wie das Leben, die Unversehrtheit der Person, die Freiheit,
die Würde von Menschen mit Füßen getreten wird.
Allein diese Ungerechtigkeiten mitzuerleben tut weh,
und in der Summe all dieser Ungerechtigkeiten
könnte man zu recht von einem "Weltschmerz" sprechen.

Aber ursprünglich gemeint ist mit diesem Wort etwas anderes,
nämlich: Das Leiden an der Vergänglichkeit der Welt.
Das Leiden daran,
dass man den glücklichen Moment nicht festhalten kann.
Und dass man auch die Menschen, die man liebt,
nicht festhalten kann.
Alles vergeht, alles wird zu Asche, die der Wind verweht.
Schließlich auch wir selbst:
Auch wir können nicht bleiben.
Auch unsere Spuren verweht einst der Wind,
wäscht der Regen weg,
deckt der Staub der Jahre zu.

Auf der einen Seite gibt es das Leiden an der Ungerechtigkeit der Welt,
und auf der anderer Seite das Leiden an ihrer Vergänglichkeit,
an der Endlichkeit allen Lebens.
Manchmal kommt beides zusammen
in Situationen, wo man persönlich von Ungerechtigkeit betroffen ist:
Bei einer Krankheit,
die einem einen Strich durchs Leben macht
oder sogar das Leben bedroht.
Bei willkürlichen Entscheidungen von Vorgesetzten,
die den Verlust des Arbeitsplatzes bedeuten
oder die die berufliche Weitentwicklung, den Aufstieg verhindern.
Bei der Überforderung,
die der Zwang zur Leistungssteigerung
und zur persönlichen Weiterentwicklung
unter immer schlechteren Arbeitsbedingungen und Zukunftsaussichten für viele bedeutet.
Das nennt man dann nicht mehr "Weltschmerz",
sondern "Burnout".

Wenn solche Erfahrungen auch nicht zwangsläufig zum Tod führen müssen,
so stürzen sie die Menschen, die sie machen müssen,
doch in einen tiefen Abgrund, in schweres Leid,
aus dem manchmal nur noch der Tod einen Ausweg zu bieten scheint.
Insofern hat Paulus wohl recht mit seiner Feststellung:
"Die Traurigkeit der Welt wirkt den Tod."

Wenn das so ist - gibt es eine Alternative?
Gibt es etwas, das vor dem Abrund des Weltschmerzes retten kann,
oder ein Hilfsmittel, mit dem man wieder heraus kommt?
"Die Traurigkeit nach Gottes Willen wirkt zur Seligkeit eine Reue, die niemanden reut", schreibt Paulus.
Man stößt sich an dem Wort "Seligkeit".
Auch so ein romantischer Begriff wie der "Weltschmerz".
Aber im Griechischen steht ein anderes Wort da: *Sotería*.
Rettung.
Und das ist das, was wir suchen.
"Die Traurigkeit nach Gottes Willen wirkt zur Rettung eine Reue,
die niemanden reut."

Die Traurigkeit nach Gottes Willen wirft mich zunächst auf mich selbst zurück, wie es auch der Weltschmerz tut.
Aber sie fragt nicht: Woran leidest du? Was fehlt dir?
Sie fragt: Was hast du getan, was tust du, und was wirst du tun - für dich und für andere?
Man könnte meinen,
diese Frage sei noch viel schrecklicher als der Weltschmerz,
sie stürze einen noch tiefer in Elend und Unglück.
Man tut ja nie genug - und oft genug tut man das Falsche.
Man tut Menschen Unrecht, man tut Menschen weh,
und selten tut man jemandem gut.
Ist das wirklich so?

Wenn Gott uns den Spiegel vorhält, dann nicht als strenger Richter,
vor dem wir als Angeklagte stehen, die sich rechtfertigen müssen.
Gott steht an unserer Seite wie eine liebevolle Mutter,
wie ein treuer Freund,
und hilft uns dabei, in den Spiegel unserer Seele zu schauen.
Zu ertragen, dass wir uns darin sehen, so, wie wir sind:
als Menschen, die Fehler gemacht haben.
Als Menschen, denen manches nicht gelungen ist.
Als Menschen, die nicht so erfolgreich, so klug, so stark sind,
wie sich selbst und andere glauben machen wollen.

Gott hilft uns dabei, in den Spiegel unserer Seele zu schauen
und uns zu sehen, wie wir wirklich sind:
Menschen, die schön sind, so, wie sie sind.
Menschen, die liebenswert sind und gut.
Menschen, die viel Gutes getan haben.
Menschen, die manchmal auch zu viel tun
für ihren Beruf und für andere,
und oft zu wenig für sich selbst.
Aber das zu sehen fällt oft schwerer als die Fehler,
die man überdeutlich erkennt und für unübersehbar hält,
während andere fragen: Was meinst du? Welche Fehler?

"Die Traurigkeit nach Gottes Willen wirkt zur Rettung eine Reue,
die niemanden reut."
Wer nicht total in sich selbst verliebt ist,
wird traurig, wenn er in den Spiegel seiner Seele sieht.
Traurig über die Fehler, die man darin sieht,
und traurig, dass man das Gute übersehen hat.
Die Reue, von der Paulus spricht, bedeutet,
beides zu sehen, die Fehler und das Gute,
und beides nüchtern zu sehen
ohne Vorurteile sich selbst gegenüber,
und ohne Vorverurteilung.

Was wir getan haben, was wir tun und was wir tun werden,
entscheidet nicht darüber, wer wir sind.
Sondern was Gott getan hat, tut und tun wird.
Gott hat uns vergeben.
Gott liebt uns.
Und Gott gibt uns den Glauben, die Liebe und die Hoffnung,
mit denen wir den morgigen Tag bestehen,
mit denen wir in den Spiegel unserer Seele zu blicken wagen,
um uns selbst darin zu sehen als die und als der, die wir sind:
Gottes über alles geliebte Töchter und Söhne.
Das ist unsere Rettung.
Amen.